mini|Die deutsche Botschaft in Stockholm im August 2008 Die Geiselnahme von Stockholm war ein Terroranschlag eines Kommandos der linksextremistischen Rote Armee Fraktion (RAF), der sich am 24. April 1975 ereignete. Sechs Terroristen verschafften sich Zugang zur bundesdeutschen Botschaft in Stockholm (Schweden), nahmen dort zwölf Geiseln und ermordeten zwei von ihnen. Ein weiterer Botschaftsmitarbeiter, der nicht zu den Geiseln gehörte, erlag den Spätfolgen, die unmittelbar mit dem Attentat in Verbindung gebracht werden können. Nach der wahrscheinlich unbeabsichtigten Explosion des durch die Terroristen zuvor verteilten Sprengstoffs konnten die restlichen Geiseln fliehen. Die überlebenden Geiselnehmer wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Vorgeschichte Der später ermordete Militärattaché der Botschaft, Andreas Baron von Mirbach, erhielt bereits im Herbst 1974 durch einen anonymen Hinweisgeber aus Hamburg per Telefon die Information, dass sein Leben in Gefahr sei. Das Ehepaar von Mirbach schlussfolgerte daraus damals jedoch nicht, dass sich der Hinweis auf einen Anschlag auf die Botschaft beziehen könnte. Bei dem Anrufer handelte es sich wahrscheinlich um einen Mitwisser aus der Hamburger linksextremen Szene.

Ähnliche Ansprachen und verdächtige Verhaltensweisen, vor allem das Fotografieren des Botschaftsgeländes und ihrer Privathäuser, wurden auch von anderen Botschaftsmitarbeitern und der Familie von Heinz Hillegaart, dem zweiten der drei Opfer, berichtet.

In Stockholm und zum Teil auch direkt vor dem Botschaftsgebäude selbst fanden kleinere Protest- und Solidaritätsveranstaltungen linker Gruppierungen statt, die sich auf den bevorstehenden Prozess in Stuttgart-Stammheim gegen die einsitzende Führungsriege der ersten Terroristengeneration bezogen. Zu solchen Treffen reisten teilweise auch Multiplikatoren aus dem politisch linksextremen Spektrum aus Deutschland an, darunter auch RAF-Anwalt Siegfried Haag persönlich. Eine Gruppe von Helfern um diesen Anwalt, der später selbst zum Terrorist wurde, übernahm die Ausspähung europäischer Botschaften, beispielsweise auch in London und Bern. Die Sicherheitsvorrichtungen der deutschen Botschaften wurden in vielen Ländern aufgrund der Bedrohungslage überprüft und verschärft, so wurde in Stockholm eine Stahlgittertür zwischen dem 2. und 3. Stock des Botschaftsgebäudes eingebaut.

Am 27. Februar 1975, drei Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, hatten Terroristen der Bewegung 2. Juni Peter Lorenz, den damaligen Spitzenkandidaten der CDU Berlin, entführt. Die Bundesregierung (Kabinett Schmidt I) hatte der Forderung der Entführer nachgegeben und fünf Straftäter aus der RAF sowie der Bewegung 2. Juni freigelassen und in den Südjemen ausfliegen lassen.

Verlauf Gegen 11:30 Uhr des 24. April 1975 betraten insgesamt sechs RAF-Terroristen (Karl-Heinz Dellwo, Siegfried Hausner, Hanna Krabbe, Bernhard Rössner, Lutz Taufer und Ulrich Wessel) in kurzem Abstand partnerweise die Botschaft der Bundesrepublik in Stockholm, indem sie dem Wachmann vorgaben, konsularische Unterstützung zu benötigen. Die Anwesenheit des RAF-Terroristen Stefan Wisniewski in einem Versteck außerhalb des Botschaftsgeländes ist nicht gesichert. Er könnte sich in Bereitschaft für unvorhergesehene Situationen gehalten und an der Verbreitung kurzer Erklärungen mitgewirkt haben, die nachmittags in Briefkästen mehrerer lokaler Nachrichtenagenturen in Stockholm gefunden wurden. Deshalb kamen in den Medien schon während der laufenden Tat Vermutungen auf, dass es außerhalb der Botschaft in Stockholm noch Helfer geben müsse. Hinweise, dass es sich hierbei um Wisniewski handelte, finden sich bei einigen Fachautoren, wobei als Quelle hierfür Peter-Jürgen Boock angedeutet wird. Den meisten Personen im Botschaftsgebäude gelang die Flucht, andere versteckten und verbarrikadierten sich an verschiedenen Orten innerhalb des Gebäudes. Der Botschafter selbst, Heinz Dietrich Stoecker, konnte sich zu Beginn unter einem Schreibtisch im Archivraum des dritten Stocks verstecken. In Verantwortung vor seinen Mitarbeitern verließ er jedoch das Versteck und stellte sich den Geiselnehmern. Eine weibliche Person versteckte sich über mehrere Stunden in einem Schrank, konnte Teile der Gespräche der Täter untereinander mithören und wurde deshalb zur wichtigen Zeugin des Geschehens. Schließlich verließ sie den Schrank und ergab sich den Besetzern.

