Die kasachische Literatur ist die mündliche und schriftliche Literatur, die vom kasachischen Volk in Zentralasien und seinen Dichtern und Schriftstellern in kasachischer Sprache verfasst wurde. Kasachisch wird außer in Kasachstan auch in China, Russland und Usbekistan sowie einigen anderen benachbarten Ländern von schätzungsweise über 15 Millionen Menschen gesprochen.

Die Herausbildung eines kasachischen Volkes begann um 1400. Die Sprache, die zur nordwestlichen Gruppe der Turksprachen gehört und in drei Hauptdialektgruppen zerfällt, ist jedoch deutlich älter. In Kasachstan konkurriert die kasachische Sprache noch mit der russischen, die jedoch zurückgedrängt wird. Der häufige Wechsel der Schrift (von der arabischen, die heute noch bei den Kasachen in China gebräuchlich ist, zur Jaꞑalif-Schrift 1928, zur modifizierten kyrillischen Schrift 1938 und heute zur lateinischen) sowie die zur Sowjetzeit übliche Russifizierung von kasachischen NamenZ. B. wurde -uly (kasachisch „Sohn“; vgl. türkisch -oğlu) zu russisch -ev (engl. Transkription) bzw. -ow (deutsche Transkription). führen zu einer extrem uneinheitlichen Transkription der Namen von Autoren und Werken. Unter anderem bewirken Übersetzungsprobleme, dass die kasachische Literatur im Westen noch wenig bekannt ist.

Die Literatur russischsprachiger Autoren aus Kasachstan ist nicht Gegenstand dieses Artikels, ebenso nicht die auf dem Gebiet Kasachstans entstandene uigurische Literatur.

Mündliche Volksdichtung mini|hochkant|Alpamis und Barsin. Bild von R. Khalilow auf einer sowjetischen Briefmarke von 1988 Wie alle Nomadenvölker hatten auch die Vorläufer der kasachischen Stämme in Zentralasien eine mündliche Poesie- und Erzähltradition. Vorgetragen wurden Geschichten, Lieder, mit der Langhalslaute (dombra, dombira, Tambura) begleitete Sprechgesänge (dastan) – meist Heldenepen – mit über 10.000 Versen von Barden, die ihr Können und ihr Improvisationstalent in Form von aitys bei regelmäßigen Sängerwettbewerben zwischen den verschiedenen Clans und anderen Feiern bis weit ins 19. Jahrhundert bewiesen. Der Vortrag konnte bis zu einem Tag dauern. In Xinjiang gab es 2009 noch einen kasachischen Dastansänger, der über 100 Gesänge beherrschte, von denen jeder im Durchschnitt mehrere Stunden dauerte.Der kasachische Sprechgesang "Dastan" auf cri.online, 2009.

Eines der bekanntesten Epen ist Alpamıs, die Geschichte von Alpamıs (Alpamysch), der um seine Braut Barsin kämpfen muss. Das Epos entstand möglicherweise schon im 6./7. Jahrhundert im Altaigebiet und wanderte im 10. Jahrhundert in den Sprachraum der nordwestlichen Turkvölker. Es wurde in mehreren Versionen auch von Usbeken, Karakalpaken und anderen Völkern bis hin in die Mongolei überliefert. In vielen Epen der Region spielt das Pferd eine große Rolle, dessen Zähmung zuerst durch die Botai-Kultur vor 5500 Jahren erfolgt sein soll. In der kasachischen Alltagskultur blieben Pferd und Jurte bis in das 20. Jahrhundert hinein die wichtigsten Elemente. mini|hochkant|Makhambet mit der Dombra, dem kasachischen Nationalinstrument, auf einer kasachischen Briefmarke Ein weiteres, in fast 30 Versionen mit bis zu 9000 Verszeilen überliefertes populäres Epos ist Koblandy Batyr (batyr = Held)Ḳoblandï Batïr in: Kindlers Literatur Lexikon (Online) über den legendären Helden des 15. oder 16. Jahrhunderts, der den Stammeskämpfen zum Opfer fiel, die zur Abwanderung einiger Clans (zhuz) aus dem Gebiet der Usbeken und zur Gründung des Kasachen-Khanats um 1500 geführt haben sollen. Bei den mit den südlichen Kasachen eng verwandten Karakalpaken, die umgekehrt der Herrschaft der Großen Horde entflohen und sich den Usbeken unterstellten, heißt dieses Epos Koblan. Auch übernahmen die Kasachen andere karakalpakische Epen wie die Erzählung des Helden Edige.Reichl 1992.Andreas Schmitz: Die Erzählung von Edige: Gehalt, Genese und Wirkung einer heroischen Tradition. Wiesbaden 1996. Die Formeln und Motive dieser Epen waren beweglich und wurden immer wieder neu kombiniert; häufig entwickelten sie ein Eigenleben.

