mini|240px|Arnold Bendix Heine, 1908. Historisches Museum Arbon. mini|240px| als Goliath, aus dem Arbeiterwitzblatt Der Neue Postillon, 1908. Arnold Bendix Heine (* 22. Dezember 1847, in Herford; † 1. Februar 1923 in WiesbadenGünter Bäbler: Stickereiverstrickungen auf der Titanic. Ein Wirtschaftsdrama zwischen Arbon und New York. Museumsgesellschaft Arbon 2022, S. 9, 104.) war ein US-Bürger deutsch-jüdischer Herkunft, der vom armen Vorbetersohn zum aufstieg. Im thurgauischen Arbon errichtete er ab 1898 nach Plänen des Jugendstil-Architekten Wendelin Heene die weltgrösste Stickereifabrik. Dank Massenproduktion mit über 4000 vorwiegend weiblichen Arbeitskräften und Beherrschung der ganzen Wertschöpfungskette hatte er trotz 60 % Importzoll zehn Jahre Erfolg auf dem amerikanischen Markt. Dann machten ihn Gewerkschaft und Bank zum Sündenbock für die Absatzkrise, die der Börsenkrach von 1907 auslöste. Nach Millionenverlusten entmachtet, kehrte er 1911 nach New York zurück.

Unter dem Einfluss antikapitalistischer, teils antiamerikanischer bzw. antisemitischer Quellen vermittelt die Literatur ein einseitig negatives Bild von ihm. Dass ihn der Präsident des Schweizerischen Bankvereins mit der Titanic verfolgt habe, als er mit der Carpathia geflüchtet sei, ist eine bis vor Kurzem kritiklos weiterkolportierte Räuberpistole.Namentlich durch Stefan Keller: Verfolgung mit der . In: Die Zeit der Fabriken. Von Arbeitern und einer roten Stadt. WoZ im Rotpunktverlag, Zürich 2001, ISBN 3-85869-228-X, S. 47–66.

Selfmademan Heine wurde im preussischen Herford (heute Nordrhein-Westfalen) geboren. Sein Vater stammte aus Schildesche (heute Teil von Bielefeld) und war Lehrer, Vorbeter und Schächter.Schächten: von der Halacha vorgeschriebenes Schlachten der Tiere ohne vorherige Betäubung. Der Familienname Heine leitet sich vom Vornamen Chaim – hebräisch  – her. Heines Sohn Arthur glaubte, mit dem Dichter Heinrich Heine verwandt zu sein, dessen Familie aus Bückeburg (heute Niedersachsen) stammte und neben Bankiers auch eine Fürstin von Monaco hervorbrachte. Laut seiner Gattin begründete Arthur seine These wie folgt: Birthday. In: The New Yorker. 10. Mai 1947, S. 24 f.

mini|Bildmitte, in Hinterhaus: Ehemalige Synagoge von Herford, um 1900. Als Heine vier war, verlegte man Herfords Synagoge aus einem Hinterhaus in einen schlichten Backsteinbau.Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Herford (Nordrhein-Westfalen). (). Im selben Jahr verlor Heine seine Mutter Julie geborene Lion, die Tochter eines Zahnarztes aus Pyrmont (heute Niedersachsen). Der Vater heiratete darauf deren Schwester Friederike. Als der Junge elf war, starb auch diese.Ortsartikel Herford. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Münster 2013, S. 406–418 (), hier S. 413. Jüdischer Friedhof Herford: Baruch ben Chajim Jehuda Halevi (Bendix Heine), 21. 6. 1870 (); Julie Heine geb. Lion, 25. 1. 1852 (); Friederike Heine geb. Lion, 18. 11. 1859 ().

Gemäss Günter BäblerGünter Bäbler: Stickereiverstrickungen auf der Titanic. Ein Wirtschaftsdrama zwischen Arbon und New York. Museumsgesellschaft Arbon 2022. wanderte der blonde Kontorist mit achtzehn als Zwischendeckpassagier in die USA aus. Mit zweiundzwanzig heiratete er die Deutschamerikanerin Clara Falk (1852–1913).The Wayne County Herald (Honesdale, Pennsylvania). 28. April 1870 (). Das Paar hatte vier Kinder: Lulu/Louise Reinhart (1870–1953), Camille Fogarty (1872–1969), Ben/Benjamin (1873–1961) und Arthur (1874–1953). Es betrieb einen Fancy StoreMercerie- und Bonneterie-Laden. und eine Reifrock-Manufaktur in Corning, New York.The Tioga County Agitator (Wellsboro, Pennsylvania). 6. Juli 1870 (); 31. Aug. 1870 (); 7. Nov. 1870 (); Uri Mulford: Pioneer Days and Later Times in Corning and Vicinity 1789–1920. Selbstverlag, Corning (1922), S. 259 (). Seit 1872 US-Bürger, wurde Heine nach Eröffnung einer Filiale im benachbarten Blossburg, Pennsylvania, zahlungsunfähig. Weil er den Gläubigern Vermögenswerte entzogen haben soll, wurde er zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt, erwirkte aber die Aufhebung des Urteils.Heine versus Commonwealth. In: Pennsylvania State Reports. Band 91, Kay & Brothers, Philadelphia 1881, S. 145–149 ().