Die Nachricht über den Überfall erreichte die schwedische Polizei über einen privaten Sicherheitsdienst um ca. 11:50 Uhr. Da aus dem Gebäudeinneren Schüsse zu vernehmen waren, forderten die eingetroffenen Polizisten Krankenwagen und Verstärkung an. Unter dem Schutz der Polizei konnten weitere Personen die unteren beiden Stockwerke der Botschaft verlassen. Die Geiselnehmer zogen sich vollständig in den 3. Stock zurück und verlagerten die Geiseln von der Bibliothek in das Zimmer des Botschafters. Der Versuch der Polizei, in das 3. Stockwerk vorzurücken, scheiterte am Beschuss durch die Geiselnehmer. Der Aufforderung der Terroristen, das Gebäude vollständig zu verlassen, kamen die Polizisten jedoch zunächst nicht nach.

Die Besetzer bezeichneten sich, dem Benennungsmuster der Terrororganisation folgend, selbst als Kommando Holger Meins. Bereits bei diesem ersten Telefonat mit Einsatzkräften der schwedischen Polizei forderten sie die Freilassung von Gefangenen der Baader-Meinhof-Bande, andernfalls würde eine Geisel nach der nächsten ermordet. Mehrere Telefonate der Terroristen mit der Einsatzleitung, dem Justizminister Schwedens, der Frau und des Sohnes des Botschafters sind als Tonbandmitschnitt erhalten. Der Sohn des Botschafters, Folkmar Stoecker, hielt sich aufgrund seiner Arbeit als Diplomat am Tag der Geiselnahme im Auswärtigen Amt in Bonn auf und erfuhr dort von den Geschehnissen und der Geiselhaft seines Vaters. Gemeinsam mit einer Delegation flog er am späten Nachmittag nach Stockholm und übernahm an der Botschaftsresidenz von seiner Mutter, Ingrid Stoecker, zwischenzeitlich den telefonischen Kontakt zu Lutz Taufer von der Terroristengruppe.

Gegen 13:40 Uhr wurde der Militärattaché Oberstleutnant i. G. Andreas von Mirbach aus dem Botschafterzimmer geholt und am Treppengeländer des Treppenhauses durch die Terroristen gezwungen, seine eigene Erschießung anzukündigen, wenn sich die schwedische Polizei nicht bis 14 Uhr aus dem Untergeschoss der Botschaft zurückziehen würde. Nach Konsultationen mit der Einsatzleitung wurde durch die Polizei entschieden, den Forderungen nicht nachzukommen. Der Konsul der Botschaft, der sich nicht unter den Geiseln befand und das Ultimatum mitbekam, trat in telefonischen Kontakt mit Verantwortlichen des Auswärtigen Amt in Bonn und schilderte die dramatische Eskalation, in der Hoffnung etwas für das Leben seines Kollegen unternehmen zu können, etwa die Polizei zur Räumung veranlassen zu können. Ein Verantwortlicher im Auswärtigen Amt empfahl, sich an die höchste greifbare Expertise, also der Einschätzung der anwesenden schwedischen Polizei, zu halten. Eine Relativierung dieser Empfehlung veranlasste der Außenminister Hans-Dietrich Genscher persönlich, mit der Betonung, dass der Schutz von Menschenleben höchste Priorität genieße. Sie erreichte allerdings erst gegen 14:40 Uhr die Einsatzkräfte in Stockholm, also zu spät.

