Der Ausdruck Verschmelzung (englisch: fusion) wird in der Psychologie unterschiedlich gebraucht. In der Wahrnehmungspsychologie ist er definiert als die Verschmelzung einer Mehrzahl von Reizen zu einer Gesamtwahrnehmung, während er in entwicklungs- und tiefenpsychologischen Kontexten eher beschreibend für verschiedene psychische Verfassungen und Erlebensweisen gebraucht wird. Für die Philosophie charakterisiert Rudolf Eisler die psychische Verschmelzung als eine Form der Verbindung von Bewusstseinsinhalten, bei der die Elemente gegenüber dem Ganzen in den Hintergrund treten.Rudof Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin 1904 „Verschmelzung“
Wahrnehmungspsychologie Die experimentelle Wahrnehmungspsychologie konnte aufzeigen, dass eine Mehrzahl von Reizen zu einem Wahrnehmungsgesamt verschmilzt. So werden z. B. bei Geruchswahrnehmungen die einzelnen Sinnesreize nicht als solche wahrgenommen, sondern verschmelzen zu einem Gesamtgeruch. Die Verschmelzung kann sich auf gleichzeitig auftretende Reize beziehen, wie bei den gleichzeitig erklingenden Tönen eines Akkords oder auf schnell hintereinander auftretende Reize, wie beim Tastsinn oder Lichtreizen, die zu einer einheitlichen Tast- oder Lichtwahrnehmung verbunden werden.Dorsch: Lexikon der Psychologie „Verschmelzung“Eysenck: Wilhelm Karl Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie. 3 Bände. Herder, Freiburg im Breisgau, Basel 1971/1973, 13. Aufl.: 1995. „Verschmelzung“.
Bei Wilhelm Wundt ist die Verschmelzung eine der psychischen Verbindungen, mit denen sich die psychischen Prozesskomponenten (Elemente) im Verlauf der Apperzeption verknüpfen. Als weitere Verbindungen nennt er Assimilation, Assoziation, Hemmung, Komplikation, Verdichtung, Verschiebung und Zergliederung.Dorsch: Lexikon der Psychologie „psychische Verbindungen“. In seinem Werk Grundzüge der physiologischen Psychologie (1874) untersuchte er Verschmelzungen vor allem im Zusammenhang mit dem Tastsinn und den Gesichtsvorstellungen.Wilhelm Wundt: Grundzüge der physiologischen Psychologie. Engelmann, Leipzig 1874 Kapitel 12 und 14. (, Digitalisat) In Grundriss der Psychologie (1896) setzt er sich verstärkt auch mit den Verschmelzungen im Bereich der Gehörsempfindungen auseinander.Wilhelm Wundt: Grundriss der Psychologie. 13. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Leipzig (psychologie.lw.uni-leipzig.de, Digitalisat) Übergreifend geht er davon aus, dass jede Vorstellung schon ein Verschmelzungsprodukt von Empfindungen sei und differenziert zwischen intensiven Verschmelzungen, bei denen sich nur gleichartige Empfindungen verbinden, und extensiven, die aus der Vereinigung ungleichartiger Empfindungen hervorgingen. Von vollkommener Verschmelzung spricht er, wenn die Elemente völlig hinter dem Ganzen zurücktreten. Im Unterschied zu Carl Stumpf definiert Wundt den Begriff der Verschmelzung als einen „rein psychologische[n] Begriff, dem in der Reihe der ‚Assoziationen‘ seine durch die angegebenen Merkmale bezeichnete Stelle anzuweisen ist“.Wilhelm Wundt: Grundriss der Psychologie. 13. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Leipzig, § 9 (psychologie.lw.uni-leipzig.de, Digitalisat)
In der Musikpsychologie werden die polaren Begriffe Konsonanz und Dissonanz u. a. im Hinblick auf den Grad der Verschmelzung diskutiert. Vor dem Hintergrund experimenteller Untersuchungen gelangte Carl Stumpf Ende des 19. Jahrhunderts zu der Überzeugung, Konsonanz entstehe durch ein hohes Maß an Verschmelzung zweier Töne bzw. Verschmelzung zeige ein konsonantes Intervall an. Dabei suchte er das Wesen der Tonverschmelzung weniger im Psychologischen als vielmehr im Physiologischen. Aus neurowissenschaftlicher Sicht und unter Einbeziehung mathematischer Modelle werden die Ursachen der Tonverschmelzung in jüngerer Zeit in der Arbeitsweise eines neuronalen Autokorrelators zur Periodizitätsdetektion gesehen.Martin Ebeling: Zum Wesen der Konsonanz: Neuronale Koinzidenz, Verschmelzung und Rauhigkeit. In: Musikpsychologie. Bd. 20, 71-93, Hogrefe Verlag, Göttingen 2009, S. 71–93.
