mini|Aktie über 400 Kronen der Böhmischen Escompte-Bank vom 30. Dezember 1939 mini|Ehemalige Zentrale der Böhmischen Escompte-Bank in Prag am Graben; Architekt: Karl Jaray, erbaut 1933
Die Böhmische Escompte-Bank (tschechisch: Česká eskomptní banka) war eine am 1. Juli 1863 in Prag gegründete österreichisch-ungarische Großbank, deren sämtliches Aktienkapital 1901 die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft übernahm. In der Ersten Tschechoslowakischen Republik erfolgte 1919 eine Umfirmierung in Böhmische Escompte-Bank und Credit-Anstalt (Bebca) und die Übernahme der Aktienmehrheit durch die Živnostenská banka. Ab 1939 rückbenannt, gelangte im Zuge der Zerschlagung der Rest-Tschechei die Böhmische Escompte-Bank (BEB) als eigenständiges Tochterunternehmen zur Dresdner Bank. Nach Einstellung des operativen Geschäftsbetriebes am 5. Mai 1945 wurde die Bank auf Grundlage der Beneš-Dekrete liquidiert.
Name Von der Gründung bis zur Schließung des Unternehmens wurde in verschiedenen Veröffentlichungen, vor allem in der in- und ausländischen Presse, Escompte-Bank zusammen oder getrennt und anstelle des c ein k geschrieben: Escomptebank, Eskompte-Bank, Eskomptebank. Auch das zwischen 1919 und 1939 verwendete Akronym Bebca variierte in der Schreibweise, beispielsweise Bebka oder BEBKA. Offizielle Geschäftsbezeichnungen waren diese Abkürzungen jedoch nie. Gemäß den Geschäftsberichten lautete die Firmierung bis 1919 Böhmische Escompte-Bank, danach bis 1938 Böhmische Escompte-Bank und Credit-Anstalt und anschließend bis 1945 wieder (nur) Böhmische Escompte-Bank.Vgl. Dokumente und Zeitungsartikel über die Böhmische Escompte-Bank und Credit-Anstalt ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, abgerufen am 20. Januar 2022.
Mit Escompte, auch Eskompte geschrieben, war früher in der Kaufmannssprache der Diskont gemeint; escomptiren oder eskomptiren bedeutet wörtlich den „Einfluss eines Ereignisses auf den Börsenkurs im Voraus einkalkulieren und den Kurs entsprechend gestalten.“Duden Eskompte Bibliographisches Institut, abgerufen am 18. Januar 2022.Duden eskomptieren Bibliographisches Institut, abgerufen am 18. Januar 2022.
Österreich-Ungarn mini|Ehemalige Filiale der Böhmischen Escompte-Bank in Reichenberg; Architekt: Max Kühn, erbaut 1913
Um von Wien unabhängig zu sein, wurden unter dem Dach der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft zwei selbständige Banken in Böhmen und Mähren gegründet: am 19. November 1862 die Mährische Escompte-Bank mit Sitz in Brünn und am 1. Juli 1863 die Böhmische Escompte-Bank in Prag.Dr. Franz (Hrsg.): Die Schule des Kaufmanns. Band 1. Theorie des Handels. Verlag Otto Wigand, Leipzig 1866, S. 52. Aufgabe des Unternehmens sollte „das Escomptiren, der Verkauf auf das Ausland und die Einkassierung von Wechseln, die Übernahme von Geldern in laufender Rechnung, das Conto-Corrent-Geschäft und das Incasso-Geschäft“ sein.Adolf Janszky: Statistische Mittheilungen über die Oesterr.-Ungar. Werthpapiere. Beck’sche Universitäts-Buchhandlung, Wien 1869, S. 138.
