mini|Plakat zur Reichstagswahl 1930: Das Zentrum steht über dem Pöbel der radikalen Linken und radikalen Rechten. Die Geschichte der Deutschen Zentrumspartei beginnt mit dem Jahr 1870, als sich katholische Abgeordnete im Preußischen Abgeordnetenhaus zu einer Fraktion zusammenschlossen. Die Zentrumspartei entwickelte sich zu einer Volkspartei für die Katholiken in ganz Deutschland. Sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik hatte sie erheblichen Einfluss auf die Politik. Sie stellte auch vier Mal den Reichskanzler. Im Jahr 1933, zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus, löste sich die Partei auf, nachdem sie mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitler die benötigte Zwei-Drittel-Mehrheit ermöglichte und so maßgeblich zum Aufstieg Hitler beigetragen hat.

Im Jahr 1945 wurde sie wiedergegründet. Neben ihr bildete sich jedoch die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU), eine breite Sammlung von liberalen, christdemokratischen und konservativen bis nationalistischen Politikern. Auch viele ehemalige Zentrumsmitglieder wie Konrad Adenauer schlossen sich der CDU an. Das neue Zentrum konnte nicht mehr an die Wahlergebnisse der Weimarer Republik anschließen. Dennoch war es von 1949 bis 1957 im Bundestag vertreten, nicht aber in der Bundesregierung.

Das Zentrum beteiligte sich an mehreren Landesregierungen. Als Letztes stellte es Abgeordnete bis 1959 im Landtag von Niedersachsen. In jenem Bundesland und in Nordrhein-Westfalen lagen die Hochburgen der Partei. In Bayern hatte sich schon 1920 die Bayerische Volkspartei vom Zentrum getrennt. Nach 1945 arbeitete das Zentrum mit der Bayernpartei zusammen, die neben der weitaus größeren Christlich-Sozialen Union existiert.

Die heutige Zentrumspartei wurde im Laufe der 1950er Jahre zu einer Kleinpartei. Sie nahm an einigen Bundestagswahlen erfolglos teil. Zusammenschlüsse mit gleichgesinnten Parteien gelangen ihr nicht, während sich christlich-fundamentalistische Gruppen wie die Christliche Mitte von ihr abspalteten. Durch den Übertritt des ehemaligen AfD-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen im Juni 2022 war die Zentrumspartei mit einem Sitz im Europäischen Parlament vertreten.

Alter und Name Katholische Parteien oder Fraktionen hat es bereits vor 1870 in den Parlamenten der einzelnen deutschen Länder gegeben. Lange Zeit verstand man unter einer politischen Partei noch keine Mitgliedsorganisation mit ausgearbeitetem Programm, sondern eher einen Zusammenschluss von Abgeordneten und ihnen Gleichgesinnte. Moderne Parteien entwickelten sich erst ab den 1860er Jahren und danach, als das allgemeine Wahlrecht (für Männer) und staatliche Rahmenbedingungen eine stabile, dauerhafte Organisation erforderten.

Der Name Zentrum stammt daher, dass die Katholiken im Parlament zwischen den Liberalen auf der Linken und den Konservativen auf der Rechten saßen. Schon vor 1870 gab es katholische Fraktionen mit diesem Namen. Heute denkt man bei einer „zentristischen“ Partei allerdings allgemeiner an die politische Mitte, ohne dass damit eine konfessionelle Ausrichtung verbunden sein muss.

Die heutige Kleinpartei Zentrum nennt sich im Untertitel die „älteste Partei Deutschlands“, die immer noch bestehe. Dabei ist zu beachten, dass die heutige Partei eine Neugründung des Jahres 1945 ist. Die Partei von 1870 war zunächst noch keine Partei im heutigen Sinne und hatte sich außerdem 1933 aufgelöst. Anders als zum Beispiel bei der SPD gab es in der Zeit des Nationalsozialismus keinen Exilvorstand. Im Gegensatz zu anderen Parteien verwendet das heutige Zentrum jedoch den alten Namen von 1870. Die SPD kann ihre organisatorischen Wurzeln zwar auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von 1863 zurückführen, trägt ihren heutigen Namen aber erst seit 1891. Als erste deutsche Partei gilt wiederum die Deutsche Fortschrittspartei von 1861, in deren Tradition die FDP steht.

