mini|Mantel aus russischen Wolfsfellen, Paris um 1900 Eine Wildschur ist ein üppiger Pelzherrenmantel aus Wolfsfell, gelegentlich auch aus Bärenfell,Neuer Schauplatz der Künste und Handwerke, 130. Band, Ch. H. Schmidt’s Kürschnerkunst Die Kürschnerkunst, oder gründliche Anweisung, .... Weimar 1844, S. 174 die Haare nach außen getragen. Hierfür fanden vor allem Felle des langhaarigen russischen Polarwolfs, auch weißer Wolf genannt, Verwendung.Werkstätten der heutigen Künste, Kapitel Der Kirschner. 1762; Halle, Berlin, S. 310. Diese Pelze waren einst bei Schlittenfahrten, und in der Anfangszeit des Automobils auch dort, ein beliebter Kälteschutz.

Allerdings schwankt die Bedeutung in der Literatur und damit offenbar auch im Sprachgebrauch zwischen „Lendenschurz aus Fell“ und „grobem Reisemantel“ bis zu „feiner Pelzmantel“.

Verwendung, Geschichte Es war üblich, dass bei bestimmten Krankheiten den Patienten eine wärmende Wildschur „verordnet“ wurde. Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) meinte, es wäre „ein Glück, wenn sie (die Ärzte) bloß Wildschuren verschrieben“. Bei Joseph Victor von Scheffel (1826–1886) heißt es in „Frau Aventura“:Bruno Schier: Zur Wort- und Sachgeschichte der Wildschur. In: Das Pelzgewerbe, XX. Jg. Heft 5/6, 1950, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, S. 13–16

Neben der Verwendung als Reise-, Kutschen- und Krankenmantel wuchs der Wildschur auch die Aufgabe eines vornehmen Gesellschaftspelzes zu. Willibald Alexis (1798–1871) lässt im „Isegrimm“ von 1854 einen „hochgewachsenen Mann“ auftreten, „dessen mit Zobel besetzte Wildschur den vornehmen Herrn andeutete.“

Der Zobelbesatz deutet außerdem darauf hin, dass der Begriff Wildschur zeitweilig recht großzügig gebraucht wurde, hier wahrscheinlich für einen mit kräftigem Fell gefütterten Tuchmantel mit Zobelkragen, auf einem wuchtigen Wolfsmantel sähe er, trotz seines hohen Wertes, recht merkwürdig und ärmlich aus. Auch erwähnen Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), Friedrich Christian Laukhard (1758–1822) und Karl Immermann (1796–1840) „weiße“, „grüne“ und „purpurrote“ Wildschuren. Da solche mutigen Einfärbungen von Pelzen zu der Zeit nicht üblich waren, dürften hier ebenfalls pelzgefütterte Stoffmäntel oder vielleicht mit dem Leder nach außen getragene Pelze gemeint sein.Bruno Schier, Primärquelle Deutsches Wörterbuch, 14. Bd., 2. Abt., Leipzig 1913, Sp. 120

In der Regel wird der Begriff Wildschur jedoch den Reisemantel mit dem Pelz nach außen bezeichnet haben, den man, zum Beispiel bei Unwohlsein, bei großer Kälte schon einmal auch zuhause anstelle des pelzgefütterten Hausmantels oder im Büro anzog. Der oberösterreichische Mundartdichter Franz Stelzhamer (1802–1874) reimt:Bruno Schier, Primärquelle Franz Stelzhammer, Gesammelte Werke. Stuttgart 1855, III, S. 272.

Als durch bessere Raumheizungen der Gebrauch der Wildschur unnötig wurde, geriet auch der Begriff in Vergessenheit. Der Manteltyp wurde zur Zeit der ersten, noch offenen Autos noch einmal stark nachgefragt, damit kam jedoch bereits die moderner klingende Bezeichnung Automobilistenmantel auf. Häufig war er jetzt aus dem meist günstigeren Waschbärfell gearbeitet. Amerikanische Collegestudenten entdeckten ihn für sich in den 1920/1930er Jahren, jedoch jetzt als Waschbär-Kurzmantel. Er galt als Statussymbol (raccoon-coat-collegiate fashion).Anna Municchi: Ladies in Furs 1900–1940. Zanfi Editori, Modena 1992, S. 53–57 (englisch), ISBN 88-85168-86-8 Danach endete weitgehend auch eine Modeepoche für langhaarige Männerpelze überhaupt.

