Die Bernauer Straße in den Berliner Ortsteilen Gesundbrunnen und Mitte ist eine Hauptverkehrsstraße auf dem nördlichen Innenstadtring und Ort der Gedenkstätte Berliner Mauer. Auf gut 1,4 Kilometern Länge führt sie vom Nordbahnhof in Berlin-Mitte zum Mauerpark in Prenzlauer Berg. Aufgrund ihrer bewegten Vergangenheit direkt an der Berliner Mauer gilt die Bernauer Straße als ein „Brennpunkt der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte“.Die Bernauer Straße. stiftung-berliner-mauer.de Benannt wurde sie 1862 nach der Stadt Bernau.
Lage Straßenverlauf Die Bernauer Straße beginnt rund 1,5 Kilometer nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße an der Kreuzung mit der Gartenstraße und verläuft zunächst nordostwärts durch den Ortsteil Gesundbrunnen. Unmittelbar südlich entlang der Straße verläuft über ihre gesamte Länge die Grenze zum Ortsteil Mitte. Nach knapp sechshundert Metern schwenkt die Straße in einem Knick auf ostnordöstliche Richtung und endet am Südeingang des Mauerparks an der Schwedter Straße, wo sie auf fünfzig Metern Länge im Ortsteil Prenzlauer Berg liegt.Topografische Karte von Berlin 1:5000 (K5)
In ihrem Verlauf steigt die Bernauer Straße in nordöstlicher Richtung um gut zwölf Höhenmeter an.Kreuzung Gartenstraße: ; Kreuzung Schwedter Straße: . Siehe: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen: Geoportal Berlin. Karte: ATKIS® DGM – Digitales Geländemodell stadt-berlin.de Sie überwindet dabei die geologische Grenze des Warschau-Berliner Urstromtals zur Hochfläche des Barnim.
Die Hausnummern verlaufen in Hufeisenform, beginnend an der Ackerstraße bis zur Nr. 50 an der Schwedter Straße und von dort zurück zum Haus Nr. 119 an der Gartenstraße. Die Bernauer Straße gehört zu den historischen Stadtteilen Oranienburger Vorstadt und Rosenthaler Vorstadt.Straube-Plan 1874
Ehemalige Sektorengrenze an der Südseite der Straße Zu Beginn des Mauerbaus 1961 standen an der Bernauer Straße zahlreiche Häuser aus der Gründerzeit in Blockrandbebauung. Die damalige Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief an der Südseite der Straße direkt entlang der Häuserfront. Die dortigen Häuser standen auf dem Boden der DDR, der Gehweg vor der Haustür gehörte bereits zu West-Berlin.
Heute liegen die südlich an die Straße grenzenden Grundstücke im Ortsteil Berlin-Mitte. Die nördlich an die Straße grenzenden Grundstücke sowie die Fahrbahn und beide Gehwege liegen im Ortsteil Gesundbrunnen beziehungsweise Prenzlauer Berg.
Verkehr
Straßenbahn Durch die Bernauer Straße fährt seit 1908 auf voller Länge eine Straßenbahn, es war die erste kommunale Straßenbahnlinie der Stadt. Als Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 eine Viersektorenstadt wurde, kreuzte die Trasse an der Schwedter Straße die Grenze zwischen sowjetischem und französischem Sektor, und das Straßenbahnpersonal von BVG-West und BVG-Ost musste an dieser Stelle gewechselt werden. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurde der Straßenbahnverkehr auf der Bernauer Straße 1964 eingestellt und die Oberleitungen und Schienen größtenteils entfernt. Erst 2006, sechzehn Jahre nach der Wiedervereinigung Berlins, wurde der Straßenbahnverkehr wieder aufgenommen. Seitdem verkehrt hier die Linie M10.
Historisch wurde die Bernauer Straße von mehreren Straßenbahnlinien gekreuzt. Bereits ab 1888 fuhr durch die Ackerstraße die Gelbe Linie der Neuen Berliner Pferdebahn.Straßenbahn Fahrplan 1890. berliner-linienchronik.de Ab 1899 rollte auf gleicher Strecke die elektrische Linie 3 auf dem Großen Ring der Großen Berliner Straßenbahn. Ab 1900 kreuzte die Bernauer Straße auch eine Tram auf der Brunnen- sowie auf der Swinemünder Straße.Straßenbahn Fahrplan 1901. berliner-linienchronik.de
U-Bahnhof Bernauer Straße Unmittelbar südlich der Kreuzung mit der Brunnenstraße eröffnete 1930 der U-Bahnhof Bernauer Straße (bis 1966: Linie D, heute Linie U8). Der Tunnel kreuzt die Bernauer Straße in einfacher Tieflage direkt unterhalb der Straßendecke. Der U-Bahnhof, erbaut im Stil der Neuen Sachlichkeit, steht heute unter Denkmalschutz. Durch den Mauerbau war er von 1961 bis 1990 ein reiner Durchfahrtsbahnhof, ein sogenannter „Geisterbahnhof“. Der nördliche Eingang an der Bernauer Straße war zugemauert, der südliche Eingang versperrt und gesichert. Über diesen Eingang erreichten die Wachposten der DDR-Grenztruppen den Bahnhof – für den Fahrgastverkehr war er gesperrt.
