mini|Zeitgenössische Ansichtspostkarte des Töchterpensionats Wieler, um 1925 – Die Fotografie zeigt links das am 1. Mai 1916 feierlich eingeweihte zweite Gebäude mit Säulenvorbau (heute unter Denkmalschutz), rechts das als Villa Seegarten bezeichnete Gebäude (inzw. abgerissen und 1992 durch Neubauten ersetzt) Das Töchterpensionat Wieler, als Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungsschule Wieler gegründet, war eine Höhere Töchterschule, eine weiterführende Schule, eine Ganztagsschule bzw. ein Internat in Konstanz am Bodensee, das von 1912 bis etwa 1933 auf dem Anwesen der Villa Seegarten bestand, das heute als Hebelhof bezeichnet wird.Prospekt Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungsschule Wieler, Heinrich Schatz Buchdruckerei, Konstanz um 1918 (Datierung der Publikation auf ca. 1913 durch die Monacensia bzw. die Bayerische Staatsbibliothek korrigiert, da ein im Prospekt abgebildetes Gebäude erst nach dieser geschätzten Datierung errichtet und im Mai 1916 eingeweiht wurde). In: Bayerische Staatsbibliothek München, Signatur BVO21021402.
Bezeichnung Unter der wechselnden Bezeichnung (teilweise: Internationales / Israelitisches / Jüdisches…)
Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungsschule Wieler bzw.Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungsschule „Wieler“ (Prospekt, 23 S.) In: Bayerische StaatsBibliothek, auf: bsb-muenchen.de Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungs-Institut Wieler, Töchter-Pensionat und Haushaltungsschule Wieler bzw.Inserat Israelitisches Töchterpensionat u. Haushaltungsschule Wieler. In: Dr. Bloch’s Oesterreichische Wochenschrift (Wien), XXXIII. Jahrg., Nr. 8, 18. Februar 1916, S. 132, Spalte 2. Töchter-Pensionat und Haushaltungs-Institut WielerInserat Internationales Töchter-Pensionat u. Haushaltungs-Institut. In: Israelitisches Familienblatt (Hamburg), 13. Jahrg. (1911), Nr. 48, 30. November 1911, Seite 18, Spalte 4–5.Inserat Internationales Töchter-Pensionat und Haushaltungs-Institut. In: Die Welt – Zentralorgan der zionistischen Bewegung (Wien), 15. Jahrg. (1911), Nr. 50, 15. Dezember 1911.Inserat Internationales Töchter-Pensionat und Haushaltungs-Institut. In: Die Welt – Zentralorgan der zionistischen Bewegung (Wien), 15. Jahrg. (1911), Nr. 52, 29. Dezember 1911.
firmierte die Privatschule ausweislich der veröffentlichten Inserate bis etwa Anfang der 1920er Jahre, danach erfolgte die Verkürzung der Bezeichnung auf Töchterpensionat Wieler. Ab etwa 1933/34 wurde das Anwesen der Villa Seegarten umgewidmet zur Familien-Pension Wieler, in der jedoch nebenbei weiterhin Hauswirtschaft gelehrt wurde.Inserat Familienpension Wieler. In: Jüdische Rundschau (Berlin), 42. Jahrg. (1937), Nr. 68, 27. August 1937, Seite 15, Spalte 5.
Gründerpersönlichkeiten mini|hochkant|Anna Wieler (links) halb auf der Stuhllehne ihrer Mutter Bertha (1854–1942) sitzend, ganz rechts Annas ältere Schwester Irma (1882–1942) mit deren Tochter Ruth (1909–1952), um 1924 Als Töchter-Erziehungsheim und Haushaltungsschule Wieler wurde das Internat im Jahr 1912 von Anna Wieler (1889–1941) und deren Mutter Bertha Wieler (geboren am 22. Dezember 1854 in Kappel bei Buchau; gestorben am 7. April 1942 in Konstanz), geborene Mayer, in der Villa Seegarten in der Konstanzer Hebelstraße 6 eröffnet und geleitet; erste Werbeanzeigen erschienen bereits 1911.
Bertha Wieler, die vor 1924 auch den Israelitischen Frauenverein in Konstanz leitete,Central-Verein-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum, XIII. Jahrg. (1934), Nr. 51, 20. Dezember 1934, Rubrik Aus den Familien, Spalte 4. brachte dazu Vermögen aus dem Erbe ein, das ihr verstorbener Ehemann, der Textil-Großhandelskaufmann Adolf Wieler (geboren am 8. Dezember 1840; gestorben am 24. November 1907), hinterlassen hatte.
