mini|Haupteingang zur ehemaligen Kaserne in Babenhausen

Das DP-Lager Babenhausen wurde 1946 als Entlastung für das DP-Transitlager Landshut zur Unterbringung von Displaced Persons auf einem von der US-Army besetzten Kasernengelände am Rande der südhessischen Kleinstadt Babenhausen eingerichtet. Das Lager in Babenhausen war eines der zahlreichen DP-Lager in Hessen und bestand bis Ende 1950.

Nutzung des Kasernengeländes zwischen 1901 und 1946 In den Jahren 1900 und 1901 wurde am Rande von Babenhausen eine Kasernenanlage erbaut (), in der bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Artillerie- und Kavallerieeinheiten sowie ein Reservelazarett untergebracht waren.Bundesanstalt für Immobilienaufgaben: Kaserne Babenhausen Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Garnison aufgelöst und kurzzeitig von französischen Soldaten besetzt. Vom Frühjahr 1920 an folgte dann eine wechselnde Nutzung des Kasernengeländes durch ein Reichswehr-Schützen-Regiment, die Hessische Sicherheits-Polizei und eine SA-Sportschule.Holger Köhn: Zweierlei Raum, zweierlei Wirkung Eine erneute militärische Nutzung begann Mitte der 1930er Jahre. Abermals wurde das Kasernengelände Standort eines Artillerieregiments, und im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde das Gelände um einen Feldflugplatz der Luftwaffe erweitert. Ab 1938 war zudem eine Wehrkreis-Reit- und Fahrschule in Babenhausen ansässig.

Ebenfalls während des Zweiten Weltkriegs errichtet die Deutsche Wehrmacht auf dem Kasernengelände ein Kriegsgefangenenlager, dessen Insassen auf dem Flugplatz zu arbeiten hatten.LAGIS Hessen: Kriegsgefangenenlager Babenhausen (abgerufen am 16. Januar 2022) Am 16. März 1945, nur wenige Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, wurden etwa 400 kriegsgefangene Schwarzafrikaner in der Kaserne untergebracht, die aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Schlesien zu Fuß in Marsch gesetzt worden waren und in einem jämmerlichen Zustand in Babenhausen ankamen.Petra Grimm: Ende des Zweiten Weltkrieges

Am Vormittag des Palmsonntages des Jahres 1945, dem 25. März, rückten die US-amerikanischen Truppen in Babenhausen ein. Ihr Hauptquartier richteten sie vorerst in der Stadt ein, nicht auf dem Kasernengelände. „Die Wachmannschaften sowie andere deutsche Militärpersonen im Kasernenbereich wurden in amerikanische Gefangenschaft genommen. Mitte Juni 1945 erfährt die Zivilbevölkerung, dass in und um die Kaserne Babenhausen ein deutsches Kriegsgefangenenlager eingerichtet wird. Die offizielle Bezeichnung lautet PWTE-A-20 (Kriegsgefangenendurchgangslager der US-Armee). Rund 30.000 deutsche Kriegsgefangene werden durch das Lager geschleust und in Babenhausen entlassen. Manche Gefangene waren nur ein oder zwei Tage im Lager Babenhausen.“Kriegsgräberstätte Idstein: Recherchen zu Rudolf Grosse In dieser Zeit wurde das Kasernengelände noch einmal deutlich erweitert. Es entstanden sogenıannte Nissenhütten, einräumige halbrunde Blechbauten, sowie große Sammelunterkünfte in Zelten. Auch die ehemaligen Pferdeställe wurden als Unterkünfte für Kriegsgefangene genutzt. Die sanitären Einrichtungen befanden sich in einem schlechten Zustand.Holger Köhn: Die Lage der Lager

Diese Nutzung als Kriegsgefangenendurchgangslager der US-Armee endete im September 1946.