Fahrbahn und Fahrradwege
2006 wurden im Rahmen des Baus des nördlichen Innenstadtrings das Kopfsteinpflaster gegen eine Asphaltdecke ausgetauscht, die Fahrbahn von 11,2 auf 12 Meter verbreitert und vierspurig ausgebaut sowie auf gesamter Länge neue Fahrradwege angelegt. Die Straßenbahngleise wurden auf zwei Mischspuren in der Straßenmitte verlegt.Auferstanden aus Ruinen – Innenstadtring statt nachhaltiger Mobilitätsplanung? Kleine Anfrage der Abgeordneten Claudia Hämmerling vom 5. Juli 2004 und Antwort. Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 15/11 675, Berlin, 2004. S. 2. Für den Ausbau waren 2004 insgesamt 160 Straßenbäume gefällt worden, als Ersatz wurden zu beiden Seiten mehr als einhundert Platanen (Platanus acerifolia) angepflanzt.Geoportal, Karte Baumbestand Berlin. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.Baumfällungen in der Bernauer Straße. Kleine Anfrage der Abgeordneten Claudia Hämmerling vom 22. Juni 2004 und Antwort. Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 15/11 652. Berlin 2004. Entlang der Bernauer Straße verläuft der Berliner Mauerweg. An der Schwedter Straße kreuzt der Radfernweg Berlin–Usedom.
Geschichte Eine Bernauer Straße mit Bernauer Thor gab es in Berlin bereits im 18. Jahrhundert, allerdings an anderem Ort: von etwa 1720–1809 war der Name Bernauer Straße für die heutige Otto-Braun-Straße / Greifswalder Straße gebräuchlich.Abraham Guibert Dusableau: Plan von der Konigl: Residentz Stadt Berlin. 1723.
Um 1800: Wüste Gegend im Berliner Norden Das Gebiet um die heutige Bernauer Straße war bis ins 17. Jahrhundert bewaldet, dann abgeholzt und bis in die 1850er Jahre sandiges Brach- und Ackerland. Südlich befand sich das sogenannte Vogtland vor dem Rosenthaler Tor, eine für ihre Armut bekannte Arbeiterkolonie.
Westlich befand sich Mitte des 18. Jahrhunderts die Scharfrichterey (heutiger Ort: Nordbahnhof) und nördlich davon später ein Galgenberg mit Galgen- und Gerichtsstätte (heutiger Gartenplatz).Siehe: Königlich Preussischer grosser Generalstab: Grundriss von Berlin mit nächster Umgegend, Berlin, 1835 Eine der wenigen Straßen in der Gegend war die bereits im 18. Jahrhundert gepflasterte heutige Brunnenstraße, die vom Rosenthaler Tor zum Friedrichs-Gesundbrunnen führte. Weiter nordöstlich wurde 1825 ein Exerzierplatz der preußischen Armee angelegt, der heutige Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark.
1827 gründete die Sophiengemeinde nördlich der oberen Bergstraße ihren Friedhof II, und erweiterte ihn 1852 nordwestlich bis an die heutige Bernauer Straße. Ein weiterer Friedhof wurde 1844 von der Gemeinde der Elisabethkirche nördlich der Ackerstraße angelegt und bis Ende der 1860er Jahre bis zur Bernauer Straße erweitert. Beide Friedhöfe existieren noch heute. Wenige Meter westlich von ihnen hinter der Bergstraße eröffnete 1842 der Stettiner Bahnhof.
