Claude-Marie Ferrier (* 1811 in Lyon;Kirill Kuzmichev, „The Third Dimension: History of stereoscopic views“: Claude-Marie Ferrier † 13. Juni 1889 in Paris) war ein französischer Fotograf und Inhaber einer Fotoagentur für Stereoskopien.
Lebensweg
Claude-Marie Ferrier war der Vater des 1831 geborenen Jacques-Alexandre Ferrier,Gallica, Biblioteque national de France: „Claude-Marie Ferrier (1811-1889)“ der später ebenfalls Fotograf und Geschäftspartner seines Vaters wurde.Foto.CH, „Ferrier, Jacques“ Jacques-Alexandre Ferrier starb wahrscheinlich im Jahr 1912.
Wann Claude-Marie Ferrier von seiner Geburtsstadt Lyon nach Paris umzog, ist unbekannt.John B. Cameron, „Leon, Moyse & Lévy, Issac; Ferrier, Claude-Marie; and Charles Soulier“, S. 850–852, in: John Hannavy (Hg.), „Ecyclopedia of Nineteenth-Century Photography“, Routledge-Verlag, Milton Park, Abingdon, 2008, In Paris arbeitete Ferrier zunächst als Angestellter bei dem Optiker und Hersteller wissenschaftlicher Instrumente Jules Duboscq (1822–1894),John B. Cameron, „Leon, Moyse & Lévy, Issac; Ferrier, Claude-Marie; and Charles Soulier“, S. 850–852, S. 850, in: John Hannavy (Hg.), „Ecyclopedia of Nineteenth-Century Photography“, Routledge-Verlag, Milton Park, Abingdon, 2008, der eines der ersten in Serie produzierten Stereoskope konstruierte.Helmut Gernsheim, „Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre“. Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 306
Bereits im Jahr 1851 hatte sich Ferrier als Fotograf in Paris etabliert. In diesem Jahr fand in London die „Great Exhibition“ („Crystal Palace Exhibition“) statt, auf der Ferrier zahlreiche Aufnahmen machte. Im darauffolgenden Jahr, also 1852, wurde „auf Anregung des britischen Königshauses“, eine Gedenk-Publikation zu diesem Ereignis herausgegeben, die zahlreiche Fotografien der Exponate enthielt. Die vierbändige Publikation erschien unter dem Titel „Exhibition of the Works of Industry of All Nations, 1851. Reports by the Juries on the Subjects in the Thirty Classes into Which the Exhibition was Divided“. Die Mehrzahl der Fotografien darin stammten von Ferrier, der Albuminglasplatten verwendete, und von dem britischen Amateur-Fotografen Hugh Owen (1808–1897), der Kalotypie-Papiernegative verwendete.Erin McGrath, „Claude-Marie Ferrier“, in: Luminous Lint Das Albuminglasplatten-Verfahren, das Ferrier 1852 anwandte, wurde ab etwa 1847 von Claude Félix Abel Niépce de Saint-Victor entwickelt,Fritz Jörn: „Frühe Fotografien. Scharf wie 140 Gigapixel“, in: FAZ.net, 26. April 2016 war also noch recht neu.
Claude-Marie Ferrier gilt als ein Pionier der Stereoskopie.Jörg Stöger, „Die Realismusmaschine. Stereoskopie im Diskurs medialer Bildlichkeit“ (PDF), Diplomarbeit, Wien, Juli 2009, S. 30 Er konstruierte einen Projektionsapparat für StereoskopienJochen Schönfeld, „Die Stereoskopie – Zu ihrer Geschichte und ihrem medialen Kontext“ (PDF; 1,5 MB), Magisterarbeit, Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen, S. 33, siehe dort auch die Fußnoten Nr. 124 und 125, wobei er auf Ideen von David Brewster (1781–1868) zurückgriff. Diesen von Ferrier gebauten Projektionsapparat kaufte später der Schausteller Alois Polanecky (1826–1911), zusammen mit einigen stereoskopischen Fotos von Ferrier, und gründete damit seinen „Glas-Stereogramm-Salon“, mit dem er als Schausteller umherzog, vor allem durch deutschsprachige Gegenden.Doris Rauschgatt, „Alois Polanecky (1826-1911), Der Pionier des Kaiserpanoramas und sein »Glas-Stereogramm-Salon«“, in: Fotogeschichte, Heft 72, 1999 Ferriers Stereografien hatten ein Format von 8,5 × 17 cm, das Standardformat für räumlich wirkende Ansichten auf Papier, auf Glas oder als Daguerreotypie. Diese Maße wurden durch die ersten Stereobetrachtungsapparate vorgegeben, vor allem durch das Stereoskop von David Brewster, das sich dank seines enormen Erfolgs auf der Weltausstellung von 1851 praktisch als Branchenstandard durchsetze.
