Geist aus dem Ghetto ist der Titel eines unveröffentlichten Buches des österreichischen Philosophen und Musikforschers Harald Kaufmann (1927–1970).Signaturen 372, 373, 380, 462. Harald-Kaufmann-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin Begonnen im Jahr 1952, stellt das enzyklopädisch angelegte Projekt den zur damaligen Zeit singulären Versuch dar, herausragende Leistungen jüdischer Intellektueller in Wien um 1900 ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rufen und somit jene Kultur vor dem Vergessen zu bewahren, die während der nationalsozialistischen Herrschaft fast vollständig vernichtet wurde.

Entstehungsgeschichte

Der Anstoß zu Geist aus dem Ghetto kam, wie aus einer TagebuchaufzeichnungDie Arbeitstagebücher, insgesamt 11 von ursprünglich 12, blieben nach Transferierung des Nachlasses an die Akademie der Künste in Berlin im Besitz der Witwe Erika Kaufmann (1925–2018). Zwischen 1990 und 1993 entstand mit Hilfe von Frau Kaufmann eine Abschrift der relevanten Passagen. In Form dieser Abschrift befinden sich die Tagebücher im Harald-Kaufmann-Archiv unter den Signaturen 529 und 530. Zu den Arbeitstagebüchern Kaufmanns siehe auch Gottfried Krieger: „Genie aus dem Ghetto“: Die unveröffentlichten Arbeitstagebücher des österreichischen Musikforschers Harald Kaufmann. In: G. Krieger, M. Spindler (Hrsg.): Musik als Lebensprogramm. Festschrift für Constantin Floros zum 70. Geburtstag. Lang, Frankfurt am Main 2000, S. 239–248. Kaufmanns vom April 1952 hervorgeht, von dem Dirigenten Hans Swarowsky (1899–1975): „Swarowsky regt an, ich soll ein Werk über den Wiener Intellektualismus der Jahrhundertwende schreiben. Bin begeistert. Genie aus dem Ghetto, oder so ähnlich“.Kennengelernt hatten sich Kaufmann und Swarowsky kurz nach dem Krieg in Graz. Kaufmann war 20 Jahre alt und hatte neben dem Studium der Philosophie und Musikwissenschaft gerade als freier Mitarbeiter für die sozialistische Tageszeitung Neue Zeit zu schreiben begonnen, als Swarowsky 1947 musikalischer Leiter der Grazer Oper wurde. Damit kam ein Schüler Schönbergs und Weberns in diese, aus lokalpolitischer Sicht wichtige musikalische Position. Der persönliche Kontakt mit einem Vertreter der Schönberg-Schule war für Kaufmann von großer Bedeutung. Für die Werke von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, aber auch für die deren Schüler hat sich Kaufmann als Volksbildner, Journalist und Wissenschaftler vehement eingesetzt. Ende der 1950er Jahre präsentierte Kaufmann Teile des Manuskripts erstmals einer größeren Öffentlichkeit: am 14. November 1959 eröffnete Kaufmann in der Grazer UraniaIn den Monaten nach Ende des Zweiten Weltkriegs beteiligte sich Kaufmann beim Wiederaufbau der Österreichischen Urania für Steiermark. Im Rahmen des Volksbildungswerkes hielt er in den 1940er und 1950er Jahren hunderte von Vorträgen über Musik mit den Schwerpunkten Wiener Schule und Avantgarde. Zum Wiederaufbau der Grazer Urania siehe: Walter Ernst, Markus Jaroschka: "Die Schaukal-Ära und Graz" in: Karl Acham (Hrsg.): Kunst und Geisteswissenschaften aus Graz. Böhlau, Wien 2009, S. 683. eine Vortragsreihe unter dem Titel „Das Wiener Judentum – Sein Beitrag zum modernen jüdischen Intellektualismus.“ Eine weitere Reihe ab dem 11. Januar 1960 trug den Titel: „Das Wiener Judentum – Sein Beitrag zum modernen jüdischen Intellektualismus. Nach der sozialphilosophischen Grundierung werden nun geisteswissenschaftliche Einzelanalysen der großen jüdischen Künstlerpersönlichkeiten und Wissenschaftler folgen.“ Zu dieser Zeit war das Manuskript in der heute vorliegenden Form weitgehend abgeschlossen. Es finden sich vereinzelt Notizen in den Arbeitstagebüchern, die auf mehr oder weniger konkrete Publikationspläne schließen lassen, jedoch allesamt nicht umgesetzt wurden. Den letzten Hinweis auf eine geplante Veröffentlichung notierte Kaufmann im Januar 1967 im Zusammenhang mit Überlegungen für eine Schriftenreihe des Instituts für Wertungsforschung: „Auch mein Judenbuch könnte in Form von Institutsvorlesungen zustande kommen.“Kaufmann gründete 1967 als Vorstand das Institut für Wertungsforschung (jetzt: Institut für Musikästhetik) an der Grazer Musikakademie (jetzt: Universität für Musik und darstellende Kunst Graz) und gab seit 1968 die Studien zur Wertungsforschung heraus. Kaufmanns früher Tod knapp 42-jährig im Jahr 1970 ließ auch dieses Projekt unvollendet.Gottfried Krieger: „Geist aus dem Ghetto – Zum jüdischen intellektuellen Wien der Jahrhundertwende“. Ein unveröffentlichtes Buchprojekt des österreichischen Philosophen und Musikforschers Harald Kaufmann. In: transversal. Zeitschrift für Jüdische Studien. 13. Jahrgang, 1/2012, S. 7–26.