Die Böhmische Escompte-Bank wurde von Anbeginn nicht den tschechischen, sondern den deutsch-böhmischen Aktienbanken zugeordnet.Harald Wixforth: Auftakt zur Ostexpansion. Die Dresdner Bank und die Umgestaltung des Bankwesens im Sudetenland 1938/39. Technische Universität Dresden, 2001, S. 13 f. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden, abgerufen am 20. Januar 2022. Die erste Filiale befand sich am Wenzelsplatz 792, Ecke Wassergasse (Vodičkova).L. Stein: Austria. Wochenschrift für Volkswirthschaft und Statistik. Band 15. Verlag der Kaiserl.-Königl. Hof- und Staatsdr., 1863, S. 503, 693. Dieser folgte in kurzer Zeit die Eröffnung weiterer Filialen in verschiedenen aufstrebenden Industriestädten Nordböhmens. Spätestens 1870 befand sich der Prager Hauptsitz am Graben 969.Gustav Leonhardt: Compass. Jahrbuch für Volkswirthschaft und Finanzwesen. Band 5. Beck’sche Universitäts-Buchhandlung, Fromme, 1868, S. 364. Nach mehrjähriger Bauzeit bezog die Bank im Jahr 1933 ein von Karl Jaray erbautes repräsentatives Palais am Graben 33.Neue Freie Presse vom 1. April 1933: Eine alte Bank in modernem Gewande ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, abgerufen am 18. Januar 2022.Verlag Hoppenstedt (Hrsg.): Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, Band 48, Teil 6. Hoppenstedt, 1943, S. 6209.
Während der ersten 56 Jahre ihres Bestehens erwarb die Böhmische Escompte-Bank in Österreich-Ungarn zahlreiche Firmenbeteiligungen und ein breit gefächertes Konglomerat an hundert Prozent eigenen Konzernunternehmen. Dazu zählten vor allem Berg- und Hüttenwerke, aber auch Woll- und Kammgarnspinnereien, Zementwerke, Maschinenfabriken, Brauereien etc. Die Bank war nach Bildung der Doppelmonarchie das erste Prager Kreditinstitut, das direkte Geschäftsbeziehungen in Budapest aufnahm und im Zahlungsverkehr eine strategische Allianz mit der Ungarischen Handelsbank von Pest einging.Mészáros Andor: A cseh elem a magyar polgárosodásban. A cseh nemzeti mozgalom expanziója. Dissertation, Universität Budapest, 2007, S. 33, 184. Zu den bedeutendsten Konzernunternehmen zählten unter anderem die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Aktiengesellschaften umgewandelte Erste Brünner Maschinenfabrik AG, die Brünner Waffenwerke AG und die Poldihütte.Ulrike Bischoff: Ermittlungen gegen die Dresdner Bank, 1946. Nördlingen 1986, S. 102, 106.
Infolge ihres sehr diversifizierten Portfolios verfügte die Böhmische Escompte-Bank im Vergleich zu anderen österreichisch-ungarischen Kreditinstituten, vor allem zu den Wiener Großbanken, seit ihrer Gründung über eine minimale Kapitalstärke. Vor diesem Hintergrund übernahm im Jahr 1901 die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft sämtliche Anteile der Böhmischen Escompte-Bank und verwandelte sie damit faktisch in ihre Tochtergesellschaft, jedoch mit selbständiger Hauptverwaltung in Prag sowie eigenen Filialen in Asch, Aussig, Böhmisch Leipa, Brüx, Budweis, Karlsbad, Komotau, Eger–Franzensbad, Leitmeritz, Marienbad, Pilsen, Teplitz, Tetschen-Bodenbach, Trautenau und Warnsdorf. An diesem Stand änderte sich bis September 1919 nichts.Jindra Zdenek u. a.: Prager wirtschafts- und sozialhistorische Mitteilungen, Band 4. Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität, 1997, S. 8.R. H. Inglis Palgrave: The Banking Almanac for 1916. Waterlow and Sons Limited, 1916, S. 309.