Beschreibung der Herstellung einer Wildschur aus dem Jahr 1782 mini|hochkant=1.5|Unten rechts die beschriebene „Wildschur“

Etymologie mini|hochkant=1.5|Eileen und Einar Bjørnson in Wolf-Wildschuren (um 1900) Das Wort stammt aus dem Polnischen, wo es wilczura () heißt, abgeleitet von „wilk“ (pl., Wolf). So heißt es bei Karl Friedrich Kretschmann (1738–1799) noch entsprechend der ursprünglichen Bedeutung: „Den Tiger verarbeitet man zu Schabracken, der Bär muß Decken und Müffe geben, der Wolf Wildschuren, das Rhinozeros Kutschriemen.“Bruno Schier, Primärquelle Karl Friedrich Kretschmann, Sämtliche Werke. Leipzig 1784–1799, VI, S. 165.

Wahrscheinlich war 1871 Karl Weigand der erste, der vermutete, dass das dem deutschen Sprachgefühl durchaus entsprechende Wort Wildschur ursprünglich nichts mit Wild und Schur zu tun hat.Bruno Schier, Primärquelle Karl Weigand: Deutsches Wörterbuch, 2. Bd., Gießen 1871, S. 1083 Bis dahin hatte offenbar niemand die deutsche Herkunft des Wortes bezweifelt. Um 1900 wird die Herkunft aus dem Polnischen von Ludwig Sütterlin im Deutschen Wörterbuch und von Friedrich Kluge in seinen etymologischen Wörterbüchern festgehalten und näher begründet.Bruno Schier, Primärquelle Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 11. Aufl., hrsg. von Alfred Götze, Berlin 1934, S. 690

Das polnische Ursprungswort scheint in einer weiteren abgewandelter Form noch einmal Eingang in die westeuropäische Mode Eingang gefunden zu haben, siehe dazu → Witgchouras. In einem Buch über Pelzmode ist eine „witzschoura“ aus dem Jahr 1810 abgebildet, die jedoch mit der Wildschur hier kaum etwas gemein hat. Die Dame trägt ein über die Hüften herabreichendes ärmelloses Cape, das mit Hermelinfell oder Hermelinimitat gefüttert und breit verbrämt ist.Elisabeth Ewing: Fur in Dress. B. T. Batsford Ltd., London 1981, S. 93, ISBN 0-7134-1741-2. Bildunterschrift: Fur-lined and fur-trimmed witzschoura, from an Ackermann print (Rudolph Ackermann?) of 1810, the fur either real or imitation ermine, with black spots. Victoria and Albert Museum. Andere Quellen leiten witzschoura als aus dem Russischen stammend ab, einen Pelzmantel bezeichnend.www.lexikus.de Max von Boehn: Die Mode - Menschen und Mode im neunzehnten Jahrhundert. 1790 bis 1817. Zuletzt abgerufen am 11. April 2012.

Adelungs Wörterbuch zufolge lautet das Wort in der um 1300 gereimten Braunschweigischen Chronik in Leibnitzens Script. Th. 3, S. 116. B. 86, „Wintschur“. Bruno Schier stand diese Information 1950 offensichtlich nicht zur Verfügung. Er stellt fest, dass das Wort Wildschur recht jung sei, er nennt als erste Erwähnung die „Reise Sophiens von Memel nach Sachsen“ von Johann Timotheus Hermes (1738–1821). Da Hermes Ostdeutscher war und sein ganzes Leben dort verbrachte, nimmt Schier an, dass er damit ein speziell ostdeutsches Wort in das deutsche Schrifttum einführte.Bruno Schier, Primärquelle Johann Timotheus Hermes: Reise Sophiens von Memel nach Sachsen. Leipzig 1769 bis 1773, II, S. 158. Zitat: „Wenn man einen angenehmen und liebenswürdigen Mann in Schlafrock oder Wildschur sieht.“

Laut Duden ist es „volksetymologisch angelehnt an deutsch Wild u. Schur“.

Weitere Bedeutung Die Griechen berichteten unter dem Namen „Zeira“ (altgr.) von einem mantelartigen Überwurf der Thraker und Araber, der mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Auch dieses „Zeira“ wurde mit Wildschur übersetzt.

Siehe auch Wolfsfell Herrenpelz

Quellen

Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 984, hier online. Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1547 hier online.

Einzelnachweise

Kategorie:Schulteraufliegendes Kleidungsstück Kategorie:Kostümkunde (Europa) Kategorie:Pelzprodukt