mini|Logo von Roede Mor (1969 entworfen von Dea Trier Mørch) Røde Mor () war ein dänisches Künstlerkollektiv mit erklärtem sozialistischen Standpunkt. Es wurde im Jahr 1968 gegründet und bestand aus einer Musikgruppe und einer Grafikgruppe, die auf ihrem jeweiligen Kunstgebiet kollektiv arbeiteten. 1978 löste sich das Kollektiv auf.

Røde Mors Ziel war, politische, proletarische Kunst zu schaffen. Das Kollektiv produzierte in den zehn Jahren, in denen es existierte, hunderte von Plakaten und Illustrationen, dazu Bücher, Flugblätter und Ausstellungen mitsamt einer Reihe von Schallplatten und Rockzirkusvorstellungen und veranstaltete Ausstellungen mit seinen grafischen Werken. 2002 startete die Musikgruppe ein Comeback mit Konzerten und neuen Schallplatten.

Manifest und Konzept Im Frühjahr 1969 präsentierte sich das neu gegründete Künstlerkollektiv mit einem „Manifest“ in Gedichtform. Übersetzt aus dem Dänischen lautet es folgendermaßen:Original: „Røde Mor er revolutionens mor / De undertryktes og de svages og de forældreløses mor / Røde Mor venter dig, glemmer dig ikke og holder maden varm / Røde Mor er en vild og rasende løvinde / Røde Mor går med en olivenkvist i næbbet / Røde Mor er et sort får og desuden et rødt flag“. Olaf Harsløf: Røde Mor.

Røde Mor ist die Mutter der Revolutionen Der Unterdrückten und der Schwachen und der Elternlosen Mutter Røde Mor wartet auf dich, vergisst dich nicht und hält das Essen warm Røde Mor ist eine wilde und rasende Löwin Røde Mor läuft mit einem Olivenzweig im Maul Røde Mor ist ein schwarzes Schaf und außerdem eine rote Fahne

Die erste Prosa-Fassung ihres Manifests veröffentlichte Røde Mor 1970. Der Text wurde mehrmals geändert. In jedem Jahr gab die Gruppe einen Katalog heraus, in dem über die Arbeit – auch mit Beispielen – berichtet wurde und in dem Zeugnis davon abgelegt wurde, wo die Gruppe stehe mit ihrer politischen Kunst – und mit der eigenen Entwicklung. Das folgende Manifest stammt aus dem Katalog von 1972:

Schon im ersten Katalog vom Juni 1970 nannte die Gruppe zwei Künstler aus den 1920er und 1930er Jahren als ihre Vorbilder und ihre tägliche Inspiration: den russischen Futuristen und Theatermacher Wladimir Majakowski und den belgischen Clartéisten, ist ein Begriff aus der sprachwissenschaftlichen Diskussion über die französische Sprache. Im übertragenen Sinn: Klarheit in Abläufe und Arbeitsbeziehungen bringen, offen Konflikte und Prozesse reflektieren und aktiv Potentiale weiterentwickeln. und Maler Frans Masereel. Ihre politische Arbeitsgrundlage beschrieb die Gruppe so:

Im Herbst 1970 startete Røde Mor Agit-Prop. Die Erklärung dieses Konzepts findet sich auch im Katalog Nr. 1: AGITPROP bedeutete danach AGITation und PROPaganda und war Vorgabe für die sowjetischen Künstlerkollektive während der Oktoberrevolution gewesen und Vorbild für Røde Mor. – Sämtliche Mitwirkende von Røde Mor arbeiteten im AgitProp mit. Einige spielten, sangen und lasen vor, andere schauspielerten und tanzten, während wieder andere Lichtbilder zeigten. Røde Mor benutzte eine Mischung aus Musik und Lichtbildern, um ein Gemeinschaftserlebnis zu schaffen, das den politischen Inhalt unterstreichen sollte.Olav Harsløf, Thomas Kruse: Røde Mor, Kopenhagen 2004.

Gründungsmitglieder waren neben dem Musiker, Grafiker und Keramikkünstler Troels Trier (1940–2026) und seiner zweiten Ehefrau, der Künstlerin und Autorin Dea Trier Mørch (1941–2001), drei weitere Künstler: der Maler Ole Finding (* 1937), der Bildhauer, Grafiker, Maler und Schlagzeuger John Ravn (* 1943) sowie die Grafik-Künstlerin Yukari Ochiai (* 1938). Troels Trier war der Kopf des Kollektivs insgesamt und zugleich der späteren Musikgruppe. Eine formelle personale Hierarchie hatte das Kollektiv aber nicht. Dea Trier Mørch führte den Teil des Kollektivs an, der sich mit Grafik beschäftigte, und trug selbst viele eigene Arbeiten zu deren Erfolg bei.

