Adultismus (von lat. adultus erwachsen) bezeichnet Vorurteile gegenüber einer Person oder einer Personengruppe aus Gründen des geringeren Alters, aber auch Strukturen, die eine Diskriminierung jüngerer Menschen produzieren und aufrechterhalten. Adultismus ist eine Form von Ageismus. Der US-amerikanische Psychologe Jack Flasher definierte 1978 Adultismus als „the oppression experienced by children and young people at the hands of adults and adult-produced/adult-tailored systems“ (deutsch: „Unterdrückung, die Kinder und junge Leute durch Erwachsene erfahren, sowie von Erwachsenen geschaffene bzw. auf sie zugeschnittene Systeme“).
In einem engeren Wortsinn bezieht sich der Begriff Adultismus auf die Altersdiskriminierung von Kindern, d. h. von Menschen nach der Geburt bis dreizehn Jahren. Bei diesem Sprachgebrauch wird die Diskriminierung von Jugendlichen – nach deutschem Recht sind es Menschen im Alter von vierzehn bis siebzehn Jahren – als Epiphanismus bezeichnet. In einem weiteren Wortsinn beschreibt der Begriff die Machtungleichheit zwischen jungen Menschen und Erwachsenen. Erwachsene sind nach Ansicht von Adultisten normgebende „Standardmenschen“. Legitimiert wird diese Sichtweise durch die Behauptung, Kinder (und teilweise auch noch Jugendliche) seien noch (in jeder Hinsicht) „unreif“.
Einige bewerten nicht nur die Behinderung der Entwicklung von Kompetenzen bei Kindern, Jugendlichen und sogar noch bei jungen Erwachsenen als adultistisch, sondern auch eine unangebracht tolerante Einstellung gegenüber angeblich harmlosen, sich angeblich „von selbst auswachsenden“ schädlichen Neigungen junger Menschen. Sie bedauern beispielsweise, dass in Deutschland Dreizehnjährige und Jüngere trotz hinreichender Einsichtsfähigkeit wegen mangelnder Strafmündigkeit nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können, weil ihnen von Rechts wegen ohne Einzelfallprüfung Schuldunfähigkeit unterstellt wird.
Beschreibung durch Psychologen, Soziologen und Pädagogen Adultismus ist eine Form der Benachteiligung, die entsteht, wenn Kinder und Jugendliche von Erwachsenen als zur Selbst- und Mitbestimmung noch nicht fähige Wesen wahrgenommen werden, die sich den Vorgaben der angeblich reiferen Erwachsenen beugen müssen – nicht weil sie tatsächlich ihnen drohende konkrete Gefahren nicht meistern könnten oder weil sie tatsächlich in konkreten Situationen weniger kompetent als die sie beurteilenden Erwachsenen wären, sondern weil Erwachsensein prinzipiell als Voraussetzung für „Reife“ bewertet wird und „maßgebliche“ Urteile nur „Reifen“ zugestanden werden. Adultistische Strukturen, Einstellungen und Verhaltensweisen gibt es vor allem in Familien und in pädagogischen Einrichtungen, in denen regelmäßig Kinder und Jugendliche auf Erwachsene treffen. Dies geschieht insbesondere in Kindertagesstätten und Schulen.
Im Fall von Adultismus werden Kindern aufgrund ihres Alters bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Sie seien z. B. angeblich „egoistisch, vielleicht trotzig, aber auch niedlich, rücksichtslos, unreif oder nicht vertrauenswürdig“. Erwachsene hingegen seien „schlau, erfahren, weitsichtig, verantwortungsvoll und vertrauenswürdig“.
Adultismus wird durch eine klare Machtverteilung, durch Gesetze, Traditionen (soziale Konstrukte) und soziale Institutionen gestützt; er gilt als die in der Biografie eines Menschen früheste erlebte Form. Abruf am 22. Oktober 2010. Abgerufen am 7. April 2024. der Diskriminierung. Antonyme zu Adultismus stellen die gleiche Würde zwischen Menschen unterschiedlichen Alters und die demokratische Mitbestimmung Jüngerer in sozialen Kleinstgruppen wie Familien dar.
Beispiele für Adultismus Neben Sätzen, die von Erwachsenen bevormundend geäußert werden, wie zum Beispiel „Dafür bist du noch zu jung, das darfst du nicht.“ finden sich viele weitere Beispiele, die in folgenden Bildern dargestellt sind:
Adultismus-Vorwurf während der COVID-19-Pandemie
In vielen Staaten wurden während der COVID-19-Pandemie ab 2020 in beschleunigten Verfahren zügig in Kraft gesetzte Vorschriften zur Bekämpfung der Pandemie erlassen, ohne dass Minderjährige und ihre gesetzlichen Vertreter die Gelegenheit bekommen hätten, vor Beschluss der Maßnahmen gehört zu werden.
