mini|hochkant|Wappen der Familie Bessel Das Geschlecht der Familie Bessel ist seit dem 16. Jahrhundert historisch greifbar. Es existierten Familienzweige in Ostwestfalen, im heutigen Raum Hannover, in der Grafschaft Hoya, in der Mark Brandenburg und in Pommern.
Calenberger Zweig Als erster belegter Vertreter der Familie Bessel gilt Engelke Bessel (ca. 1500–1562), Schafmeister aus Koldingen, der zu erheblichem Wohlstand kam und einer der größten privaten Gläubiger der Stadt Hannover wurde. Sein Sohn Ludolf Bessel erwarb dort 1556 das Bürgerrecht und gilt als Stammvater des Calenberger Zweigs. Ludolf führte als erster das Familienwappen, das einen gegen eine Palme springenden Hirsch zeigt. Da Engelbert Bessel aus Petershagen das gleiche Wappen führte, wird als wahrscheinlich angenommen, dass es sich bei Engelbert und Ludolf um Brüder handelte.K. F. Leonhardt: Zur Genealogie hannoverscher Stadtgeschlechter. IV. Die Bessel und von Bessel. In: Hannoversche Geschichtsblätter. Neue Folge, Band 4 (1936/37), S. 194–199.Leopold von Bessel: Ahnentafel des Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel. Leipzig 1937, S. 4.
Petershäger Zweig Der erste zuverlässig nachweisbare Stammherr im Mindener Raum ist der fürstbischöfliche Kammer-Rat und Oberamtmann Engelbert Bessel († 1567), verheiratet mit Johanna von Schaumburg (1540─1599),Herbert Freiherr von Schnehen: War Dorothea von Sulingen die Ehegattin des Grafen Johann X. von Schaumburg oder seine Konkubine? In: Genealogie, Band 15, 1980, S. 357–359. illegitime Tochter von Johann V. von SchaumburgJohann V. von Schaumburg wird in der Literatur einer anderen Zählweise folgend auch als Johann X. bezeichnet. und Enkelin des regierenden Grafen Jobst I. von Schaumburg.Rüdiger Bremme: Graf Johann von Holstein-Schaumburg, seine Frauen und seine Kinder (1512–1599). In: Beiträge zur westfälischen Familienforschung, Band 62, 2004, S. 95–129. Engelberts Söhne wurden 1602 vom Mindener Bischofsadministrator Christian von Braunschweig-Lüneburg mit Gütern in Sulingen belehnt; der Sohn Johann, den Leopold von Bessel ohne Angabe von Gründen für den älteren hält, wurde Stammvater des Petershäger Zweigs, der jüngere Sohn Christoph des Mindener Zweigs der Familie.Leopold von Bessel: Stammtafel des Geschlechts von Bessel. Görlitz 1913.
Johann Bessel († 1649) war Burgmann zu Petershagen, Drakenburg und Uchte, ab 1617 Drost zu Liebenau, und wurde Geheimer Rat und Kanzler des Fürstbistums Minden.
mini|hochkant|Heinrich Bessel (1603–1671) Sein Sohn Heinrich Bessel (1603–1671) war ebenfalls Kanzler des Fürstbistums Minden und Dompropst von St. Blasii in Braunschweig. Er blieb in welfischen Diensten und wurde später Kanzler in Harburg. Er vermählte sich 1630 in Petershagen mit Anna Hedemann aus dem Hause Dorste, einer Tochter von Erich Hedemann (1567–1636). Ihre Schwester Maria (von) Hedemann (1622–1670) war mit dem Generalquartiermeister und würzburgische Obristen Hieronymus (von) Bessel († ca. 1660) verheiratet.Werner Besier: Das Scharnhorst-Gut Bordenau. 2016, S. 1 f.; Staatsarchiv Hannover: NLA HA Hann. 91 Kuntze
Zu Heinrich Bessels Söhnen gehörten Christian Georg von Bessel (1636–1688), Erbsasse auf Petershagen, Schriftsteller,Christian Georg von Bessel: Neuer politischer Glücksschmied. Frankfurt 1681 (Digitalisat)Ursula Geitner: Die Sprache der Verstellung. Tübingen 1992, S. 75 ff.Otto Brunken: Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1570 bis 1750. 2017, S. 1098. Jurist, ab 1671 kurbrandenburgischer Rat und Domherr der Stiftskirche Havelberg.
Heinrichs Sohn Anton von Bessel (1646–1701), der als herzoglich mecklenburg-schwerinscher Hofrat und Gesandter an Friedenskonferenz von Nimwegen teilnahm, dann herzoglich anhaltischer Geheimer Rat und Kanzler des Stifts Quedlinburg wurde, erbte den Besitz in Petershagen.
