Faktormobilität liegt in der Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftslehre vor, wenn Produktionsfaktoren eine räumliche, qualifikatorische oder sektorale Mobilität aufweisen.
Allgemeines Als volkswirtschaftliche Produktionsfaktoren kommen Arbeit, Boden und Kapital in Betracht. Faktormobilität betrifft sowohl die räumliche als auch die sektorale Beweglichkeit der Produktionsfaktoren. Räumliche bezieht sich auf interregionale und internationale Beweglichkeit durch Ortsveränderung, sektorale bezieht sich auf die Wanderung der Faktoren zu anderen Wirtschaftssektoren innerhalb eines Staates. Qualifikatorische Mobilität ist beispielsweise bei Arbeitskräften vorhanden, wenn der Wechsel zu einem anderen Arbeitsplatz im selben Unternehmen oder bei einem anderen Arbeitgeber nicht an der Qualifikation scheitert. Gegenstand der Theorien der Faktormobilität sind die Interaktionsbeziehungen zwischen Regionen durch den Austausch der Produktionsfaktoren.Matthias Christian Freund, Die räumliche Differenzierung betrieblicher Innovationsaktivitäten, 2008, S. 74
Mobilität stellt volkswirtschaftlich eine Reaktionselastizität dar, und zwar konkret eine Angebotselastizität in räumlicher Hinsicht.Kyriakos Revelas, Optimale Währungsräume und Währungsunionen, 1980, S. 83 Vorausgesetzt wird mithin, dass bestimmte Wirtschaftsobjekte überhaupt angeboten werden.
Ursachen Als Ursachen für internationale Faktorbewegungen sind neben politischen und sozialen Gründen insbesondere Preisunterschiede bei der Faktornutzung (Faktorkosten) zu nennen, denn Produktionsfaktoren werden zu Regionen oder Sektoren wandern, in denen sie nach Abzug von Informations- und Transaktionskosten das höchste reale Faktoreinkommen erzielen.Thomas Plümper (Hrsg.), Lexikon der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen, 1996, S. 108 Sind die Prämissen des Faktorpreisausgleichstheorems nicht erfüllt, so können durch internationale Faktorbewegungen bestehende Unterschiede in den Arbeitskosten zwischen Staaten abgebaut werden (Hochlohnland, Niedriglohnland), wodurch die Faktorallokation verbessert wird. Unter der Annahme des Heckscher-Ohlin-Modells sind Faktormobilität und Güterhandel substitutiv, weil Faktorbewegungen den Güterhandel ersetzen können und umgekehrt. Faktormobilität und Güterhandel sind dagegen komplementär, wenn die Produktionstechnologien zwischen Staaten divergieren, unterschiedliche Produktionssteuern gelten, Güter- oder Faktorunvollkommenheiten vorhanden sind oder steigende Skalenerträge in bestimmten Wirtschaftszweigen vorliegen.Thomas Plümper (Hrsg.), Lexikon der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen, 1996, S. 108
Robert Mundell untersuchte in einem Zwei-Länder-Modell die unterschiedlichen Auswirkungen asymmetrischer Schocks. Bei einer Währungsunion kann ein Schock nicht durch den Wechselkursmechanismus ausgeglichen werden, sondern nur durch innere Abwertung. Nach Mundells Beobachtung der Wirtschaftsgeschichte Kanadas und der Vereinigten Staaten kam es in diesen Währungsunionen nicht zu einer ausreichenden inneren Abwertung, makroökonomische Schocks wurden eher durch Wanderungsbewegungen von Arbeitnehmern und Kapital ausgeglichen. Er kam daher zu dem Ergebnis, dass ein Währungsraum dann optimal sei, wenn eine ausreichende Faktormobilität der Arbeitnehmer und des Kapitals bestehen.Robert Mundell, A Theory of Optimum Currency Areas, in: The American Economic Review, Vol. 51, № 4, 1961, S. 657–665
Arten Die Faktormobilität zeigt sich unter anderem darin, ob Produktionsfaktoren auf dem Faktormarkt gehandelt werden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen vollkommener (perfekter) und unvollkommener (imperfekter) Faktormobilität. Bei perfekter Faktormobilität würden Faktorwanderungen sofort und in einem Ausmaß stattfinden, dass internationaler Faktorpreisausgleich erfolgt.Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Internationale Wirtschaft, 2013, S. 217 Liegt vollkommene Faktormobilität vor, wird kein Außenhandel mehr stattfinden, weil alle Staaten die gleiche relative Faktorausstattung aufweisen würden.Karl Morasch/Florian Bartholomae, Handel und Wettbewerb auf globalen Märkten, 2017, S. 142 f. In der Wirklichkeit sorgen jedoch Handels- und Wanderungskosten dafür, dass Faktorpreisunterschiede bestehen bleiben. Daher gibt es lediglich unvollkommene Faktormobilität bei den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital. Beim Heckscher-Ohlin-Modell wird deshalb die Annahme der perfekten Faktormobilität aufgegeben.Vaishali Zambre, Handel und Arbeitsmarkteffekte im verarbeitenden Gewerbe Indiens, 2012, S. 23
Zudem ist zwischen einer imperfekten Faktormobilität und einer perfekten Immobilität zu unterscheiden.Andreas Schmidt, Überlegene Geschäftsmodelle, 2015, S. 212 Imperfekte Faktormobilität impliziert eine generelle Handelbarkeit von Ressourcen auf dem Faktormarkt, perfekte Immobilität dagegen liegt vor, wenn es am Angebot bestimmter Ressourcen völlig fehlt und sie deshalb nicht erworben werden können (etwa Reputation, Risikokultur, Unternehmenskultur).Christoph Rasche, Wettbewerbsvorteile durch Kernkompetenzen, 1994, S. 63 Der Faktor Boden besitzt keine räumliche Faktormobilität, wohl aber können Immobilien den Eigentümer wechseln.
