Die Surfmusik (von englisch surf „Brandung“, durch Erweiterung surfing „Wellenreiten“) war eine in den frühen 1960er Jahren in Kalifornien entstandene, überwiegend instrumentale Variante des Rock ’n’ Roll. Weitere gebräuchliche Bezeichnungen sind Surf Sound, Surf Rock und Surf Music.Bernward Halbscheffel, Tibor Kneif: Sachlexikon Rockmusik. Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-16334-9, S. 375–376. International populär wurde die Surfmusik vor allem durch die Surfband Beach Boys, die sich allerdings stilistisch durch ihre mehrstimmigen Gesangsharmonien von der instrumentalen Surfmusik unterschied. Zu den bekannteren instrumentalen Interpreten zählten die Surfaris mit dem Stück Wipe Out (1963) oder die Chantays mit Pipeline (1962). Das Gesangsduo Jan and Dean gelangte 1963 auf dem Höhepunkt der Surfmusik mit Surf City auf Platz 1 in den Charts. Bis auf die Beach Boys gelang es aber niemandem, über den Status eines One-Hit-Wonders hinauszuwachsen. Dem Gitarristen Dick Dale und seiner Band, den Del-Tones, gelang mit dem Stück Miserlou (1962) ein lokaler Hit. Sein staccatohaftes Gitarrenspiel auf einer Fender Stratocaster fand einige Nachahmer. Eine einheitliche und typische Surfmusik gab es jedoch nicht. Vielmehr diente die instrumentale oder vokale Musik als Grundgerüst, das mit einer Vielzahl von populären Themen besetzt wurde.Tom Wheeler: The Stratocaster Chronicles, Hal Leonard Corp., Milwaukee 2004, S. 116–117. ISBN 0-634-05678-6
Die Surfmusik wurde ab 1964 durch den Erfolg der Beatles und der mit ihnen verbundenen British Invasion verdrängt.Wicke, Ziegenrücker, Ziegenrücker: Handbuch der populären Musik. Schott, Mainz 2007, S. 707. ISBN 978-3-7957-0571-8Mötley Crüe: The Dirt. Autobiographie der Glam-Metal-Band Mötley Crüe verfasst mit Co-Autor Neil Strauss, aus dem Amerikanischen von Kirsten Borchardt, Hannibal Verlag, Höfen, 2nd edition, 2002. S. 194
Ursprünge Die Ursprünge der Surfmusik lagen im rein instrumentalen Rock ’n’ Roll, der gegen Ende der 1950er Jahre in den USA immer populärer wurde. Zu den frühen Veröffentlichungen dieser Art zählten beispielsweise das Noveltystück Green Mosquito von den Tune Rockers,Greg Shaw: Die Geburt des Surf. In: Bernd Matheja (Hrsg.): Greg Shaw’s Bomp! Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1982, S. 22–24, ISBN 3-499-17659-9 Link Wrays klassischer 12-Takt-Blues Rumble, das Stück Rebel-’Rouser von Duane Eddy oder das mit lateinamerikanischen Rhythmen angehauchte Stück Tequila von den Champs aus dem Jahr 1958. Vor allem Duane Eddy spielte sehr erfolgreich ausschließlich instrumentalen Rock ’n’ Roll und etablierte den als Twang bezeichneten und viel kopierten Gitarrenklang mit Reverb- und Tremoloeffekten. Er erreichte mit Rebel-’Rouser im Juli 1958 Platz 6 in den amerikanischen Charts und bis 1962 sollten 15 weitere Top 40 Hits folgen.Rock and Roll Hall Of Fame: Duane Eddy. Gesichtet: 24. Februar 2009 Die instrumentale Musik war facettenreich. Es gab sowohl die Rhythm and Blues orientierten Bands wie die populären Johnny and the Hurricanes, Maurice Williams & the Zodiacs oder Booker T. & the M.G.’s und Interpreten wie Bill Black’s Combo, Floyd Cramer oder Chet Atkins, die in der Countrymusik verhaftet waren.Wolfgang Tilgner: Psalmen, Pop und Politik – Populäre Musik in den USA, Henschel Verlag GmbH, Berlin 1993, S. 308–309. ISBN 3-89487-184-9 Andere Bands standen dem Rockabilly sehr nahe wie zum Beispiel die Rock-A-Teens oder die Fendermen. Unterschiede gab es auch bei der Wahl des melodieführenden Instruments. Neben Saxophon und Tasteninstrumenten wie der Orgel dominierte jedoch die Gitarre. Seit dem Jahr 1959 war der instrumentale Rock ’n’ Roll ein neuer Trend, der am stärksten Verbreitung fand.
