Fluchthilfe bezeichnet die Hilfe zur Flucht beispielsweise aus einem Gefängnis oder aus einem Staat in einen anderen.
Formen der Fluchthilfe Die sogenannten Judenretter im Dritten Reich betätigten sich unter anderem auch als Fluchthelfer. Mit dem Mauerbau gewann die Fluchthilfe erneut an Bedeutung; sie ermöglichte die Flucht aus der DDR.
Negativ wertend werden Fluchthelfer auch als Schleuser, Schlepper oder Menschenschmuggler bezeichnet. Heute überlagern sich verschiedene Ausprägungen der Fluchthilfe: Eine klare Unterscheidung der Fluchthilfe in eine humanitäre, kommerzielle und kriminelle Ausprägung lässt sich nicht widerspruchsfrei aufrechterhalten. Welchen Anteil soziale, ethische oder finanzielle Motive bei der Tätigkeit der Fluchthilfe spielen, lässt sich nur konkret im jeweiligen Einzelfall herausfinden.Stefan Buchen: Die neuen Staatsfeinde: Wie die Helfer syrischer Kriegsflüchtlinge in Deutschland kriminalisiert werden. Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn, Bonn 2014.
Veränderlich ist auch die Bewertung der Fluchthilfe durch den Gesetzgeber. So sah in der Schweiz das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) bis 2008 vor, dass Hilfe zur illegalen Einreise nicht bestraft wird, wenn sie „aus achtenswerten Beweggründen“ geschah.
Geschichte der Fluchthilfe mini|Mose führt das Volk Israel durch das Rote Meer – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)
Altorientalische Fluchthilfe Im Alten Testament wandelte sich das Gottesbild Jahwes vom Fluchthelfer über den Kriegsgott zum Gott der Weltherrschaft und des Weltfriedens.Georg Fohrer: Geschichte der israelitischen Religion, De Gruyter, 1969, S. 8. Der israelitische Auszug aus Ägypten unter Führung von Moses, beschrieben im Buch Exodus, ist eine der bekanntesten Fluchthilfeüberlieferungen. Bis in die Neuzeit inspirierte das Fluchthelfer, so nannte sich Harriet Tubman Moses, und die jüdische Hagana benannte ihr Fluchtschiff, die President Warfield, in Exodus 1947 (kurz Exodus) um.
Der babylonische Codex Hammurapi (18. Jahrhundert v. Chr.) sah für die Fluchthilfe von Sklaven die Todesstrafe vor.Eckart Otto: Altorientalische und biblische Rechtsgeschichte: gesammelte Studien, Harrasowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05791-2, S. 521
Underground Railroad mini|Karte einiger Routen der Underground Railroad
Die Underground Railroad ( für Untergrundbahn) war ein aus Gegnern der Sklaverei – auch vielen religiösen Weißen wie Baptisten, Quakern und Methodisten – bestehendes informelles Netzwerk, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA nach Norden, z. B. in das sicherere Kanada, Unterstützung gewährte. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es den Abolitionisten, zwischen 1800 und 1850 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Die Ursprünge gehen zurück auf einzelne Flüchtlinge, die sich zunächst selbstständig bis nach Kanada durchschlugen. Um 1830 wurde für diese Form der Fluchtlinien der Begriff Underground Railroad geläufig.Underground Railroad auf Historica Canadia, abgerufen am 29. März 2016 Harriet Tubman, Thomas Garrett und Levi Coffin waren treibende Kräfte in dem Netzwerk.
Fluchthilfe während der Zeit des Nationalsozialismus
Rettende Grenzübertritte Vor und während des Zweiten Weltkrieges suchten in Deutschland und in besetzten Gebieten viele Flüchtlinge, denen Tod oder Gefängnis drohte, die Dienste von Fluchthelfern. Bekannt wurde der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger, weil er mehrere hundert, vielleicht einige tausend jüdische Flüchtlinge ins Land einreisen ließ. Er wurde abgesetzt und gerichtlich verurteilt, verlor seine Pension und fand bis ans Lebensende 1971 keine geregelte Arbeit mehr. Andere Fluchthelfer sind ins KZ eingeliefert, zu Gefängnisstrafen verurteilt, oder nachts erschossen worden. Die in der Schweiz verurteilten Fluchthelfer werden dank eines neuen Gesetzes seit 2003 rehabilitiert. Herbert Herden und weitere werden heute wegen ihrer Hilfsaktionen für Juden zu den Gerechten unter den Völkern gerechnet. Der Film Casablanca handelt von Personen, die durch einen Fluchthelfer dem NS-nahen Vichy-Regime zu entgehen versuchen. Eine wichtige Rolle spielte in Frankreich auch das Emergency Rescue Committee.
