Polifemo ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Melodrama“) in drei Akten von Nicola Antonio Porpora (Musik) mit einem Libretto von Paolo Antonio Rolli, die am 1. Februar 1735 im King’s Theatre in the Haymarket in London uraufgeführt wurde. Der Inhalt verarbeitet Motive aus dem 13. Buch der Metamorphosen des Ovid (Verse 750–897) und der Odyssee von Homer.
Handlung
Erster Akt
Ruhige See am Ufer Siziliens mit Blick auf den Ätna
Szene 1. Im Morgengrauen treffen die Nymphen Galatea und Calipso in Begleitung weiterer Nymphen, Tritonen und Seegöttern ein, um sich am Strand zu erholen (Chor: „Vien bell’Aurora“). Die beiden gestehen einander, dass sie sich in sterbliche Männer verliebt haben (Duett Galatea/Calipso: „Vo presagendo“ – Chor: „Febo tu ancora“).
Szene 2. Nachdem sich Calipso zurückgezogen hat, tritt der Zyklop Polifemo hinter einem Felsen hervor. Er liebt Galatea und will sie für sich gewinnen (Arie Polifemo: „M’ accendi in sen col guardo“). Galatea weist ihn ab (Arie Galatea: „Se al Campo e al Rio soggiorna“), da ihr Herz allein Aci gehört.
Szene 3. Ulisse und seine Gefährten treffen während ihrer langen Irrfahrt nach dem Trojanischen Krieg in Sizilien ein. Sie hoffen, sich hier eine Weile von den Strapazen und Gefahren erholen zu können. Aci warnt sie vor dem menschenfressenden Zyklopen, der in einer nahegelegenen Höhle hause. Ulisse lässt sich von der Gefahr nicht schrecken (Arie Ulisse: „Core avvezzo al furore dell’Armi“). Da bemerkt Aci die von ihm verehrte Nymphe Galatea (Arie Aci: „Dolci fresche Aurette grate“).
Ein anderer Teil der Küste mit Fischerhütten
Szene 4. Calipso und ihre Gefährtin Nerea nähern sich als Sterbliche verkleidet Ulisse und seinen Leuten (Arie Nerea: „Giusta non à delle tue forze Idea“). Ulisse ist sogleich gebannt von Calipsos Schönheit. Sie heißt ihn mit bescheidenen Worten willkommen (Arie Calipso: „Sorte un’ umile Capanna“ bzw. „Vedrai che veglia il Cielo“). Nerea warnt ihn vor dem sich nähernden Polifemo und flieht.
Szene 5. Polifemo lockt die Seefahrer mit einer Lüge in seine Höhle: er wolle sie dort vor den anderen Zyklopen beschützen. Ulisse ruft die Göttin Athene um Schutz an (Arie Ulisse: „Fa ch’io ti provi ancora“).
Ein Wäldchen
Szene 6. Aci und Galatea sind glücklich vereint. Da der Zyklop aber jeden Moment zurückkehren kann, kann Aci nicht länger bleiben. Galatea verspricht ihm, sich bald wieder an dieser Stelle mit ihm zu treffen (Arie Aci: „Morirei del partir nel momento“). Sie glaubt, dass die anderen Nymphen ihre Liebe nicht gutheißen werden, will sich davon aber nicht beeinflussen lassen (Arie Galatea: „Ascoltar no non ti voglio“).
Zweiter Akt
Szene 1. [Nur Erstfassung:] Calipso und Nerea sind beeindruckt von Ulisses Mut. Sie glauben aber nicht, dass er gegen das Monster bestehen könnte. Calipso bittet Nerea, den Zyklopen zu ihr zu bringen. Sie will versuchen, ihn mit Hilfe ihrer Zauberkraft zu besänftigen. Für Nerea selbst besteht keine Gefahr, da sie sich jederzeit unsichtbar machen kann (Arie Nerea: „Un Beltà che fa“). [Beide Fassungen:] Calipso denkt besorgt über ihre Gefühle für Ulisse nach.