Ferrier produzierte Serien von Ansichten von Paris und der Île-de-France (1851–1853, Nr. 1–213), gefolgt von Ansichten von England, dem Loire-Tal, der Provence, der Côte d’Azur und Italien (1853–1854, Nr. 273–599). In der Zeit von 1855 bis 1857 wurden weitere Serien produziert: eine erste Schweiz-Serie (Nr. 600–690), eine zweite Italien-Serie (Nr. 700–778), Savoyen (Nr. 778–873), eine zweite Schweiz-Serie (Nr. 874–931). Ansichten von Konstantinopel (Nr. 950–1055) und Athen (Nr. 1060–1095) wurden ab dem 13. Juni 1857 zum Verkauf angeboten. Schließlich wurde das Frühwerk Ferriers in einem 1859 veröffentlichten Gesamtkatalog (Nr. 1–2399, mit großen Lücken in der Nummerierung) zusammengefasst.Steven Jacobs, „Landscape“, S. 818–824, S. 822, in: John Hannavy (Hg.), „Ecyclopedia of Nineteenth-Century Photography“, Routledge-Verlag, Milton Park, Abingdon, 2008,
Im Jahr 1856 nahm Claude-Marie Ferrier stereoskopische Fotografien in den Alpen auf; Ferriers späterer Geschäftspartner, der französische Fotograf Charles Soulier (geboren vor 1840, gestorben nach 1876) fertigte dort im Jahr 1869 weitere Stereofotos an.
1857 hielt Ferrier sich offenbar in Nizza auf und hat dort möglicherweise das fotografische Visitformat (Carte de Visite) erfunden.Helmut Gernsheim, „Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre“. Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 355Getty.edu, Union List of Artist Names (ULAN) online, „Ferrier, Claude Marie“
Im Jahr 1859 eröffneten Claude-Marie Ferrier („Ferrier père“) gemeinsam mit seinem Sohn Jacques-Alexandre Ferrier („Ferrier fils“) und dem französischen Fotografen Charles Soulier das Fotoatelier „Ferrier père et fils & Soulier“ in Paris, das stereoskopische Glas-Dias produzierte und verkaufte. Der französische Fotograf Charles Soulier war von 1854 bis 1859 Geschäftspartner von Athanase Clouzard (1820–1903) gewesen und produzierte während dieser Zeit Glasstereographien von guter Qualität. Diese trugen häufig die Signatur „CS“, für „Clouzard-Soulier“. Soulier brachte einen umfangreichen Bestand von etwa 1200 „CS“-Negativen in die Geschäftspartnerschaft mit den Ferriers ein, darunter eine Serie über Russland, die Denkmäler und Sehenswürdigkeiten in Moskau und St. Petersburg zeigt (Nr. 5001–5191) und eine umfangreiche Serie von Ansichten, die Soulier hauptsächlich in Paris, Deutschland, Österreich, Spanien, England und Schottland aufgenommen hatte (Nr. 6001–6997). Diese „CS“-Ansichten wurden in den Gesamtkatalog „Ferrier père, fils et Soulier“ von 1864 aufgenommen, der dadurch mehr als doppelt so umfangreich wurde wie der Vorgänger-Katalog von 1859. Im Jahr 1864 enthielt ihr Warenkatalog eine große Auswahl von Ansichten von Frankreich, insbesondere von Paris, aber auch aus anderen Ländern, darunter Norwegen, Russland und Japan.