Untertauchen als inländischer Flüchtling Fluchthelfer innerhalb des Nazi-Machtbereichs wurden häufig Judenhelfer oder Judenretter genannt. Ihre Tat galt dort als quasi nach den neuen Machtverhältnissen strafbare „Judenbegünstigung“. Viele jüdische Einwohner Deutschlands oder von Deutschland besetzter Länder gingen nicht zu einem Zeitpunkt in die Emigration, zu dem das von den neuen Machthabern noch gestattet wurde. Zum Teil lag das auch an den Aufnahmebedingungen der fremden Länder. Zum anderen an der Hoffnung, im Heimatland nicht am Leben bedroht zu sein. Zum Erlass von Ausreiseverboten durch die nationalsozialistische Regierung kam es 1941. Die Bürger waren im eigenen Land nicht sicher und konnten es wiederum nur illegal und unter Lebensgefahr für sich und evtl. Helfende verlassen. Daher entschieden sich eine große Zahl von jüdischen Einwohnern als so genanntes U-Boot in die Illegalität im eigenen Land abzutauchen. Sie wollten damit immerhin das Risiko des Grenzübertritts vermeiden. In aller Regel waren sie dabei auf die Unterstützung vieler Helfer, sehr oft Personen, die sie vorher nicht kennen- und einschätzen lernen konnten, angewiesen. Alle sonstigen Merkmale der Fluchthilfe, außer dem Grenzübertritt, trafen auf diese Situation zu.
Alija Bet 1934–1948 mini|Exodus 1947 der Hagana
Als die Briten die Einwanderung der Juden nach Palästina in den 1930er Jahren erschwerten, reagierten zionistische Gruppen mit der organisierten illegalen Migration. 1939 sah David Ben Gurion dies dann als einzige Option um Palästina zu erreichen und es wurde die offizielle Organisation Mossad le Alija Bet geschaffen.Aliya Bet auf Yad Vashem, abgerufen am 30. März 2016 Ab 1944 bildete sich unter den traumatisierten jüdischen Displaced Persons in Osteuropa die Untergrund- und Fluchtbewegung Bricha heraus, die illegale Fluchtwege nach Palästina aufbaute. Nach dem Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946, schwoll die Bricha zu einer Massenflucht nach Westeuropa an und begann mit dem Mossad le Alija Bet und der Hagana zusammenzuarbeiten. Viele osteuropäische Flüchtlinge kamen zunächst in vom UNRRA betreuten Lagern für displaced Person im amerikanisch besetzten Deutschland unter. Von dort versuchten sie sich mit weiteren Holocaustüberlebenden und der Unterstützung des Mossad le Alija Bet und der Finanzierung durch die Jewish Agency und des Joint Distribution Committee über Mittelmeerhäfen und den Seeweg nach Palästina durch zu schlagen. Die Irrfahrt der Exodus 1947 führte über internationalen Druck zu einer Änderung der britischen Einwanderungspolitik und letztendlich zur Gründung des Staates Israel.Anita Shapira, Irit Keynan: The Survivors of the Holocaust - An Overview, Yad Vashem, abgerufen am 30. März 2016
Rattenlinien
Der faschistische kroatische Franziskaner-Priester Krunoslav Draganović begann 1943 zusammen mit dem österreichischen Bischof Alois Hudal Fluchtrouten für die Ustascha aufzubauen. Mit Hilfe der katholischen Kirche konnten auf diesen Fluchtlinien zahlreiche Vertreter des Nationalsozialismus und der Ustascha vor der juristischen Verfolgung ihrer Straftaten nach Südamerika oder in die arabische Welt fliehen.