Die Werke der Volksdichtung waren in der Sowjetzeit zunächst unbeliebt, da sie angeblich den Feudalismus verherrlichten; seit den 1950er Jahren wurden sie jedoch systematisch erforscht und publiziert.

Seit der Gründung des Kasachen-Khanats, das allerdings instabil war und bald in Nachfolgekhanate zerfiel, wurden die Barden an die Höfe der Khane gerufen. Das im 15. Jahrhundert entstandene Epos Er Targhın handelt von diesen Kämpfen; der Held schützt seine Heimat gegen fremde Aggressoren und streitet für die Beendigung der Stammeskämpfe. Der Text wurde erstmals 1957 veröffentlicht, der Stoff diente als Vorlage einer sowjetischen Oper.Er-Targyn aus Große Sowjetische Enzyklopädie, 1979 (engl.) auf thefreedictionary.com

Im 16. und 17. Jahrhundert erreichte die professionelle Vortragskunst – oft verbunden mit Musikdarbietungen – ihren Höhepunkt, die von der mündlichen literarischen Tradition der anderen Turkvölker kaum übertroffen wurde. Während der zhirau genannten Sänger die Werke anderer nur weitergab und damit vor allem moralpädagogisch-didaktische Zwecke verfolgte, schuf der Akyn (agin, aqyn) eigene Gedichte, Geschichten oder Lieder. Bekannt wurde der Barde Dospambet Žyrau; er konnte wohl lesen und schreiben und besuchte Berichten zufolge Konstantinopel. Vielen Barden wurden prophetische Fähigkeiten zugesprochen, manche waren politische Berater wie Buqar Zhirau (ca. 1693–1781/87) bei Ablay, dem Khan der Mittleren Horde, oder wurden selbst Politiker.

Im 18. Jahrhundert wurden die Khanate (oft nur oberflächlich) islamisiert. Religiöse Elemente spielten denn auch in der Vortragskunst eine untergeordnete Rolle. Der alte türkische Mythos vom Helden Dede Korkut, der auch in Kasachstan bekannt war und häufig vorgetragen wurde, enthält viele schamanistische Anklänge, die auch vom Islam nicht eliminiert wurden. Seit dem frühen 19. Jahrhundert verloren die durch Stammeskämpfe und durch Kämpfe mit China geschwächten Khanate allmählich ihre Autonomie an Russland; viele Barden beklagten nun diese Entwicklung in ihren Liedern. Im Bereich der westlichen Kleinen Horde, wo sich die Vortragskunst länger hielt, vereinte Bazar Zhırau noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die Rollen von agin und zhirau.

19. und frühes 20. Jahrhundert: Beginn der schriftlichen Literatur mini|hochkant|Ybyrai Altynsarin auf einer kasachischen Briefmarke von 2016 Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Gedichte und Prosa in arabischer Schrift, und zwar meist dem osmanischen Sprachgebrauch entsprechend, festgehalten. Zu den Sammlern der Gedichte, Erzählungen und Epen gehörte die Stammesaristokratie. Der mit Dostojewski befreundete Schoqan Uälichanuly (Tschokan Walichanow) (1835–1865), ein Nachfahre Ablay Khans und der erste kasachische Intellektuelle, der eine moderne russische Bildung erhielt, arbeitete als russischer Offizier, Ethnograph, Historiograph und sammelte kasachische und kirgisische Epen wie das im 18. Jahrhundert entstandene Manas dastany, die „Ilias der Steppe“.

Seit 1836 kam es zu Aufständen gegen die zaristische Herrschaft, die bis 1847 andauerten. Mehrere Poeten beteiligten sich daran und verfassten entsprechende Lieder, in denen sich die Trauer über die Zersetzung der nomadischen Lebensweise spiegelt, so vor allem Makhambet Otemisuly (1804–1846), der vermutlich ermordet wurde. Pädagogische Aufklärer wie Ybyrai Altynsarin setzten sich hingegen für die Beschulung kasachischer Kinder nach russischem Vorbild ein und übersetzten dafür russische Literatur ins Kasachische. Altynsarin entwickelte die erste Variante eines an die kasachische Phonetik angepassten kyrillischen Alphabets, verfasste die erste kasachische Grammatik und gab die erste kasachisch-russische Zeitung heraus. 1882 wurde Kasachstan Bestandteil des russischen Generalgouvernements der Steppe. mini|hochkant|Qunanbaiuly auf einer russischen Briefmarke von 2020 Eine zentrale Rolle für die Entwicklung der modernen kasachischen Literatur spielte Abai Qunanbajuly (russifiziert: Abay Kunanbajew, 1845–1904), ein aufgeklärte islamischer Theologe und Philosoph, der die Kasachen aufforderte, das Stammesdenken zu überwinden. Seine Schriften haben wesentlich zur Erhaltung der kasachischen Volkskultur beigetragen, er hat aber auch russische Gedichte ins Kasachische übersetzt. In seinem Hauptwerk Qara sözderi („Buch der Worte“, dt. 2001) kritisiert er die russische Kolonialpolitik und fordert den Einsatz für Bildung und Alphabetisierung. Mirschaqyp Dulatuly (1885–1935) publizierte 1909 den ersten modernen Gedichtband Oyan! Qazaq („Wach auf, Kasache“), der sofort beschlagnahmt wurde. Er veröffentlichte auch den ersten Roman in kasachischer Sprache.