Szene 2. Ulisse fleht Calipso um Hilfe an. Seine Gefährten werden von Polifemo in der Höhle gefangen gehalten. Sofern er sie nicht mit den Schätzen seiner Schiffe auslöst, werden sie grausam sterben müssen. Calipso macht ihm Hoffnung auf den Schutz der Götter (Arie Calipso: „Lascia fra tanti Mali“ bzw. „Nel rigor d’avversa stella“). Ulisse beneidet die Schafe um ihre glückliche Unschuld (Arie Ulisse: „Fortunate Pecorelle!“).
Szene 3. Aci sehnt sich nach seiner geliebten Galatea. Jedes Geräusch weckt in ihm sowohl Hoffnung auf ihre Rückkehr als auch Furcht vor dem Ungeheuer (Arie Aci: „Lusingato dalla Speme“ bzw. „Zeffiro Lusinghier“).
Blick auf das Meer
Szene 4. In ihrer Seemuschel eilt Galatea zu ihrem Geliebten (Cavatine Galatea: „Placidetti Zeffiretti“). Sie wird jedoch von Polifemo aufgehalten, der ihr seine eigenen Vorzüge im Vergleich mit dem jungen schwächlichen Aci anpreist. Als sie ihn erneut zurückweist, zieht er sich Rache schwörend zurück. Galatea setzt ihre Fahrt zum Strand fort (Cavatine Galatea: „Placidetti Zeffiretti“).
Szene 5. Aci bittet die Liebesgötter, Galatea sicher zu ihm zu führen (Cavatine Aci: „Amoretti vezzosetti“). Nach ihrer Rückkehr beschwören beide ihre Liebe zueinander. Galatea schlägt vor, sich in einer Grotte zu treffen, wo sie unbeobachtet sein können. Acis Vorfreude darauf überwindet alle seine Ängste (Arie Aci: „Nell’ attendere il mio Bene“ bzw. „Dal guardo che incatena“). Auch Galatea sieht ihre Hoffnungen erfüllt (Arie Galatea: „Fidati alla speranza“).
Szene 6. Als Ulisse am Strand erwacht, erblickt er Calipso, deren Schönheit die Erinnerung an seine in der Heimat wartende Frau Penelope zu verdrängen droht. Calipso gibt sich ihm als Göttin zu erkennen und verspricht ihm ihren Schutz, wenn er ihre Liebe erwidert. Die von Polifemo geforderten Schätze werden bereits zur Höhle gebracht. Dort soll er sie erwarten. Sie werde dort für alle anderen unsichtbar sein. Ulisse ist überglücklich (Arie Ulisse: „Dell’immortal Bellezza“). [Nur Zweitfassung:] Calipso ist bereit, sich dem für sie neuen Gefühl der Liebe zu einem Sterblichen hinzugeben (Arie Calipso: „Trar non suol l’ Ape ingegnosa“).
Eine Grotte
Szene 7. Während Aci und Galatea ihre Liebe genießen, wird Aci von bösen Vorahnungen geplagt (Duett Aci/Galatea: „Tacito movi e tardo“).
Dritter Akt
Ein Felsen in der Nähe des Ätna
Szene 1. Oben auf dem Felsen ruft Polifemo nach Galatea (Arietta Polifemo: „Fugace Galatea, perchè al mio Lido“). Eifersucht überwältigt ihn. Als er Galatea unten in einer schattigen Laube zusammen mit Aci erblickt, wirft er einen Felsen nach diesem und tötet ihn.
Szene 2. Galatea beklagt den plötzlichen Tod ihres Geliebten (Arietta Galatea: „Qual colpa aspettano“), dem sie als Unsterbliche nicht folgen kann (Arie Galatea: „Smanie d’Affanno, a perchè mai“).