1862: Anlage der Straße und folgende Bebauung Die Straße nördlich der Friedhöfe entwarf Stadtplaner James Hobrecht 1862 in seinem Plan zum Ausbau von Berlin in Teilen zunächst als Straße 50 und Straße 80 der Abtheilung IX, sie führte anfangs von der Bergstraße über die Acker- und Brunnenstraße bis zum Verlorenen Weg (Schwedter Straße). Der Straßenteil nordöstlich der Brunnenstraße war dank der größeren Gehwege einige Meter breiter.Straßen und Baufluchtlinien vom 26.7.1862. Verzeichnet in: Der Senator für Bau- und Wohnungswesen V: Bebauungsplan III-57. Berlin, 1971. Sowie in: ders.: Bebauungsplan III-60. Berlin, 1979. Am 29. Mai 1862 wurde die Straße nach der Stadt Bernau benannt. Zu dieser Zeit waren in der Bernauerstraße, so die damalige Schreibweise, gut siebzig Personen in neunzehn Häusern registriert. Ab 1866 wurde die Straße gepflastert.Regulierung und Pflasterung der Bernauer Straße. Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin, 1866–1901. Landesarchiv Berlin, A Rep. 000-02-01
mini|Bernauer Straße mit Lazarus-Krankenhaus, 1870
Lazarus-Krankenhaus Die Industrialisierung in der Gründerzeit führte auch in der Bernauer Straße zu viel Bautätigkeit und schnellem Bevölkerungswachstum. Gegenüber dem Sophienfriedhof, nördlich an der Bernauer Straße, gründete Wilhelm Boegehold 1865 die Lazarus-Kapelle – ein kleiner Krankensaal im selben Gebäude folgte ein Jahr später. Bereits 1867–1870 wurde das Lazarusstift mit Unterstützung des Industriellen Louis Schwartzkopff um einen großen klassizistischen Krankenhausanbau erweitert, der 1914 aufgestockt wurde. 1871 wurde am Lazarus-Krankenhaus einer der ersten Berliner Kindergärten gegründet. Das Ensemble aus acht Gebäuden ist heute das einzige aus dem 19. Jahrhundert erhaltene Bauwerk an der Bernauer Straße.Karte Gebäudealter 1992/93. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.
Mietshäuser und Meyers Hof Entlang der Bernauer Straße wurden eine Reihe gründerzeitlicher Wohnhäuser errichtet. Direkt hinter dem Lazarus-Krankenhaus entstand ab den 1870er Jahren eine der bekanntesten Berliner Mietskasernen, der sogenannte Meyers Hof, ein hochverdichteter Wohn- und Arbeitskomplex mit 257 Wohnungen und 13 Gewerbebetrieben mit Eingang an der Ackerstraße. Bis zu zweitausend Menschen lebten in dem fünfgeschossigen Bau mit sechs Hinterhöfen. Meyers Hof gilt als extremes Beispiel für die damals mitunter sehr engen und einfachen Lebensumstände des Proletariats rund um die Bernauer Straße und in ganz Berlin.Andreas Robert Kuhrt: Eine Reise durch die Ackerstraße, Kapitel: 29–35: Meyers Hof. Berlin, 1997.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus. 1862–1945. Eine dokumentarische Geschichte von Meyer’s Hof in der Ackerstraße 132–133, der Entstehung der Berliner Mietshausquartiere und der Reichshauptstadt zwischen Gründung und Untergang. Band 2, München, 1984.
Gemeindeschulen 1872 eröffneten zwischen Strelitzer- und Brunnenstraße zur gleichen Zeit die 35. Gemeindeschule für Knaben an der Bernauer Straße 89/90 und die dahinter gelegene 61. Gemeindeschule für Mädchen an der Stralsunder Straße. Sie boten Platz für insgesamt 30 Klassen. 1887 kam auf dem Hofgelände die katholische 148. Gemeindeschule mit 20 Räumen für 13 Klassen hinzu. Anstelle der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schulgebäude steht heute die Ernst-Reuter-Schule.Ralf Schmiedecke: Gestern und heute: Ernst-Reuter-Schule. In: Brunnenmagazin, 13. November 2023 Am östlichen Ende der Bernauer Straße ging 1877 der Güterbahnhof der Berliner Nordbahn in Betrieb.
Versöhnungskirche
Mit der wachsenden Bevölkerung wuchs auch die Elisabeth-Gemeinde und musste sich schließlich aufteilen: Auf dem nördlichen Friedhofsgelände von St. Elisabeth wurde 1894 die in neugotischem Stil errichtete Versöhnungskirche in Anwesenheit der Stifterin Kaiserin Auguste Viktoria eingeweiht. Der Architekt war Gotthilf Ludwig Möckel. Das große Kirchenschiff bot Platz für eintausend Menschen, die Gemeinde wuchs in den kommenden Jahrzehnten auf mehr als zwanzigtausend Mitglieder.Andreas Robert Kuhrt: Eine Reise durch die Ackerstraße, Kapitel: 16 und 20: Die Versöhnungskirche. Berlin, 1997.
Versöhnungs-Privat-Straße Gegenüber der Versöhnungskirche an den Hinterhöfen der Bernauer Straße 94–100 entstand 1904 mit der Versöhnungs-Privat-Straße eine Art Gegenstück zu Meyers Hof. Der Vaterländische Bauverein baute dort die Deutschen Höfe, die als herausragendes Beispiel genossenschaftlichen Reformwohnungsbaus gelten. Die sechs umbauten Höfe zwischen Hussitenstraße und Strelitzer Straße erinnerten mit wechselnden Baustilen an die Geschichte Berlins vom Mittelalter bis zur wilhelminischen Zeit.Versöhnungs-Privat-Straße. Die Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Sanierung zum Großteil zerstört.