In Deutschland wurden bei der Schließung von Schulen und der Festsetzung der Form des Unterrichts (Präsenzunterricht, Distanzunterricht oder Hybridunterricht?) die von den Schulgesetzen der Länder vorgesehenen Formen der Mitbestimmung von Schülern und deren Elternz. B. weitestgehend nicht berücksichtigt. Im Januar 2022 zitierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Klage eines Schulleiters darüber, dass generell Strukturen der Mitbestimmung von Schülern und Eltern in der Schule durch das Gebot der räumlichen Distanzierung und die Praxis, während der Pandemie Distanz- und Hybridunterricht zu erteilen, weitgehend außer Kraft gesetzt worden seien.
Am gravierendsten ist der Vorwurf, dass sich Politiker und Autoren rechtlicher Regelungen vor deren Inkraftsetzung nicht genügend Gedanken über grundlegende Bedürfnisse und Interessen junger Menschen gemacht hätten, z. B. über ihr Interesse, in der vorgegebenen Zeit genau so viel zu lernen und dieselben Zukunftschancen zu haben wie Vorgängerjahrgänge vor der Pandemie,
und über ihr Bedürfnis, ihren natürlichen Bewegungsdrang bei Sport und Spiel ausleben zu können.
Adultismus in der Sprache Wörter im Wortfeld „Kind“ sind oft mit negativen Konnotationen verbunden (Beispiel: Ein Erwachsener hat angeblich eine „kindliche“ Stimme). Wörter wie „kindisch“ sind durchweg pejorativ gemeint und dienen zur Abwertung des so bezeichneten Verhaltens.
Auch innerhalb von Kindergruppen findet sich Adultismus in der Form, dass der eigentlich wertneutrale Begriff „Baby“ im Deutschen als Beleidigung angesehen wird, da er ein besonders junges Kind beschreibt, das sich in der sozialen Rangfolge an der untersten Stufe befindet.
Des Weiteren kommen in der Ausdrucksweise Erwachsener häufig Stereotype vor, in denen Kinder als „Zappelphilippe“, „ungezogen“ und chaotisch („eine Horde Kinder“) erscheinen.
Verinnerlichter Adultismus Adultismus hinterlässt bei Menschen, die ihm ausgesetzt sind, bleibende Spuren. Das betrifft zunächst diejenigen, die noch minderjährig sind. Sie verinnerlichen den Adultismus, der ihnen begegnet. Davon Betroffene haben das Gefühl, nicht zu genügen, und sehen sich anderen Leuten untergeordnet, auch noch als längst Erwachsene. Denn bei Kindern, die von Erwachsenen häufig als „minderwertig“ betrachtet werden, geht das Fremdbild in ihr Selbstbild ein. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Durch Verhaltensweisen wie körperliche Gewalt, Bestrafung und laute Beschimpfung bis hin zu subtileren Formen wie ungefragtes Belehren, Beschämen, Unterbrechen, Belächeln, Liebesentzug, Schuldzuweisungen und Gespräche oder Blicke der Erwachsenen untereinander in Bezug auf Kinder sowie durch Loben und Belohnen, wenn damit von Erwachsenen gewünschtes Verhalten verstärkt werden soll, lernen Kinder, „dass es ‚normal‘ ist, dass es ein ‚Oben‘ und ein ‚Unten‘ gibt, und dass es erstrebenswert ist, ‚oben‘ zu sein“. Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA), dem 30 Jugendverbände als korporative Mitglieder angehören, ist der Ansicht, dass dieses Schema der Ungleichwertigkeit dazu führen könne, dass auch andere Formen der Diskriminierung nicht als Problem wahrgenommen werden.
Sogar innerhalb von Gruppen junger Leute gibt es oft eine strikte Ordnung, bei der die Schüler höherer Jahrgänge die Schüler unterer Jahrgänge gängeln und sie z. B. als Baby bezeichnen. Die jüngeren Schüler ahmen später das Verhalten ihrer älteren Mitschüler nach. Die Hierarchisierung ist durch die Einteilung von Schülern in heute aufsteigend nummerierte Jahrgangsstufen vorgegeben. Früher verstärkten Bezeichnungen wie „Primaner“ für Schüler der Jahrgangsstufen zwölf und dreizehn eines Gymnasiums deren Selbstwertgefühl.
