Josephin Böttger (* 1965 in Hamburg) ist eine deutsche Video- und Multimediakünstlerin, die in ihren Werken verschiedene Elemente einsetzt: Film, Installation, Performance, Fotografie und Zeichnung. mini|Josephin Böttger in TOPIA II, mobile Projektion und Performance, Buenos Aires Kai, Hamburg 2019

Leben mini|DEVIATION ONE, Projektion auf die Galerie der Gegenwart 2021

Zu Beginn ihrer Laufbahn, ab Anfang der 1990er Jahre, produziert Josephin Böttger experimentelle Kurzfilme: „Anfangs drehte Böttger mit analogen Techniken und Materialien, vorwiegend mit Super-8- oder 16mm-Formaten, Filme, in denen sich verschiedene Verfahren vermischten. 'Wir spielten mit den analogen Filmtechniken, Zeitraffer, Zeitlupe, Rückprojektion’. […] Zeichnerische Elemente tauchten darin ebenfalls auf, eine Verknüpfung verschiedener Bildmedien, die auch weiterhin in wechselnden Kombinationen in ihrem Werk Verwendung findet. Im späteren Verlauf ihres Studiums bearbeitete und schnitt die Künstlerin die Filme in der Postproduktion zusätzlich digital, eine Vorstufe ihrer heute mit digitalen Mitteln geschaffenen raumgreifenden und -transzendierenden Video-Installationen.“ (Belinda Grace Gardner). In den 90er Jahren beginnt sie ihr Studium der visuellen Kommunikation an der HfBK Hamburg. Seit ihrem Diplom im Jahr 2002 konzipiert sie ihre Arbeiten meistens für 2- bis 6-Kanal-Videoinstallationen, die auf internationalen Ausstellungen und als Projektionen im öffentlichen Raum zu sehen sind. mini|Deviation One, Projektion auf die Galerie der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle 2021

Werk Als Multimedia-Künstlerin setzt Josephin Böttger in ihren Mehrkanal-Filmkompositionen „[…]präzise Bildstörungen in Bewegung und lässt ihre ästhetischen Interventionen in öffentlichen Räumen auf die Unwägbarkeiten des Zufalls treffen. Ihre immersiven Filmassemblagen reflektieren und bündeln die Beschleunigung der Wirklichkeit, die Medienkritiker Paul Virilio als Zustand einer von unaufhaltsamer Fortschrittsdynamik erfassten Welt diagnostizierte: einer Welt-in-Auflösung, die im digitalen Streulicht unaufhaltsam auf ihre gänzliche Verflüchtigung zusteuert.“ (Belinda Grace Gardner).

In ihre Aufnahmen bindet die Künstlerin häufig alltägliche Gegenstände ein. Diese Readymades werden durch digitale Prozesse verfremdet, in Bewegung gebracht und in neue Kontexte gesetzt: „Die mehrfache Überlagerung von Zeichnung, digital verfremdetem Found Footage, eigenem Bildmaterial, Performances sowie einem diffusen Geräuschteppich aus unterschiedlichen Quellen mit digitalen Effekten, ruft eine Art Sci-Fi-Welt hervor, die in mancher Hinsicht erschreckend real wirkt.“ (Leona Marie Ahrens).

mini|Deviation One, Projektion auf die Galerie der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle 2021 mini|Chains of Mania, Video- und Soundinstallation mit mobiler Projektion und Live Performance, Kraftwerk Bille, 2020 Mit Zeitraffer und Serialität überhöht sie dokumentarische Szenen des öffentlichen Lebens und rückt sie in ein neues Licht. Sie bedient sich eines eigenen visuellen Repertoires, in dessen Zentrum mehrheitlich die Motive Architektur und Zeit stehen. Ihre Arbeiten behandeln die Metamorphose des städtischen Raums und thematisieren die Chronologie und Ästhetik des ständigen Neu- und Umbaus, vor deren Hintergrund sie eine Kaleidoskopierung verschiedener Seinszustände vornimmt: „Böttger zeigt den immer schneller werdenden Kreislauf der urbanen Erneuerung als akzelerationistischen Strudel, als ein dystopisches Ballett. Die Fragmentierung, die Beschleunigung – es ist ein rastloses Weltgefühl, das sich am Kreislauf Abriss-Aufbau-Abriss abzeichnet.“ (Raphael Dillhof).

Im September 2021 wurde ihre ortsspezifische Video- und Soundinstallation Deviation One auf der Fassade der Galerie der Gegenwart gezeigt. „Deviation One“ experimentiert mit der Geometrie der Gebäudeoberflächen der Galerie der Gegenwart und der Lichtwark Galerie der Hamburger Kunsthalle und thematisiert innere und äußere Strukturen des zeitgenössischen und historischen Bauwerks in Bezug auf die Raumwahrnehmung. Grundlage der Bildkomposition waren filmische Aufnahmen der Architektur und eine genaue Vermessung der Fassade. Feldaufnahmen der Geräusche im direkten Umfeld der Gebäude hatten Einfluss auf die Klangkomposition von Felix Kubin.

„Die Verbindung von Real- und Bildräumen sowie Sounds aus der Umgebung, die in Kubins Klangkomposition eingespeist wurden, ließ das gesamte urbane Environment zur Bühne einer Performance werden, an der alle Anwesenden gleichermaßen beteiligt waren: ‚An Deviation One wirkte die ganze Stadt mit. Es war eine Interaktion zwischen öffentlichem Raum und privatem Raum in Sinne eines individuellen, mental-physischen Erlebnisses. Zugleich entstand dabei ein kollektiver Erfahrungsraum, bei dem die Umgebung mitspielte.‘“ (Belinda Grace Gardner).

