Die Erdtrommel (englisch ground drum) ist ein unmittelbar geschlagenes Membranophon, dessen Membran straff über ein als Resonanzkörper dienendes Erdloch gespannt ist. Dieses ohne Rahmen oder Korpus auskommende einfache Schlaginstrument steht am entwicklungsgeschichtlichen Beginn der Trommeln. Die Erdtrommel ist aus der altindischen Sanskrit-Literatur unter dem Namen bhumidundubhi bekannt und wurde bis ins 20. Jahrhundert unter anderem von den Xhosa in Südafrika als ingqongqo verwendet. Beide Erdtrommeln waren mit Krieg verbunden und wurden bei rituellen Anlässen verwendet.

Herkunft mini|hochkant|Zwei indigene Bewohner der Andamanen mit einem Stampfbrett, auf das bei Zeremonien ein Mann mit den Füßen stampfte. Inszenierte Aufnahme eines britischen Fotografen von 1875, wenige Jahre, nachdem die Andamaner erstmals direkten Kontakt zur Außenwelt hatten. In allen Kulturen werden Gemütsbewegungen (Emotionen, von französisch émotion) durch Bewegungen (französisch motion) des Körpers ausgedrückt. In kontrollierter Weise geschieht dies beim Tanzen, beim rhythmisch auf den Boden Stampfen und bei anderen Schallereignissen, die in der ursprünglichsten Form mit dem Körper produziert werden. Es dauerte vermutlich in der Entwicklungsgeschichte eine gewisse Zeit, bis die nebenbei entstandenen Schläge und Töne zum eigentlichen und eigenständigen Zweck des Agierens, also zu Musik, wurden.Curt Sachs, 1940, S. 26

Die ersten rhythmischen Hilfsmittel zur Ergänzung von Fußstampfen oder Händeklatschen waren unmittelbar gegeneinander geschlagene Idiophone (Selbstklinger), Aufschlagidiophone, auf die mit einem nichtklingenden Gegenstand (Stock) geschlagen wird, und ferner alle Arten von Rasseln. Bei der Schlagbewegung wird zwischen einer linearen Bewegung beim Stampfen (Stoßen) und einer kreisförmigen Bewegung – aus dem Arm oder dem Handgelenk – beim Aufschlagen unterschieden. Das rhythmische Fußstampfen auf den Erdboden lässt sich akustisch verbessern, wenn mit den Füßen auf ein Holzbrett gestampft wird. Solche Stampfbretter sind aus einigen tropischen Regionen in Afrika und Asien sowie von pazifischen Inseln und bei Afrobrasilianern bekannt. Die Schläge klingen lauter, wenn das Brett über ein Erdloch als Resonanzraum gelegt wird. In einem weiteren Entwicklungsschritt wird die Stampfbewegung der Füße an Holzstangen oder Bambusröhren übertragen, um mit ihnen einzeln oder paarweise auf das Brett zu schlagen.Sibyl Marcuse, 1975, S. 17 Eine ausgereifte musikalische Form produzieren indonesische Frauen mit dem aus einem Baumstamm hergestellten Stampftrog lesung, der ansonsten zum Dreschen von Reis mit langen Holzstangen dient. Auf Stampfbrettern, die über einer Grube liegen, wurde auch getanzt, wie von manchen melanesischen Inseln berichtet wird.

mini|links|Indonesische Frauen beim Dreschen von Reis in einem Stampftrog, lesung, der auch als Musikinstrument verwendet wird. 1900–1920 Anderswo, etwa auf Fidschi, wurden solche Bretter mit Stöcken geschlagen.Hans Fischer: Schallgeräte in Ozeanien. Bau und Spieltechnik – Verbreitung und Funktion. (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhandlungen, Band 36) Verlag Heitz, Baden-Baden 1958, S. 11 Durch die Schlagbewegung werden die Bretter von ihrer horizontalen Lage über dem Erdboden unabhängig, weshalb die meisten Schlagbalken oder -bretter an einem Gestell aufgehängt oder transportabel sind.