Um 1879 übersiedelte er nach New York City. Dort verlegte er sich wie sein jüngerer Bruder Sigmund Bendix (1849–1928) auf den Import der in der Belle Époque beliebten St. Galler Stickerei.Mit dem Import von Stickerei hatte schon der Schweizer Meyer Guggenheim den Grundstock seines Millionenvermögens gelegt. Irwin Unger, Debi Unger: The Guggenheims: A Family History. HarperCollins, New York 2005, ISBN 0-06-018807-3, S. 52–57. Wie Gästelisten von Hotels zeigen, erschloss er sich Absatzmärkte in den ehemals konföderierten Südstaaten.

mini|Versammlungsort der Stickereibörse in St. Gallen: Unionbank, 1889–1891, Architekt Wendelin Heene, ab 1896 Niederlassung des Schweizerischen Bankvereins. St. Gallen war neben Nottingham (England), Calais (Frankreich) und Plauen (Sachsen) eines der Zentren der europäischen Stickereiindustrie. Seine Stellung verstärkte sich nach dem Übergang von der Handstickmaschine zur Schifflistickmaschine, die in den 1860er Jahren von Isaak Gröbli erfunden und später elektrifiziert wurde. Stickerei war 1907–1918 der wichtigste Exportartikel der Schweiz.Eric Häusler, Caspar Meili: Swiss Embroidery – Erfolg und Krise der Schweizer Stickerei-Industrie 1865–1929. In: Neujahrsblatt hg. v. Historischen Verein des Kantons St. Gallen, 155/2015, S. 5–103 (), hier S. 92. Viele Stickereiherren gehörten der Israelitischen Religionsgenossenschaft an.Peter Röllin: Der Stickereihandelsplatz St. Gallen: bemerkenswerte Fabrik- und Geschäftshausbauten aus der Zeit der Stickereiblüte. In: Unsere Kunstdenkmäler. 34/1983, S. 224–239 (), hier S. 231; Sabine Schreiber: Hirschfeld, Strauss, Malinsky – Jüdisches Leben in St. Gallen 1803 bis 1933 (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, Band 11). Chronos, Zürich 2006, ISBN 3-0340-0777-9, S. 80. Die erste Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp-Iklé entstammte einer dieser Familien. In der Ostschweiz hatte sich auch eine Anzahl jüdischer Kaufleute aus den USA etabliert. Letztere stellten den wichtigsten Absatzmarkt der Stickereiindustrie dar; ihr Anteil an den Ausfuhren stieg bis 1907 auf 49 %.Adolf Jenny: Stickerei. In: Naum Reichesberg (Hrsg.): Handwörterbuch der Schweizerischen Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. 3. Band, 1. Teil, Verlag Encyklopädie, Bern 1911, S. 917–931, hier S. 927, 930. Heines Landsleute Jacob Loeb und Max Schoenfeld bauten ab 1882 in Rorschach (Kanton St. Gallen) einen grossen Fabrikationsbetrieb auf, der 1895 in die Aktiengesellschaft Feldmühle umgewandelt wurde.Louis Specker: Rorschach im 19. Jahrhundert (…) Löpfe-Benz, Rorschach 1999, ISBN 3-9521222-4-6, S. 118–122, 153–157 et passim; Richard Lehner: Feldmühle – Geschichten von Arbeitern, einem Patron, von Mädchen und einer Stadt. Schwan, Rorschach 2007, ISBN 978-3-9522628-1-8, S. 34–43, 177–180 et passim.

Heine gründete 1885 mit William Meyer aus New York und dem Einheimischen Joseph J. Levi eine Handelsfirma in St. Gallen.Schweizerisches Handelsamtsblatt. 12. Dez. 1885, S. 764 (). Der Firma trat auch Heines Bruder bei. 1888 bezogen Meyer, Heine & Co. dort einen .Ehem. St.-Leonhard-Str. 33. NZZ. 15. Nov. 1922 (); Günter Bäbler: Stickereiverstrickungen auf der Titanic. Ein Wirtschaftsdrama zwischen Arbon und New York. Museumsgesellschaft Arbon 2022, S. 11 (Abb.). Heine pendelte von nun an mindestens einmal pro Jahr zwischen Amerika und Europa hin und her,Günter Bäbler: Stickereiverstrickungen auf der Titanic. Ein Wirtschaftsdrama zwischen Arbon und New York. Museumsgesellschaft Arbon 2022, S. 115 (Liste von Atlantiküberquerungen). wobei ihn oft seine Familie begleitete.

