mini|Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, Kupferstich (1534/41) S. 2. mini|Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt Holzschnitt 1. Hälfte 16. Jahrhundert mini|Gedenktafel am Haus Kirchplatz 11, in der Lutherstadt Wittenberg Andreas Rudolff Bodenstein, genannt Karlstadt, (* 1486 in KarlstadtAllerdings gibt es auch abweichende Angaben: 1477: Ulrich Bubenheimer: Consonantia Theologiae et Iurisprudentiae. Andreas Bodenstein von Karlstadt als Theologe und Jurist zwischen Scholastik und Reformation. Tübingen 1977. S. 1; Ernst Kähler: Artikel Bodenstein, Andreas Rudolf. In NDB, Band 2. 1955. S. 356. bzw. 1480: Alfred Otto Schwede: Andreas Rudolph Bodenstein genannt Karlstadt. In: Andreas Bodenstein von Karlstadt 1480-1541. Festschrift der Stadt Karlstadt zum Jubiläumsjahr 1980. Karlstadt 1980Aus Karlstadt stammen einige weitere gelehrte Zeitgenossen von Bodenstein, so Johann Draconites (1494–1566), Johann Schöner (1477–1547), Michael Beuther (1522–1587).; † 24. Dezember 1541 in Basel), war ein deutscher Theologe und anfangs römisch-katholischer Priester, Hochschullehrer sowie Reformator des 16. Jahrhunderts.Armin Kohnle, Beate Kusche (Hrsg.): Professorenbuch der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg 1502 bis 1815/17 (= Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie [LStRLO] Band 27). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, ISBN 978-3-374-04302-6, S. 32–34 (PDF-Datei). Bodenstein war in seiner Person und seinem unsteten bzw. dynamischen Leben eine maßgebliche Verbindungsgestalt zwischen Martin Luther, Thomas Müntzer und den schweizerisch-oberdeutschen Vertretern der Radikalen Reformation (Kaspar Schwenckfeld) bzw. des Täufertums (Felix Manz und Konrad Grebel).
Leben Andreas Bodenstein entstammte vermutlich der frühbürgerlichen Führungsschicht seiner Heimatstadt. Als sein Vater wird der bischöflich würzburgische Kellermeister Peter (Rudolff) Bodenstein angenommen,Philipp Melanchthon (bearbeitet von Heinz Scheible, unter Mitwirkung von Corinna Schneider): Melanchthons Briefwechsel. Band 12 der Regesten. Stuttgart-Bad Cannstatt 2005 (Frommann-Holzboog). ISBN 3-7728-2258-4. S. 399 der für 1481 als Bürgermeister belegt ist. Der Vater wohnte mit seiner Familie um 1480 in Karlstadt am Markt in einem Haus des Würzburger Domkapitels.Wahrscheinlich war dieses „Haus am Markt“ das zu späteren Zeiten betriebene „Gasthaus zum Ochsen“, welches jedoch abgerissen wurde.Es war ein massives Steingebäude, was damals für Wohnhäuser ungewöhnlich war und daher auf einen herrschaftlichen Besitzer, wie das Domkapitel hinweist.(So Ulrich Bubenheimer: Andreas Rudolff Bodenstein von Karlstadt, in: Festschrift der Stadt Karlstadt zum Jubiläumsjahr 1980, Karlstadt 1980, S. 5.) Mindestens eine Schwester aus seiner Familie ist belegt. Als ein Bruder wird der Nürnberger RatskonsulentEin Ratskonsulent war ein juristisch kundiger Ratgeber des städtischen Rats einer Stadt und Jurist Leonhard Bodenstein († 1549) gesehen.Martin Keßler: Das Karlstadt-Bild in der Forschung. Bd. 174 Beiträge zur historischen Theologie, Mohr Siebeck, Tübingen 2014, ISBN 3-16-153175-2, S. 462 Ein weiterer Bruder soll Michael Bodenstein gewesen sein, der ab 1517 in Wittenberg dem Handwerk des Bäckers nachging.
Frühe schulische Ausbildung (um 1486), Universitäten Erfurt (um 1502) und Köln (1503) Der junge Andreas besuchte wahrscheinlich zunächst die örtliche Lateinschule, bevor er sich 1499 nach seinem Schulabschluss, im Alter von nur 13 Jahren, S. 2. an der Universität Erfurt einschrieb. Im Jahre 1502 legte er das 1. Examen ab. Als Baccalaureus verließ er 1503 Erfurt und wechselte an die Universität Köln, wo er mit den Lehren des Thomas von Aquin vertraut gemacht wurde.