Polifemos Höhle
Szene 3. Ulisse und Calipso sind in die Höhle eingedrungen, um den Riesen zu bezwingen, der bereits zwei Seefahrer verschlungen hat. Calipso erklärt Ulisse, dass seine heldenhaften Taten sie dazu ermutigt haben, ihm zu helfen. Als Polifemo erscheint, macht sich Calipso unsichtbar. Der Zyklop ist nach seiner gelungenen Rache in Feierlaune (Arietta Polifemo: „Crudel se m’ai sprezzato“). Ulisse bietet ihm Wein von den Hängen des Ätna an, und Polifemo trinkt reichlich davon (Arie Polifemo: „D’un disprezzato Amor“). Als er Ulisse nach seinem Namen fragt, entgegnet dieser, er heiße „Niun“ (‚Niemand‘). Polifemo verspricht ihm, dass er als Letzter sterben werde (Arietta Polifemo: „Ma i piè non mi sostengono“), und schläft ein. Daraufhin nimmt Ulisse einen brennenden Holzstab vom Lagerfeuer und stößt ihn in das einzige Auge des Zyklopen. Calipso und Ulisse frohlocken über seinen Untergang (Arie Ulisse: „Quel vasto, quel fiero“ – Arie Calipso: „Il gioir qualor s’aspetta“ bzw. „Ad altri sia più grato“).
Der Felsen, der auf Aci gefallen ist
Szene 4. [Nur Erstfassung:] Nerea berichtet Galatea von Polifemos blinder Wut nach seinem Erwachen. Nachdem seine Gefangenen unter den Bäuchen der Schafe versteckt entkommen waren, habe er seinen Zorn gegen die Tiere gerichtet, die er allesamt zerquetschte. [Beide Fassungen:] Galatea kann dies nicht über den Verlust ihres Geliebten trösten. Sie fleht Jupiter an, Acis Schicksal zu wenden und ihn unsterblich zu machen.
Szene 5. Der Felsen öffnet sich und zeigt die Quelle eines Flusses und dessen Gott Aci, der sich an seine Urne lehnt. Er dankt Jupiter für seine Gnade (Arie Aci: „Alto Giove“ bzw. Duett Aci/Galatea: „Immortale dal tuo sen“).
Szene 6. Polifemo irrt blind umher (Arietta Polifemo: „Furie che mi strazjate“). Er trifft auf Aci und Galatea, die ihm von Acis neu gewonnener Unsterblichkeit erzählen und ihm sein eigenes Schicksal als armseliges Ungeheuer vorstellen ([nur Erstfassung:] Arie Galatea: „Sì che son quella sì“ – [beide Fassungen:] Arie Aci: „Senti ’l Fato“). Polifemo ist verzweifelt. Er fleht seinen Vater Neptun an, ihm zumindest sein Auge zurückzugeben. [Nur Erstfassung:] Nerea kommentiert den Sieg der Unschuld und die Schwierigkeiten der Nymphen, Liebe zu finden (Arie Nerea: „V’ ingannate Ninfe belle“).
Szene 7 „ultima“. Ulisse fordert die Nymphen auf, Freudenlieder zu singen. Alle preisen die Liebe (Terzett Aci/Galatea/Ulisse: „Scherzino con le Grazie“ bzw. Chor: „Accendi nuova Face“).
Gestaltung
Musik
Die Orchesterbesetzung der Oper besteht aus zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Fagotten, zwei Hörnern, zwei Trompeten und Streichern (Violinen 1, Violinen 2 und Bratschen mit Basso continuo).
Anders als in seinen beiden vorangegangenen Werken für die Opera of the Nobility nahm Porpora hier einige Änderungen am Libretto vor. Neben Kürzungen und strukturellen Änderungen erweiterte er die beiden Cavatinen „Alto Giove“ (III:5) und „Sì che son quella sì“ (III:6) mit zusätzlichen Versen zu vollständigen Da-Capo-Arien. Einige im Libretto als (Secco-)Rezitativ vorgesehene Texte vertonte er als Accompagnato-Rezitative, als Arioso, Arietta oder ganze Arie. Die Eröffnungsszene kommt vollständig ohne Secco-Rezitativ aus. Calipsos „Sorte un’umile Capanna“ (I:4) und Ulisses „Fa ch’io ti provi ancora“ (I:5) vertonte er als Strophenarie ohne Da-Capo-Wiederholung. Accompagnati werden mehrfach eingesetzt, um bestimmte handlungsreiche Situationen zu intensivieren oder das Gefühl der Liebe darzustellen, aber nicht alle Accompagnati fallen in eine dieser Kategorien.