Seit 1905 durften auch Zeitschriften in kasachischer Sprache erscheinen. Die Literaturzeitschriften Ay Qap (veröffentlicht zwischen 1911 und 1915 in arabischer Schrift in der russischen Grenzstadt Troitsk) und Qazaq (veröffentlicht zwischen 1913 und 1918 und herausgegeben von Akhmet Baitursynow, der das arabische Alphabet für die kasachischen Bedürfnisse überarbeitete) spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des intellektuellen Lebens in Kasachstan des frühen 20. Jahrhunderts. Beide Zeitschriften förderten einen gemäßigten kasachischen Nationalismus, der sich gegen die Russifizierungspolitik richtete und in einem Aufstand 1916 kulminierte.

Qunanbaiulys muslimische Reformideen waren wegweisend für die Alasch Orda, die erste Regierung des autonomen Kasachstan 1917/18, die unter den Menschewiki etabliert wurde, sich mit den Streitkräften der Weißen verbündete, sich danach wegen des dort vorherrschenden russischen Nationalismus mit ihnen entzweite und von der Roten Armee niedergeschlagen wurde. Mit dem Verbot der von Qunanbaiuly gegründeten Zeitschrift Abai 1918 schwand sein zuvor großer Einfluss auf die kasachische Literatur.

Die Zeit der sozialistischen Sowjetrepublik 1920 bis 1991 Einzelne Akyne wie Schambyl Schabajew retteten die Rezitationskunst erfolgreich in die Sowjetzeit. Der wichtigste Literat der Sowjetzeit war jedoch der in einer Nomadenfamilie geborene Mukhtar Auez-ulï (russifiziert: Muchtar Äuesow, 1897–1961). Er studierte Philologie in Leningrad, trat als Student bereits mit Erzählungen und Theaterstücken hervor, gab später Ausgaben der traditionellen epischen Texte heraus und veröffentlichte vor allem historische Erzählungen und Romane mit hoher Symbolwirkung sowie Dramen. Zwei seiner Romane handeln vom Leben Abais, wofür er weitgehend auf mündliche Quellen angewiesen war,Muchtar Auesow: Abai: Vor Tau und Tag. Historischer Roman. Verlag Hans Schiler, Berlin 2010. Original 1945–47. was zur Wiederentdeckung eines allerdings „gereinigten“ Abai führte.Menges 1996, S. 611. Viele jüngere Autoren beziehen sich auf sein Vorbild. Nach Äuesow wurde das staatliche Äuesow-Theater in Almaty benannt. mini|hochkant|Gabit Musirepow auf einer Briefmarke Kasachstans von 2002 Die 1920er Jahre waren eine sehr vitale Periode der neuen kasachischen Literatur. Viele Autoren konnten erstmals Hochschulen besuchen. Saken Seifullin (Säkan Seyfullin, 1894–1939) war der erste Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Kasachstans und gilt neben Belembet Mailin (1894–1939) als Begründer der sozialistisch-realistischen Literatur Kasachstans. Seifullins revolutionäres Pathos hinderte ihn nicht, sich für vorrevolutionäre Dichtung zu engagieren. Mailin war ein hervorragender Erzähler des kasachischen Alltags. Beide wurden im Rahmen der Stalinschen Nationalitätenpolitik in der muslimischen Peripherie der Sowjetunion 1939 als „Nationalisten“ hingerichtet und gelten seit der Unabhängigkeit als Märtyrer. Das Epos Kulager von Ilijas Shansugirow (1894–1937?) über ein Pferderennen im 19. Jahrhundert wurde bei Erscheinen in den 1930er Jahren verboten. Shansugirow wurde 1937 verhaftet und vermutlich noch im selben Jahr erschossen. 1958 wurde er rehabilitiert.