The Cast Whale Project () ist eine Kunstinstallation des Künstlers Gil Shachar. Nach jahrelangen Vorarbeiten und vielfältigen Schwierigkeiten gelang es dem Künstler, einen Abguss eines gestrandeten und verendeten Wals anzufertigen. Der Abguss diente als Vorlage für die 2019 erstellte Wal-Skulptur. Zum Gesamtkunstwerk gehört ein Video mit Sprechgesang, das die Skulptur untermalt. Es wird an wechselnden Orten ausgestellt.
Künstler Der israelische Künstler Gil Shachar lebt und arbeitet seit 1996 in Duisburg. Seine bekanntesten Werke sind realistische Skulpturen von menschlichen Köpfen und Körperfragmenten aus Wachs oder Epoxidharz. Bereits vor diesem Projekt beschäftigte er sich in seinen Arbeiten mit Tod, Trauer, Verlust und Leid. Seine Büsten von Menschen mit geschlossenen Augen wurden mit Totenmasken verglichen. The Cast Whale Project gilt als sein ambitioniertestes Ausstellungsprojekt, in dem die körperliche Präsenz des größten lebenden Säugetiers als Kunstwerk umgesetzt wird. Die Technik des Abformens, mit der er durch seine bisherigen Arbeiten bereits vertraut war, reizte er mit diesem Projekt „bis an die Grenzen des Machbaren“ aus.
Entstehung Hintergrund mini|Gestrandeter Wal an der niederländischen Küste, Gilliam van der Gouwen (1598) Wale gehören zu den größten Tieren auf der Erde. Sie stehen auf der Liste der gefährdeten Arten.
Walstrandungen werden weltweit beobachtet und oft durch menschliche Einflüsse ausgelöst. Rettungsbemühungen gelingen selten, weil Großwale an Land von ihrem eigenen Gewicht erdrückt werden und sie ihre Körpertemperatur außerhalb des Wassers nicht mehr regulieren können.
Mit fortschreitender Erforschung gelten Wale zunehmend als intelligent, sozial und friedfertig. Walgesang ist im Wasser über hunderte Kilometer zu hören und spezifisch nach Populationen und unter Umständen nach Individuen zu differenzieren. Walbeobachtungen und Walgesänge faszinieren viele Menschen.
Geburt der Idee Im Jahr 2009 hatte Gil Shachar einen Traum:
Er fertigte einige Zeichnungen dazu an, doch schob die Idee beiseite, weil die praktische Umsetzung unmöglich erschien. Die Realisierung des inneren Bildes, das Interesse, diese Arbeit zu verwirklichen, ließ ihn jedoch nicht mehr los. Daraufhin rief Shachar The Cast Whale Project ins Leben.
Shachars bisherige Arbeiten von Menschen zeigen fragmentarische Abgüsse. Bei diesem Projekt war das Ziel, den gesamten Walkörper abzuformen, so wie er am Strand lag. Auf die Frage, weshalb er sich darauf einlasse, antwortete der Künstler, er habe das starke Gefühl, jemand müsse es tun.
Nach ausführlicher Recherche entschied Shachar 2013, dass Südafrika der beste Ort für das Projekt sei. 2014 erhielt er ein Stipendium der NRW Art Foundation. Dieses Geld verwendete er, um während der Paarungszeit der Wale für drei Monate nach Kapstadt zu reisen. Dort traf er Lachlan Matthews, einen Naturschützer, der mit dem Umweltministerium zusammenarbeitet und zudem ein im Gießen erfahrener Künstler ist, der mit mehreren Museen kooperiert.
Matthews hatte zur Unterstützung ein Team von Biologen und anderen Künstlern zusammengestellt, dessen Leitung er übernahm. Er wählte qualifizierte Formenbauer, wie Künstler, Bildhauer, Präparatoren, oder Leute vom Film. Matthews entschied sich für eine Teamstärke von 15 bis 20 Personen. Auf diese Weise waren fünf bis sechs Personen immer einsatzbereit. Der Sitz des Teams war Lambert’s Bay.
Hürden Von der Idee bis zur Verwirklichung des Projektes musste das Team zahlreiche finanzielle, bürokratische und ethische Hürden überwinden und sich mit Fragen des Tierschutzes auseinandersetzen. Bei der Suche nach dem geeigneten Ort stieß Shachar auf Gegenden in Südafrika, wo aus unbekannten Gründen auffällig viele Wale stranden. Shachar verhandelte hartnäckig mit dem Umweltministerium in Kapstadt. Die Schwierigkeit war, nicht-kunstaffine Menschen von einem Kunstwerk, das es noch nicht gab, zu überzeugen. Schließlich wurde ihm 2016 die Erlaubnis für die Abformung eines toten Buckelwals erteilt. Der Künstler stand fortan auf Abruf. Sobald ein Wal angespült werde, würde man ihn informieren.