US-Importzoll von 60 % mini|Inserat von Gemeindeammann Johannes Baer in der NZZ, 1897. Ab 1890 betrug der Importzoll der USA auf Stickerei enorme 60 % des Warenwerts.Adolf Jenny: Stickerei. In: Naum Reichesberg (Hrsg.): Handwörterbuch der Schweizerischen Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. 3. Band, 1. Teil, Verlag Encyklopädie, Bern 1911, S. 917–931, hier S. 923. Dies zwang die Exporteure, Produktion und Marketing zu verbilligen und soweit möglich in einer Hand zu vereinigen. Deshalb wohl erscheint im erwähnten Jahr der katholische Fabrikant Jacob Rohner in Rebstein (Kanton St. Gallen) als Teilhaber von Arnold B. Heine & Co. in New York,The Trow Copartnership and Corporation Directory (New York). 38/1890, S. 130 (). nachdem er dort 1889 eine eigene Niederlassung eröffnet hatte.Jolanda Spirig: Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner (…) Chronos, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1314-7, S. 20.

In den späten 1890er Jahren trennten sich Meyer und Heine. Ersterer errichtete eine Fabrik in Amriswil (Kanton Thurgau). Arnold B. Heine & Co. wurden 1897 Alleinimporteure der Produkte von Rohner, doch endete die Zusammenarbeit noch im selben Jahr.Appellate Division of the Supreme Court of New York: Heine v. Rohner. Entscheid vom 1. Mai 1898 (); The Customs Administrative Laws. Hearings before a Subcommittee of the Committee of Finance of the United States Senate (…) Government Printing Office, Washington 1898, S. 136 (); Jolanda Spirig: Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner (…) Chronos, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1314-7, S. 23. Heines Bruder beteiligte sich an Neuburger, Heine & Co., St. Gallen, und Leumann, Boesch & Co., Wittenbach (Kanton St. Gallen). Darauf beschloss der fünfzigjährige Heine, in Arbon, wo es Mitte der 1890er Jahre bereits drei kleinere Schifflistickereien gab,NZZ. 12. Jan. 1934 (). einen eigenen Grossbetrieb zu errichten. Dabei unterstützten ihn Gemeindeammann Johannes Baer und Adolph Saurer, der dort Schifflistickmaschinen und Petrolmotoren zur Stromerzeugung herstellte.Saurers Bedeutung für Arbon illustriert, dass das Arbeiterwitzblatt Der Neue Postillon die damals noch von einem Obstwald umgebene Kleinstadt nannte. Der Neue Postillon: humoristisch-satirisches Halbmonatsblatt der schweizerischen Arbeiterschaft (Zürich). 1. Mai 1908.

mini|Fabrik III im Bau, 1903/04. 1898 verschiffte Heine als grösster der fünfzehn St. Galler Exporteure ein Sechstel der insgesamt 10.000 nach New York bestimmten Kisten.Die Ostschweiz (St. Gallen). 4. Febr. 1899 (). Von einem Wiederverkäufer wurde er genannt.Herald and Review (Decatur, Illinois). 19. März 1898 (). Offenbar hatte er auch den Ehrgeiz, der Feldmühle den Titel der weltgrössten Stickereifabrik zu entreissen.NZZ. 28. Okt. 1926 (). Dies mag dazu beigetragen haben, dass er nicht wie jene die Marketingabteilung in New York verselbständigte.NZZ. 29. Okt. 1907 (). Da der in Rorschach ab 1898 eingeführte StickautomatNZZ. 15. Sept. 1898 (). Der Stickautomat wurden mittels eines Lochkartenbandes gesteuert. Dieses Verfahren war von Vaucanson erfunden, von Jacquard verbessert und in der Seidenweberei schon im 18. Jahrhundert eingeführt worden. patentgeschützt war, kuppelte Heine später 6¾-Yards-Stickmaschinen paarweise zusammen, so dass sie mittels eines einzigen Pantografen gesteuert werden konnten. Die Leistungsfähigkeit dieses Systems Heine war aber umstritten.Grütlianer. 12. Jan. 1910 (); NZZ. 20. Jan. 1911 ().