Grad der Faktormobilität Um auf dem Faktormarkt gehandelt werden zu können, ist eine minimale Faktormobilität erforderlich.
Produktionsfaktor Mobilitätsart Merkmal Beispiel Arbeit Arbeitsmobilität qualifikatorisch räumlich sektoral Qualifikation, Qualifizierung, Umschulung Pendler, Wechsel des Standortes Freizügigkeit, Wechsel des Wirtschaftszweiges Kapital Kapitalmobilität räumlich sektoral Freihandel ohne Kapitalverkehrskontrollen Direktinvestitionen in anderen Branchen Boden Grundbesitzer räumlich sektoral Immobilien-Standort kann nur das Wirtschaftssubjekt wechseln
Die höchste Faktormobilität besitzt das Kapital, es kann vollkommene oder unvollkommene Kapitalmobilität besitzen. Imperfekte Faktormobilität weist der Faktor Arbeit mit der Arbeitsmobilität auf, am wenigsten mobil ist der Faktor Boden wegen seines unveränderbaren Standorts. Hier gibt es Faktormobilität lediglich durch den Wechsel des Grundbesitzers. Faktormärkte sind nicht nur unvollkommen, sondern auch unvollständig, weil nicht alle Ressourcen handelbar sind (wie etwa Reputation oder Kundenbindung bei einem Unternehmen).
Die Faktormobilität ist umso höher, je größer – bei einem gegebenen Preisdifferential – die Faktorbewegungen zwischen zwei Märkten sind. Das Verhältnis der Faktorbewegung (Größe des Wanderungs- oder Kapitalstroms) zu dem diese verursachenden Preisdifferential () ist die Faktormobilität : . Von allen Produktionsfaktoren ist Kapital der mobilste.Jochen Tiedtke, Zahlungsbilanzausgleich: Mikroökonomische Absorptionstheorie, direkter internationaler Preiszusammenhang und Zahlungsbilanz, 1972, S. 32 Kapitalmobilität liegt vor, wenn Kapital ohne Zeitverzögerung und Transaktionskosten über Grenzen hinweg bewegt und in jede beliebige Anlageform umgewandelt werden kann. Der Faktor Arbeit ist ebenfalls mobil, wie die Arbeitsmigration und die Talentabwanderung () zeigen. Naturgemäß räumlich völlig unbeweglich (immobil) ist der an einen Standort gebundene Boden. Die Faktormobilität des Bodens besteht darin, dass er den Grundbesitzer wechseln kann.
Grad der Faktormobilität Produktionsfaktor Beispiele vollkommene (perfekte) Faktormobilität Kapital Finanzmärkte wie Devisen-, Geld-, Kapital- oder Kreditmärkte unvollkommene (imperfekte) Faktormobilität Arbeit Boden Arbeitsmärkte Immobilienmärkte perfekte Faktor-Immobilität Unternehmensleitung keine Märkte: Reputation, Risikokultur oder Unternehmenskultur
Kapital besitzt nur theoretisch eine vollkommene Faktormobilität, weil weltweit weder völliger Freihandel (etwa bei Kapitalverkehrskontrollen) noch vollständige Freizügigkeit vorhanden sind und die Anleger Risikopräferenzen besitzen.