Irma Hieber (1882–1942), geborene Wieler, löste ihre dann 62-jährige Mutter Bertha wohl 1916 als Vorsteherin ab, nachdem Irma Hieber von ihrem Ehemann, dem Konstanzer Mediziner Adolf Hieber, geschieden und die gemeinsame Tochter Ruth (1909–1952) eingeschult worden war.Dr. Raffael Wieler-Bloch: Richard Liebermann – Der gehörlose Porträt- und Landschaftsmaler 1900–1966. Hrsg. Prof. Dr. Dr. Erhard Roy Wiehn. Hartung-Gorre, Konstanz 2010. ISBN 978-3-86628-300-8, , S. 251.Birgit Lockheimer: Anna Wieler, 1889–1941 (?). In: Stolpersteine Konstanz, auf: stolpersteine-konstanz.deBirgit Lockheimer: Irma Wieler, 1882–1942 (?). In: Stolpersteine Konstanz, auf: stolpersteine-konstanz.deRestitutionsverfahren Ruth Araten, geb. Hieber. In: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg. Bestand Landgericht Konstanz, Signatur: F 167/2 Nr. 220, Archivischer Identifikator 5-2202909, auf: landesarchiv-bw.de
Etwa zur Zeit dieser Privatschulgründung entstanden im Deutschen Kaiserreich erste staatliche Lyceen für Mädchen, insbesondere ab 1908, nachdem sich das Königreich Preußen dazu verpflichtet hatte.Prof. Dr. Bernd Zymek: Der Strukturwandel des Mädchenschulsystems in Preußen 1908–1941 (PDF-Datei; 1,0 MB). In: Zeitschrift für Pädagogik, 34 (1988) 2, S. 191–203. Bis zu einem flächendeckenden Angebot an weiterführenden Schulen bestand jedoch in vielen deutschen Regionen weiterhin eine Nachfrage nach privaten Bildungsangeboten für Mädchen und junge Frauen, um diesen durch den Abschluss der Reifeprüfung auch einen Zugang zu Universitäten zu ermöglichen.Prof. Dr. Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer – Eine politische Lebensgemeinschaft. Böhlau, Köln 2000. 2., durchges. u. aktual. Auflage 2010. ISBN 978-3-412-09100-2, S. 120–129. Gleichwohl hatten die Eltern, die Geldgeber der schulischen Ausbildung, zumeist kein Studium ihrer Töchter im Sinn, sondern die Verbesserung ihrer Chancen auf dem Heiratsmarkt gehobener Kreise.
Anna Wieler und ihre Schwester Irma wurden während der Schoáh ermordet; ihre Mutter Bertha starb 87-jährig eines natürlichen Todes.Wieler, Anna. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, auf: bundesarchiv.deWieler, Anna. In: Yad Vashem, auf: yadvashem.orgAm 1. Dezember 1941 begann der Holocaust für die Juden in Württemberg und Hohenzollern (PDF-Datei; 80,6 kB, S. 20, hier: falsches Geburtsjahr 1890 für Anna Wieler angegeben). In: Gedenkstätten in Baden-Württemberg, auf: gedenkstaetten-bw.deWieler, Anna. In: Arolsen Archives, Deportierten-Liste 1.2.1.1/11201207, 11201212, auf: arolsen-archives.orgWieler, Irma. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, auf: bundesarchiv.deWieler, Irma. In: Yad Vashem, auf: yadvashem.orgNr. 77 – Irma Sara Wieler. In: Deportiertenliste Konstanz, Ostern 1942 abgeschoben nach dem Osten, auf: statistik-des-holocaust.deIrma Wieler (PDF-Datei; 15,5 MB; Print S. 12 bzw. PDF S. 17). Gemeinden Baden – Deportation: Listen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), 1941–1942. In: Center for Jewish History, auf: cjh.org
Villa Seegarten Der Name des als Villa Seegarten bezeichneten Gebäudes in der Konstanzer Hebelstraße 6 geht auf die Gastwirtschaft "Seegarten" zurück, die der Gastwirt Gustav Sulger dort seit 1871 betrieb. Ob das bestehende Gebäude nur für den neuen Zweck umgebaut oder 1910/11 gänzlich neu errichtet wurde, ist unklar.
Von der Errichtung des neuen Gebäudes zwischen 1911 und 1916 profitierten sowohl die Schülerinnen als auch die Lehrkräfte und sonstigen Angestellten des Töchterpensionats Wieler. In der mit Superlativen (herrlichste, freundlichste, schönste, vornehmste, gesündeste, gewissenhafteste, herzlichste …) angereicherten Selbstdarstellung des Töchter-Erziehungsheims wurde die Villa Seegarten wie folgt charakterisiert:
Die ab 1911 gebräuchliche Bezeichnung Villa Seegarten für das Hauptgebäude des Anwesens diente primär der Vermarktung der Privatschule, um das sie umgebende Grundstück mit Garten und die unmittelbare Nähe zum Ufer des Bodensees durch die Begriffskomposition Seegarten prägnant zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig das Schulgebäude durch den Terminus Villa aufzuwerten bzw. zu überhöhen, um den angenommenen Erwartungen der anspruchsvollen Klientel zu entsprechen.