Teil 1: Das Material

Das etwa 350 Seiten umfassende Manuskript gliedert sich in vier Teile. Der erste Abschnitt (Das Material) bringt einen historischen Abriss und umfasst 17 Kapitel mit insgesamt 57 Seiten.Die Beschreibung des Manuskripts bezieht sich auf einen Vortrag von Gottfried Krieger, gehalten am 24. Oktober 2011 an der Universität Hamburg auf Einladung des Forum Musikwissenschaft e.V.; 15 Seiten, unveröff. Kaufmann stellt, nach einem kurzen Vorwort, die Frage "Wer ist Wiener Jude" und beantwortet diese mit einer soziologisch-konfessionellen Definition. Wiener Jude sei "mit Sicherheit nur derjenige, der einem bestimmten jüdischen Kollektiv entwachsen ist oder seine Generationenreihe auf ein solches Kollektiv zurückführen kann. Dieses Kriterium ist rein gesellschaftlich, doch mündet es, von den Bestimmungspersonen drei, vier, höchstens fünf Geschlechterfolgen zurückgezählt, bei allen Wiener Juden mit Bestimmtheit in der religiösen Bindung." In den folgenden Kapiteln behandelt Kaufmann Fragestellungen wie die Judenpolitik der Habsburger, die Lebensumstände in den ostjüdischen Ghettos sowie den jüdischen Zuzug nach Wien im 19. Jahrhundert.

Das zentrale Kapitel im ersten Teil ist Kapitel Nummer elf. Unter der Überschrift Die Generationen entwickelt hier Kaufmann seine entscheidende These, nämlich die einer vom Materiellen zum Geistigen vorstoßenden Abfolge von Generationen: "Ein schematisierter Längsschnitt durch die Geschichte dieses liberal-nationalen Jahrhunderts der Wiener Juden, von den Tagen des Vormärz bis zum Blutbad des Todesmärz im Jahre 1938, zeigt in seiner interessantesten Kurve vier typische Generationsfolgen: die Großväter, die das Ghetto noch gekannt haben, die Väter, die als Händler oder Geldleute nach Wien zogen, die Söhne, die – in der Mehrzahl noch irgendwo in der böhmischen, mährischen oder ungarischen Provinz auf die Welt gekommen – sich die Waffen des Geistes erkämpften, und schließlich die Enkel, die so oft zu intellektueller Bedeutungslosigkeit verurteilt waren."

Kaufmann ordnet jeder Generation bestimmte psychische Dispositionen zu. Diese wiederum hätten großen Einfluss auf die geistige und künstlerische Produktion. So verberge sich hinter den besonderen Lebensumständen in den ostjüdischen Ghettos (also der Generation der Großväter) zum einen das "Geheimnis der gestauten Kraft". Zum anderen, so Kaufmann, sind diese Lebensumstände auch verantwortlich für die Disposition für extreme seelische Zustände. Die Väter-Generation nutzte die liberalen politischen Verhältnisse für den wirtschaftlichen Aufstieg, während Angst- und Verlustgefühle verdrängt werden: "Die Abwehrkräfte mußten auf den Plan, die psychische Situation eindeutig zu machen; man durfte es sich selbst nicht eingestehen, daß etwas verloren war, denn man hatte diesen Verlust gewollt und befürwortet." In der Generation der Söhne bricht das Verdrängte wieder auf, wird aber gleichsam positiv umgedeutet und erfährt eine Hinwendung zum Analytischen und Geistigen: "Die Haßliebe, die Ambivalenz der Gefühle, das zwiespältige Bewußtsein, mit dem Kollektiv Ungeahntes verloren zu haben, während andererseits doch auch wieder Außergewöhnliches gewonnen war – alles das kehrte eruptiv in das Denken dieser Generation zurück. Ein gewaltiger, unheimlicher Zwang erfaßte sie, diese ihre Eigenart intellektuell zu umkreisen und zu erklären, in Varianten, die ihnen selbst nicht verständlich waren. Es ist das Thema unseres Buches, das Thema des Wiederholungszwanges."

