Das Jüdel ist eine mittelhochdeutsche Legende, die 458 Reimpaarverse umfasst. Sie entstand um 1200 im bairisch-ostschwäbischen Raum durch einen anonymen Autor. Die Dichtung ist eines der ersten Marienmirakel in deutscher Sprache und handelt von einem jüdischen Kind, das sich trotz des Widerwillens seiner Glaubensgenossen dem Christentum zuwendet.Vgl. Elisabeth Wunderle: ‚Jüdel‘. 2009, S. 199.

Autor Der Verfasser von Das Jüdel ist nicht namentlich bekannt. Dennoch wurden in der Forschung einige Informationen zu ihm herausgearbeitet: Festzuhalten ist, dass er vermutlich von Konrad von Fußesbrunnen beeinflusst ist und in stilistischer Hinsicht dem 12. Jh. nahe steht.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Das Jüdel‘. 2010, Sp. 891. Die von Robert Sprenger im Jahr 1882 aufgestellte These, dass es sich beim Verfasser des Jüdel um den Dichter Konrad von Heimesfurt gehandelt habe, wurde bereits 1883 von Elias von Steinmeyer entkräftet.Vgl. Edward Schröder: Zur Überlieferung des Jüdels. 1938, S. 24. Die Beziehungen zwischen dem Jüdel-Verfasser und Konrad von Heimesfurt sind lediglich auf das Formelhafte beschränkt.

Werk

Überlieferung Das Jüdel ist in drei Textzeugen überliefert. Die einzige vollständige Überlieferung (W) stammt von ca. 1300 und befindet sich in Wien (Cod. 2696, 35ra–38ra; Wien, Österreichische Nationalbibliothek).

Als einander zum Teil überlappende Fragmente überliefert ist Das Jüdel in zwei Handschriften: Das erste Fragment (B) befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin (Hdschr. 397; früher: Weitramsdorf, Schloss Tambach, Ortenburgische Bibliothek). Das zweite Fragment (S) befindet sich in der Stiftsbibliothek in Seitenstetten. Beide Fragmente stammen aus dem 14. Jh.Vgl. Bruno Jahn: ‚Das Jüdel‘. 2011, Sp. 620. Die Fragmente des Jüdel lassen außerdem auf eine Vorlage schließen, die sich durch unabgesetzte Verse sowie graphische Formen auszeichnet, die für Handschriften aus dem 12. Jh. typisch sind und im 13. Jh. allgemein nicht mehr gebräuchlich sind.

Aufbau und Form Das Jüdel besteht aus 458 Versen. Der Erzählung ist eine Überschrift vorangestellt, in welcher der Name des Werkes explizit genannt wird: „Daz bůch heizzet das Júdel“.Heinrich Meyer-Benfey: Daz Jüdel. 1909, S. 84. Der erste Teil des Textes besteht aus einem Marienlob (V. 1-14). Daran anschließend bittet der Verfasser Maria, ihren Sohn sowie Gott um Beistand für seine Dichtung (V. 15-23). Er erklärt, dass er von der Gnade erzählen will, die Maria einem Menschen erwiesen habe, welcher sie nie um Hilfe gebeten habe (V. 24-27). Damit setzt die Erzählung über das Jüdel ein, die den größten Teil des Textes ausmacht (V. 28-455). Die letzten 3 Verse enthalten eine Lehre bzw. ein Epimythion mit der Aufforderung zum Mariendienst (V. 456-458), der Verfasser bedient sich hier geläufiger formaler und inhaltlicher Mittel der Mirakelerzählung.Vgl. Cordula Hennig von Lange: ‚Das Jüdel‘ - Judenfiguren in christlichen Legenden. 2002, S. 137. Die Erzählung endet schließlich mit einem Amen. Dadurch, dass Marienpreis und die Aufforderung zum Mariendienst am Beginn und am Ende der Legende stehen, wird ein durch die Gottesmutter Maria konstituierter Rahmen geschaffen. Dieser unterstützt das Ziel des Verfassers, den Rezipienten zur Marienverehrung hinzuführen.Vgl. Wernfried Hofmeister: Das Jüdel im Kontext mittelhochdeutscher literarischer Kindesdarstellungen. 1991, S. 95. Mit Ausnahme der ersten vier Verse (V. 1-4), die im Kreuzreim gehalten sind, ist die Legende in Paarreimen abgefasst.

Inhalt Das Jüdel ist ein Kind jüdischen Glaubens, das eine christliche Schule besucht. Aufgrund des Vermögens seines Vaters, von dem der Lehrer wie auch die anderen Kinder profitieren, sind diese dem Judenkind sehr gewogen. Als sich das Jüdel und seine Mitschüler eines Tages auf dem Schulweg befinden, bleiben sie an einer Kapelle stehen. Dort steht eine Statue, die die Gottesmutter Maria darstellt. Das Jüdel fragt die betenden Kinder, was sie dort täten. Daraufhin lernt es von ihnen, Maria zu verehren.