Dieser Trend breitete sich auch in Europa aus. Im Juli 1960 hatten die Shadows mit dem Stück Apache einen Hit in den britischen Charts. In den Vereinigten Staaten nahm niemand Notiz von den Briten. Allerdings erreichte der Däne Jørgen Ingmann mit einer Coverversion von Apache im Januar 1961 Platz 2 in Amerika. Im August 1962 schafften es die Tornados als erste britische Rock-’n’-Roll Band mit ihrem Welthit Telstar auf Platz 1 in Amerika.
Vom Sport zur Musik Im Januar 1960 erschien in Kalifornien die erste Zeitschrift, die sich ausschließlich mit der Sportart des Wellenreitens beschäftigte. Der Herausgeber, Fotograf und Filmemacher John Severson nannte das Magazin The Surfer und bot alles über die neue Trendsportart, die über Amerika hinwegfegte.Johnny Black: Rock and Pop Timeline. Thunder Bay Press, San Diego, California 2003, S. 20. ISBN 1-59223-052-0 Die erste Ausgabe umfasste 32 Seiten, war komplett in Farbe und erschien in einer Auflage von 10.000 Exemplaren.Surfline: Surfing A to Z - Surfer Magazine. Gesichtet: 13. April 2009 Die Zeitschrift war als Fotobuch konzipiert und enthielt Bilder aus Seversons ersten Film Surf, den er von 1958 bis 1959 an den Stränden von Hawaii gedreht hatte.Surfline: Surfing A to Z - John Severson. Gesichtet: 13. April 2009 Severson war nicht der einzige, der visuelle Medien nutzte und die Popularität des Surfens förderte. Der Dokumentarfilmer Bud Browne drehte seit seinem Erstlingswerk Hawaiian Surfing Movie von 1953 bis 1964 praktisch jedes Jahr einen neuen Film über das Surfen. Es gab weitere Dokumentarfilmer wie Bruce Brown. Er drehte Filme wie Slippery When Wet (1958), Barefoot Adventure (1961) und Endless Summer (1966). In den Filmstudios von Hollywood entstanden kommerziell erfolgreiche Spielfilme wie Gidget (1959), Where the Boys Are (1960), Beach Party (1963) oder Surf Party (1964), in denen „Strand, Sonne und Surfen“ als Rahmen für die Darsteller und dem romantischen Plot dienten. Vor allem der Film Gidget hat mit zwei Fortsetzungen, einer Fernsehserie und einem Spin-off maßgeblich zur Popularisierung des Surfens beigetragen.
Ursprünglich bildeten die Surfer eine kleine Szene, die typische Begriffe und auch einen eigenen Modestil entwickelt hatte und zunehmend kommerzialisiert wurde. Sie bevorzugten Shirts von der Firma Pendleton Woolen Mills, weiße, ungekürzte Levi’s Jeans und trugen entweder von der Sonne oder chemisch gebleichte, kurze Haare.Frank W. Hoffmann / Howard Ferstler: Encyclopedia of Recorded Sound, Routledge, New York 2005, S. 1082. ISBN 0-415-93835-XJohn Blair: Dick Dale – Der Mann der den Surf erfand. In: Bernd Matheja (Hrsg.): Greg Shaw’s Bomp! Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1982, S. 26–29, ISBN 3-499-17659-9 Im Laufe der 1950er Jahre entwickelte sich das Surfen von einer Randerscheinung zur beliebtesten Wassersportart in Amerika. Jedes Wochenende tummelten sich bis zu 30.000 Surfer an den Stränden Südkaliforniens.Badman, Keith: The Beach Boys – The Definitive Diary of America’s Greatest Band on Stage and in the Studio. Backbeat Books by Outline Press Ltd., London 2004, S. 16, ISBN 978-0-87930-818-6 Durch die klimatischen und geografischen Bedingungen wurde Südkalifornien zum Mittelpunkt für Surfer, die mehrheitlich aus der Region, aber auch anderen Teilen der USA kamen. Dort waren Hits wie Bill Doggetts Honky Tonk (1956) und Arthur Smiths Guitar Boogie (1958) bis in die frühen 1960er Jahre auf Strandpartys beliebt. Letzteres Stück nahm die kalifornische Band The Virtues im Jahr 1959 als Guitar Boogie Shuffle neu auf und erreichte damit Platz 5 in den Billboard Charts. Weitere wichtige Aufnahmen für die Entwicklung der Musikszene in Kalifornien waren instrumentale Stücke regionaler Bands wie Moon Dawg (1960) von den Gamblers, Mr. Moto (1961) von den Belairs und Stick Shift (1961) von den Duals. Von diesen Gruppen gelangten lediglich die Duals mit Stick Shift (englisch, „Gangschaltung“) bis auf Platz 25 in die US-Billboard-Charts. Das Stück sprach vor allem die Hot-Rod-Szene an.BlackCat - Rockabilly Europe: This Is My Story: The Duals. Gesichtet: 14. April 2009 Die Produzenten hatten Motorgeräusche zur Musik gemischt und am Ende die Sirene einer Polizeistreife eingefügt, was man als besonderen Clou betrachtete.Star Revue: The Duals Gesichtet: 14. April 2009