Anton von Bessels jüngsterer Sohn war Victor Carl Moritz von Bessel (1700–1786), Kriegs- und Domänenrat in Minden und später Präsident der Kriegs- und Domänenkammer von Kleve. Er übernahm den Petershäger Besitz als letzter Vertreter des Petershäger Familienzweigs.
Brandenburger Zweig Ein älterer Anton von Bessels, Jakob Heinrich von Bessel (1689–1741), war Oberstleutnant und begründete als Herr auf Welsikendorf den Brandenburger Zweig. Dessen Sohn, der Geheime Rat August Samuel Ehrenreich von Bessel (1737–1803), Präsident des Kammergerichts zu Lingen, erbte den Besitz des Petershäger Zweiges nach dessen Aussterben im Jahre 1786. Sein Sohn Carl Philipp Theodor von Bessel (1773–1819), königlicher Kammerherr, blieb aber kinderlos und wurde der letzte männliche Erbe des Petershäger Besitztums; eine Ururenkelin seiner Schwester Jeannette (1771–1805) starb 1893 als letzte weibliche Nachfahrin des Brandenburger Zweigs.
Pommerscher Zweig Antons von Bessels erster Sohn, der Geheime Rat Georg Eberhard von Bessel (1685–1755), kaufte 1725 die Güter Plantikow und Cramonsdorf im Kreis Naugard und begründete den pommerschen Familienzweig; einige spätere Familienmitglieder lebten auch in Schlesien. Sein Sohn Carl Wilhelm von Bessel (1727–1800) wurde königlich-preußischer Kammerpräsident zu Stettin, Erbherr von Ludwigshof bei Ueckermünde, Schulzenhagen und Borkenhagen; er war mit Caroline von Winckelmann verheiratet und hatte acht Kinder. Einer seiner Söhne war der preußische Oberstleutnant Karl Ferdinand von Bessel (1770–1819), dessen Sohn Rudolph von Bessel (1810–1894) es bis zum Generalleutnant in der Armee brachte, ein anderer Sohn war der Oberst Viktor Franz Ludwig von Bessel (1781–1856), dessen Sohn Julius von Bessel (1827–1870) als Oberst in der Schlacht von Sedan fiel.
Mindener Zweig Christoph Bessel (* vor 1567, † vor 1606), der andere Sohn des Engelbert Bessel, war braunschweig-lüneburgischer Oberamtmann zu Neuenwalde und im Land Hadeln begütert.Leopold von Bessel: Ahnentafel des Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel. Leipzig 1937, S. 13. Er begründete den Mindener Zweig der Familie, der dort zum städtischen Patriziat gehörte; spätere Vertreter dieses Zweiges lebten auch im Rheinland. Die nächsten Generationen der Bessel waren in Minden als Juristen, Regierungssekretäre und teilweise auch als Ratsherren tätig.
Der Regierungssekretär Ludolf Friedrich Bessel (* um 1709, † 1779) war ein Ururenkel von Christoph.Leopold von Bessel: Ahnentafel des Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel. Leipzig 1937, S. 12–13. Sein Sohn Johann Wilhelm Bessel (1737–1800) war Sekretär bei der Kriegs- und Domänenkammer in Minden. Zu dessen Söhnen gehören erstens der Justizrat Christian Heinrich Bessel (1787–1854), der Vater von Bernard Abraham Bessel (1814–1868), Landrat von Wiedenbrück und Reichstagsmitglied, und zweitens der Oberstleutnant Leopold Christoph Ludolf (von) Bessel (1792–1813). Dessen Sohn Otto von Bessel (1827–1880) war Bürgermeister und der Vater von Leopold von Bessel (1875–1953), Genealoge und ebenfalls Bürgermeister.Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser. 1915. Neunter Jahrgang, Gotha 1914, S. 72.
mini|hochkant|Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846) Ludolf Friedrich Bessels Sohn Carl Friedrich Bessel (1748–1828) war Regierungssekretär in Minden und wurde 1816 Kanzleidirektor am neu gegründeten Oberlandesgericht Paderborn. Sein ältester Sohn Moritz Carl Bessel (1783–1874) wurde Präsident am Landgericht Kleve, und sein jüngster Sohn Theodor Ludwig Bessel (1790–1848) erreichte die gleiche Position beim Landgericht Saarbrücken. Während letzterer kinderlos verstarb, setzten Moritz Carls Kinder die Ahnenreihe fort. Sein Sohn Otto Bessel (1815–1894) wurde Superintendent im Kirchenkreis Trarbach.
