mini|İlham Əliyev: „Das heutige Armenien, das auf der Karte als „Republik Armenien“ bezeichnete Gebiet, ist ursprünglich aserbaidscha­nisches Land. Das ist die Wahrheit. Selbstverständlich sind Sangesur und das Khanat Jerewan unser Land! ... Unsere Kinder sollten all das wissen, sie sollten wissen, dass sich das heutige Armenien auf angestammtem aserbaidschanischem Land befindet.“ Baku, 14. Oktober 2010.Ильхам Алиев (İlham Əliyev), 14. Oktober 2010, in: Виктор Шнирельман: Ну, зачем же приписывать господствующие в Азербайджане взгляды «мировой науке»? Regnum, 12. Februar 2013. Alternativ: Ильхам Алиев: "Я дал указание снести памятник в честь 26 бакинских комиссаров". Life.az, 16. Oktober 2010. Нынешняя Армения, территория, именуемая на карте Республикой Армения, — это исконно азербайджанская земля. Это истина. Конечно, Зангезур, Иреванское ханство — это наши земли!… Наши дети должны знать все это, должны знать, что нынешняя Армения располагается на исконных азербайджанских землях. In der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung spielt das antike Königreich Albania eine zentrale ideologische Grundlage für die Staatsdoktrin der Republik Aserbaidschan, mit der die heutigen Aserbaidschaner als einzige legitime Nachfolger der kaukasischen Albaner angesehen und territoriale Ansprüche insbesondere gegen Armenien begründet werden. Dies beinhaltet auch die aserbaidschanische Inanspruchnahme des kulturellen Erbes der Armenischen Apostolischen Kirche, deren Kirchengebäude als „albanisch“ deklariert werden, was jedoch nicht verhinderte, dass in Nachitschewan sämtliche Kirchen zwischen 1989 und 2006 zerstört wurden. Laut dem britischen Journalisten Thomas de Waal nimmt niemand außerhalb Aserbaidschans die „Albania-Theorie“ wissenschaftlich ernst. In den Schulen und Medien des Landes ist sie jedoch die einzige zulässige historische Sichtweise und wird allumfassend gelehrt. Zu den wichtigsten Autoren dieser umstrittenen Theorie gehören Ziya Bünyadov (1923–1997), Fəridə Məmmədova (1936–2021) und Yaqub Mahmudov (* 1939), denen sowohl von armenischen als auch zahlreichen anderen Historikern des Auslands Geschichtsfälschung vorgeworfen wird. Zu beachten ist, dass das antike Albania in der Kaukasusregion nichts mit dem europäischen Land Albanien zu tun hat.

Vorgeschichte Sowohl in der Zeit der iranischen Herrschaft bis Anfang des 19. Jahrhunderts als auch im Russischen Kaiserreich lebten in der Kaukasusregion zahlreiche Ethnien durchmischt nebeneinander. In Russland hatten beispielsweise die Städte Jerewan, Baku, Schuscha und Jelisawetpol (Gandscha) zumindest zeitweise einen Bevölkerungsanteil sowohl turksprachiger, meist schiitischer Muslime (ab 1918 als Aserbaidschaner bezeichnet) als auch christlicher Armenier von jeweils mindestens einem Fünftel.George A. Bournoutian: The Population of Persian Armenia Prior to and Immediately Following its Annexation to the Russian Empire: 1826–1832. The Wilson Center, Kennan Institute for Advanced Russian Studies, Washington 1980. S. 11–14. Mit der Gründung unabhängiger Staaten im Kaukasus 1918 kam es zum Krieg um diese gemischtsprachigen Gebiete, und mit der Ziehung neuer Grenzen innerhalb der Sowjetunion durch den Nationalitäten-Kommissar Josef Stalin 1920 waren beide Seiten unzufrieden: Während mit der Zuordnung von Sjunik (Sangesur) zu Armenien zahlreiche turksprachige Muslime auf armenischer Seite verblieben, war es im Falle von Nachitschewan umgekehrt, und mit Bergkarabach wurde eine zu über 90 % armenisch besiedelte Region Aserbaidschan unterstellt.Jeronim Perović: Stalin und die fatale Entscheidung von 1921: Die historischen Wurzeln des Karabach-Konflikts. Neue Zürcher Zeitung, 3. November 2020.