Eine zu den Pomo gezählte Indianergruppe in Kalifornien stampfte Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Füßen auf ein 3 bis 4 Zentimeter starkes, über einen langen Graben gelegtes Brett, um mit diesem Rhythmus die Tänzer zu begleiten.Samuel Alfred Barrett: The Ethno-Geography of the Pomo and Neighboring Indians. (University of California Publications in American Archaeology and Ethnology, Band 6, Nr. 1.) The University Press, Berkeley 1908, S. 233f Die Maidu, ein Indianervolk im nördlichen Kalifornien, stampften nach einem Bericht von 1905 mit den Füßen gleichermaßen auf einen mittels Feuer ausgehöhlten Holzstamm (Vorstufe einer Schlitztrommel) und auf eine Platte aus Birkenrinde (Vorstufe einer Membran) über einer Erdgrube.Roland Burrage Dixon: The Northern Maidu. In: Bulletin of the American Museum of National History, Band 17, Teil 3, 1905, S. 119–346, hier S. 221

Der Erdgrube wird seit der Frühzeit vielfach eine magisch-mythische Bedeutung zugesprochen. Hierzu postuliert Curt Sachs (1940) als Motiv der altsteinzeitlichen Erfindung von Musikinstrumenten nicht primär Nützlichkeitserwägungen (Jagdbogen für die Jagd), sondern die Vorstellung von übernatürlichen Kräften, auf die mit magischen Ritualen und Symbolen reagiert werden müsse (der Mundbogen als ältere und unabhängige Erfindung).Curt Sachs, 1940, S. 56 Eine mit der Erdtrommel verwandte Konstruktion ist der Erdbogen, von dessen über einer Grube ausgebreiteten Membran in der Mitte eine Saite bis zur Spitze eines daneben in den Boden gesteckten Stabes gespannt ist. Ein weiteres ursprüngliches Saiteninstrument, die Erdzither mit einer waagrecht über den Boden gespannten Saite, ähnelt konstruktiv dem über eine Grube gelegten Schlagbrett. Curt Sachs (1923) hält die Erdzither für den Ausgangspunkt des über einen seitlich angebrachten Resonator verstärkten MusikbogensCurt Sachs, 1928, S. 63 und die genannten Instrumententypen Erdbogen, Erdzither, Musikbogen, Schlitztrommel und Membranophon ordnet er einem „mittleren Stratum“ der steinzeitlichen Herausbildung der Musikinstrumente zu, die nicht weltweit, aber in großen Regionen auf mehreren Kontinenten stattgefunden habe.Curt Sachs, 1940, S. 63

Bei den Membranophonen vollzog sich eine parallele Entwicklung wie bei den Idiophonen: vom Stampfen zum Schlagen und vom ortsgebundenen Resonator bei der Erdtrommel über die fest aufrechtstehende Röhrentrommel zur tragbaren Trommel beliebiger Form. Mit den Händen schlagen geht dem Einsatz von Stöcken voraus. Die Membran einer Trommel klingt – anders als ein Schlagbrett – nicht von selbst, sondern bringt erst einen kraftvollen tiefen Schlagton hervor, wenn ihre Schwingungen auf den Luftraum eines Resonanzkörpers übertragen werden. Rahmentrommeln ohne Resonanzkörper klingen leiser und höher. Frauen mancher australischer Aborigines schlugen sich früher bei Tänzen im Stehen mit den flachen Händen auf beide Gesäßhälften, anderswo schlugen sie gelegentlich mit den flachen Händen auf den Erdboden. Am Murray River in Südostaustralien legten andere Aborigines-Gruppen, während sie auf dem Boden saßen, ein Stück Tierhaut über ihre Oberschenkel, das sie mit den Händen oder mit Stöcken schlugen.Herbert Basedow: The Australian Aboriginal. F. W. Preece and Sons, Adelaide 1925, S. 372–374 Northcote W. Thomas (1906) berichtet, dass hierfür die Haut von Opossums verwendet wurde und es ansonsten keine einheimischen Musikinstrumente in Australien gab.Northcote W. Thomas: Natives of Australia. (The Native Races of the British Empire) Archibald Constable and Company, London 1906 S. 126 Nach einer Beobachtung vom Anfang des 20. Jahrhunderts tanzten Mädchen und junge Frauen im früheren ugandischen Königreich Ankole mit umgebundenen Hautschürzen, auf die sie von vorne mit den Händen schlugen, um dumpfe Schläge zu produzieren.John Roscoe: Report of the Mackie Ethnological Expedition to Central Africa. Band 2: The Banyankole. University Press, Cambridge 1923, S. 95 Ähnlich agierten unter anderem Mädchen und Frauen der Bakiga in Uganda bei Hochzeitsfeiern.Klaus Wachsmann: Tribal Crafts of Uganda. Part Two: The Sound Instruments. Oxford University Press, London 1953, S. 365 Eine solche Schlaghaut stellt die Urform eines Membranophons dar.Curt Sachs, 1928, S. 57