Ab 1972 wurde Røde Mors Organisationsform im Lauf der folgenden Jahre zu zwei professionellen Gruppen fortentwickelt: eine Grafikgruppe und eine Musikgruppe (Rockband). Beide waren organisatorisch und personell durch eine Basisgruppe verbunden. Diese Basisgruppe war das Führungsorgan des Kollektivs, in dem die prinzipiellen Diskussionen geführt, Beschlüsse gefasst und die jährlichen Kataloge entwickelt wurden, die über die Arbeit des gesamten Künstlerkollektivs Rechenschaft ablegten.

Außer den oben genannten sind folgende Personen für kürzere oder längere Zeit Mitglieder im Künstlerkollektiv Røde Mor gewesen (in alphabetischer Reihenfolge): Michael Boesen (1948–2014), Musiker, Sänger, Schauspieler, Komponist, Producer Niels Brunse (* 1949), Autor, Übersetzer, Literaturkritiker, Redakteur Erik Clausen (* 1942), Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor Alice Faber Dorte Fasting Tommy Flugt (* 1941), Schriftsteller, Filmregisseur Pia Funder Peter Ingemann (* 1945), Musiker. Mitglied verschiedener Jazz- und Rockgruppen in Dänemark Per Almar Johnson Maiken Junker Anne-Mette Kruse Thomas Kruse (* 1943)Thomas Kruse. Ausbildung zum Architekten, danach Weiterentwicklung als Maler, Grafiker und Bühnenbildner. Ab den 1960er Jahren als Buchillustrator und Plakatkünstler aktiv und seit 1969 Mitglied von Røde Mor. Organisator von Ausstellungen der Røde-Mor-Plakatkunst. Thomas Kruse ist ein legendärer Künstler in Dänemark, der es genießt, mit Kindern zusammenzuarbeiten. Er hat mehr als 60 Schulen zusammen mit Schülern ausgeschmückt. – Information: in Dansk Plakat Museum, Århus (dänisch). Erling Benner Larsen Kim Menzer (* 1938), Jazz- und Rock-Musiker (Burnin Red Ivanhoe; Kim Menzer Jazz & Blues Band), Komponist Peter Mogensen Andreas Trier Mørch (* 1944), Fotograf. Bruder von Dea Trier Mørch Jens Asbjørn Olesen, Musiker, Komponist, Journalist Anne-Marie Steen Petersen (* 1950), Zeichnerin, Karikaturistin, Autorin Leif Sylvester Petersen (* 1940), Maler, Grafik-Künstler, Komponist, Schauspieler Karsten Sommer (* 1949), Musikproduzent und Journalist Henrik Strube (* 1949), Gitarrist, Autor, Komponist, Redakteur Finn Sørensen (* 1946), Musiker. Politiker, Mitglied des Folketings (dänisches Parlament) 2011–2019 Ole Thilo (1945–2011), Pianist in Avangarde-Jazzgruppen Ann Thorsted Jacob Trier Lars Trier (* 1949)Lars Trier, Bruder von Troels Trier, Gitarrist. Ausbildung am Königlich Dänischen Musikkonservatorium in Kopenhagen. Kunstmaler (Naive Malerei), Autor (Der Löwe Leopold). – Troels Trier: Lars Trier. In: leksikon.org (dänisch).

Musikgruppe mini|200px|Røde Mor beim Skanderborg-Festival 2007 in Dänemark Die Musikgruppe des Kollektivs existierte von 1969 bis 1978 und wurde 2002 wieder aktiv. Treibende inhaltliche Kraft war am Beginn der Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen die NATO, gegen die EWG, gegen die Atomwaffen und gegen Kernkraftwerke. Ihre Musik war Rock ’n’ Roll. Ihre Spezialität waren Protestlieder. Die Gruppe war anfänglich ein Trio, bestehend aus Troels Trier, Gesang, Lars Trier, Gitarre, und Ole Thilo, Klavier. Sie trat zuerst nur bei den Vernissagen der Bildkünstler des Kollektivs auf und veröffentlichte bereits 1970 ein Liederbuch mit ihren Texten sowie am Ende des Jahres die erste Schallplatte, eine EP mit dem Titel Johnny gennem ild og vand (Johnny zwischen Feuer und Wasser). Im Jahr 1971 vergrößerte sich die Gruppe zu einem Septett, erweitert um Finn Sørensen, Bass, Michael Boesen, Gitarre, Jens Asbjørn Olesen, Harmonika und Klavier, und Peter Vangkilde, Schlagzeug. Bereits im selben Jahr veröffentlichte sie unter dem neuen Namen Røde Mor Rok Ork ihre erste LP Rok Ork. 1972 kam es zu Intrigen im Künstlerkollektiv, die in Abgängen und Neuaufnahmen endeten. Die Musikgruppe verkleinerte sich auf fünf Personen: Jens Asbjørn Olesen, Klavier, Poul Poulsen, Bass und Gesang, Lars Trier, Gitarre und Banjo, und Troels Trier, Gitarre, Violine, Mundharmonika und Gesang. In dieser Besetzung entstanden die LPs Ta hva' der er dit (Nimm dir, was deins ist; 1972) und Grillbaren (Die Grillbar; 1973).

