Das Istituto di Studi Comunisti Palmiro Togliatti (Institut für Kommunistische Studien Palmiro Togliatti) war von 1944 bis 1993 die zentrale Parteihochschule des Partito Comunista Italiano (PCI). Die Schule war in Rom gegründet worden und hatte ab 1955 ihren Sitz in Frattocchie, einem Stadtteil von Marino (Latium). Nach Anna TonelliAnna Tonelli „ist ordentliche Professorin für Zeitgeschichte am Institut für Kommunikationswissenschaften, Geisteswissenschaften und Internationale Studien: Geschichte, Kulturen, Sprachen, Literaturen, Kunst, Medien (DISCUI) der Universität Urbino Carlo Bo“. (Biografie Anna Tonelli; abgerufen am 4. Januar 2022), einer italienischen Historikerin, war diese Schule das Hauptmodell für weitere Schulen der PCI und diente der Ausbildung von Führungskräften für die Partei. Bis 1989 habe es etwa hundert aktive Schulen der PCI in ganz Italien gegeben.Anna Tonelli: Lessons on Communism, S. 52 „Noch heute ist der Name Frattocchie verbunden mit einem Modell einer Parteischule, das nachgeahmt werden sollte, um denjenigen, die eine politische Karriere anstreben, Methoden und Grundsätze zu vermitteln.“Anna Tonelli, ebd. „Even today the name Frattocchie is associated with a model of party school to be imitated in order to teach methods and principles to those who want to pursue a political career.“
Geschichte Das im Oktober 1944 in Rom gegründete Institut, das im Dezember des gleichen Jahres seine Arbeit aufnahm, war während der gesamten Zeit seines Bestehens die zentrale Einrichtung für die Ausbildung von Kadern und Führern der PCI. Nach einer bereits 1950 beschlossenen Erweiterung der Einrichtung wurde 1955 in Frattocchie in einem Anwesen, das die Partei als Geschenk erhalten hatte und das an der Via Appia Nuova lag, der Schulbetrieb aufgenommen.Die nachfolgenden Ausführungen basieren vorwiegend auf dem Interview mit und dem Aufsatz von Anna Tonelli und der Einführung der Fondazione Gramsci zu den Archivalien der Schule (siehe die entsprechenden Weblinks). Einzelnachweise zu diesen Quellen erfolgen nur, wenn direkt aus ihnen zitiert wird. Die Schule trug ursprünglich den Namen von Andrei Alexandrowitsch Schdanow. Bereits in den 1950er Jahren sollte es dann nach Palmiro Togliatti, dem damaligen Generalsekretär der PCI, benannt werden, was dieser aber mit dem Satz „Man gibt den Namen einer lebenden Person nicht an eine Organisation weiter, es sei denn, man wünscht ihr den Tod.“ abgelehnt habe.Zitiert nach Anna Tonelli: A scuola di politica (Interview): „Non si dà il nome di un vivo a una organizzazione qualsiasi se non per augurargli di morire.“ So blieb es zunächst bei dem neuen Namen Institut für kommunistische Studien, bevor die Schule dann 1973 endgültig den Namenszusatz Palmiro Togliatti erhielt.
Die Schule war von einem Park umgeben, in dem es Volleyball- und Bocciafelder gab. Sie präsentierte sich als eine der modernsten und zukunftsweisendsten politischen Schulen und verfügte über geräumige Klassenzimmer mit bis zu zweihundert Sitzplätzen, eine Fachbibliothek mit 5.000 Bänden, Lesesäle, eine Turnhalle, ein Museum und eine moderne Krankenstation. Fast durchweg findet der Hauptsaal des Instituts Erwähnung, den Renato Guttusos 318 × 520 cm großes Gemälde Die Schlacht an der Admiralsbrücke (La Battaglia di Ponte dell’Ammiraglio) schmückte, das sich heute in der Sammlung der Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom befindet.Zur Bedeutung dieses Bildes siehe: Le Gallerie degli Uffizi: Battaglia di Ponte dell'Ammiraglio. Bei dem in den Uffizien gezeigten Gemälde handelt es sich um die 1952 erstmals öffentlich ausgestellte erste Version des Gemäldes. Eine zweite Version stellte Guttuso für das Institut für kommunistische Studien her. Zum Unterschied der beiden Versionen siehe: Fondazione Gualtiero Sarti: La battaglia di Ponte dell'Ammiraglio.
