mini|Nationaltheater Mannheim mini|Nationaltheater Mannheim, Foyer Das Nationaltheater Mannheim (NTM) ist ein Vierspartentheater in Mannheim mit eigenen Ensembles für Musiktheater (Oper), Schauspiel, Tanz und dem Jungen Nationaltheater. 2012 hat das Nationaltheater sein Angebot mit der Mannheimer Bürgerbühne erneut erweitert. Mit der Übernahme der Schauspielintendanz durch Christian Holtzhauer erhielt diese eine neue Bezeichnung als Mannheimer Stadtensemble. Die Junge Bürgerbühne besteht innerhalb des Jungen Nationaltheaters weiter. Mit den zweijährlich stattfindenden Internationalen Schillertagen und dem Mannheimer Mozartsommer (seit Spielzeit 17/18 Mannheimer Sommer) sowie seinen jährlich über Vorstellungen für rund 350.000 Besucher ist das Nationaltheater als das Flaggschiff der Metropolregion Rhein Neckar allgegenwärtig und erreicht ein breites regionales und überregionales Publikum.
Gegründet von Kurfürst Carl Theodor als „stehende Bühne“ mit festem Ensemble in der Nachfolge des höfischen Theaters wurde das Nationaltheater bereits 1839 vollständig städtischer Verantwortung unterstellt und ist damit heute eines der ältesten kommunalen Theater der Welt.
Geschichte Altes Nationaltheater von 1777 mini|Das teutsche Komödienhaus (Kupferstich der Brüder Klauber, 1782) mini|Soufflierbuch der Mannheimer Uraufführung von Schillers Drama „Die Räuber“, 1782 mini|Infotafel zum Alten Nationaltheater Mannheim
Der erste Bau des Nationaltheaters entstand in Mannheim auf Anregung des Kurfürsten Karl Theodor, der den Umbau des kurfürstlichen Zeug- und Schütthauses in ein dreigeschossiges Theaterhaus unter Leitung des Baumeisters Lorenzo Quaglio veranlasste. Quaglio erweiterte die Fassade des ursprünglich schmucklosen Baus um einen Mittelrisalit mit Balkonvorbau sowie um zwei sechsachsige Eckrisaliten. Der Giebel wurde um ein Stockwerk angehoben und mit einem Relief von Johann Matthäus van den Branden (1718–1788) geschmückt, das Apoll und die neun Musen zeigte. Van den Branden schuf auch die Urnen und Figuren auf den drei Balkonen.
Im Frühjahr des Jahres 1777 begann der Spielbetrieb an der ersten „deutschen Nationalschaubühne“, und Theobald Hilarius Marchand, der Vater von Maria Marchand, wurde deren erster Leiter. Im darauf folgenden Jahr wurde Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg mit der Leitung des Nationaltheaters betraut, das der Kurfürst als Ausgleich für den Wegzug des Hofes nach München in Mannheim bestehen ließ. Gleichzeitig mit der Eröffnung der Mannheimer Bühne hatte Karl Theodor seine bisherige ausländische Hoftheatergruppe aufgelöst; sein Opernensemble blieb bestehen, folgte ihm jedoch nach München. In Mannheim bestritten daher zunächst Wandertruppen das Programm, bis Dalberg die Seylersche Schauspiel-Gesellschaft, darunter Mitglieder des ehemaligen Gothaer Ensemble des verstorbenen Theaterleiters Conrad Ekhof, verpflichtete, dem mit August Wilhelm Iffland, Heinrich Beck und Johann David Beil mehrere herausragende Darsteller angehörten. Abel Seyler selbst wurde als Direktor des Mannheimer Theaters ernannt und übernahm die künstlerische Leitung. Das Ensemble gab am 17. Oktober 1779 sein Debüt mit dem Stück Geschwind eh’ es jemand sieht. Spätere Jubiläen nahmen stets auf diese Premiere Bezug.
Am 13. Januar 1782 wurde Friedrich Schillers Drama Die Räuber in Anwesenheit des Dichters uraufgeführt. Schiller war ab dem Folgejahr auch Mannheims erster Theaterdichter – eine Funktion, die unter der Schauspieldirektion Bruno Klimeks (1996–2000) wiederbelebt wurde. Schillers philosophierende Stücke waren in Mannheim jedoch nicht sehr erfolgreich, so dass er die Stadt 1785 verließ. Wesentlich erfolgreicher waren dagegen unterhaltsame Stücke, die, insbesondere ab 1792, nachdem Iffland die Regie übernommen hatte, das Programm bildeten. Die Napoleonischen Kriege führten zu häufigen Spielpausen. Iffland verließ das Haus, um in Berlin Direktor des dortigen Nationaltheaters zu werden. Dalberg übertrug sein Amt seinem Schwiegersohn Friedrich Anton von Venningen, der als wenig befähigt galt und 1816 wegen politischer Umtriebe abgesetzt wurde. Der Niedergang Mannheims zur Provinzstadt wirkte sich auch auf das Nationaltheater aus, dessen Intendantenstelle zeitweise unbesetzt blieb oder kommissarisch verwaltet wurde.