Zu den ersten Titeln mit direktem Bezug zum Surfen zählten Surfer’s Stomp von den Marketts, das 1961 zunächst auf dem Musiklabel Union Records erschien und 1962 von Liberty Records neu aufgelegt wurde, sowie Surfin' von den Beach Boys, das im Dezember 1961 veröffentlicht wurde.Rock Museum: First Pressings. Gesichtet: 14. April 2009Badman, Keith: The Beach Boys – The Definitive Diary of America’s Greatest Band on Stage and in the Studio, Backbeat Books by Outline Press Ltd., London 2004, S. 17. ISBN 978-0-87930-818-6
Hits der Produzenten Die Beach Boys setzten von Anfang an auf vokale Musik. Sie waren vom mehrstimmigen Gesang der afroamerikanischen Doo-Wop-Gruppen beeinflusst. Die Band übte Stücke der Coasters und bevorzugt der Four Freshmen ein, um sich mit deren Gesangsarrangements vertraut zu machen. Auf der zweiten Single der Beach Boys ging es um den V8-Motor mit der Modellbezeichnung 409 der Firma Chevrolet.Jack Nerad: , Driving Today, Studio One Networks 2008. Gesichtet: 10. Februar 2009 Es zielte wie das Stück der Duals auf die Hot-Rod-Szene und verwendete ebenfalls Einspielungen von Motorgeräuschen. Brian Wilson hatte 409 zusammen mit seinem Freund Gary Usher komponiert. Usher etablierte sich in den folgenden Jahren als einer der führenden Produzenten von Surf- und Hot-Rod-Musik in Südkalifornien. Dabei trat er nicht nur als Produzent, sondern auch als Autor oder Co-Autor, oft mit Roger Christian, und gelegentlich als Musiker in Erscheinung. Sein Schaffen reichte von den Beach Boys über Dick Dale, den Surfaris und den Astronauts bis zur Filmmusik für den Spielfilm The Girls on the Beach.The Original Gary Usher Web Page: . Gesichtet: 10. Mai 2009 Er steuerte einzelne Stücke für B-Movies wie Beach Party, Bikini Beach und Muscle Beach Party des Filmproduzenten Samuel Z. Arkoff bei.The Internet Movie Database: Gary Usher. Gesichtet: 10. Mai 2009 Des Weiteren gründete Usher eigene Bands, die aus ständig wechselnden Studiomusikern zusammengestellt wurden. Das erfolgreichste Projekt dieser Art waren die Hondells, die mit der Brian Wilson Komposition Little Honda (1964) Platz 9 in den US-Billboard-Charts erreichten.
Die Beach Boys gelangten im Jahr 1963 mit Surfin’ U.S.A., einer Note-für-Note-Kopie von Chuck Berrys Stück Sweet Little Sixteen, und Surfer Girl in die Top Ten. Den Surfaris gelang mit Wipe out (1963), den Chantays mit Pipeline (1963), den Trashmen mit Surfin’ Bird (1963), den Marketts mit Out of Limits (1964) und den Pyramids mit Penetration (1964) ein Top-Ten-Hit. Das Gesangsduo Jan & Dean erreichte im Jahr 1963 mit Surf City Platz eins der US-Billboard-Charts. Dieses Stück entstand in einer Zusammenarbeit mit Brian Wilson und den restlichen Beach Boys.Jan And Dean's Web Site: Jan and Dean's Biography Chapter 3 Gesichtet: 10. Juni 2009 Wilson lernte einiges von Dean Torrence über Studiotechnik und griff später auf die gleichen Studiomusiker wie z. B. Glen Campbell und Hal Blaine zurück, die viele Aufnahmen mit Jan & Dean eingespielt hatten. Der Gitarrist Glen Campbell ersetzte Brian Wilson gelegentlich bei Konzerten der Beach Boys, nicht zuletzt weil Campbell die charakteristische Falsettstimme von Wilson kopieren konnte. Sowohl Campbell als auch Blaine arbeiteten ebenfalls für Gary Usher und waren nicht nur an dessen Hondells Projekt beteiligt.Allmusic: [ Hondells Biography by Richie Unterberger] Gesichtet: 11. Juni 2009