Vorgeschichte und Kaiserreich mini|Plakat zur Gründung der Zentrumspartei Politischer Katholizismus in Deutschland Die Politisierung der katholischen Konfession dauerte lange und verlief nicht geradlinig. Der Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1803 bedeutete das Ende der geistlichen Fürstentümer und führte, wie auch allgemein die Französische Revolution, zu einer neuen Orientierung der deutschen Katholiken. Sie verstanden ihre Religion als Strukturelement für die Gesellschaft. Die deutsche Romantik und ihr Rückblick auf das Mittelalter trugen dazu bei.

Die Politisierung dieser Entwicklung wurde von einigen Faktoren entscheidend bestimmt. Einer von ihnen war die Ablösung der Aufklärungstheologie durch die ultramontane Bewegung (strikte Ausrichtung der katholischen Kirche auf Rom bis hin zum päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma). Diese Entwicklung stieß auf erhebliches Misstrauen sowohl neo-absolutistischer deutscher Fürsten wie auch der religionskritischen Liberalen. Der Konflikt erreichte während des Mischehenstreits der 1830er Jahre einen ersten Höhepunkt. In dessen Verlauf kam es 1837 zur Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering. Diese so genannten „Kölner Wirren“ lösten im katholischen Deutschland eine bislang unbekannte Protest- und Solidarisierungswelle aus.

Auf mittlere Sicht fand der Gegensatz des katholischen Deutschlands gegenüber dem autoritären Staat und dem Liberalismus gleichermaßen seinen politischen Niederschlag. Bereits in der Deutschen Nationalversammlung von 1848 bildete sich in der Frankfurter Paulskirche der Katholische Klub, der einen losen Zusammenschluss katholischer Abgeordneter darstellte. Er war eine Art interfraktionelle Vereinigung und nur auf Verteidigung der Rechte der Kirche gegenüber dem Staat eingestellt. Im Jahr 1852 bildete sich im Preußischen Landtag dann eine katholische Fraktion, die sich 1867 wieder auflöste: Im damaligen Verfassungskonflikt dominierten die konservativen und liberalen Abgeordneten. Auch in den Landtagen der restlichen deutschen Staaten wurden katholische Fraktionen oder fraktionsähnliche Vereinigungen gegründet. Ein Beispiel ist die Katholische Volkspartei in Baden von 1869.

Eine wichtige Rolle in der Phase, die zur Gründung der Zentrumspartei führen sollte, spielten die „Soester Konferenzen“, eine lose Diskussionsrunde um die Brüder Georg und Hermann von Mallinckrodt sowie um Heinrich von Droste zu Hülshoff, Alfred Hüffer, Freiherr Wilderich von Ketteler, Friedrich Wilhelm Weber und Eduard Klein. Das erste Treffen fand am 12. Januar 1864 in Soest statt, und es folgten in unregelmäßigen Abständen weitere Zusammenkünfte, bis 1866 der Deutsche Krieg ausbrach.

Der Sieg des protestantischen Preußens und das Hinausdrängen der österreichischen Schutzmacht der Katholiken im Reich bedeutete einen Rückschlag für den politischen Katholizismus in Deutschland. Gleichwohl war dieser inzwischen kein bloßes Anliegen einer kleinen, gebildeten Oberschicht mehr. Nicht zuletzt dank der massiven Unterstützung durch örtliche Geistliche begann er auch für die katholischen Wähler immer attraktiver zu werden. Für das katholische Sauerland etwa berichteten die Behörden in den 1860er Jahren von einem Vordringen der katholischen Bewegung.

Gründung 1870 Erst 1869, im Jahr vor den Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus, bereitete man wieder die Gründung einer Partei vor. In Ahlen, Münster und Essen nahmen Versammlungen ein Programm an, das vor allem von Hermann von Mallinckrodt sowie Peter Reichensperger entworfen worden war. Es forderte die Unabhängigkeit kirchlicher Institutionen. Die Konfessionsschulen und die kirchliche Schulaufsicht sollten erhalten bleiben. Die Gründung eines deutschen Gesamtstaates sollte auf föderaler Basis erfolgen und den Gliedstaaten eine relativ große Unabhängigkeit eingeräumt werden.

mini|hochkant|Ludwig Windthorst war bereits Abgeordneter im Norddeutschen Reichstag. Er wurde einer der bekanntesten katholischen Politiker im Kaiserreich. Das Essener Programm (30. Juni 1870) forderte ansatzweise bereits eine Sozialpolitik: Der Staat solle darauf hinwirken, dass die sozialen Missstände beseitigt werden. Die Steuerlast sollte gerechter verteilt, der Militärhaushalt nicht erhöht werden.

