Karl Marx zeigt im 9. und 10. Kapitel des dritten Kapitalbandes wie sich durch die zwischenzweigliche Konkurrenz um die profitabelste Kapitalanlage zweigliche bzw. sektorale Profitraten zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate ausgleichen und sich im gleichen Prozess die Werte der Waren in Produktionspreise verwandeln. Er will damit zeigen, dass jegliches Kapital unabhängig von seinem Beitrag zur Mehrwertschöpfung in Abhängigkeit von seiner Größe Anspruch hat auf gleich großen Profit - gemessen anhand der Profitrate. Umstritten ist, ob es Marx gelungen ist, den Ausgleichsprozess widerspruchsfrei zu modellieren.

Marx’ Erklärung unterschiedlicher Profitraten Profitrate und ihre Bestimmung Die Profitrate p ist das Verhältnis von erzeugtem Mehrwert (m) zur Summe des dazu vorgeschossenen konstanten Kapitals (c) plus dem eingesetzten variablen Kapital (v).Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag Berlin 1973, S. 52. Das konstante Kapital ist gleich dem Wert der Arbeitsmittel (Maschinerie, Bauten, Verkehrs- und Transporteinrichtungen) und dem Wert der Arbeitsgegenstände (Roh- und Hilfsstoffe, Halbfabrikate, Bauteile). Das variable Kapital entspricht dem an die Arbeiter gezahlten Löhnen.

bzw. nach Division der rechten Seite der Gleichung im Zähler und Nenner durch das variable Kapital v und Umstellung:

Es gibt einen Kapitalvorschuss c + v und es gibt, davon zu unterscheiden, einen Kapitalverbrauch c + v. Das Symbol c bezieht sich im letzten Fall auf das in einer Produktionsperiode übertragene Kapital,Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW Bd. 23, S. 214–225. dem in der Terminologie der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen die Summe aus Abschreibungen, Wert des Materialverbrauchs und der Vorleistungen entspricht.Zum Vergleich zwischen werttheoretischen Größen und den Größen der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen vgl. Georg Quaas: Wertrechnung und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. In: Horst Müller (Hrsg.): Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft. Norderstedt 2005. S. 207–228. Das konstante Kapital c in der hier relevanten Formel für den Kapitalvorschuss umfasst dagegen den Wert des fixen konstanten plus des zirkulierenden konstanten Kapitals.Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band. In: MEW Bd. 25, S. 164 ff. Zum Begriff des zirkulierenden Kapitals vgl. S. 119. Bei der Ermittlung der Profitrate wird die Profitmasse (bzw. die Mehrwertmasse) auf das vorgeschossene Gesamtkapital bezogen. Marx und Engels betonen expressis verbis, dass, um die Profitrate auszudrücken, der Mehrwert nicht auf den Kostpreis bezogen werden darf. Der Kostpreis entspricht dem verbrauchten Kapital. „Es zeigt sich auch hier wieder, wie wichtig es ist, bei der kapitalistischen Produktion nicht die einzelne Ware oder das Warenprodukt eines beliebigen Zeitraums isoliert für sich, als bloße Ware zu betrachten, sondern als Produkt des vorgeschoßnen Kapitals und im Verhältnis zum Gesamtkapital, das diese Ware produziert.“Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag Berlin 1973, S. 238f. Umfang und Zusammensetzung des vorgeschossenen Kapitals müssen unterschieden werden von der Größe und Zusammensetzung des Kostpreises. „Es wurde schon mehrfach hervorgehoben der Unterschied des Verhältnisses von konstantem Kapital und variablem, wie es sich im Fallen der Profitrate ausdrückt, und desselben Verhältnisses, wie es sich,... mit Bezug auf die einzelne Ware und ihren Preis darstellt.“Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag Berlin 1973, S, 270 f. Wird der Profit auf den Kostpreis (den Kapitalverbrauch) der Ware bezogen, erhält man eine Profitrate, „die nur dann mit der wirklichen Profitrate ..., Profitmasse dividiert durch das Gesamtkapital, zusammenfallen kann, wenn ... das Kapital genau einmal im Jahr umschlägt.“Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag Berlin 1973, S. 237. Das Verhältnis konstantes Kapital c zu variablem Kapital v wird als Wertzusammensetzung des Kapitals bezeichnet. Marx nimmt an, dass mit der technischen Zusammensetzung des Kapitals auch die Wertzusammensetzung des Kapitals immer weiter steigt, so dass laut Formel die Profitrate abnehmen muss, wenn dies nicht durch einen entsprechenden Anstieg der Mehrwertrate ausgeglichen wird.

Dem kapitalistischen Unternehmer ist es nicht gleichgültig, ob er eine Profitmasse – z. B. eine Million Euro – mit einem hohen oder einem niedrigen Vorschuss an Geldkapital erzielt. Ihn interessiert das Verhältnis des Überschusses zu den Faktoren, deren Nutzung Voraussetzung ist, dass Profit (bzw. im folgenden Beispiel Mehrwert m) entstehen und angeeignet werden kann. Dieses Verhältnis, die Rentabilität oder die Profitrate p’, ist quasi ein relativer Gewinn.

Die Profitrate drückt den Verwertungsgrad des gesamten vorgeschossenen Kapitals aus. Sie ist die treibende Kraft, das »belebende Feuer« der kapitalistischen Produktion.Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag, Berlin 1973, S. 269.

Marx’ Ausgangsmodell Marx unterstellt in einer gedachten Ausgangssituation fünf Produktionssphären, in denen jeweils ein Gesamtkapital von 100 in unterschiedlicher Kapitalzusammensetzung mit gleicher Mehrwertrate von 100 Prozent eingesetzt werde.Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag 1973 Berlin, S. 166.

