Das Königreich Ungarn (, ) war in den Jahren 1867 bis 1918 Hauptbestandteil der Länder der Heiligen Ungarischen Stephanskrone (Transleithanien), einem der beiden autonomen Staaten der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Es erhielt seine formale Selbstständigkeit 1867 in Folge des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs, der das absolutistische Kaisertum Österreich in zwei autonome Reichsteile aufspaltete. Der ungarische Reichsteil (Transleithanien) bestand aus dem Königreich Ungarn, seinem Nebenland Kroatien-Slawonien und der Stadt Fiume mit Gebiet. Zum König wurde am 8. Juni 1867 Franz Joseph I. gekrönt, der zugleich in Realunion auch Kaiser von Österreich war. Nach seinem Tod 1916 folgte ihm sein Großneffe Karl IV. auf den Thron.

Geschichte Wiederherstellung des Königreichs Gezwungen durch schwere politische Misserfolge der letzten Regierungsjahre ging Franz Joseph I. als Kaiser von Österreich 1865 Verhandlungen mit den Ungarn über den Staatsumbau des absolutistischen Kaisertums Österreich zu einem Staatenbund zweier selbstständiger konstitutioneller Monarchien ein. Dem vorausgegangen war die 1860 verabschiedete Verfassung (Oktoberdiplom), die den Absolutismus etwas aufweichte. Wegen des Widerstandes der Deutschliberalen und Ungarn musste diese durch weitere Zugeständnisse ergänzt werden. Das in der Folge, durch den Liberalen Anton von Schmerling, ausgearbeitete Februarpatent sah zwar schon mehr Mitbestimmung, wie etwa durch Landtage vor, mehrere Kronländer – allen voran Ungarn – verweigerten dieses jedoch. Ausschlaggebend für den Ausgleich aber war die Niederlage Österreichs in der Schlacht bei Königgrätz gegen Preußen 1866, bei der es seine Großmachtstellung in Deutschland verlor. Wegen der immer instabileren innenpolitischen Lage erfüllte der Kaiser schließlich den Ungarn, die seit der Niederschlagung des Aufstands von 1848/1849 in passivem Widerstand verharrten, die Forderung nach mehr Mitbestimmung.

Dies wurde den Ungarn 1867 mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich gegeben, der das Reich in zwei gesonderte Reichshälften mit eigenen Parlamenten aufteilte: die österreichische (Cisleithanien) mit dem Reichsrat und die ungarische Reichshälfte mit ihrem Reichstag. Zudem hatte jede Reichshälfte ihren eigenen Ministerpräsidenten und eigene Ministerien, die unabhängig voneinander operierten. Eine Ausnahme bildeten die gemeinsamen Ministerien (Außen-, Finanz- und Kriegsministerium), die für die Angelegenheiten beider Reichsteile Österreich-Ungarns zuständig waren. Franz Joseph I. blieb in Realunion Staatsoberhaupt beider Reichshälften. Als Gründungsdatum des Königreichs gilt der 8. Juni 1867, der Tag der Krönung von I. Ferenc József zum König von Ungarn in der Matthiaskirche von Buda.

Erste Jahre mini|Gyula Andrássy Erster Ministerpräsident Ungarns wurde Gyula Andrássy, der zuvor zusammen mit Ferenc Deák den Ausgleich ausgehandelt hatte und zugleich den Posten des Verteidigungsministers übernahm. In seiner Amtszeit wurden über 200 Gesetze erlassen, welche die Staatsverwaltung und den Schulunterricht reformierten. Zudem wurde ein neues Wehrgesetz eingeführt und die Modernisierung der Infrastruktur und der Hauptstadt angestoßen. Seine Reformen stießen in den ersten Jahren jedoch auf Widerstand, da die Mentalität der Bevölkerung noch auf den Widerstand gegen Zentralismus ausgeprägt war und sie auch dem Ausgleich misstraute. In diesen Jahren verleibte sich Ungarn, im Einklang mit dem Ausgleich, das österreichische Kronland Siebenbürgen sowie die Militärgrenze ein. Im Ungarisch-Kroatischen Ausgleich wurde die Teilautonomie der Kroaten im Nebenland Kroatien-Slawonien geregelt. Andrássy lehnte als ungarischer Ministerpräsident 1870 im Kronrat den von österreichischen Generälen, als Revanche auf die Niederlage Österreichs gegen Preußen bei Königgrätz, geforderten Kriegseintritt gegen Preußen im Deutsch-Französischen Krieg ab, um eine Stärkung der österreichischen Reichshälfte zu verhindern. Als Verteidigungsminister der ungarischen Reichshälfte war er sich zudem darüber im Klaren, dass die Gemeinsame Armee für den Krieg nicht vorbereitet gewesen wäre. Des Weiteren brauchte er das 1871 entstandene Deutsche Kaiserreich, um sich gegen den Wiener Zentralismus und den Einfluss Russlands auf dem Balkan zu schützen. Als gemeinsamer Außenminister Österreich-Ungarns ab 1871 entschärfte Andrássy das angespannte Verhältnis zu Deutschland und begann eine friedliche Annäherung, die im Dreikaiserabkommen 1873 zusammen mit Russland gefestigt wurde. Auf dem Berliner Kongress 1878 gelang Andrássy eine festere Bindung Österreich-Ungarns an Deutschland sowie eine Schwächung Russlands auf dem Balkan. In der Folge besetzte die Donaumonarchie Bosnien und Herzegowina.