Das Soester Programm vom 28. Oktober 1870 erlangte schließlich die größte Bedeutung unter den frühen Programmschriften, da auf seiner Basis die führenden Kräfte der Gründung in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt wurden. Am 13. Dezember 1870 gründeten 48 Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses die „Fraktion des Zentrums“, deren erster Vorsitzender Karl Friedrich von Savigny wurde. Daneben waren Peter Reichensperger und August Reichensperger, Hermann von Mallinckrodt, Ludwig Windthorst, Friedrich Wilhelm Weber und Philipp Ernst Maria Lieber von großem Einfluss, ebenso wie Eduard MüllerDer Berliner Missionsvikar Eduard Müller trat mit sehr viel Engagement für die Gründung einer katholischen Fraktion ein – Ulrich Arnold: Die Gründung der Zentrumspartei. Seminararbeit 1999, E-Book, ISBN 978-3-638-97360-1. aus Berlin.

Opposition und Kulturkampf (1870–1880)

Bei der Wahl zum ersten Deutschen Reichstag am 3. März 1871 errang die Partei 18,6 Prozent der Stimmen und 63 Mandate. Damit bildete sie die zweitstärkste Fraktion nach der Nationalliberalen Partei. Viele liberale Abgeordnete verloren ihre Sitze und witterten eine unerlaubte Unterstützung des Zentrums durch die Geistlichkeit.

Das Zentrum nahm von Anfang an eine Oppositionsrolle im neuen Reich an. Es verstand sich als Vertretung einer konfessionellen Minderheit, nachdem Österreich dauerhaft nicht zum deutschen Bundesstaat gehören würde. Vertreter ethnischer Minderheiten im Reichstag waren häufig (etwa viele Polen und Elsaß-Lothringer) katholisch. Zum Teil schlossen sie sich der Zentrumsfraktion an. Die Sozialpolitik der Zentrumspartei stand im Gegensatz zur Wirtschaftspolitik der Liberalen, der sich damals auch Reichskanzler Bismarck angeschlossen hatte.

Kulturell entstand ein Konflikt mit den Liberalen und dem modernen Staat durch die Haltung der Kirche. Dazu trug der Syllabus errorum bei, in dem der Papst unter anderem den Liberalismus verurteilte. Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil wurde die päpstliche Unfehlbarkeit verkündigt. Die Liberalen, aber auch Bismarck befürchteten einen Angriff auf die staatliche Souveränität.Winfried Becker: Kulturkampf. In: Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 6. Freiburg 1993.

Bereits bei der Bundes- und Reichsgründung hatte Bismarck nicht nur mit Teilen der Konservativen, sondern auch der Liberalen zusammengearbeitet. Nun bemühten sie sich gemeinsam, den Einfluss des Papsttums und der katholischen Kirche in Deutschland zurückzudrängen. Den Vorwurf des Ultramontanismus (sich von einer Macht jenseits der Alpen leiten zu lassen) bezog man auch auf die Zentrumspartei. Während die Konservativen vor allem den ausländischen Einfluss bekämpften, sahen die Liberalen im Papsttum einen Hort der Reaktion.

So entstand der Kulturkampf im Reich und in Preußen: Man führte die Zivilehe ein, so dass die Bürger zur Eheschließung nicht mehr von einer Religionsgemeinschaft und ihren Regeln abhängig war. Es ging dabei auch um das Schulwesen und um die Frage, ob Geistliche im Gottesdienst politische Reden halten durften (Kanzelparagraph). Manche widerständige Geistliche wurden eingesperrt. Die Folge war nicht die beabsichtigte Schwächung des Zentrums, sondern ein engerer Zusammenschluss der Katholiken. Das Zentrum, von Bismarck als Reichsfeinde beschimpft, profilierte sich in der Oppositionsrolle.