Das jüdische DP-Lager Vor allem in der Folge des Pogroms von Kielce kam es von August bis Oktober 1946 zur massenhaften Zuwanderung polnischer Juden in die amerikanische Besatzungszone. Mit Hilfe der Fluchthilfe-Bewegung Bricha gelangten sie über Österreich nach Deutschland und wurden vorübergehend in grenznahen Transitlagern, so in Landshut oder Cham (Oberpfalz), untergebracht. Die Masse der ankommenden Flüchtlinge überforderte die amerikanischen Behörden, zumal die britischen und französischen Besatzungsbehörden den jüdischen Flüchtlingen den Zuzug in ihre Zonen verweigerten. Über die daraus resultierende Situation im Transitlager Landshut berichtete Leo W. Schwarz, in den Jahren 1946/47 Direktor des Joint Distribution Committee (Joint) für die amerikanische BesatzungszoneYIVO Institute for Jewish Research: Papers of Leo W. Schwarz

Auf der Suche nach besseren Unterkunftsmöglichkeiten griff die US-Army auf das in Auflösung befindliche Kriegsgefangenenlager Babenhausen zurück, das eigentlich zu einem Internierungslager hätte umfunktioniert werden sollen und zu dem Zeitpunkt noch von einem Stacheldrahtzaun umgeben war. Hier traf ein erster Transport aus Landshut mit etwa 1.000 Personen am 29. September 1946 ein, wobei der erste Anblick, der sich den DPs bei ihrer Ankunft bot, heftigen Widerstand hervorrief.

Ähnliche Komplikationen gab es auch beim zweiten Transport, der Babenhausen am 1. Oktober 1946 erreichte. 35 Personen weigerten sich auszusteigen und verließen mit dem Zug Babenhausen mit unbekanntem Ziel. Erst der dritte und letzte Transport mit weiteren 800 Personen verlief ohne größere Komplikationen."...wohnen auf der verfluchten deutschen Erde": Bericht des JOINT-Beauftragten Joseph Fink über Schwierigkeiten bei der Einrichtung des Lagers Babenhausen Der Joint-Beauftragte Joseph Fink hielt gleichwohl den Widerstand gegen die Zustände auf dem Gelände aus der Sicht der DPs für berechtigt. Die Unterkünfte und sanitären Einrichtungen entsprachen im Wesentlichen denen, die zuvor von den Kriegsgefangenen genutzt werden mussten, und Fink bezweifelte, dass diese trotz der Bemühungen der US-Army für die jetzige Anzahl an Menschen bewohnbar gemacht werden könne. Für ihn stand fest, dass es insbesondere Frauen und Kinder nicht zuzumuten sei, den ganzen Winter über in dieser Einrichtung auszuharren.

Dieses Verständnis für die polnischen Camp-Insassen wurde nicht von allen geteilt. Köhn zitiert einen Berichterstatter für das US-amerikanische Special Senate Committee Investigating the National Defense Program, der im November 1946 nach einem Lagerbesuch schrieb: „Diese Menschen sind größtenteils mittellos und wollen nicht arbeiten, sondern erwarten, dass man sich um sie kümmert, und beschweren sich, wenn die Dinge nicht so gut gemacht werden, wie sie es für richtig halten.“George Meader: Confidential Report to the Special Senate Committee Investigating the National Defense Program (22.11.1946). zitiert nach Holger Köhn: Zweierlei Raum, zweierlei Wirkung. S. 39. „These people are, for the most part, penniless and do not desire to work, but expect to be cared for, and complain when things are not as well done as they think they should be.“

Finks Report von Anfang Oktober 1946 enthält eine Statistik per Stichtag 7. Oktober, die folgende Merkmale der zu dem Zeitpunkt 2.358 Camp-Insassen hervorhebt: Soziale Merkmale der Camp-Insassen am 7. Oktober 1946im Alter vonAnzahlKinder0 – 22432 – 51575 – 14150Schwangere237Personenüber 6087 Fink schloss aus diesen Zahlen, dass etwa 2000 Personen in familiären Verbindungen gelebt und etwa 10 % der Gesamtzahl einen nicht-familiären Status gehabt hätten.

Nachdem die Registrierung der Camp-Insassen abgeschlossen war, ergaben sich zwei Entwicklungsstränge für das Camp. Der eine bestand darin, die vorhandene Infrastruktur zu verbessern – unter Anleitung der UNRRA- und Joint-Mitarbeiter und der Mithilfe der DPs. Verteilungsstellen für Kleidung und Kinderspielzeug entstanden, vier Großküchen, ein Kindergarten und eine Synagoge wurden eingerichtet. Im Dezember 1946 nahm auch ein Krankenhaus seinen Dienst auf. Mangels Räumlichkeiten und Materialien konnte zunächst kein Schulbetrieb aufgenommen werden, es gab jedoch bald eine religiöse Schule, die von der Vaad Hatzalah, einer Unterorganisation der Agudat Jisra’elIn dem Fall vermutlich einer Unterorganisation der Agudath Israel of America. Zum Wirken der Vaad Hatzalah in den DP-Camps siehe: nurinst.org: „Der Kampf um die Seelen“. Die Aktivitäten der jüdischen Orthodoxie in den DP-Camps am Beispiel der Vaad Hatzala betrieben wurde, die nach Köhn in Babenhausen ebenfalls als jüdische Hilfsorganisation vor Ort war.