Die Firma Ferrier & Soulier vermarktete nicht nur die selbst aufgenommenen Fotos, sondern kaufte auch Negative anderer Fotografen, zum Beispiel von dem englischen Fotografen Francis Frith (1822–1898) Aufnahmen aus Ägypten (insbes. aus Nubien) und von dem französischen Fotografen Jules Couppier (1823?–1860) Aufnahmen aus Moskau und St. Petersburg.André Ruiter, „Ferrier & Soulier stereoviews“, in: Stereoscopy History. Antiques from the collection of André Ruiter, 22. Januar 2022 Ferrier begann in den späten 1850er Jahren mit der Herstellung von Stereodias des Heiligen Landes nach Aufnahmen von Frank Mason Good, Francis Frith und anderen.„Photographers of the World (Non-USA)“, zusammengestellt von T. K. Treadwell und William C. Darrah, aktualisiert am 28. November 2003 durch Wolfgang Sell, Curator OWHSRL, © National Stereoscopic Association 1994, S. 89
Ferrier hatte nicht nur Landschaftsaufnahmen und Architekturfotos in seinem Sortiment, sondern auch Szenen mit Nachrichtenwert. So fotografierte er die Folgen der großen Loire-Überschwemmung des Jahres 1856.Pierre-Marc Richard, „Das Leben als Relief. Der Reiz der Stereoskopie“, Kap. 9, S. 174–183, S. 178, in: Michel Frizot (Hrsg.), „Neue Geschichte der Fotografie“, Könemann Verlagsgesellschaft, Köln, 1998Helmut Gernsheim, „Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre“. Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 321
Das Atelier Ferrier bot auch Stereo-Fotos aus dem Sardinischen Krieg (zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg) an, der vom 17. April bis zum 12. Juli 1859 zwischen Österreich und Frankreich ausgefochten wurdeHubertus von Amelunxen, „Das Memorial des Jahrhunderts. Fotografie und Ereignis.“, Kap. 7, S. 131–147, S. 143, in: Michel Frizot (Hrsg.), „Neue Geschichte der Fotografie“, Könemann Verlagsgesellschaft, Köln, 1998, (Katalog: „Excursion sur le théâtre de la guerre d'Italie, photographiée pour l'usage du stéréoscope“). Dabei ist nicht gesichert, ob Claude-Marie oder sein Sohn Jacques-Alexandre Ferrier die Aufnahmen anfertigte, oder möglicherweise der französische Fotograf Jules Couppier, dessen Nachlass das Atelier Ferrier & Soulier übernahm.Kirill Kuzmichev, „Jules Couppier“, in: The Third Dimension: The History of stereoscopic views, 2018 Anders als Roger Fentons (1819–1869) Fotografien aus dem Krimkrieg (1853 bis 1856) zeigten die Aufnahmen des Ateliers Ferrier aus dem Sardinischen Krieg auch grausigen Ansichten, zum Beispiel Leichen oder Berge amputierter Gliedmaßen.Helmut Gernsheim, „Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre“. Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 326
Im Jahr 1861 bereiste Claude-Marie Ferrier Spanien und brachte Aufnahmen von dort mit.Diana Saldaña, „Spain“, S. 1322–1329, S. 1325, in: John Hannavy (Hg.), „Encyclopedia of Nineteenth-Century Photography“, Routledge-Verlag, Milton Park, Abingdon, 2008, Das Sortiment seiner Bildagentur umfasst auch Aufnahmen verschiedener Orte und Sehenswürdigkeiten in den USA, darunter etwa die Niagarafälle usw.; ferner Kalifornien-Ansichten von John James Reilly (1838–1894), einige davon auf Glas.
Was die Glasstereographie von anderen Arten von Stereobildern – Papier-, Textilgewebe- und Daguerreotypie-Stereogrammen – unterschied, war das Albumen-auf-Glas-Verfahren, das brillante, sehr scharfe, äußerst kontrastreiche und transparente Bilder ermöglichte. Bei Durchlicht-Beleuchtung betrachtet, war es dem Papier-Stereogramm, das – wie die Stereo-Daguerreotypie – nur im Auflicht betrachtet werden konnte, weit überlegen. Ferriers und Souliers Stereografien wurden allgemein als die besten angesehen. Sie erzeugten einen Eindruck von Räumlichkeit und Tiefe, der viele Betrachter verblüffte. Dank seiner hervorragenden Glasstereographien florierte das Unternehmen.
Die Firma „Ferrier pere, fils et Soulier“ bestand gleichwohl nicht lange. 1864 verkauften die beiden Ferriers und Charles Soulier sie an zwei ihrer Angestellten, Moisé Léon und Isaac Georges Lévy (?-vor 1895), die als Léon & Lévy firmierten. Léon verschwand 1872 aus der Firma, die daraufhin den neuen Namen „J. Lévy & Cie.“ bekam. Isaac Georges Lévy und später seine Söhne leiteten das Unternehmen, bis es 1920 mit Neurdein fusionierte.
Über das Leben Claude-Marie Ferriers nach dem Verkauf seiner Agentur an Léon & Lévy, also über die 25 Jahre von 1864 bis zu seinem Tod 1889, ist wenig bekannt. Es scheint, dass er weiter im fotografischen Gewerbe tätig war.Kirill Kuzmichev, „Claude-Marie Ferrier“, in: The Third Dimension: The History of stereoscopic views, 2018 : „As for Ferrier, he continued to be a photographer of grand standing, although not in the field of stereography.“ So sind beispielsweise Fotos vom Aufstand der Pariser Kommune vom 18. bis zum 28. März 1871 unter Ferriers Namen erschienen.Joel Petitjean, „Die Kommune von Paris“, S. 146, in: Michel Frizot (Hrsg.), „Neue Geschichte der Fotografie“, Könemann Verlagsgesellschaft, Köln, 1998
Claude-Marie Ferrier starb am 13. Juni 1889 in Paris.