Das Jüdel, das von nun an selbst immer bei der Kapelle stehen bleibt und betet, sieht eines Tages, dass Staub und Spinnweben an der Statue haften. Mit seiner schönen Kleidung wischt es den Schmutz beiseite und rügt das Tier, das für die Verunreinigung verantwortlich ist. So erweist das Jüdel Maria mit dem Entfernen des Schmutzes einen Dienst, der von ihr nicht vergessen wird.

Das Jüdel geht schließlich in die Kirche und wohnt der heiligen Messe bei. Das Jesuskind erscheint dem Jüdel dort am Altar. Es beobachtet, wie der Priester dem Jesuskind Fleischstücke aus dem Körper bricht und den Leuten in den Mund legt. Das Jüdel stellt fest, dass das Jesuskind nicht so wirkt, als würde es leiden. Im Gegenteil: Es sieht sogar gesund und stark aus. Daraufhin wünscht das Jüdel sich auch, einen Teil der Speise zu empfangen, und mischt sich unter die Menge. Nachdem es die heilige Speise erhalten hat, kehrt es schließlich wieder zum Vater zurück. Dieser ist zornig, da er glaubt, das Jüdel würde noch fasten, wo die anderen Juden schon gegessen haben. Das Jüdel klärt ihn darüber auf, was passiert ist, und der Vater fesselt das Kind. Dann lässt er nach seinen Verwandten schicken, um zu beraten, was als Nächstes geschehen sollte. Da das Jüdel keine Reue ob des vom Vater und den anderen Juden als Vergehen empfundenen Verhaltens zeigt, beschließt man, es zu töten. Man befürchtet, dass die Christen das Jüdel unterstützen würden, wenn sie von der Angelegenheit erführen. Man beauftragt den Vater damit, die Tötung durchzuführen, doch dieser leidet darunter so sehr, dass er sich selbst verletzt, Suizid begehen will und schließlich ohnmächtig wird. Obwohl er wieder erwacht, ist der Vater des Jüdels nicht fähig, die Bestrafung seines Kindes durchzuführen. Daher beheizen die Juden einen Backofen und werfen das Kind hinein.

Während sich das Jüdel im Backofen befindet, erscheint ihm die Gottesmutter Maria. Sie erklärt ihm, dass sie nicht vergessen habe, dass es das Jüdel war, das den Staub von der Statue gewischt hat. Sie ist nun bereit, das Kind vor dem Tod zu retten, da es ihr zuvor bereits einen Dienst erwiesen hat. Außerdem rät sie dem Jüdel, sich taufen zu lassen, und verspricht, dass es dies nicht bereuen würde. Das Jüdel freut sich darüber und verspricht, der Aufforderung der Gottesmutter zu folgen.

Als man dem Vater berichtet, dass sein Kind überlebt hat, machen er und die anderen Juden sich nun auf dem Weg zum Backofen. Dort angekommen fragt der Vater das Jüdel, wie es überleben konnte. Das Jüdel erzählt, dass die Gottesmutter es gerettet habe. Es erklärt außerdem, dass der Vater die Gottesmutter auch sehen könne, wenn er sich taufen ließe. Obwohl der Vater einer Taufe zustimmt, weigert sich das Jüdel, den Backofen wieder zu verlassen. Es fürchtet, dass der Vater es bestrafen könnte, und lässt deshalb nach den Christen schicken. Diese machen sich auf den Weg, als sie von der Begebenheit hören. Der Bischof hebt das Jüdel schließlich aus dem Backofen und dankt Gott. Die anwesenden Juden erkennen ihr Vergehen und beginnen zu weinen. Die Christen weinen ebenfalls, aber vor Freude. Der Bischof lässt schließlich die Becken für die Taufe vorbereiten und beschließt, dass sich alle taufen lassen können, die dies möchten. Nun wird nicht nur das Jüdel getauft, auch die anderen Juden werden bekehrt.

Vorlagen und weiteres Wirken Der Stoff vom Jüdel hat viele Bearbeitungen erfahren. Alleine für das Mittelalter sind Versionen in sieben verschiedenen Sprachen bezeugt, darunter lateinische, griechische und französische, die zeitlich bereits vor der einzigen vollständigen mittelhochdeutschen Jüdel-Überlieferung um 1300 anzusiedeln sind. Die Geschichte des Jüdels war für das Mittelalter also überaus populär.