Fluchthilfe an der innerdeutschen Grenze Bekannt wurde der Fall des Fluchthelfers Rudolf Müller, der den Soldaten der Grenztruppen der DDR Reinhold Huhn erschoss, und der Fluchthelfer Michael Gartenschläger, der beim Versuch, eine Selbstschussanlage an der Grenze abzumontieren, von einem Spezialkommando erschossen wurde. Harry Seidel, ein früherer DDR-Radsportmeister, wurde für seine Fluchthilfe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Auf den Fluchthelfer Wolfgang Welsch verübte das Ministerium für Staatssicherheit mehrere Mordanschläge, mit Hilfe einer Autobombe, eines Scharfschützen und mit Gift. In der Bundesrepublik war die Anzeige von Fluchthilfe bei Dienststellen der DDR strafbar, etwa als politische Verdächtigung oder Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft.BGHSt 40, 125 (ehem. DDR-Bürger als Täter); BGHSt 42, 275 (Bundesbürger als Täter).
In den Anfangsjahren der deutschen Teilung wurden mehrere Fluchttunnel in Berlin gegraben, darunter die Tunnel 29 und 57 mit Ausgangspunkt in der Bernauer Straße. Die Tunnelbauer handelten oft aus ideellen Beweggründen oder um Angehörige aus der DDR zu holen. Die Fluchthelfer kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Egbert Weiß hat die Rolle von Corpsstudenten bei der Fluchthilfe der Gruppe Fuchs in West-Berlin aufgearbeitet. (PDF; 62 kB). Mit der fortgesetzten Weiterentwicklung der Grenzanlagen und der Überwachung in der DDR wurde auch die Fluchthilfe professioneller und kommerzialisierte sich. Dadurch brachen die früheren Fluchthilfegruppen auseinander.
Die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland unterstützte die Fluchthilfe in den Anfangsjahren, wenn auch verdeckt. Dazu nutzte das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen Mitglieder der Parteien. Der Verfassungsschutz warnte Fluchthelfer, wenn sie durch die Staatssicherheit der DDR entdeckt wurden, und stellte Kontakte unter den Fluchthilfegruppen her.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs verstieß ein entgeltlicher Fluchthelfervertrag weder gegen ein gesetzliches Verbot ( BGB) noch gegen die guten Sitten ( BGB).BGH, Urteil vom 29. September 1977 - III ZR 164/75BGH, Urteil vom 21. Februar 1989 - III ZR 185/77 Einwände der DDR, diese Rechtsprechung verstoße „gegen Geist und Buchstaben“ des Transitabkommens und die Verpflichtung der Bundesregierung zur Verhinderung von Missbrauch wies die Bundesregierung mit der Begründung zurück, die bundesdeutschen Gerichte seien unabhängig und der Einwirkung der Bundesregierung entzogen.Hans H. Mahnke (Hrsg.): Dokumente zur Berlin-Frage 1967–1986. München, 1987, S. 483 ff. (google.books.)
Fluchthelfer Heinrich Böll Der Schriftsteller Heinrich Böll betätigte sich 1961 als Fluchthelfer, indem er mit seinem präparierten Privatauto Slavi Mandlová die Ehefrau seines Mitarbeiters Herbert Thomas Mandl aus Ostrava (Tschechoslowakei) in den Westen schmuggelte.Herbert Thomas Mandl, Bericht von Norbert Stirken in der Rheinischen Post vom 21. August 1995, Abschnitt: Familie Böll betätigte sich als Fluchthelfer; auf der Website des Boer Verlags (abgerufen am 15. Februar 2009).Christiane Grefe: Wo ist Böll? In: Die Zeit. Nr. 32. 2. August 2007.
Situation heute Seit 1990 hat sich eine begriffliche Verschiebung von Fluchthelfern zu Schleusern oder Schleppern vollzogen. Der Begriff kann – zum Beispiel im Zusammenhang mit Schleusungskriminalität – eine abwertende Nebenbedeutung haben. Daneben wird, beispielsweise bei Helfern für in ihrem Herkunftsland Verfolgte, noch immer die Bezeichnung Fluchthelfer verwendet.