Als Folge eines Streites über die Finanzierung des Theaters zwischen der Stadt Mannheim und dem Staat übergab ein Ministerialerlass vom 16. April 1839 die Verantwortung für das Theater an die Stadt. Damit wurde es das erste kommunale Theater in Deutschland. Der anschließende Aufschwung des Hauses geht im Wesentlichen auf den Dekorationsmaler Joseph Mühldorfer zurück, dessen Bühnenbilder und Aufbauten internationale Anerkennung fanden. In den Jahren 1853 bis 1855 wurden Bühne und Zuschauerraum durch Mühldorfer komplett umgestaltet und das Haus um eine Étage aufgestockt. Außerdem wurden die zwischen den Vorbauten gelegenen Außenhöfe überbaut, so dass die einst harmonisch gegliederte Fassade verlorenging und das Bauwerk als „kasernenartig“ bezeichnet wurde. Auf dem ursprünglich freien Komödienplatz wurden 1862 bis 1866 Bronzedenkmäler für Schiller, Iffland und Dalberg errichtet.
Die musikalischen Aufführungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren geprägt vom Dirigenten Vinzenz Lachner, der neben traditionellen Werken auch moderne, zeitgenössische Werke aufführte. Lediglich Richard Wagner stieß bei Lachner auf Ablehnung, so dass dessen Werke erst nach Lachners Ruhestand 1881 verstärkt zur Aufführung kamen; zeitweise dominierten Wagner-Werke sogar den Spielbetrieb. Zwischen 1896 und 1899 war der Komponist Emil Nikolaus von Reznicek Mannheimer Hofkapellmeister.
Eine bedeutende Hochphase erlebte das Mannheimer Nationaltheater unter dem Intendanten Carl Hagemann ab 1906. Zu seinem Ensemble zählten Kapellmeister Wilhelm Furtwängler, Oberregisseur Richard Weichert und Bühnenbildner Ludwig Sievert. Hagemanns Ensemble spielte sich, auch mit der Aufführung neuer expressionistischer Stücke, in die erste Reihe der deutschen Theater zurück, nicht zuletzt nachdem die Theaterlandschaft in Berlin während des Ersten Weltkrieges an Bedeutung verloren hatte. Unter der Intendanz von Francesco Sioli (1924–1927) fand eine verstärkte Förderung des Nachwuchses und eine Verjüngung des Ensembles statt, wodurch es mit einem ebenfalls neuen Leitungsteam, unter anderem Hermann Wlach als Oberspielleiter und Heinz Dietrich Kenter als Regisseur, möglich war, eine Modernisierung des Spielplanes zu bewirken, woraus sich eine Vielzahl von Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Musikwerke und Dramen der Gegenwartsliteratur entwickelten.
In Mannheim darüber hinaus engagiert waren Gustav Rudolf Sellner, Ernst Langheinz, Ida Ehre, Gertrud Bindernagel, Eugen Jochum, Margarete Klose, Erna Schlüter, Margarete Teschemacher, Valentin Haller, Willy Birgel, Joseph Offenbach, Bum Krüger, Annemarie Schradiek, Erich Musil und andere.
Während einer Vorstellung von Carl Maria von Webers Der Freischütz wurde Mannheim am 5. September 1943 durch die Royal Air Force bombardiert. Hierdurch wurden große Teile der Stadt und auch das Nationaltheater zerstört. An der Stelle des alten Nationaltheaters am Schillerplatz in B 3 steht heute eine Infotafel., Stadtarchiv Mannheim.
Nachkriegsprovisorium in der Schauburg Nach dem Krieg zog man provisorisch in die Schauburg, ein ehemaliges Kino im Quadrat K 1. Der erste Nachkriegs-Intendant, Carl Onno Eisenbart, hatte noch 1945 die Lizenz zur Durchführung musikalischer und theatralischer Aufführungen erhalten. Ihm folgten mehrere ebenfalls nur kurz wirkende Intendanten, darunter Richard Payer, der sich zu Tode stürzte, bevor 1951 mit Hans Schüler wieder ein bedeutender Intendant gefunden war. Anlässlich des 175-jährigen Jubiläums wurde 1954 der Schillerpreis der Stadt Mannheim gestiftet.