Universität Wittenberg (1505) Von Köln führte sein Weg im Jahre 1505 an die Alma Mater Leucorea zu Wittenberg. Hier an der Universität Wittenberg wurde er im gleichen Jahr, am 12. August, zum Magister artium erhoben. Zwei Jahre später 1507/08 ernannte man ihn dort zum Dekan an der Artistenfakultät. Seine kirchliche Karriere führte ihn über die niederen Weihen im Jahre 1508 schließlich 1510 zur Priesterweihe. Im selben Jahr, am 13. November, wurde Bodenstein auch zum Doktor der Theologie promoviert.Karlstadt, Andreas Rudolff Bodenstein von, MennLex V, Ulrich Bubenheimer: Karlstadt liest Tauler. Sein reformatorischer Weg im Spiegel seines Taulerbandes in der Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg. Niederschrift des Vortrag vom 6. Juni 1987, S. 2
Um seine Primiz in seiner Vaterstadt zu feiern, ging er 1511 nach Karlstadt. Auf dem Weg dorthin besuchte er im unterfränkischen Eußenheim seine verheiratete Schwester. Als er dann von dort nach Karlstadt ging, wurde er im so genannten „Höul“, einem Hohlweg, von Räubern überfallen und dabei schwer verletzt. Nach diesem Ereignis legte er das Gelübde zu seiner späteren Romreise (1515–1516) ab. S. 3. Er erholte sich in Karlstadt von seinen Verletzungen und feierte dort dann auch als Hauptzelebrant seine erste heilige Messe.
Wirken vor der Reformation, Dozent in Wittenberg (1511), Romreise (1515) Wieder zurück in Wittenberg setzte Bodenstein seine akademisch-theologische Karriere fort. Er habilitierte sich und nannte sich in humanistischer Tradition nach seiner Heimatstadt „Dr. Karlstadt“. Damals begann auch seine tiefe Freundschaft mit Georg Spalatin.
Bodenstein nahm 1511 eine Stelle als Dozent an der Theologischen Fakultät an, mit der auch das Archidiakonat an der Stiftskirche Allerheiligen (Schlosskirche) verbunden war.https://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von Darüber hinaus übernahm er mehrmals leitende Funktionen an der Universität, 1511 war er deren Rektor. In seiner Wirkenszeit als Dozent an der Artistenfakultät hielt er vor allem Vorlesungen über Thomas von Aquin. Er setzte sich jedoch unter anderem auch mit den Schriften von Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham auseinander. Als Dekan promovierte er 1512 Martin Luther zum Doktor der Theologie und setzte seine universitäre Ausbildung auf juristischem Gebiet fort.
Zwar sicherte ihm seine Position als Archidiakon ein gutes Einkommen, er musste trotzdem viel Zeit auf das Lesen von Messen und Gottesdiensten verwenden, Zeit, die mit seinen Interessen aus den akademischen Lehrverpflichtungen kollidierten. So verfolgte er das Ziel, Propst zu werden; dafür benötigte er aber das Doktorat der beiden Rechte. Hierzu ließ er sich für vier Monate vom Kurfürsten Friedrich III. beurlauben, um die Voraussetzungen in Italien zu absolvieren. Mit seiner Rom- bzw. Italienfahrt löste er auch sein Gelübde von 1511 ein. Auf dem Weg nach Rom wurde Bodenstein in Siena zum Doktor beider Rechte (Doctor iuris utriusque) promoviert.https://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von Während seines Italienaufenthalts zwischen 1515 und 1516 war er unter anderem auch als Schreiber an der Kurie in Rom beschäftigtRenate Meincke: Editionsdesiderate zur Frühen Neuzeit: Beiträge zur Tagung der Kommission für die Edition von Texten der Frühen Neuzeit. Bände 24–25 von Chloe (Amsterdam), Band 1, Rodopi, Amsterdam 1997, ISBN 90-420-0332-4, S. 553 f.. Damit dehnte Bodenstein seinen Italienaufenthalt entgegen der Absprache deutlich aus, ohne einen Stellvertreter für das Archidiakonat an der Schlosskirche Allerheiligen zu benennen, und geriet dadurch auch mit seinem Landesherrn in Konflikt.Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther – Die Biographie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-066088-6, S. 284 Karlstadt trat die Rückreise aus Italien erst an, als der amtierende Propst ihm mit Inhaftierung drohte.