Erste Tschechoslowakische Republik mini|Ehemalige Filiale der Böhmischen Escompte-Bank in Gablonz; Architekt: Max Kühn, erbaut 1924 mini|Ehemalige Filiale der Böhmischen Escompte-Bank in Eger; Architekt: Friedrich Lehmann, erbaut 1929
Bis 1918 befanden sich in Böhmen und Mähren die bedeutendsten Industrieunternehmen Österreich-Ungarns. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie und der Gründung der Tschechoslowakei versuchte die neue Regierung in Prag sämtliche Kapitalverbindungen zwischen österreichischen Banken und der tschechoslowakischen Industrie zu lösen.Hans Kernbauer: Währungspolitik in der Zwischenkriegszeit. Geschichte der oesterreichischen Nationalbank von 1923 bis 1938. Verlag der Oesterreichischen Nationalbank, 1991, S. 32 f. Mit einem sogenannten Nostrifizierungsgesetz wurden Inhaber und Aktionäre von Unternehmen im Gebiet der Tschechoslowakei gezwungen, die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft anzunehmen und den Hauptsitz ihrer Gesellschaften in die Tschechoslowakei zu verlegen. Für Personen und Unternehmen, die dem nicht folgten, bedeutete das die faktische Enteignung ihres Besitzes in der Tschechoslowakei.Ctibor Nečas: Počátky územní expanze Živnobanky. in: Studia minora facultatis philosophicae, 32. Sborník prací filozofické fakulty Brněnské univerzity, 1985, S. 81–92.Antonie Doležalová: Zwischen Autarkie, Emanzipation und Diskriminierung: Die Nostrifizierung in der Tschechoslowakei nach 1918. In: Bohemia, Ausgabe 53, 2013, S. 47.
Von dem Gesetz profitierte die Böhmische Escompte-Bank. Der Hauptsitz befand sich unverändert in Prag und die Mehrzahl der Aktionäre nahm als Deutschböhmer die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an. Zu deren Vorteil verlor die in Wien ansässige Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft nicht nur ihren Einfluss auf die Böhmische Escompte-Bank, sondern ersatzlos ihre relevanten Aktienanteile.Peter Berger, Andreas Resch: Die vielen Gesichter des wirtschaftlichen Wandels. LIT Verlag Münster, 2011, S. 239. Zudem wurde die Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Wien gezwungen, ihre zehn Filialen, die sich nun auf tschechoslowakischem Staatsgebiet befanden, an die Böhmische Escompte-Bank zu übertragen.Fritz Weber: Vor dem großen Krach: Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe. Böhlau Verlag, Wien 2016, S. 70, 78. Vor diesem Hintergrund erfolgte 1919 eine Umfirmierung in Böhmische Escompte-Bank und Credit-Anstalt (umgangssprachlich kurz Bebca), was einer Neugründung gleichkam. Auch die bis dahin im Besitz dieser zehn Filialen der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe befindlichen Industriebeteiligungen und Konsortialbestände übernahm die Bebca.Jutta Günther, Dagmara Jajesniak-Quast: Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf? Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. BWV Verlag, 2006, S. 51.
Allerdings erhielt ein Konsortium, das unter der Leitung der halbstaatlichen Živnostenská banka (auch Zivnobank oder Zivnokonzern genannt) stand, einen erheblichen Teil des Aktienkapitals der Bebca. In der Folge spielte die Zivnobank bei der Bebca eine führende Rolle und gewann einen entscheidenden Einfluss; sie zählte nicht nur zu den größten Aktionären des Instituts, sondern verlangte auch seine Reorganisation, die in den Jahren 1919 und 1920 stattfand. Neben personellen Veränderungen in der Geschäftsleitung und im Aufsichtsrat wurden durch umfangreiche Kapitalerhöhungen die Passiva der Bank gestärkt. Außerdem übernahmen belgische und britische Investoren einen großen Kapitalanteil.
Verflochten einerseits mit der internationalen Finanzwelt, andererseits mit der Finanzgruppe um die Živnostenská banka, entwickelte sich die Bebca während der 1920er Jahre zur zweitgrößten tschechoslowakischen Aktienbank. Zudem konnte sie weitere eigene Konzernunternehmen aufbauen, wobei sie vielfach mit der Zivnobank zur Zusammenarbeit verpflichtet war. Beispielsweise fand 1922 in der Hauptverwaltung der Bebca die Gründungsversammlung der Julius Meinl Aktiengesellschaft, Prag statt, deren Finanzierung sie sich als federführendes Institut teilen musste: Je ein Sechstel der tschechoslowakischen Kapitalanteile entfiel auf die Bebca, auf die Živnostenská banka und auf die Anglo-Tschechoslowakische Bank.Thomas Winkelbauer: Kontakte und Konflikte: Böhmen, Mähren und Österreich. Aspekte eines Jahrtausends gemeinsamer Geschichte. Waldviertler Heimatbund, 1993, S. 360.