Kurz vor 14 Uhr wurde von Mirbach unter Waffengewalt gezwungen selbst ein Zweiminuten-Ultimatum anzukündigen. Als das Ultimatum verstrich, schossen zwei Terroristen unmittelbar von hinten fünfmal auf die Geisel und stießen ihn die obere Treppe des Botschaftsgebäudes hinunter.Was wissen wir denn über den Terrorismus? FAZ.net, 12. Februar 2007 Eine Bitte der Polizei, den noch lebenden von Mirbach bergen zu dürfen, wurde von den Besetzern anfänglich abgelehnt und mit weiteren Drohungen und Hinweis auf die Handgranaten verbunden. Erst ca. eine Stunde nach den Schüssen durften zwei bis auf die Unterhosen entkleidete schwedische Polizisten von Mirbach aus dem Gefahrenbereich befördern. Nach einer Operation verstarb dieser zwei weitere Stunden später. Unter dem Eindruck der Schüsse auf den Militärattaché und der Drohungen der Geiselnehmer zog sich die Polizei bis kurz vor 15 Uhr vollständig aus dem Hauptgebäude zurück und verlagerte sich auf ein Nebengebäude der Botschaft, der Residenz des Botschafters.

Die Terroristen begannen unterdessen den mitgebrachten Sprengstoff, ca. 15 kg TNT, zu verteilen und zu verkabeln.Butz Peters: Der Terror von Stockholm. In: Die Welt, 25. April 2005; abgerufen am 27. Oktober 2017. Diese Tätigkeit dauerte bis in die Dunkelheit hinein. Die Einsatzkräfte bereiteten sich auf eine mögliche Erstürmung des Gebäudes vor und übten nahe der Botschaft den hierzu vorgesehenen Einsatz und Umgang mit entsprechendem Gas. Starke Scheinwerfer erleuchteten das Gebäude von außen. Aufgrund der aufgestellten Stromgeneratoren waren die späteren Rufe von Hillegaart unmittelbar vor seiner Erschießung am offenen Fenster von außen deshalb nicht zu verstehen.

Die Forderungen der Geiselnehmer konnte im weiteren Verlauf telefonisch durch die Terroristen zwei Presseagenturen in Form einer kurzen Erklärung mit einer Namensliste übermittelt werden. Die Hauptforderung war die Freilassung von 26 Inhaftierten, fast ausschließlich Mitglieder der RAF, darunter neben Untersuchungshäftlingen (z. B. Manfred Grashof: dringender Tatverdacht und späteres Urteil wegen Mordes) auch mehrere bereits von Gerichten verurteilten Straftätern (z. B. Werner Hoppe). Auf der Liste stand unter anderem die gesamte Führungsriege der 1. Terroristengeneration, außer Horst Mahler, der zu diesem Zeitpunkt bereits aus der RAF ausgeschlossen worden war. Die Gefangenen sollten bis 21 Uhr gemeinsam mit einem Flugzeug ausreisen und dabei von Anwälten und dem Botschafter Schwedens in Deutschlands zur Absicherung des freien Geleits begleitet werden. Die geplante Freipressung lehnte sich im Muster damit einerseits stark an die einige Wochen zuvor aus Tätersicht erfolgreiche Lorenz-Entführung an, ging aber andererseits in der Forderung quantitativ und qualitativ deutlich darüber hinaus. Keiner der damals freigepressten fünf Terroristen saß wegen eines vollendeten Tötungsdelikts im Gefängnis, die meisten von ihnen lediglich wegen Banküberfällen. Im Erklärungstext mit den Forderungen an die Presseagenturen schoben die Geiselnehmer die Verantwortung für die Erschießung von Mirbachs der Polizei zu und kündigten zudem an, zu jeder vollen Stunde nach Ablauf des 21-Uhr-Ultimatums einen weiteren Beamten des Auswärtigen Amts zu erschießen, wenn die Forderungen nicht erfüllt würden. Namentlich sind in der Erklärung der Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart und der Kulturreferent Arno Elfgen aufgeführt.Erklärung des Kommandos "Holger Meins" an die Deutsche Presseagentur (dpa). Einzusehen unter im Anhang auf Seite 373 ff.