Musiknummern
Die Oper enthält die folgenden Musiknummern:Angaben in den beiden Librettofassungen, abgeglichen mit den Angaben bei Dumigan, S. 131 ff.
Erster Akt Sinfonia Szene 1. Chor: „Vien bell’Aurora“ Duett (Galatea, Calipso): „Vo presagendo“ Chor: „Febo tu ancora“ Szene 2. Arie Polifemo: „M’ accendi in sen col guardo“ Arie (Galatea): „Se al Campo e al Rio soggiorna“ Szene 3. Sinfonia (zwei Trompeten, zwei Hörner, vierstimmige Streicher und Basso continuo) Arie (Ulisse): „Core avvezzo al furore dell’Armi“ Arie (Aci): „Dolci fresche Aurette grate“ Szene 4. ArieIm Libretto als Rezitativ vorgesehen, aber von Porpora als Arie vertont. (Nerea) „Giusta non à delle tue forze Idea“ (nur Erstfassung) Arie (Calipso): „Sorte un’ umile Capanna“ (Erstfassung) bzw. „Vedrai che veglia il Cielo“ (Zweitfassung) Szene 5. Arie (Ulisse): „Fa ch’io ti provi ancora“ Szene 6. Arie (Aci): „Morirei del partir nel momento“ Arie (Galatea): „Ascoltar no non ti voglio“
Zweiter Akt Szene 1. Arie (Nerea): „Un Beltà che fa“ (nur Erstfassung) Szene 2. Arie (Calipso): „Lascia fra tanti Mali“ (Erstfassung) bzw. „Nel rigor d’avversa stella“ (Zweitfassung) Arie (Ulisse): „Fortunate Pecorelle!“ Szene 3. Arie (Aci): „Lusingato dalla Speme“ (Erstfassung) bzw. „Zeffiro Lusinghier“ (Zweitfassung) Szene 4. Cavatine (Galatea): „Placidetti Zeffiretti“ Szene 5. Cavatine (Aci): „Amoretti vezzosetti“ Arie (Aci): „Nell’ attendere il mio Bene“ (Erstfassung) bzw. „Dal guardo che incatena“ (Zweitfassung) Arie (Galatea): „Fidati alla speranza“ Szene 6. Arie (Ulisse): „Dell’immortal Bellezza“ Arie (Calipso): „Trar non suol l’ Ape ingegnosa“ (nur Zweitfassung) Szene 7. Duett (Aci, Galatea): „Tacito movi e tardo“ (in Zweitfassung gekürzt)
mini|Rezitativ und Arie des Aci „Senti ’l Fato“. Victoire Bunel (Sopran)
Dritter Akt Sinfonia (Streicher und Basso continuo) Szene 1. AriettaIm Libretto als Rezitativ vorgesehen, aber von Porpora als Arietta vertont. (Polifemo): „Fugace Galatea, perchè al mio Lido“ Szene 2. Arietta (Galatea): „Qual colpa aspettano“ Arie (Galatea): „Smanie d’Affanno, a perchè mai“ Szene 3. Arietta (Polifemo): „Crudel se m’ai sprezzato“ Arie (Ulisse): „D’un disprezzato Amor“ Arietta (Polifemo): „Ma i piè non mi sostengono“ Arie (Ulisse): „Quel vasto, quel fiero“ Arie (Calipso): „Il gioir qualor s’aspetta“ (Erstfassung) bzw. „Ad altri sia più grato“ (Zweitfassung)