Neues Nationaltheater von 1957 Gebäude mini|Nationaltheater Mannheim, Opernhaus Nachdem erste Ideen, ein neues Theater im Ostflügel des Mannheimer Schlosses einzurichten, verworfen worden waren, entschied man sich dafür, einen Neubau am Goetheplatz zu errichten. 1953 wurde ein beschränkter Architekturwettbewerb für ein neues Theater durchgeführt, an dem sich nur dazu aufgeforderte Architekten beteiligen konnten. Zu ihnen gehörten Ludwig Mies van der Rohe, Rudolf Schwarz, Hans Scharoun und Richard Döcker. Der Vorsitzende des Preisgerichts war Hans Schwippert. Die Stadt Mannheim folgte der Empfehlung der Preisrichter, Ludwig Mies van der Rohe und Rudolf Schwarz zu einer Überarbeitung ihrer Vorschläge aufzufordern, was diese ablehnten. Daraufhin beauftragte die Stadt Mannheim die Architekten Otto Ernst Schweizer und Gerhard Weber, einen Schüler Mies van der Rohes, 1954 mit neuen Entwürfen.
Schließlich entschieden sich die Verantwortlichen für die Planung von Gerhard Weber, nach dessen Konzeption von 1955 bis 1957 ein neues Theatergebäude am Goetheplatz (also nicht an der Stelle des zerstörten Nationaltheaters) erbaut wurde. Es besteht aus einem Großen Haus (Opernhaus, ca. 1.200 Plätze) und einem Kleinen Haus (Schauspielhaus, ca. 630 Plätze mit variabler Sitzordnung), die sich ein gemeinsames Foyer teilen.
Für die Gestaltung der stadteinwärts gerichteten Westfassade wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den Hans Leistikow gewann. Er gestaltete ein Mosaikfries mit Figuren der Commedia dell’arte.
Am 13. Januar 1957 wurde der Neubau durch gleichzeitig stattfindende Vorstellungen von Webers Der Freischütz im Opernhaus, Dirigent: Herbert Albert, und Schillers Die Räuber im Kleinen Haus in einer Inszenierung von Erwin Piscator eingeweiht.Klaus Wannemacher: Erwin Piscators Theater gegen das Schweigen. Max Niemeyer, Tübingen 2004, S. 88–95. Noch im gleichen Jahr wurde Architekt Weber für sein wegweisendes Konzept auf der Biennale in Sao Paulo als bester Theaterarchitekt geehrt.
Bei der umfangreichen technischen Sanierung des Hauses 1992–1994 (während der Intendanz von Klaus Schultz, 1992–1996) wurden Beleuchtung und Bühnentechnik komplett erneuert und über dem Schauspielhaus ein Bühnenturm errichtet.
Das Gebäude ist heute ein Kulturdenkmal aufgrund des Baden-Württembergischen Denkmalschutzgesetzes.Melanie Mertens: „Unsere modernste Bühne“. Das Nationaltheater in Mannheim. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hg.): Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichten der Landesdenkmalpflege 4/2017. ISSN 0342-0027, S. 314f. An das 60-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung am 18. Juni 1954 erinnert seit Juni 2014 eine Tafel der „Stadtpunkte – Mannheimer Geschichte vor Ort“ an der Außenfassade des Nationaltheaters. Gleichzeitig wurde vor dem Nationaltheater eine Sehstation im Rahmen des Baukulturpreises der Stadt Mannheim aufgestellt. Die roten Betonwürfel machen auf gute Architektur in Mannheim aufmerksam.
Ergänzungen und Entwicklungen mini|Das 2008 eröffnete Werkhaus mini|Die Bühne im Studio 1972 kam als weitere Spielstätte die Studiobühne im Werkhaus dazu.
1978 wurden durch den Intendanten Arnold Petersen die Internationalen Schillertage gegründet. Zu diesem Festival werden erfolgreiche Inszenierungen von Schillers Werken aus dem In- und Ausland eingeladen. 2019 fand es zum 20. Mal statt.
1979 wurde das Kinder- und Jugendtheater Schnawwl mit eigenem Ensemble gegründet. Es hat seine Hauptspielstätte in der umgebauten Alten Feuerwache in der Mannheimer Neckarstadt. Im September 2019 jährte sich die Gründung des ältesten kommunalen Kinder- und Jugendtheaters mit einer eigenen Spielstätte in Baden-Württemberg zum 40. Mal.