Parallel zu der inneren Ertüchtigung des Camps forderten die UNRRA und andere jüdische Hilfsorganisationen die Verlegung der Camp-Insassen in Privatwohnungen außerhalb des Camps. Das führte dazu, dass Ende Oktober/Anfang November 1946 mehrere Hundert DPs, vor allem Familien, in das nicht weit entfernte Dieburg verlegt wurden, nachdem dort privater Wohnraum für sie beschlagnahmt worden war. Das war der Auftakt für das jüdische DP-Lager Dieburg, und dieser Transfer geschah vor dem Hintergrund eines massiven Konflikts zwischen den militärisch Verantwortlichen, die gegen eine Verlegung waren, und den Vertretern der UNRRA, die sich letztlich durchsetzen konnten. In Babenhausen waren fortan nur noch zwischen 1.200 und 1.400 DPs ansässig.

Der spätere israelische Ministerpräsident David Ben Gurion unternahm im Oktober 1945 und im Oktober 1946 Reisen durch mehrere DP-Lager. Im Oktober 1946 besuchte er auch das DP-Lager Babenhausen.Siehe hierzu: Ben-Gurions Verhältnis zu den Displaced Persons und der Shoa. Er wurde dabei begleitet von Herbert Friedman (1918–2008), der eine wichtige Rolle bei der Organisation der Bricha-Route von Stettin nach Berlin spielte, auf der jüdische Überlebende aus Osteuropa in die amerikanischen Besatzungszonen geschleust wurden.

Im Frühjahr 1947 wurde das jüdische DP-Lager in Babenhausen geschlossen. Im Zuge von Familienzusammenführungen zogen einige DPs noch nach Dieburg; der größte Teil aber wurde Anfang März 1947 nach Nordhessen in das 20 Kilometer östlich von Kassel gelegene DP-Lager Rochelle verlegt, das in einer ehemaligen Zwangsarbeiterinnensiedlung der Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau auf dem Gelände der heutigen Gemeinde Eschenstruth eingerichtet worden war.

Lager für baltische DPs Im heutigen Gernsheimer Ortsteil, Allmendfeld, einer von den Nationalsozialisten gegründeten landwirtschaftlichen Mustersiedlung, in der sich während des Zweiten Weltkriegs ein Arbeitslager für Strafgefangene des Lagers Rollwald befand, wurden zwischen dem Januar 1946 und dem Juni 1947 litauische und estnische DPs untergebracht.DP-Camp Inventory der Arolsen Archives: Allemdfeld Die letzten Insassen dieses Lagers wurden nach Babenhausen verlegt, und dorthin kamen auch noch weitere baltische DPs aus kleineren Lagern. Babenhausen wurde somit offiziell als baltisches DP-Lager geführt, das 1948 mit etwa 1.000 Personen aus dem Baltikum belegt war.

Im Sommer 1949 nahm die Anzahl der baltischen Lagerinsassen schnell ab, weshalb Babenhausen vorübergehend zum Durchgangslager für auswanderungswillige oder repatriierungswillige DPs genutzt wurde.

Vom Lager für tschechische DPs zur US-amerikanischen Garnison Vom DP-Lager zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – so ließe sich die Geschichte des 1946 von der UNRRA in Nürnberg-Langwasser auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers eröffneten und betriebenen DP-Lagers zusammenfassen.Bernd Windsheimer: Valka-Lager Langwasser. Vom Flüchtlingslager zum Bundesamt für Migration. In: Geschichtsrundbrief. 53, Geschichte für Alle e. V. – Institut für Regionalgeschichte, Dezember 2016. (geschichte-fuer-alle.de) Bekannt wurde es als Valka-Lager, benannt nach der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka, weil dort bis 1949 vor allem von Letten und Esten untergebracht waren. S. 3.