Am 13. Januar 1517 reiste Karlstadt mitten im Winter nach Leipzigmöglicherweise über die Via Imperii um eine Ausgabe des Kirchenlehrers Augustinus von Hippo zu erwerben; er wollte die Kritiken Luthers, die dieser in seinen Vorarbeiten über die scholastische Theologie formuliert hatte und die sich später in den 95 Thesen wiederfanden, widerlegen. Doch überzeugten ihn die lutherischen Argumente und im weiteren Diskurs entwickelte sich eine persönliche Freundschaft. Karlstadt schrieb am 26. April 1517 ein Thesenpapier, in welchem er vehement die scholastische Theologie angriff, vor allem kritisierte er den Rückgriff auf die aristotelische Metaphysik. „Hunderteinundfünfzig Schlussfolgerungen über Natur, Gesetz und Gnade“ enthielt 151 Thesen, die sich mit dem Thomismus und Thomas von Aquin kritisch auseinandersetzten.Stefan Gradl: Deus beatitudo hominis. Bd. 10 Publications of the Thomas Instituut te Utrecht, Thomas Instituut, Peeters Publishers, Löwen 2004, ISBN 978-90-429-1430-8, S. 51 f.
Im Jahre 1517 versuchte aber auch das Würzburger Stiftskapitel, Karlstadt als Domprediger zu gewinnen.
Karlstadt als Wittenberger Reformator (um 1517)
Zunächst Gegner der Hinwendung Luthers zur Theologie des Augustinus von Hippo, entwickelte Bodenstein sich später zum Anhänger dieses Reformators. Außerdem wurde er von den Schriften Johanns von Staupitz und der Mystik Johannes Taulers beeinflusst.https://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von Am 26. April 1517 trat Bodenstein mit 152 aus Augustinus exzerpierten Thesen über „Die Natur, das Gesetz und die Gnade“ an die Öffentlichkeit. Mit Klarheit und Strenge formulierte er seine Theologie. Zentral war darin das neue Verständnis von Gnade und menschlichem Willen. Auch sein strenger Biblizismus wurde bereits sichtbar.
1518 eröffnete Karlstadt mit den Apologeticae conclusiones, in denen er unter anderem zum Verhältnis zwischen menschlichem Willen und göttlicher Gnade im augustinischen Sinn Stellung bezog, die Auseinandersetzung mit Johannes Eck. Im Konflikt zwischen Luther und seinen Wittenberger Vertrauten mit der Amtskirche wurde im Sommer 1519 in Leipzig eine Debatte ausgetragen, die Leipziger Disputation. Diese begann am 27. Juni 1519 mit einer Messe in der Thomaskirche. Luther und seine Begleiter, der Sprachgelehrte Philipp Melanchthon und Karlstadt, stellten sich auf ein tagelanges Rededuell mit ihrem Kontrahenten, dem papsttreuen Theologieprofessor Johannes Eck ein. In der Pleißenburg ging es aber nicht nur um den Ablass, sondern auch um die Stellung des Papstes sowie um das Verhältnis von freiem Willen und göttlicher Gnade. Die Unfähigkeit des Menschen zum Guten ohne eine ihm allein von Gott zukommende und rechtfertigende Gnade hatte Bodenstein in seiner Vorlesungsschrift De impii iustificatione vertreten. Auf diese Thematik beschränkte er sich 1519 in der Leipziger Disputation wie auch in seiner ersten deutschen Schrift Auslegung und Erläuterung. Dagegen hielt er sich in der Frage des päpstlichen Primats zurück. Eck hielt danach eine Verständigung mit Karlstadt noch für möglich, nicht jedoch mit Luther.https://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
Erst nach der päpstlichen Bannandrohungsbulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520 durch Papst Leo X. gegen Luther und seine Anhänger einschließlich Karlstadt persönlich vollzog auch dieser den offenen Bruch mit der Papstkirche und der Tradition. Der Papst drohte mit Exkommunikation, die er dann am 3. Januar 1521 mit der Bulle Decet Romanum Pontificem in Kraft setzte.https://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
1521 wurde Justus Jonas neuer Propst am Allerheiligenstift. Die Hoffnungen von Andreas Bodenstein auf dieses Amt hatten sich somit zerschlagen. Für eine kurze Zeit wirkte er, nach einer Einladung durch Christian II., 1521 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, kehrte aber schon im Juni des gleichen Jahres nach Wittenberg zurück.