Mythische und magische Vorstellungen mini|hochkant|Hölzerne einfellige Standtrommel der Lango in Uganda in einem ethnografischen Handbuch des British Museums von 1910 In vielen Kulturen wird Trommelrhythmen eine große Macht zugesprochen und sie sind für viele Rituale unverzichtbar. So lässt das rhythmische Schlagen der Schamanentrommel den Schamanen in seiner ekstatischen Sitzung Geister herbeirufen, zum Himmel oder ins Zentrum der Welt fliegen.Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft) Suhrkamp, Frankfurt 1980, S. 168

Bei der Erdtrommel wurde eine Tierhaut über ein Erdloch gespannt und mit Pflöcken an den Rändern fixiert. Für eine rituell verwendete Trommel nahm man die Haut eines geopferten Tieres. Geschlagen wurde sie mit dessen Schwanz oder mit Stöcken. Bekannt sind Erdtrommeln von den Aborigines in Australien und aus Afrika; auf beiden Kontinenten wurden sie hauptsächlich von Frauen geschlagen. In Nordamerika spielten bei den zu den Apachen gehörenden Jicarilla nur Männer die Erdtrommel. Bei Heilungszeremonien schlugen sie mit den Mokassins der Patienten auf die aus Büffelhaut bestehenden Membranen. Falls nordamerikanische Indianer früher keine Trommeln zur Verfügung hatten, stellten sich einige Männer im Kreis auf. Mit einer Hand hielten sie eine Tierhaut fest und schlugen sie mit der anderen Hand. Ein Entwicklungsschritt von der Erdtrommel zu einer Trommel mit Korpus ist eine von den Ojibwe (Chippewa, zu den Anishinabe gehörende Indigene) im südlichen Kanada früher hergestellte Konstruktion. Die Ojibwe schlugen eine Reihe von sich gegenseitig berührenden Pflöcken kreisförmig in den Boden und bildeten so eine zylindrische Form mit etwa 60 Zentimetern Durchmesser und derselben Höhe. Darüber breiteten sie eine Haut, die sie an Kerben an den Pflöcken verspannten. Mit der Tanztrommel der Ojibwe war dann die Evolution der tragbaren Röhrentrommel abgeschlossen. Sie bestand aus einem dünnen, zu einem Kreis von 30 Zentimetern Durchmesser gebogenen Zedernholzbrett mit einer darübergezogenen Membran.Sibyl Marcuse, 1975, S. 120f

In ihrer ursprünglichsten Form besteht die Röhrentrommel aus einem ausgehöhlten Baumstamm, der auf dem Boden aufgestellt und an der Oberseite mit einer Membran bespannt ist.Curt Sachs, 1940, S. 31 Die Erdtrommel entspricht mit ihrer Grube als Resonanzraum einer Kesseltrommel. Alle Trommeltypen sind seit jeher mehr als andere Musikinstrumente von magischen Vorstellungen umgeben und sie werden bei religiösen Ritualen und weltlichen Zeremonien (Zeremonialtrommeln) gebraucht. Bei solcherart verwendeten Trommeln unterliegt bereits die Herstellung besonderen Bräuchen und Meidungsgeboten, oftmals werden sie in geschützten Bereichen (Trommelhäusern) aufbewahrt oder gehören zu den Insignien des Herrschers (Königstrommel, naqqara).

Curt Sachs (1940) arbeitet den weiblichen Aspekt in den mythischen Vorstellungen über Trommeln heraus und erwähnt hierzu Opferhandlungen für die Trommel dhol vor Hochzeiten der zu den Scheduled Tribes gezählten Chamar in Nordindien. Nachdem die Trommel diverse Opfergaben erhalten hat, führt der Trommelspieler eine Prozession von Frauen an, um die Volksgöttin Dharti Mata („Mutter Erde“) zu verehren. Beispiele von weiteren Ritualen und Bräuchen verweisen demnach auf die Verbindung von Trommel, weiblichem Geschlecht, Fruchtbarkeit und der Erdverehrung.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. 2. Auflage, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Berlin/Leipzig 1923, S. 56 Der Fruchtbarkeitsaspekt kommt auch bei den Bezeichnungen der Trommeln bei den Lango im Norden Ugandas zum Ausdruck. Sie nennen die größte Trommel min bul („Muttertrommel“) und die kleinste atin bul („Kindertrommel“).Jack Herbert Driberg: The Lango: A Nilotic Tribe of Uganda. Fisher Unwin LTD., London, 1923, S. 125