Teil 2: Die Chronik

In diesem Teil versucht Kaufmann, seine im ersten Abschnitt aufgestellte Generationen-These statistisch zu untermauern. Das erste Kapitel (Zählung) behandelt die jüdische Bevölkerungsentwicklung in Österreich. Das zweite beinhaltet einen statistischen Vergleich der vorwiegend in Wien angesiedelten Juden mit Nichtjuden unter den Aspekten Geschlecht, Krankheit und Kriminalität. Das dritte Kapitel (Beruf und Schule) zeigt den bildungspolitischen Aufstieg eines Teiles der jüdischen Bevölkerung Wiens zwischen den Jahren 1890 und 1925 anhand von Belegzahlen an Wiener Gymnasien und Universitäten.

Kapitel Nummer vier bis 16 beinhalten Namen und Lebensdaten Wiener Juden, geordnet nach verschiedenen geistigen Berufen: Finanzwelt und Industrie; Rabbiner, Prediger und Kantoren; Publizisten und Zionisten; Mediziner; Juristen; Sozialpolitiker und Wirtschaftler; Naturwissenschaftler und Techniker; Philosophen; Sammler und philosophische Geisteswissenschaftler; Literaten und Journalisten; Komponisten; Maler, Architekten, Bildhauer, Kunsthändler und Kunsthandwerker; Theaterdirektoren, Regisseure, Schauspieler und Sänger; Instrumentalisten und Dirigenten; Politiker. Jeder einzelne Name ist mit Geburts- und ggf. Sterbedatum sowie dem Geburtsort (für den Fall, dass es sich dabei nicht um Wien handelt) versehen. Kaufmann führt auch Namensvarianten an und macht kurze Angaben zu den Leistungen der Person auf ihrem jeweiligen Fachgebiet.

Teil 3: Die Analyse

Teil drei umfasst rund 90 Seiten Typoskript. Der Titel Die Analyse bezieht sich direkt auf Sigmund Freud und die von ihm entwickelte Methode der Psychoanalyse. Sie stellt für Kaufmann die zentrale geistige Leistung dar, die das jüdisch-intellektuelle Wien hervorgebracht hat. Mehrere Kapitel widmet er den Erkenntnissen und Thesen Freuds zum Unbewussten. Die entsprechenden Kapitelüberschriften lauten: Der Vaterkomplex, Traumdeutung oder Eros und Tod. Wiederum bringt Kaufmann psychische Dispositionen mit den soziokulturellen Bedingungen in den ostjüdischen Ghettos in Verbindung: "Den Generationen des Ghettos war das Dunkle, das feinfühlig nebeneinander bestehende Gegensätzliche, das psychisch Ambivalente der nach außen eindeutigen Erscheinung nicht unvertraut. Gedankengänge wie Aussperren, Verdrängen, Verzichten und Warten vor der Türe waren ihr soziales Schicksal seit Jahrhunderten. Die Ghettopsyche war angereichert mit der Dynamik zurückgestauter 'verdrängter' Energien." Ambivalenz, psychische Gespanntheit und vor allem ein ambivalentes Verhältnis zum Vater sind für Kaufmann Charakteristika jener "Ghettopsyche": "Niemand hat am Segen und Fluch der väterlichen Herkunft nachhaltiger und verzweifelter getragen als diese jüdische Generation des Geistes."

Kaufmanns versucht in der Folge, den wechselseitigen Einfluss zwischen den Ideen Freuds und der Literatur jüdischer Autoren aufzuzeigen. In Kapiteln, die er Melancholie und Begeisterung, Die Wundersehnsucht, Die Kritik oder Der Witz überschreibt, zieht er Parallelen zwischen Psychoanalyse und Literatur. Diese, die Literatur nämlich, betreibe ebenfalls Seelenanalyse: "Zugleich mit Freud oder fasziniert durch Freud war die ganze Generation am Werk. Sämtliche dramatis personae dieses Buches sind Seelenanalytiker." Zu diesen "Seelenanalytikern" gehören für Kaufmann vor allem Autoren wie Stefan Zweig, Franz Kafka, Hermann Broch, Franz Werfel, Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal, Egon Friedell, Peter Altenberg oder Karl Kraus. Sie werden in Geist aus dem Ghetto immer wieder ausführlich zitiert.