Die Mehrheit der Studenten stammte in den frühen Jahren der Schule aus der Arbeiterklasse. Deren Auswahl trafen drei Instanzen gemeinsam: die Kader- und Schulkommission der Partei, der Provinzialverband und die Schulleitung. „Die Provinzverbände (die den größten Teil der Kosten für die Unterbringung und Verpflegung der Schüler trugen) bestimmten die Kandidaten, die in das Institut geschickt werden sollten, anhand von Kriterien, die von der Kader- und Schulkommission festgelegt wurden, und letztere führte zusammen mit der Schulleitung die Endkontrolle der von den Verbänden erstellten Listen durch, um das "politische Verhalten" und den sozialen Hintergrund der Schüler zu überprüfen.“Archivi del Partito comunista italiano in der Fondazione Gramsci: Istituto di studi comunisti "Palmiro Togliatti 1956–1993. „La selezione degli allievi era effettuata congiuntamente da tre soggetti: la commissione quadri e scuole, la federazione provinciale e la direzione della Scuola. Le federazioni provinciali (sulle quali ricadeva la gran parte del peso delle spese per il vitto e l'alloggio degli allievi) individuavano i candidati da inviare all'Istituto sulla base dei criteri determinati dalla commissione quadri e scuole e quest'ultima, insieme alla direzione dell'istituto, esercitava l'ultimo controllo sugli elenchi compilati dalle federazioni per verificare la "condotta politica" e la provenienza sociale degli allievi.“ Die Auserwählten studierten während den zwischen einem Jahr und drei Monaten dauernden Kursen auf Kosten der Partei, die ihnen Unterkunft, Verpflegung und Studienmaterial kostenlos zur Verfügung stellte – dafür aber auch die Einhaltung eines strengen Reglements erwartete.
Zum Lehrplan der Schule gehörten der historische Materialismus, die Geschichte der bolschewistischen Partei und der Arbeiterbewegung, Agrarprobleme und Kapitalismus sowie Partei- und Gewerkschaftsorganisation. „Einige Jahre später kam die politische Ökonomie hinzu, ein Fach, das für nicht belesene Kader sehr schwierig, aber für die Leitung und Verwaltung der lokalen Verwaltungen unerlässlich war.“Anna Tonelli: A scuola di politica (Interview): „Qualche anno più tardi fa l’ingresso anche l’economia politica, una materia molto ostica per i quadri non alfabetizzati, ma indispensabile per gestire e governare le amministrazioni locali.“
Nach Anna Tonelli veränderte sich in den 1970er Jahren einiges.Einen Eindruck davon vermittelt auch der Text von Maurizio Merlo, der 1976 zwar nur für wenige Tage an eine Kurs in Frattocchie teilnahm, aber die sich abzeichnenden Veränderungen deutlich werden lässt. Das betraf sowohl die Herkunft der Schüler als auch deren Alter. Sie verfügten nun häufiger über eine höhere Bildung, auch wenn sie oft noch aus einer Arbeiterfamilie stammen, und die Anforderungen der Partei an ihre Führungskader wuchsen. Die spielte inzwischen eine führende Rolle in 6 Regionen und 29 Provinzen Italiens, und dadurch waren auch vermehrt Führungsaufgaben außerhalb der Partei wahrzunehmen. Das Ausbildungsprogramm wurde praxisbezogener, und der Unterricht über Marxismus-Leninismus wurde zugunsten von mehr Raum für Wirtschafts- und Organisationsthemen zurückgefahren. „Der Dreiklang Philosophie/Wirtschaft/Geschichte wird beibehalten, aber es kommen Veranstaltungen zu Logik, Argumentation und Linguistik hinzu, um in der Öffentlichkeit klar und überzeugend zu sprechen und verstanden zu werden.“Anna Tonelli (Interview): „Rimane ferma la triade filosofia/economia/storia, ma vengono aggiunte anche sessioni dedicate alla logica per usare i ragionamenti e la linguistica per parlare in pubblico in modo chiaro e convincente e farsi capire.“ Für Tonelli wurde in diesen 1970er Jahren im Zusammenhang mit den damaligen Wahlerfolgen der eigentliche Mythos von Frattocchie geboren, der nicht zuletzt getragen wurde von einer jungen „Generation von Funktionären […], die in den Parteischulen auf ähnlichen Wegen der politischen Reifung geformt wurden und durch gemeinsame Visionen und Erwartungen verbunden“ waren.Andrea Pozzetta: «Tutto il Partito è una scuola». Esperienze formative nelle scuole di partito del Pci, S. 394. „Ed è forse anche possibile parlare di una generazione di funzionari, formatisi alle scuole di partito lungo simili percorsi di maturazione politica, legati da una comunanza di visioni e aspettative.“