Gemeinsam mit Künstlern, Wissenschaftlern und Präparatoren erarbeitete er eine Methode, um einen ungeschönten Abguss anzufertigen. Im Fall der Fälle hätten die Arbeiten unmittelbar zu beginnen, ehe der Zerfall des Kadavers eintreten würde. Deshalb mussten die Einsatzgruppe und die Materialien jederzeit bereitstehen.
Auf der ausgewählten Küstenlinie von 600 km werden schätzungsweise zwei bis sechs Wale pro Jahr angespült. Die Nutzung der Zufahrtsstraßen, das Fahren am Strand und nicht zuletzt das Arbeiten am Strand sind in Südafrika strengstens verboten. Daher musste ein kompliziertes Genehmigungsverfahren durchlaufen werden. Um den betreffenden Strandabschnitt mit Fahrzeugen erreichen zu können, hielt man Kontakt zu den Landbesitzern, ebenso zum Kommandanten der Küstenstation, der sich um die gestrandeten Wale kümmert.
Für eine Abformung musste das verendete Tier komplett auf dem Strand liegen, nicht noch teilweise im Wasser. Die Konditionen des Wetters, der Gezeiten und der See mussten darüber hinaus stimmig sein. Es durfte nicht zu kalt oder windig sein, bei relativ ruhiger See. Um zu entscheiden, ob eine Abformung möglich wäre und lohne, mussten im Vorfeld für Shachar Fotos erstellt werden.
In der Wartezeit initiierte Shachar eine Crowdfunding-Aktion bei Kickstarter, um sein Projekt finanzieren zu können. Für eine nicht kommerzielle und dazu abenteuerliche Idee schien ihm diese Art der Finanzierung passend. Die Spendenaktion enthielt eine Reihe von Belohnungen für verschiedene Spendenstufen. Von einem Unbekannten erhielt er eine großzügige Einzelspende. Weitere Unterstützung erhielt das Unterfangen von der Kunststiftung NRW.
Der Wal Künstler und Team mussten zwei Jahre warten, ehe am 19. August 2018 ein geeigneter Wal angespült wurde. Das Tier war ein Männchen unbekannten Alters. Er wurde auf dem Rücken liegend angespült. Er war kurz vor dem Auffinden auf natürliche Weise verendet. Die Todesursache war nicht erkennbar. Durch den Tod waren die Körperspannung und die stromlinienförmige Rundung zusammengefallen. Die Körperkontur war oval in die Breite gegangen. Sein Kehlsack fiel schlaff zur Seite und verdeckte das Maul. Die Augen waren nicht zu sehen. Der Penis ragte aus der Mitte des Leibs, ähnlich einer Flosse.
Der Wal lag knapp oberhalb der Flutlinie. Kurz nachdem die Form für den Abguss fertiggestellt war, spülte ihn eine Springflut zurück ins Meer. Sein Körper zerfiel in den kommenden Monaten. Teile dessen wurden stellenweise am selben Strandabschnitt angespült.
Abformung Der Fundort lag 220 km nördlich von Kapstadt, in Lambert’s Bay an der Atlantikküste von Südafrika. Als der Wal angespült wurde, wurde Shachar mit Informationen über das Tier versorgt. Der Künstler evaluierte die Informationen und gab sein Einverständnis. Daraufhin begann das Team sofort, weil bei der Arbeit am Kadaver jede Stunde zählte. Diese Dringlichkeit war u. a. Ursache dafür, dass der Formenbau am Strand der schwierigste Teil des künstlerischen Prozesses war. Als das Team mit der Abformung begann, lag die Tierleiche bereits drei Tage am Strand. Derweil reiste Shachar am nächsten Tag von Duisburg aus an.
Der erste Schritt bestand darin, den Sand um den Körper zu entfernen und einzuebnen. Danach wurde ein provisorischer Holzzaun zum Meer errichtet, der verzögern sollte, dass sich das Meer den Kadaver zurückholt. Dennoch galt es schnell zu arbeiten, um den Wettlauf gegen die Gezeiten vorübergehend zu gewinnen. Unter die freigeräumte Körperkontur wurde zunächst Pappe gelegt. Für die Abformung bauten der Künstler und sein Team Abgussschalen am gestrandeten Wal. Dafür wurden eine Schicht Gelcoat, dann zwei Schichten mit Glasfaser verstärktes Polyesterharz auf die Haut des Wales aufgetragen. Ausgehärtet wurde die Harzform mit einem Winkelschleifer zersägt. Unter Zuhilfenahme von Holzlatten wurden die Formen von der Walhaut gelöst. Eingebrachte Metallhaken halfen, die einzelnen Teile später wieder zusammenfügen zu können.