Zeit der Sowjetunion mini|Das vom armenischen Fürstenhaus Hassan-Dschalaljan gegründete Kloster Gandsassar war bis ins 19. Jahrhundert Sitz des Katholikats von Aghwank der Armenischen Aposto­lischen Kirche. Aserbaidscha­nische Historiker machten daraus eine „alba­nische“ (aghwanische) Ethnizität der armenischen Bewohner der Gegend. In der Sowjetzeit war die Aserbaidschanische SSR mit Forderungen der Armenier Bergkarabachs nach Anschluss der Region an die Armenische SSR konfrontiert. Untermauert wurden diese armenischen Forderungen außer mit den ethnischen und sprachlichen Verhältnissen auch mit dem ins Mittelalter zurückreichenden armenischen kulturellen Erbe, repräsentiert etwa durch das vom armenischen Prinzen Hassan Dschalaljan aus dem Haus Hassan-Dschalaljan vom Fürstentum Chatschen im Jahre 1216 gegründete Kloster Gandsassar. Nach Einschätzung von Thomas de Waal hätte die aserbaidschanische Seite beispielsweise antworten können mit einem Bezug auf die turksprachigen Safawiden, zu deren Reich auch Karabach gehörte. Eine Begründung dafür, dass die aserbaidschanischen Historiker dies nicht taten, sondern einen anderen Weg gingen, wird in der Politik innerhalb der Sowjetunion gesehen, dass für die jeweiligen Sowjetrepubliken eine eigene, lokal begründete Geschichte geschrieben werden sollte.Thomas De Waal: Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York City 2004. Kapitel Hurekavank – The Unpredictable Past, S. 145–158, hier 150–153. Zu den Historikern, welche die Erstellung der „Albania-These“ im Kontext der Sowjetunion erklären, gehören Nora DudwickNora Dudwick: The Case of the Caucasian Albanians: Ethnohistory and Ethnic Politics. Cahiers du Monde russe et soviétique 31 (2/3), 1990, S. 377–383. und Harun Yilmaz.Harun Yilmaz: National Identities in Soviet Historiography: The Rise of Nations under Stalin. Routledge, Abingdon-on-Thames 2015 (Digitalisat).Harun Yilmaz: The Soviet Union and the Construction of Azerbaijani National Identity in the 1930s. Iranian Studies 46 (4), 2013, S. 511–533, hier S. 532. DOI:10.1080/00210862.2013.784521Harun Yilmaz: A Family Quarrel: Azerbaijani Historians against Soviet Iranologists. Iranian Studies 48 (5), 2015, S. 769–783, hier S. 776. DOI:10.1080/00210862.2015.1058642 Auf diesem Wege habe Aserbaidschan erreichen können, durch den Verweis auf alte Königreiche „auf Augenhöhe“ gegen Armenier und Georgier zu streiten und nicht als Invasor dazustehen, wie es bei der Darstellung der Landnahme durch turksprachige Nomaden der Fall wäre.Javid Agha: Perspectives – Who were the Caucasian Albanians? Both in Azerbaijan and Armenia, the history of these medieval people is misunderstood and is being manipulated for political ends. Eurasianet, 7. Juni 2021.