Eine der bekanntesten Bearbeitungen des Stoffes stellt die Legende von Gregor von Tours aus dem 6. Jahrhundert dar. Sie findet sich in seinem Sammelwerk De gloria martyrumBuch I, Kapitel 10 (Volltext) und dürfte gemeinsam mit der ältesten griechischen Version von Euagrius Scholasticus bedeutend für die Verbreitung im Hochmittelalter gewesen sein.Vgl. Cordula Hennig von Lange: ‚Das Jüdel‘ - Judenfiguren in christlichen Legenden. 2002, S. 135f. Zusätzlich zu den fremdsprachigen Versionen des Stoffes, auf denen Das Jüdel fußt, ist ein frühmittelhochdeutsches Prosafragment in einer alemannischen Handschrift aus der Mitte des 12. Jh. bezeugt. Das Jüdel selbst war die Vorlage für die Legende Der Judenknabe in der Legendensammlung Altes Passional.Vgl. Bruno Jahn: ‚Das Jüdel‘. 2011, Sp. 620.

Schwerpunkte

Der Mariendienst und das Marienwunder Der Zweck von Marienmirakeln war es, die Verehrung Marias zu fördern, indem die Macht, die Liebe und die Güte Marias herausgestellt wurden. Um diese Eigenschaften anschaulich zu demonstrieren, standen deshalb das Wunder bzw. der Mensch, der dieses erlebt, im Zentrum solcher Mirakelerzählungen. Im Jüdel geht diesem Wunder das Entfernen des Schmutzes von der Statue voraus: Eines tages wart ez gewar,

do ez seines gebetes phlac,

(90) daz stoub uof dem bilde lac.

Ein spinnen weppe ez da vant.

Do nam ez schonez gewant

unt wischet ez harte leise

unt sprach: Neu eingerichteter Textabdruck auf Grundlage der Edition von Heinrich Meyer-Benfey: Das Jüdel. In: Mittelhochdeutsche Übungsstücke. Zusammengestellt von dems. 1909, S. 86.Eines Tages fiel ihm auf,

als es bei seinem Gebet war,

(90) dass sich auf der Statue Staub befand;

eine Spinnwebe bedeckte es.

Da verwendete es seine schöne Kleidung

und wischte diesen ganz vorsichtig ab,

während es sagte: Übersetzung von Wernfried Hofmeister in: Das Jüdel im Kontext mittelhochdeutscher literarischer Kindesdarstellungen. 1991, S. 97. Bemerkenswert ist, dass sich das Jüdel nicht scheut, seine schöne Kleidung zu verwenden, um die Statue vom Staub zu befreien. Außerdem entfernt es diesen ganz vorsichtig. Die Spinne, die für die Spinnwebe verantwortlich ist, wird vom Jüdel direkt angesprochen und aufgrund ihrer nicht sehr ehrbietigen Haltung gegenüber der Gottesmutter gerügt: Wenn das Tierchen Bescheid über Maria wüsste, würde es seine Netze an einem anderen Ort weben. Das Jüdel zeichnet sich in seiner Ansprache an das Tierchen einerseits durch kindlichen Eifer aus, andererseits geht daraus hervor, dass das Tierchen aufgrund seiner Unwissenheit dem Menschen unterlegen sei. Die Ansprache an das Tierchen kann dahingehend interpretiert werden, dass das Jüdel hier eigentlich eine Aussage über die eigenen Glaubensgenossen, die Juden, tätigt. Diese verehren die Gottesmutter genauso wie das Tierchen nicht und seien daher ebenfalls nicht „weise“ – also verständig.Vgl. Cordula Hennig von Lange: ‚Das Jüdel‘ - Judenfiguren in christlichen Legenden. 2002, S. 154.

Durch seine Tat erweist das Jüdel Maria einen Dienst. Das bedeutet, dass das Jüdel und Maria in einem Dienst-Lohn-Verhältnis stehen – dieses Verhältnis ist in den volkssprachigen Mirakelerzählungen aus dem 13. und 14. Jh. bestimmend für den Schutz bzw. die Hilfe durch Maria.Vgl. Cordula Hennig von Lange: ‚Das Jüdel‘ - Judenfiguren in christlichen Legenden. 2002, S. 137f. Nachdem das Jüdel von den Juden in den Backofen geworfen worden ist, erscheint ihm Maria, um es vor den Auswirkungen des Feuers zu bewahren: Diu gesegent ob allen weiben

lie sich da schæimberlichen sehen

unt lie dem chinde nicht geschehen,

daz im læit wære.

(300) Si sprach wis ane swære:

Neu eingerichteter Textabdruck auf Grundlage der Edition von Heinrich Meyer-Benfey: Das Jüdel. In: Mittelhochdeutsche Übungsstücke. Zusammengestellt von dems. 1909, S. 92.Die vor allen Frauen Gesegnete

ließ sich da gestalthaft erblicken

und dem Kind nichts widerfahren,

was für es schmerzhaft wäre.

(300) Sie sagte: Übersetzung von Wernfried Hofmeister in: Das Jüdel im Kontext mittelhochdeutscher literarischer Kindesdarstellungen. 1991, S. 99.