Die Abformung nahm zweieinhalb bis drei Tage in Anspruch. Die Formenteile vom Strand wurden in über 30 Einzelteilen abtransportiert.
In Kapstadt war zunächst keine passende Werkstatt zu bekommen. Der infrage kommende Ort war noch belegt. Erst rund sechs Monate später, im März 2019, konnten die Arbeiten an der Skulptur fortgesetzt werden.
In der Werkstatt wurden die Formteile wieder zusammengesetzt, mit vier und dann mit sechs Helfern. Zur weiteren Bearbeitung wurde die Form von der Decke abgehängt. Die Schnittkanten wurden geflickt. Dann wurde die gesamte Gussform mit Polyurethan überzogen. Anschließend bürstete das Team von Hand mehrere Schichten aus Polyurethanelastomer, Epoxidharz und Glasfasergewebe auf. Glasfasermatten verstärken das Harz. Eine filigrane Metallkonstruktion stützt die Figur von innen.
Im letzten Schritt wurde die Form von außen mit einer anthrazitgrauen, monochromen Farbe bemalt. Damit die Farbe auf dem Untergrund hielt, musste sie lösungsmittelbasiert sein. Die Wahl fiel auf eine Farbmischung, die hauptsächlich schwarzen, matten Schultafellack enthielt.
Zehn Wochen dauerten diese Arbeitsschritte im Atelier, der Guss und die Bemalung. Für den späteren Transport wurde die Skulptur in fünf zerlegbaren Teilen konzipiert. Im Hochsee-Container kam das Kunstwerk nach Deutschland, wo es im Juli 2019 eintraf. In seine Einzelteile zerlegt, wird es zwischen den Ausstellungen transportiert. Die Brust- und Schwanzflossen werden zur Beförderung abgenommen. Der so auf 11 m verkürzte Rumpf wird in zwei längliche Teile zerlegt. An den Ausstellungsorten zeigt ein Video mit Musik den Prozess der Abformung.
Der gesamte Prozess vom Traum bis zur Vollendung hat zehn Jahre gedauert.
Kunstwerk Skulptur mini|hochkant|Perspektive von oben, München 2022 Das Werk zeigt einen südatlantischen Buckelwal in Originalgröße. Der Körper liegt auf dem Rücken, flach auf dem Boden. Die Flossen ragen seitlich heraus. Die Skulptur ist ein lebensgroßer Abguss von allem, was von dem gestrandeten Wal oberhalb des Erdbodens zu sehen war.
Der The Cast Whale Project ist kein präpariertes Tier, sondern ein eigenständiges Kunstwerk. Die Oberfläche ist monochrom-grau gestaltet. Die Einfarbigkeit abstrahiert einerseits und betont andererseits das, was den Wal ausmacht: seine Größe. Bei genauer Betrachtung sind auf der Oberfläche des Wales Spuren seines Lebens zu finden. Der Besucher sieht Verletzungen der Haut, die von Kämpfen unter Wasser zeugen. Beispielsweise findet man kegelförmige Bissspuren, die wie Mondkrater wirken; sie stammen von Zigarrenhaien. An einer Brustflosse sind Schnittwunden von Schiffsschrauben deutlich zu erkennen.
Von der Fluke bis zur Kopfspitze beträgt die Länge des Exponats 13,80 m. Vom linken bis zum rechten Flipper misst es 8,70 m. Die Skulptur hat ein Gewicht von ca. 600 kg. Die Oberfläche umfasst rund 100 Quadratmeter.
Film und Musik Die Ausstellung der Skulptur wird von dem Film (Dauer: 14 Minuten) der Skulpturen-Abformung begleitet, der von einem Sprechgesang unterlegt ist. Das Musikstück mit dem Namen Litany for the Whale () wurde 1980 von John Cage komponiert. Es ist ein akustisches, archaisches Gesangsstück für zwei Solostimmen, zwei „gleichwertige“ Gesangsstimmen, wie es heißt. Beschrieben ist es als „Rezitation und 32 Antworten für zwei Stimmen“. Aufnahmen des Stücks dauern von 12 bis ca. 25 Minuten.