1965 in Moskau veröffentlichte Ziya Bünyadov in seiner Monographie über die mittelalterliche Geschichte des heutigen Aserbaidschan (Азербайджан в VII-IХ вв., „Aserbaidschan im 7. bis 9. Jh.“) erstmals einen Text über das antike Albania, das bis dahin weitgehend vergessen war. Er stellte dabei eine Linie von Albania, das im 4. Jahrhundert christianisiert wurde, über die Fünf Fürstentümer von Karabach bis zu den heutigen Aserbaidschanern her. Laut Bünyadov soll die armenische Kirche die alwanische gewaltsam unterdrückt, die Literatur übersetzt und die Originale vernichtet haben. Insgesamt hätten die Armenier keinerlei Anspruch auf Gebiete oder kulturelles Erbe in der Kaukasusregion, da sie selbst erst im 19. Jahrhundert durch die Russen angesiedelt worden seien und sämtliche armenischen Kulturgüter in Wirklichkeit von den Armeniern „armenisierte albanische Kulturgüter“ seien. Laut de Waal kann man hieraus deutlich zwischen den Zeilen die Aussage herauslesen, dass die Karabach-Armenier entweder Siedler des 19. Jahrhunderts oder „Aserbaidschaner unter der Haut“ seien. Bünyadov konnten schwere Verstöße gegen sauberes wissenschaftliches Arbeiten nachgewiesen werden. So zeigte sich, dass die beiden von ihm 1960 und 1965 über das kaukasische Albania veröffentlichten Artikel direktes Plagiat waren. Er hatte unter seinem eigenen Namen einfache Übersetzungen zweier Artikel ohne Quellenangabe veröffentlicht, die ursprünglich von den westlichen Akademikern C. F. J. Dowsett und Robert Hewsen auf Englisch geschrieben worden waren. Laut dem russischen Historiker Wiktor Alexandrowitsch Schnirelman (Виктор Александрович Шнирельман) versuchte Bünyadov absichtlich, „die Gebiete des modernen Aserbaidschan von der Anwesenheit armenischer Geschichte zu säubern“. Schnirelman schreibt 2006: „Ein weiterer Weg ist es, die Anwesenheit von Armeniern im antiken und mittelalterlichen Transkaukasien unterzubewerten und ihre Rolle zu schmälern durch Neuveröffentlichungen antiker und mittelalterlicher Quellen mit Bezeichnungen oder Abänderungen des Begriffs 'armenischer Staat' in 'albanischer Staat' oder mit anderen Entstellungen der Originaltexte. Von den 1960er bis zu den 1990er Jahren gab es viele solche Neuveröffentlichungen von Primärquellen in Baku, bei denen der Angehörige der Akademie Z. M. Bünyadov aktiv mitwirkte.“Виктор Александрович Шнирельман: Албанский миф. Албанизация армянского наследия [Der albanische Mythos. Albanisierung des armenischen Erbes, russisch]. Библиотека «Вѣхи», 2006.Виктор Александрович Шнирельман: Войны памяти: мифы, идентичность и политика в Закавказье. Академкнига, Москва 2003. Der sowjetische Wissenschaftler Igor Michailowitsch Djakonow (Игорь Михайлович Дьяконов) schrieb 1995, dass Bünyadov berüchtigt wurde für die wissenschaftliche Ausgabe „einer historischen Quelle, aus der sämtliche Erwähnungen von Armeniern gründlich entfernt worden sind“.Игорь Михайлович Дьяконов: Книга воспоминаний. Фонд регионального развития Санкт-Петербурга, Санкт-Петербург 1995. Letztes Kapitel: ISBN 9785857330425, 5857330424

Nach Bünyadov trat die etwas jüngere Fəridə Məmmədova auf den Plan, die 1986 in Baku ihre Monographie „Politische Geschichte und historische Geographie des kaukasischen Albania“ (Политическая история и историческая география Кавказской Албании) veröffentlichte. Hier führt sie aus, dass sämtliche Ländereien, Klöster und Kirchen in der Republik Armenien nicht rechtmäßig armenisch, sondern „albanisch“ seien. Der Sitz des Katholikos von Etschmiadsin sei ebenso wenig armenisch, sondern bis zum 15. Jahrhundert „albanisch“ gewesen. Auch die Bekehrung der Armenier zum Christentum im 4. Jahrhundert habe nicht im heutigen Armenien, sondern am Euphrat stattgefunden. Hassan Dschalaljan, laut Forschungen von Robert Hewsen (New Jersey) von fast ausschließlich armenischer Abstammung, dessen Inschriften in Gandsassar und an seinem in Petersburg ausgestellten Schwert ausschließlich armenisch sind, wird als „Albaner“ bezeichnet, zumal Gandsassar Sitz des Katholikats von Aghwank (Albania) war. Məmmədova beschreibt die Physiognomie der Bewohner des Dorfes Wank bei Gandsassar als „nicht armenisch“, denn es seien in Wirklichkeit alles „Albaner“. Die der Monographie zugrunde liegende Doktorarbeit war auf Grund ihrer aggressiven Rhetorik fünf Jahre lang nicht zur Verteidigung zugelassen, bis sie schließlich präsentiert wurde.Thomas De Waal: Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York City 2004. Kapitel Hurekavank – The Unpredictable Past, S. 145–158, hier 153f.

Beispiele nachgewiesener Fälschungen von Primärquellen