Der mittlere Sohn Carl Friedrich Bessels war der Astronom Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846), der in Königsberg wirkte. Seine beiden Söhne verstarben kinderlos. Den Nachkommen seiner drei Töchter wurde durch Verfügung von Friedrich Wilhelm IV. erlaubt, den Namen Bessel als Beiname zu führen, woraus später die Namen Bessel-Lorck und Bessel-Hagen entstanden;Leopold von Bessel: Ahnentafel des Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel. Leipzig 1937, S. 6. die Nachkommen der ältesten Tochter Marie, verheiratete Erman, machten von der Regelung keinen Gebrauch. Bekannt wurden Friedrich Wilhelm Bessels Enkel Wilhelm Erman (1850–1932) als Bibliothekar, Adolf Erman (1854–1937) als Ägyptologe, Heinrich Erman (1857–1940) als Jurist, Ernst Bessel Hagen (1851–1923) als Physiker, Fritz Karl Bessel-Hagen (1856–1945) als Arzt sowie seine Urenkel Walter Erman (1904–1982) als Jurist und Erich Bessel-Hagen (1896–1946) als Mathematiker.
Adel mini|hochkant|Anton (von) Bessel (1646–1701) Teile der Familie haben den Adelsstatus für sich beansprucht. Seit etwa 1680, der Zeit des Kanzlers Anton von Bessel, führten der Petershäger Zweig und die sich davon abzweigenden pommerschen und brandenburger Familienteile das Adelsprädikat im Namen. Die Grundlage dafür bildeten zwei nur abschriftlich vorliegende Urkunden: die eine war ein angeblicher kaiserlicher Adelsbrief von 1494 für einen Obristen Jobst Bessel aus Livland und die andere eine darauf basierende Adelsanerkennung des Herzogs und Bistumsadministrators Christian von Braunschweig-Lüneburg von 1630. Der Calenberger Zweig hat den Adel nicht beansprucht.N.N.: 13. Zur Ahnentafel Friedrich Wilhelm Bessel. In: Ahnentafeln berühmter Deutscher. 4. Folge, Lfg. 15, Ergänzungen und Berichtigungen (Bericht über einen Vortrag von K. F. Leonhardt von 1937 zum Thema „Märchengenealogien“). [Eingabe ins Suchfenster: 315]
Im Jahre 1770 ließ sich Christian Ludwig Bessel (1750–1813) die Richtigkeit des Besselschen Stammbaums und Adels für sich und seinen Vater Ludolf Friedrich Bessel (1709–1779) aus dem Mindener Zweig bestätigen.Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser. 1915. Neunter Jahrgang, Gotha 1914, S. 71. Die beiden älteren Söhne Ludolfs, Johann Wilhelm (1737–1800) und Carl Friedrich (1748–1828), führten kein Adelsprädikat; Carl Friedrichs Sohn Friedrich Wilhelm (1784–1846) stellte in seiner Autobiographie fest, die Führung des Adelsprädikats sei für ihn, seinen Vater und seine Brüder nicht „wünschenswerth“ gewesen, ohne dafür eine Begründung zu geben.J. A. Repsold: Friedrich Wilhelm Bessel. In: Astronomische Nachrichten, Band 210, 1919, S. 11
Die Abstammung des Friedrich Wilhelm Coudelance von Bessel (1734–1798), eines Neffen von Ludolf Friedrich Bessel und Sohnes von Margarethe Elisabeth Bessel (1707–1774), bezeichnet Leopold von Bessel als „unsicher“; im Jahre 1786 erreichte er eine Adelsverleihung mit dem kombinierten Namen seines Vaters und seiner Mutter sowie dem väterlichen Wappen.Leopold von Zedlitz-Neukirch: Neues preussisches Adelslexicon. Band 1, Gebrüder Reichenbach, Leipzig 1836, S. 222 (Digitalisat) und Band 5, Leipzig 1842, S. 37 (Digitalisat).Leopold von Ledebur: Adelslexicon der Preußischen Monarchie. Band 1: A–K, Berlin 1855, S. 57 f. (Digitalisat).
Johann Wilhelms Sohn Leopold Christoph (1791–1879), später Oberstleutnant, führte ab 1813 das „von“ im Namen. Dessen Enkel Leopold von Bessel erreichte 1912 eine preußische Adelsanerkennung rückwirkend für alle Nachkommen von Leopold Christoph von Bessel.
Nach einer Untersuchung des Archivdirektors Leonhardt kann der Adelsbrief von 1494, auf dem der angebliche Adel basiert, nicht als echt gelten, er hält ihn für eine „vorbedachte Fälschung“. Leopold von Bessel kennzeichnet die Familie als „adelig geltend“,Leopold von Bessel nahm den 1494 beginnenden Stammbaum in sein Werk von 1913 auf; nachdem er von Leonhardts Ergebnissen Kenntnis hatte, ließ er den Stammbaum von 1937 mit Engelbert Bessel beginnen. Herbert von Schnehen schreibt: „Die Bessel waren Bürger, nicht adelig, doch ziemlich angesehen.“