Das Ende der Schule Für Andrea Pozzetta war 1981 der Höhepunkt in der Entwicklung des Bildungswesens des PCI erreicht; ab dem folgenden Jahr habe der Abbau des Schulnetzes begonnen, und nur die Schule in Frattocchie und das Institut in Albinea seien weiterhin aktiv geblieben, hätten aber einen stetigen Rückgang der Studentenzahlen zu verkraften gehabt. Anna Tonelli sieht die Gründe dafür darin, dass auch der PCI seit den frühen 1980er Jahren mit zunehmender politischer Gleichgültigkeit und nachlassendem politischen Engagement zu kämpfen hatte, „die wichtige Teile der fortschrittlichen Kultur durchzogen“.Anna Tonelli: Lessons on Communism, S. 63 Zur politischen Krise gesellte sich die finanzielle: Das parteiinterne Schulsystem in seiner bisherigen Form erschien als zu kostspielig, weshalb beschlossen wurde, das Modell der Internatsschulen aufzugeben und die Dauer der Kurse auf zwei oder drei Tage zu verkürzen. Das endgültige Aus für die Schule kam dann nach dem Zusammenbruch des internationalen Kommunismus und dem Fall der Berliner Mauer – mit katastrophalen Folgen für den PCI und ihre Schulen. Der PCI mutierte zur Demokratischen Partei der Linken, die Schule in Frattocchie wurde 1993 geschlossen, das Anwesen im Jahr 2003 an eine Gruppe privater Unternehmer verkauft – zusammen mit dem Gebäude in der „Via delle Botteghe Oscure“ 4, dem historischen Sitz des PCI in Rom.Anna Tonelli: Lessons on Communism, S. 64
Anna Tonelli bedauert, dass „das Erbe von Frattocchie von niemandem aufgegriffen worden“ sei. Was heute von den Parteien als politische Weiterbildung betrieben werde, habe nichts mehr mit dem Modell Frattocchie zu tun, in dem die Schule die Stätte der kontinuierlichen Bildung und der mühevollen Erarbeitung des angestrebten Ziels gewesen sei, sich für eine politische Karriere zu qualifizieren.
Literatur Andrea Pozzetta: «Tutto il partito è una scuola». Le scuole di partito del Pci e la formazione dei quadri (1945–1981), Dissertation an der Università degli Studi di Pavia, 2015/2016 (Online). «Tutto il partito è una scuola». Esperienze formative nelle scuole di partito del Pci degli anni Settanta, Contemporanea, a. XIX, n. 3, luglio-settembre 2016 (Online). Anna Tonelli: A scuola di politica. Il modello comunista di Frattocchie (1944–1993), GLF editori Laterza, Bari 2017, ISBN 978-88-581-2811-4.Das Inhaltsverzeichnis ist online einsehbar. Für eine von einer Studentin als Seminararbeit verfasste Zusammenfassung des Buches siehe: A Scuola di Politica – Riassunto. Lessons on Communism: Party Schools in Italy in the 20th Century, Journal of Nationalism, Memory & Language Politics, Volume 15, Issue 1 (DOI:10.2478/jnmlp-2021-0005). Enrico Ippolito: Was rot war, Kindler Verlag in der Rowohlt Verlagsgruppe, Hamburg 2021, ISBN 978-3-463-00009-1.Der 1982 geborene Ippolito arbeitete von 2011 bis 2015 für die [taz] und war anschließend bis 2020 Ressortleiter Kultur beim Spiegel. (Angaben nach dem Klappentext des Buches.)
Weblinks Interview mit Anna Tonelli über ihr Buch A scuola di politica (auf Italienisch). Maurizio Merlo: Frattocchie, una leggenda. Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus Merlos Buch L'età del limousine, Nerosubianco, Cuneo 2018, ISBN 978-88-98007-90-5.Maurizio Merlo ist Dozent an der Fakultät für Philosophie, Soziologie, Pädagogik und Angewandte Psychologie der Universität Padua (Maurizio Merlo; abgerufen am 4. Januar 2022) Archivi del Partito comunista italiano in der Fondazione Gramsci: Istituto di studi comunisti "Palmiro Togliatti 1956–1993. Foto mit Blick in den Innenhof des Instituts für Kommunistische Studien in Frattocchie.
Einzelnachweise
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