Nachfolger Andrássys als Ministerpräsident Ungarns wurde 1871 Menyhért Lónyay, der zuvor gemeinsamer Finanzminister Österreich-Ungarns gewesen war. Sein politisches Programm sah eine Reihe von Reformen, wie etwa die Ausweitung des Wahlrechts oder Steuerreformen, vor. Dadurch gewann er vor allem die Beliebtheit der jüngeren Generation. Seine Amtszeit kennzeichnete die rasante Modernisierung der Industrie, infolge dessen 1872 das erste Industriegesetz des Landes verabschiedet wurde. Lónyay geriet jedoch schnell in Ungunst, da er sich mit Geldern zur Modernisierung des Landes bereichert haben soll, während der Staat sich zunehmend verschuldete. Zudem kehrte er außenpolitisch sehr stark von den Vorstellungen seines Vorgängers ab. Am 1. Dezember 1872 sah er sich, der Korruption beschuldigt, zum Rücktritt gezwungen. mini|József Szlávy Als neuer Ministerpräsident wurde József Szlávy vom König ernannt, der die Amtsgeschäfte am 4. Dezember übernahm. Seine Amtszeit war überschattet von der schwindenden Mehrheit seiner Partei im Reichstag und vom Wiener Börsenkrach am 9. Mai 1873, der auch schnell gravierende Auswirkungen auf die Budapester Börse und damit auf die ungarische Reichshälfte hatte. In der Folge gingen 50 ungarische Banken und 64 Aktiengesellschaften bankrott. Die Krise betraf besonders den modernen, aber unterentwickelten Sektor. In dieser schwierigen Situation gelang es Szlávy durch Anleihen des Rothschild-Konsortiums in Höhe von 153 Millionen Forint, den bevorstehenden Staatsbankrott und den Verkauf der staatlichen Kohle- und Eisenwerke zu verhindern. Nachdem es ihm misslang, eine handlungsfähige Regierung mithilfe der Oppositionspartei Kálmán Tiszas zu bilden, trat er 1874 zurück.

Die Amtsgeschäfte übernahm István Bittó am 21. März 1874. Zur Auswahl für diese Position stand neben Kálmán Ghyczy auch Kálmán Tisza. Letztlich fiel die Entscheidung des Königs jedoch auf den Präsidenten des Repräsentantenhauses. In seiner kurzen Amtszeit, die wie die seines Vorgängers von der Finanzkrise belastet war, nahm er Steuerschuldnern das Wahlrecht und erließ ein Unvereinbarkeitsgesetz für Ungarn.

Nach seinem Rücktritt wurde Béla Wenckheim am 2. März 1875 vorübergehend bis zu den Wahlen zum Ministerpräsidenten ernannt.

Ära Kálmán Tisza mini|Kálmán Tisza Bei den folgenden Parlamentswahlen gewann die Liberale Partei von Kálmán Tisza mit einem Erdrutschsieg über 80 % der Stimmen. Er übernahm am 20. Oktober 1875 die Regierungsgeschäfte. Tisza gelang es, seine uneinheitliche Partei, die in der Mehrheit aus Aristokraten und Großgrundbesitzern bestand, geschlossen hinter sich zu stellen und so ihren Fortbestand zu sichern. Als bekennender Dualist hielt er an den Bestimmungen des Ausgleichs fest und sicherte sich über lange Jahre das Vertrauen des Königs. Dank seiner wirtschaftlichen Maßnahmen erreichte die Industrielle Revolution nun auch Ungarn. Seine Nationalitätenpolitik trieb die Magyarisierung mit harter Hand voran, um die ungarische politische Hegemonie trotz vieler Minderheiten zu sichern und Ungarn zu einem Nationalstaat auszubauen. Beispiele hierfür waren die Gründung von ungarischen Kulturvereinen, die Schließung dreier slowakischsprachiger Schulen in Oberungarn und ein neues Schulgesetz, das zwar für die damalige Zeit als modern galt, Minderheiten aber benachteiligte.