Der öffentliche Raum ist seit ihrer ersten mobilen Projektion 2007 in Manhattan einer der favorisierten Aktionsfelder der Künstlerin. Die spezifischen Charakteristiken der urbanen Umgebungen werden Bestandteil der mobilen Projektionen und Video-Performances. Gebäudefassaden werden zu dynamischen Projektionsflächen und verändern temporär ihre visuelle Struktur. Die Bewegung der Bilder im Raum erzeugt dabei perspektivische Verzerrungen und durch die Interaktion der Projektionen mit den urbanen Oberflächen und Objekten findet eine Auflösung der Kadrierung statt.

Ausstellungen / Projektionen im öffentlichen Raum (Auswahl) mini|Chains of Mania, Video- und Soundinstallation mit mobiler Projektion und Live-Performance, Kraftwerk Bille 2020 2007: Blackrocketbear, mobile Projektion im öffentlichen Raum, Scope Art Fair, Cinema-Scope, Lincoln Center/New York/USA 2007: Hibernation, „Video As Urban Condition“, curated by Perpetual Art Machine Lentos Kunstmuseum Linz, Museum of Modern Art, Linz, Österreich 2007: Hibernation, Video und Installation: GenArt Best of the Best, Cinema-Scope, Perpetual Art Machine at Scope Miami, Lentos Kunstmuseum Linz, Museum of Modern Art, Linz/Österreich 2011: Rubato, 4-Kanal-Video- und Soundinstallation mit dem Ensemble Nelly Boyd, U.FO Kunstraum, Hamburg 2011: T. Koller, Part Two, 3-Kanal-Videoinstallation, Digital Art & Sound Weekend / Transmediale, Walden Kunstausstellungen, Berlin 2013: Dynamo Lines, 3-Kanal-Videoinstallation und Live-Sound-Performance mit Sergej Tolksdorf, Grunt Gallery, Vancouver, Kanada 2013: Trapez, Projektion im öffentlichen Raum, Surrey Urban Screen, Surrey, Kanada 2014: Zeichen 124, Videoloop in der Ausstellung Call „Stein In My Mind“, Hohenlockstedt, M1 Arthur Boskamp-Stiftung, Hohenlockstedt 2015: Hinter der Fassade, Projektion auf die Fassade der HCU, „Von Zwei bis Zwei in der Shanghai“, Hafencity Universität und BDA, Hamburger Architektur Sommer 2016: Topia, 3-Kanal-Videoinstallation, Halle 4 im Oberhafen, Hamburg 2017: Tour de Topia, mobile Projektion im öffentlichen Raum, Kulturhauptstadt Europas 2017, Aarhus, Dänemark 2018: Juxtalektrovision, audiovisuelle Performance, Erstaufführung, Felix Kubin (Elektronik/Effekte); Hubert Zemler (Percussion/Effekte), Josephin Böttger (Video), Future Soundscapes Festival im Silent Green, Berlin 2019: 10 Inch, Ausstellung im Rahmen des Projektes „Zeitgleich-Zeitzeichen“, bm Atelier, Hamburg 2019: Topia II, Part Two, Projektion im öffentlichen Raum, Hamburger Architektur Sommer, Buenos-Aires-Kai, Hamburg 2019: Topia II, Video- und Sound-Environment, Hamburger Architektur Sommer, Wandlerwerk im Kraftwerk Bille, Hamburg 2020: Chains of Mania, Kesselhalle des Kraftwerk Bille, Hamburg 2020: Passage, Videoinstallation für 3 Hallen, klubkatarakt/Kampnagel, Hamburg 2021: A Swimming Symphony, eine audiovisuelle Kooperation mit „The Heffels“, Westwerk, Hamburg 2021: Deviation One, Galerie der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle (Premiere) 2022: PHOTON Y, Galerie der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle, Ausstellung GIVE AND TAKE. BILDER ÜBER BILDER, 8. Triennale der Photographie 2023: DEVIATION II, Reservoir – Festival für experimentelle Musik und Medienkunst und Kunstverein Global Forest, Schwarzwald 2024: HYPERONS, kuratiert von MIKIKO SATO GALLERY, ART OSAKA 2024, Expanded Section, Osaka, Japan 2025: PLASMATRON, Soundinstallation von Felix Kubin mit einer mobilen Projektion von Josephin Böttger, präsentiert von Villa Aurora & Thomas Mann House, Großer Wasserspeicher, Berlin-Prenzlauer Berg

Kurzfilme (Auswahl) 2005: Trust and Try 2006: Hibernation, Hibertalk 2007: Ninety Degrees 2009: Trapez II 2019: Topiaskop

Publikationen/Literatur 2006: Ding Dong Art Festival, 2019: Postdigital, von A nach B nach A, BBK, Katalog 2020: Art after Dark, 10 Years of Urban Screen, Katalog als eBook 2025: Deviations. Monografie

Stipendien/Auszeichnungen 2007: Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin / Cinema-Scope-Scope Art Fair, Lincoln Center, New York 2014: Förderpreis M1 Arthur Boskamp Stiftung, Hohenlockstedt 2016 Auszeichnung, Kunstbeutel #3, "Carnivore, Mischwesen und andere Nomaden", ein Projekt der Behörde für Kultur und Medien Hamburg 2021: Stipendium, Stiftung Kulturwerk der Bild-Kunst 2021: Topiaskop, bester Kurzfilm, Festival du Film d’Architecture et des Adventures Constructives (FIFAAC), Bordeaux 2022: Stipendium, STIFTUNGKUNSTFONDS -Neustart Kultur 2023: Artist in Residence, Kunstverein Global Forest

Weblinks Website von Josephin Böttger

Einzelnachweise

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