Hintergründe Die generationale Ordnung spielt bei Adultismus eine große Rolle. Zunächst sind Neugeborene und kleine Kinder darauf angewiesen, dass es Erwachsene gibt, die ihr Überleben sicherstellen. Mit dieser Aufgabe ist zwangsläufig Macht verbunden. ManuEla Ritz, Dozentin an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, weist darauf hin, dass es neben der notwendigen fürsorglichen Form der Machtausübung über Kinder auch eine „schwarze Seite der Macht“ gebe, und zwar in Form von Adultismus. Ritz mahnt: „Wir müssen uns im Alltag […] immer wieder fragen, ob die Macht, die wir gerade ausüben, wirklich dem Schutz dient. Oder geht es womöglich nur um Macht an sich?“ Die dunkle Seite der Macht zeige sich, wenn Erwachsene eine Rangordnung im Kopf haben und allein wegen ihres Alters davon ausgehen, dass sie intelligenter, kompetenter, besser seien als Kinder und Jugendliche. „Mit so einer Einstellung ist es leicht, sich über deren Meinungen und Ansichten hinwegzusetzen bzw. diese gar nicht erst zu erfragen.“
Von der modernen Kindheitssoziologie (englischer Fachbegriff generationing)Leena Alanen: Kindheit als generationales Konzept. In: Kindheit soziologisch (Hg. Heinz Hengst, Helga Zeiher). Wiesbaden 2005, S. 79: „Dann bezieht sich der Begriff einer generationalen Struktur (oder generationalen Ordnung. vgl. Connels ‚gender order‘)“ werden Begriffe wie „Kind“ und „Erwachsener“ als „Konstrukte“ eingestuft.z. B. Alanen 1992; 2001; Honig 1999. „Die Schlußfolgerung ist: die beiden generationalen Kategorien Kinder und Erwachsene werden in solchen generationsbildenden, ‚generationing‘-Praxen ständig hergestellt.“Michael Sebastian Honig: Konzeptuelle Emanzipation? Systemische Probleme der Kindheitssoziologie. In: Wege zum Selbst. Soziale Herausforderungen für Kinder und Jugendliche (Hg. Harald Uhlendorff, Hans Oswald). Stuttgart 2002, S. 14. Der Konstruktcharakter solcher Begriffe ist daran erkennbar, dass Schwellen in einem Land verschoben werden können (z. B. wurden junge Menschen in der Bundesrepublik Deutschland bis 1974 erst mit 21 Jahren volljährig). Als wichtigsten von der Kindheitssoziologie ausgehenden neuen Impuls bewerten Laura B. Kayser und Tanja Betz das Verständnis von Kindern als „soziale[n] Akteure[n] […], die aktiv an der Herstellung gesellschaftlicher Verhältnisse beteiligt sind“.
Eine ebenso wichtige Rolle für das Verständnis der Langzeitwirkung von Adultismus spielt das Bild von der Familie als „Keimzelle jeder menschlichen Gemeinschaft“.Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 29. Juli 1968, Az.:, 31/66 und 5/67 In der Familie lernen Kinder das Phänomen der Autorität kennen. Autorität besteht darin, dass in einer Autoritätsbeziehung der Überlegene vom Unterlegenen „im Handlungsbereich Gehorsam und in Wissensangelegenheiten Glauben erwarten kann, ohne Zwangs- oder Gewaltmittel einsetzen zu müssen.“Michael Wimmer: Zwischen Zwang und Freiheit. Der leere Platz der Autorität. In: Susanne Lüdemann, Christiane Thompson, Alfred Schäfer (Hrsg.): Autorität. 2009, ISBN 978-3-657-76724-3, S. 85. (schoeningh.de, abgerufen am 25. Januar 2022)
Im Patriarchat gilt der Vater als die oberste Autorität in der Familie, der sich auch die Mutter unterordnen müsse. In der Zeit der Aufklärung wurden durchweg die Begriffe „väterliche Autorität“ bzw. „väterliche Gewalt“ benutzt. John Locke machte 1690 darauf aufmerksam, dass politische und väterliche Gewalt „grundverschieden“ seien und daher völlig „unabhängig voneinander“ bestünden sowie auf verschiedene Zwecke ausgerichtet seien. Der naturbedingten Unmündigkeit der Kinder, die „ohne Wissen und Verstand“ geboren würden, müsse auf erzieherische Weise entsprochen werden, bis die „Fesseln“ der erzieherischen Macht verschwänden „und der Mensch der eigenen freien Leitung überlassen wird“, um „sich selbst und anderen nützlich zu sein“. Zu beachten sei von Erwachsenen stets, dass Kinder „vernunftbegabte Wesen“ seien.John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung (Hrsg.: W. Euchner). 1977. §§ 61 und 64