1974 änderte sich die musikalische Besetzung der Gruppe erneut: Neben Troels und Lars Trier spielten jetzt Peter Ingemann, Bass und Texte und Henrik Strube, Gitarre. Durch die Zusammenarbeit mit dem Künstlerduo Leif Sylvester Petersen und Erik Clausen, die Clausen & Petersens Straßenzirkus erfolgreich auf die Straße gebracht hatten, resultierte eine neue Richtung für Røde Mors musikalische Abteilung. Das Ergebnis war 1974 die Gründung und Marktplatzierung von Røde Mor Rock-Cirkus mit verstärkt politischen Texten, grotesken und clowneresken Figuren und Szenarien auf der Bühne und erhoffter stärkerer musikalischer Durchschlagskraft. Das bedeutete, ökonomisch gesehen, dass das Kollektiv zwar auch einen größeren wirtschaftlichen Erfolg anstrebte, aber dabei, kalkuliert oder nicht, in Kauf nahm, sich dadurch ein Stück weit von seinen sozialistischen Idealen abzusetzen.

1974 wurde Røde Mors illustreret sangbog 2 (Røde Mors illustriertes Liederbuch 2) veröffentlicht und es entstanden die LPs Linie 3 (1975), Betonhjertet (Betonherz, 1975), Hjemlig hygge (Heimatliche Gemütlichkeit, 1976) und Sylvesters drøm (Sylvesters Traum, 1978). Ihre bekannteste Veröffentlichung ist Hjemlig hygge, eine Platte mit Musikstücken, in denen Røde Mor mit Ironie und grotesker Verzerrung und Troels Trier mit rauher Stimme der saturierten dänischen Gesellschaft ihre ihr lieb gewordenen spießbürgerlichen Gewohnheiten und ihre Sucht nach heimeligem Glück den Spiegel vorhält. 1974 trat Røde Mor auch auf dem Roskilde-Festival auf. 1978 löste sich die Gruppe auf.

mini|zentriert|600px|Collage der Plattenhüllen von Røde Mor Im Jahr 2002 trafen sich Troels Trier, Peter Ingemann, Henrik Strube und Lars Trier und starteten eine Jubiläumstournee unter dem Namen RØDE MORs Rollende Rollator Show.Peter Bergmann: Legendarisk dansk band bliver genforent (Legendäre dänische Rockband wiedervereinigt; dänisch). 2006 wurde die EP Røde Mor aufgenommen und veröffentlicht. Im selben Jahr unternahm die Gruppe eine Reihe von Abschiedskonzerten. 2007 wurde Røde Mor der Ehrenpreis der International Federation of the Phonographic Industry beim Dänischen Musik Award verliehen. Im selben Jahr spielte die Band auch auf dem Skanderborg Festival. Røde Mor gibt weiterhin Konzerte.

Grafikgruppe Das Manifest war Røde Mors gemeinsame ideologische Plattform im Licht der gesammelten Erfahrungen. Im Jahr 1971 wurde es mit einem belehrenden Arbeitsprogramm über Røde Mors Bildarbeiten, das die Mitglieder noch zusätzlich motivieren sollte, ausgebaut.

Die Gruppe arbeitete mit Linolschnitten, weil Linoleum nicht nur ein weiches und leicht zu schneidendes, sondern auch ein billiges Material ist, das leicht zum Drucken verwendet werden kann. Es bot dem Kollektiv den Vorteil, Vorlagen im Vorbereitungsprozess zu Hause relativ einfach zu erstellen. Außerdem kann ein Linolschnitt auch leicht im Buchdruck benutzt werden. Seine Erstellungskosten sind gering, entsprechend preiswert konnten Drucke von Linolschnitten vom gewünschten Arbeiterpublikum erstanden werden. Da Linolschnitte meist grob strukturiert sind, eigneten sie sich damit nach Auffassung des Kollektivs gut für agitatorische Zwecke. Hergestellt wurden vornehmlich Plakate zu allen möglichen politischen Themen aus der Welt der Arbeiterklasse. In den Vordergrund gerückt wurden dabei Probleme, die die Arbeit und das Leben dieser Menschen beeinträchtigten und gesellschaftlich verbessert werden müssten. Es wurden aber auch Illustrationen für Bücher und Buchumschläge als Linolschnitte hergestellt, beispielsweise für die Bücher von Dea Trier Mørch.