Um eine Villa handelte es sich bei dem Gebäude jedoch nicht; diese Klassifizierung traf de facto erst auf das am 1. Mai 1916 eingeweihte zweite Hauptgebäude des Anwesens zu, das bis heute erhalten ist und inzwischen unter Denkmalschutz steht.Leitfaden »Musikerviertel« (PDF-Datei; 9,0 MB, S. 24, 25), Stand Februar 2018 (Die Villa Seegarten wird auf S. 24 durch Markierung gemäß Farblegende fälschlich auf einen Entstehungszeitraum zwischen 1930 und 1945 kategorisiert). In: Stadt Konstanz, auf: konstanz.de Dennoch wurden ab 1916 explizit zwei Villen auf dem Anwesen der Wielers in der Hebelstraße beworben; beide konnten in der Folge gleichsam zum Gebäudekomplex Villa Seegarten verschmelzen und die anfangs gewagte Bezeichnung des ersten Schulgebäudes als Villa gewissermaßen im Nachhinein legitimieren.
Konzeption und Entwicklung mini|hochkant|Werbeanzeige in der Wochenzeitung Die Welt – Zentralorgan der zionistischen Bewegung (Wien), 15. und 29. Dezember 1911 mini|hochkant|Werbliches Inserat in Der Gemeindebote – Beilage zur Allgemeinen Zeitung des Judentums (Berlin) vom 5. Januar und 11. Oktober 1912 mini|hochkant|Inserat veröffentlicht in Das Jüdische Echo – Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten (München) im Februar, März und Juni 1914 mini|hochkant|Inserat mit Hinweis auf neuerrichtete Villa und deren Einweihung am 1. Mai 1916 in Dr. Bloch’s Oesterreichische Wochenschrift (Wien), 18. Februar 1916 mini|hochkant|Tageseinteilung; Computergrafik nach einem zeitgenössischen Schulprospekt, um 1918 mini|hochkant|Werbeanzeige in der Wochenzeitung Das Jüdische Echo (München), 2. und 9. Juni 1922 mini|hochkant|Töchterheim Wieler: Heranbildung lebenstüchtiger Menschen m. ausgezeichn. Allgemeinbildung; Erziehung zu praktischen Hausfrauen – Israelitisches Familienblatt (Frankfurt am Main), 1929 mini|hochkant|Werbeanzeige in der C.V.-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum (Berlin) vom 12. Februar 1932 Die Privatschule fokussierte von Anfang an auf den Unterricht und die Erziehung von Töchtern aus (groß-)bürgerlichen Elternhäusern, die sich den Aufenthalt ihrer Töchter in einem Internat leisten konnten und wollten. Ziel der Eltern dieser Schülerinnen war es, ihre Töchter zu einer „guten Partie“ für tendenziell gut situierte Ehemänner zu erziehen bzw. erziehen zu lassen.
Intention des Internats war der Unterricht von bis zu 65 Mädchen und jungen Frauen je Schuljahr in der deutschen, französischen und englischen Sprache (Grammatik, Aufsatz, Diktat, Stil, Konversation, Geschichte und Literatur) sowie Geographie, Kunstgeschichte, Pädagogik, ausgewählte Lektüre, Musikgeschichte und Rezitation. Der Prospekt des Töchter-Erziehungsheims und Haushaltungsschule Wieler gibt abseits des eigentlichen Lehrplans preis, dass auch die italienische Sprache unterrichtet wurde.
Insgesamt schloss ein solchermaßen reduziertes Portfolio neben dem altsprachlichen Unterricht auch die Naturwissenschaften und die Mathematik aus und somit die schulischen Grundlagen für eine ganze Reihe möglicher Berufe. Übrig blieb lediglich die Basis für seinerzeit gesellschaftlich akzeptierte Frauentätigkeiten wie Sprach-, Kunst- oder Musiklehrerin, Pianistin, Violinistin, Sängerin, Tänzerin, Kunsthandwerkerin, ggf. Künstlerin, „Kinderfräulein“ bzw. Gouvernante, Köchin, Beiköchin, Dienstmädchen, Näherin, Wäscherin, Büglerin etc., Mutter und Hausfrau (hier insbesondere: „Dame des Hauses“ inkl. der Oberaufsicht über die Hausangestellten).
Bezeichnend ist die Formulierung „welche sich […] vervollständigen und vervollkommnen sollen“ – nicht „wollen“. Maßstab dieser Privatschulpädagogen war der Wille der zahlenden Eltern der Pensionatsschülerinnen.