Als eine der ersten Maßnahmen erließ Tisza 1876 eine umfassende Verwaltungsreform, die noch bestehende feudale Verwaltungseinheiten, wie die in Siebenbürgen existierenden Stühle der Siebenbürger Sachsen sowie der Székler, aufhob und in einheitliche Komitate umwandelte. Bei den alle zehn Jahre stattfindenden Neuverhandlungen des Ausgleichs von 1867 versuchte Tisza 1877 diesen zugunsten Ungarns zu verändern. Er trat auch aus dem gemeinsamen Handels- und Zollvertrag aus und forderte für die ungarische Reichshälfte eine eigene Notenbank. Die Verhandlungen gestalteten sich in der Folge schwierig, sodass man von einem „Ausgleichskrieg“ sprach (Tisza trat sogar für einige Tage als Ministerpräsident zurück), konnten aber durch einen Kompromiss gelöst werden. Im nächsten Jahr akzeptierte er schließlich, aus realpolitischen Gründen, den in Ungarn unpopulären Okkupationsfeldzug in Bosnien, lehnte aber weitere Annexionen ab. Zudem führte er ein neues Strafrecht durch die Schaffung des Strafgesetzbuches (Codex Csemegi) ein. 1881 reformierte Tisza die öffentlichen Sicherheitsorgane und schuf die k.u. Gendarmerie als einheitliche Landessicherheitswache. Die Amtsgeschäfte Tiszas, dessen spätere Regierungsjahre in vieler Hinsicht einer quieta non movere (Politik des Fortwurstelns) glichen, fanden ein jähes Ende bei der Diskussion über ein neues Wehrgesetz. Als Ursache für seinen Rücktritt im März 1890 galt auch ein umstrittenes Staatsbürgerschaftsgesetz, die jene des im Ausland lebenden ungarischen Nationalhelden Lajos Kossuth infrage stellte.

1890 bis 1905 Nach Tiszas Rücktritt wurde Gyula Szapáry, zuvor Landwirtschaftsminister, zum Ministerpräsidenten ernannt. Ihm gelang es, einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu bilden, die Unfallversicherung und die sonntägliche Arbeitspause einzuführen. 1892 führten beide Reichshälften, wie schon im Ausgleich von 1867 festgelegt wurde, eine neue Goldwährung (Krone) statt der bisherigen Silberwährung (Forint) ein. Wegen des Streits um die von ihm gewollte obligatorische Zivilehe musste er bereits 1892 zurücktreten. mini|Sándor Wekerle Seinen Platz nahm Sándor Wekerle, der erste bürgerlicher Herkunft in seinem Amt, ein. Wekerle setzte sich konsequent für die Trennung von Kirche und Staat ein. Er erwirkte eine liberale Religionsgesetzgebung und bereitete ein Gesetz zur Gleichstellung aller Religionen und der freien Religionsausübung vor (wurde erst nach seinem Rücktritt verabschiedet). Dies trennte die katholische Kirche vom Status einer Staatsreligion. Zwar führte er auch Ansätze einer Sozialpolitik ein, Minderheiten gegenüber blieb er aber hart. Nachdem er wegen seiner Religionspolitik das Vertrauen des katholischen Königs verloren hatte, musste er 1895 zurücktreten.

Nach Wekerle gelang es zunächst keinem Ministerpräsidenten mehr, Herr über die schwierige politische Lage zu werden. Mit Dezső Bánffy begann erneut die unter Kálmán Tisza etablierte Magyarisierung der Minderheiten. In dieser Zeit erreichte die Magyarisierung ihren Höhepunkt und wurde mit Repressalien und Polizeiaktionen zwanghaft durchgeführt. Seine Beliebtheit sicherte er sich jedoch unter anderem durch Erfolge in wirtschaftlichen Verhandlungen mit Cisleithanien und dadurch, dass 1896 das tausendjährige Bestehen des Königreichs mit den Millenniumsfeierlichkeiten in der Hauptstadt Budapest begangen wurde. Zu diesem Anlass wurden zahlreiche Bauwerke, wie das Kunstgewerbemuseum, und mit der Földalatti die erste Untergrundbahn auf dem europäischen Festland eröffnet. Neben internationalen Gästen war auch das Königspaar anwesend. Nach dem Verdacht der Wahlmanipulation und dem Widerstand der Opposition musste Bánffy 1898 zurücktreten.