Unabhängig von neueren Erklärungsansätzen haben die Untersuchungen und Schlussfolgerungen Carl Stumpfs zum Phänomen der Konsonanz als Verschmelzung in der musikpsychologischen Literatur eine ungebrochene Tradition, so die Musikpsychologin Helga de la Motte-Haber, weil sich mit ihr der gestaltpsychologische Grundsatz, dass das Ganze mehr als die Summe der Teile sei, aufzeigen lasse. Diese Verbindung beschreibt u. a. der Gestaltpsychologe und Musikwissenschaftler Ernst Kurth, der dabei zeigen konnte, dass aus psychologischer Perspektive Verschmelzung relativ und variabel ist.Helga de la Motte-Haber: Die Rezeption von Carl Stumpf in der Musikpsychologie. In: Martin Ebeling, Margret Kaiser-el-Safti (Hrsg.): Die Sinne und die Erkenntnis. Lang-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-61560-7, S. 163–174.Felix Wörner: Zur Konzeption 'musikalisches Hören' in der Musiktheorie von Ernst Kurth. In: Ellen Aschermann, Margret Kaiser-el-Safti (Hrsg.): Gestalt und Gestaltung in interdisziplinärer Perspektive. Lang-Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-631-64632-8, S. 205–217.
Entwicklungspsychologie Als symbiotische Verschmelzung wird in der Entwicklungspsychologie eine frühkindliche Entwicklungsphase des Säuglings beschrieben, die etwa bis zum ersten Halbjahr als normale Phase durchlebt wird. So beschrieb der österreichisch-amerikanische Säuglingsforscher René A. Spitz die frühe Mutter-Kind-Beziehung als „Symbiose“, die die vorgeburtliche „parasitäre“ Beziehung von Mutter und Kind ablöse.René A. Spitz, W. Godfrey Cobliner: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr. 12. Auflage. Klett-Cotta/J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-91823-X. Die ungarisch-amerikanische Kinderanalytikerin Margaret Mahler beschrieb diese Phase dann näher als eine „symbiotische Phase“ der normalen Entwicklung, in der der Säugling sich – anknüpfend an die vorgeburtliche Erfahrung – noch als Teil der Mutter mit gemeinsamen Grenzen erlebe. Kann die Mutter sich durch Einfühlung und angemessene Befriedigung auf die kindlichen Bedürfnisse einstellen, so entstehe daraus das sogenannte „Urvertrauen“, welches ein Leben lang als Grundgefühl erhalten bleibt und somit als Ressource zur Resilienz beiträgt. Mahler vertrat dabei die Auffassung, dass dieser Phase des Erlebens eine sogenannte autistische Phase vorausgehe, die dann durch allmähliche Ablösung von der Mutter in der Individuation aufgehe.Margaret S. Mahler, Fred Pine, Anni Bergman: Die psychische Geburt des Menschen. Fischer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-596-26731-5, S. 59–71. Auch der deutsch-amerikanische Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson ging in seinem Phasenmodell der menschlichen Entwicklung von einer Phase der symbiotischen Verschmelzung im ersten Lebensjahr aus, in der sich im günstigen Fall ein „Urvertrauen“ und im ungünstigen ein „Urmisstrauen“ als Grundgefühl konstituiere.H. Erik, Erikson: Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1966. (2. Auflage. 1973, ISBN 3-518-07616-7)
Der britische Kinderanalytiker Donald Winnicott ging aufgrund seiner Kinderbeobachtungen davon aus, dass das Neugeborene zunächst mit der Mutter verschmolzen sei. Mutter und Säugling und mütterliche Fürsorge bildeten zusammen eine Einheit. Durch die Annahme des Kindes, das angemessene Eingehen auf seine Bedürfnisse und die psychische Präsenz der Mutter könne der Säugling eine „personale Existenz“ aufbauen, woraus ein Empfinden für eine „Kontinuität des Seins“ entstehe. Ist die frühkindliche Versorgung nicht ausreichend gut, können Entwicklung und Reifung des Ichs des Kindes eingeschränkt sein. Dabei geht Winnicott allerdings auch von der Mitwirkung eines „ererbten Potenzials“ aus.Donald Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Fischer Taschenbuch Verlag, München 1984, ISBN 3-596-42255-8, S. 50 ff.Donald Winnicott: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997, S. 64 f ISBN 3-596-42249-3.Howard A. Bacal, Kenneth M. Newman: Objektbeziehungstheorien – Brücken zur Selbstpsychologie. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1994, ISBN 3-7728-1583-9, S. 238. Im Hinblick auf die Entwicklung des Spiels beschreibt er die Verschmelzung als eine erste Phase der Beziehung, der die Phase des Verwerfens und Annehmens mit der Entstehung eines intermediären Raumes folge, darauf die des „Alleinseins in Gegenwart eines Anderen“ bis zur „Überschneidung zweier Spielbereiche“, die den Weg zum gemeinsamen Spiel bahne. Bei einem Mangel an Verschmelzungserlebnissen und Vertrauen könne der potenzielle (Spiel-)Raum nicht gefüllt werden, wodurch ein Gefühl der Leere entstehen könne oder das Kind psychologisch die Trennung von Selbst und Objektwelt nicht vollziehen könne.Donald Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität. Klett-Cotta, Stuttgart 1974, ISBN 3-608-95376-0, S. 58 ff.
Die neuere Säuglingsforschung relativiert die Vorstellung einer Phase der symbiotischen Verschmelzung zugunsten der in derselben Zeitspanne auch beobachtbaren Fähigkeit des Säuglings zur abgegrenzten Interaktion und zur Differenzierung einzelner Personen. Sie schlägt daher für diese Phase den Begriff „Selbst mit Anderen“ vor.Martin Dornes: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11263-X. Fred Pine, Mitwirkender des Buches Die psychische Geburt des Menschen, betont demgegenüber, dass der Säugling zwar in seiner Wahrnehmung in Phasen mäßiger bis mittlerer affektiver Erregung, auf die sich die Untersuchungen der neueren Säuglingsforschung beziehen, zwischen sich selbst und anderen unterscheiden könne, es aber in hoch affektiv besetzten Situationen immer wieder auch zu Verschmelzungserlebnissen komme, die als „formative Momente“ eine herausgehobene Bedeutung für die psychische Entwicklung hätten.Bruno Waldvogel: Psychoanalyse und Gestaltpsychologie. Historische und theoretische Berührungspunkte. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1992, ISBN 3-7728-1500-6, S. 141f.
Modelle der Tiefenpsychologie Unabhängig von diesen entwicklungspsychologischen Diskursen bildet die Vorstellung einer frühkindlichen Verschmelzungserfahrung als menschliche Grundkonstante den Hintergrund für verschiedene psychologische Modelle. Sie taucht vor allem als Polarität von Verschmelzung versus Individualisierung bzw. Autonomie auf, die z. B. als grundlegender Konflikt menschlicher Existenz,Christoph Mahr: Die Grundkonflikte des Menschen: Verschmelzung contra Autonomie – Stabilität contra Wandlung und die Notwendigkeit ihrer Beleuchtung. In: MultiMind – NLP aktuell. 1999 8(6), S. 36–39. im Kontext bestimmter ErkrankungenTimo Storck, Peter Bründl, Carl Eduard Scheidt: Verschmelzung oder Isolation – zum psychodynamischen Dilemma der Objektbeziehungen bei psychosomatischen Erkrankungen. In: Psychosomatik – Sadomasochismus – Trauma. Klinische und entwicklungstheoretische Perspektiven. (= Jahrbuch der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse. Band 9). Frankfurt am Main 2020, S. 184–201. oder als Phasen in der Gruppentherapie diskutiert werden.Michael Ermann: Verschmelzung und Vereinzelung: Vom Wagnis, einzelner in der Gruppe zu sein. In: Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik. Band 22, Nr. 4, 1977, S. 153–158.