Arbeitsmobilität Von Arbeitsmobilität wird gesprochen, wenn Arbeitskräfte zur Mobilität bereit sind und einen Wechsel des Arbeitsplatzes vornehmen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen innerbetrieblicher und zwischenbetrieblicher Mobilität, beruflicher sowie regionaler und internationaler Arbeitsmobilität.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts Lexikon, 1983, S. 29 Der Grad der Arbeitsmobilität hat Einfluss auf allokative Effizienz der Arbeitsmärkte, insbesondere auf das Ausmaß der strukturellen Arbeitslosigkeit.Michael Olsson/Dirk Piekenbrock, Kompakt-Lexikon Umwelt- und Wirtschaftspolitik, 1998, S. 30 Die Grade der Arbeitsmobilität reichen von fehlender Arbeitsmobilität über unvollkommene bis zur perfekten Arbeitsmobilität. Letztere wird verhindert durch qualitative oder quantitative Hindernisse.
Hindernisse der Arbeitsmobilität Verzögerungen in der Arbeitsmigration und Mobilitätsschranken verhindern die perfekte Arbeitsmobilität. Beispiele für Mobilitätsschranken können sein:Bundeszentrale für politische Bildung/Heinz Werner (Hrsg.) vom 28. Mai 2002, Wirtschaftliche Integration und Arbeitskräftewanderungen in der EU, 2002, S. 15 f. Fehlende berufsspezifische Qualifikation/Begabung mangelnde Qualifikation, mangelnde Nostrifikation, fehlende Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen, geringe Arbeitsmotivation, hohes Arbeitsleid; monetäre und soziale Hindernisse des Arbeitsplatzwechsels Umzugskosten, Umschulungskosten, fehlende räumliche Mobilität, Verzicht auf Rente im Heimatland, Verlust von sozialen Bindungen (z. B. Freundeskreis), sprachliche Mängel und mangelnde kulturelle Identität; formelle Marktzutrittsschranken: fehlender Aufenthaltstitel für Ausländer, fehlende Arbeitserlaubnis für Ausländer. Diese Faktoren werden von Migrationswilligen nur unzureichend bedacht, zumal die Entscheidung für eine Auswanderung meist auf den Arbeitslohn fokussiert ist. Um die Arbeitsmobilität und damit die Faktormobilität zu verbessern, kann der Staat bestimmte arbeitsfördernde Maßnahmen bis hin zur Umschulung anbieten. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Wanderung von Arbeitskräften nicht nur auf Entlohnungsunterschiede zurückzuführen ist, sondern auch auf sozialen, politischen oder psychologischen Gründen beruht.Harry W Richardson, Regional Growth Theory, 1973, S. 89 ff.
Die Arbeitsmigration von einem Niedriglohnland in ein Hochlohnland lohnt sich für Arbeitskräfte nur dann, wenn der Gewinn aus dem (diskontierten) Wert des Arbeitseinkommens im Hochlohnland abzüglich der WanderungskostenWanderungskosten sind die Nachteile, die den Arbeitnehmern im Falle eines Arbeitsplatzwechsels entstehen wie Transport-, Umzugs- oder Umschulungskosten; neuerdings auch Zahlungen an Schlepper mit den Opportunitätskosten (ehemaliges Arbeitseinkommen im Heimatland) übereinstimmt.Florian Bartholomae, Konsumentenheterogenität und Struktur des Außenhandels, 2011, S. 81 FN 19 Die Arbeitsmigration ist für Arbeitskräfte mit Wanderungskosten verbunden, die bei einer Rückkehr in die Heimat zu sunk costs werden.Carolin Nerlich, Zur wirtschaftlichen Stabilität in einer Währungsunion unter Bedingungen realer Schocks, 1996, S. 114 Je höher die Wanderungskosten ausfallen, umso geringer ist die Mobilitätsbereitschaft.Ralf-Burkhard Hamm, Rückkehr ausgeschlossen: Eine Studie zur Integration von Binnenwanderern in Deutschland, 2011, S. 22 Eine hohe Arbeitsmobilität führt in Niedriglohnländern zu sinkendem Arbeitsangebot (vgl. Talentabwanderung), während das Angebot in Hochlohnländern steigt. Wegen der zunehmenden Verknappung der Arbeitskräfte auf den Niedriglohnmärkten steigt auf diesen der Lohnsatz, dagegen sinkt der Lohnsatz auf den Hochlohnmärkten. Auf beiden Seiten findet eine Annäherung der Lohnsätze statt. Das Lohnniveau zwischen Staaten bleibt dagegen unterschiedlich, wenn die Arbeitsmobilität gering ist.