+Profitratengefälle Zweig Kapitale Mehrwertrate Mehrwert Profitrate c-Verbrauch Warenwert Kostpreis I 80c + 20v 100 % 20 20 % 50 90 70 II 70c + 30v 100 % 30 30 % 51 111 81 III 60c + 40v 100 % 40 40 % 51 131 91 IV 85c + 15v 100 % 15 15 % 40 70 55 V 95c +5v 100 % 5 5 % 10 20 15 Summe 390c +110v 110 - - - - - Durchschnitt 78c +22v Beispiel 22 22 % - - - Die Tabelle zeigt, dass bei einheitlicher Mehrwertrate und gleich großem Kapitaleinsatz in den einzelnen Zweigen die Mehrwertmasse und die Profitrate umso höher sind, je kleiner die Kapitalzusammensetzung (Wertzusammensetzung des Kapitals) ist. Umgekehrt gilt: Mehrwertmasse und Profitrate sind umso niedriger, je höher die Wertzusammensetzung des Kapitals ist. Die Profitrate fällt, wenn bei gegebener Mehrwertrate die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt. Die organische Zusammensetzung ist die Wertzusammensetzung, die bei gegebenem Wert der Kapitalbestandteile allein die Höhe und die Veränderung der technischen Zusammensetzung anzeigt.Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Dietz-Verlag, Berlin 1972, S. 640. Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag, Berlin 1973, S. 155. Die Profitrate fällt auch, wenn bei gegebener organischer Zusammensetzung des Kapitals die Mehrwertrate sinkt. Marx nimmt an, dass langfristig die organische Zusammensetzung stärker als die Mehrwertrate steigt und begründet so das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate.Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag, Berlin 1973, S. 221–277. Die kapitalistischen Unternehmer werden die Tatsache, dass gleich große Kapitale unterschiedliche Profitraten abwerfen, nicht ohne weiteres hinnehmen. Sie reagieren darauf. Marx zeigt im 10. Kapitel des dritten Kapitalbands wie die zwischenzweigliche Konkurrenz die Profitraten zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate ausgleicht.Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag, Berlin 1973, S. 182–209. Das Ergebnis dieses Prozesses stellt Marx in der folgenden Tabelle dar.

Marx’ Ergebnis der zwischenzweiglichen Konkurrenz Ergebnistabelle Durch die zwischenzweigliche Konkurrenz um die profitabelste Kapitalanlage werden die sektoralen Profitraten in eine Durchschnittsprofitrate und die Warenwerte in Produktionspreise verwandelt. Der Produktionspreis ist die Summe aus dem Kostpreis der Waren und dem Durchschnittsprofit. + Durchschnittsprofit und Preis der Waren (Produktionspreis) Kapitale Mehrwert Warenwert Kostpreis Warenpreis Profitrate Profitmasse Wert-Preisabweichung I. 80c + 20v 20 90 70 92 22 % 22 + 2 II. 70c + 30v 30 111 81 103 22 % 22 - 8 III. 60c + 40v 40 131 91 113 22 % 22 - 18 IV. 85c + 15v 15 70 55 77 22 % 22 + 7 V. 95c + 5v 5 20 15 37 22 % 22 + 17 390c + 110v 110 422 - 422 - 110 Summe

Ergebnisinterpretation Im Ergebnis der zwischenzweiglichen Konkurrenz erzielen alle gleich großen Kapitale, wie auch immer ihre organischen bzw. Wertzusammensetzungen und in Abhängigkeit von ihnen die Größe ihrer Mehrwertschöpfung sein mögen, einen gleich hohen Profit, den Durchschnittsprofit. Er beträgt im Gedankenmodell 22 %. Durch die Abweichung der Preise vom Wert kommt es zu einer Umverteilung. Die Zweige I, IV und V - Zweige mit überdurchschnittlich hoher organischer Zusammensetzung – eignen sich Teile des in den Zweigen II und III – den Zweigen mit relativ geringer organischer Zusammensetzung geschaffenen Mehrwerts an. Es gelten zwei Invarianzpostulate (aggregierte Gleichgewichte): Erstens stimmt die Summe der Warenwerte mit der der Warenpreise (Produktionspreise) überein (422) und zweitens entspricht die Mehrwertsumme der Summe der Durchschnittsprofite (110). Die Summe der Abweichungen zwischen Werten und Preisen ist gleich Null. Darin kommt zum Ausdruck, dass man nur verteilen kann, was produziert worden war. Marx sagt, dass es sich beim Ausgleich unterschiedlicher Profitraten lediglich um eine Tendenz handelt, um „die Tendenz, die Produktionspreise zu bloß verwandelten Formen des Werts zu machen oder die Profite in bloße Teile des Mehrwerts zu verwandeln, die aber verteilt sind nicht im Verhältnis zum Mehrwert, der in der besondren Produktionssphäre erzeugt ist, sondern im Verhältnis zur Masse des in jeder Produktionssphäre angewandten Kapitals, so dass auf gleiche große Kapitalmassen, wie immer zusammengesetzt, gleich große Anteile (aliquote Teile) der Totalität des vom gesellschaftlichen Gesamtkapital erzeugten Mehrwerts fallen.“Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Dietz-Verlag Berlin 1973, S. 183.

Der Ausgleichsmechanismus Nach Marx ist es „die eigentlich schwierige Frage ... wie diese Ausgleichung der Profite zur allgemeinen Profitrate vorgeht, da sie offenbar ein Resultat ist und nicht ein Ausgangspunkt sein kann.“