Der Jüngling ist ein Lehrgedicht von Konrad von Haslau, das 1.264 Verse umfasst und vermutlich um 1270/80 in Niederösterreich entstanden ist. Bei dem Lehrgedicht handelt es sich um eine spätmittelalterliche moralisierend-reflektierende Erziehungs- und Lebenslehre für die kleinadelige Jugend.

Autor „Der Jüngling“ ist anonym überliefert, dennoch wird in der Forschung mit großer Sicherheit davon ausgegangen, dass Konrad von Haslau der Autor ist. Diese Annahme stützt sich auf die Tatsache, dass der Dichter Seifried Helbling  in seinem Werk eine Dichtung mit Hinweis auf die Pfennigbuße erwähnt und als Autor dieser Dichtung Konrad von Haslau angibt. Da im „Jüngling“ die Pfennigbuße ein Grundmotiv darstellt, kann davon ausgegangen werden, dass Konrad von Haslau der Dichter des „Jüngling“ ist.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 194 f.

„Der Jüngling“ wird von der Forschung auf die späten 1270er oder die 1280er datiert. Anhaltspunkte dafür sind zum einen die Dichtung des Seifried Helbling, die sich auf 1292/93 festlegen lässt. Seifried Helbling spricht darin von einer länger zurückliegenden Vergangenheit, Konrad von Haslau muss also davor sein Werk verfasst haben. Zum anderen bieten die verhältnismäßig reinen Reime und die freie Metrik einen weiteren Anhaltspunkt für die Datierung.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 195. Und Vgl. Mike Malm: ‚Konrad von Haslau‘. 2013, Sp. 684.

Der Namenszusatz „von Haslau“ ist nicht eindeutig geklärt. Es könnte sein, dass es sich dabei um eine Ortsangabe handelt. Da Seifried Helbling aus Niederösterreich stammt und Konrad von Haslau als seinen Landsmann bezeichnet, ist anzunehmen, dass Konrad von Haslau auch Niederösterreicher war. Dann weist die Ortsangabe „von Haslau“ am ehesten auf den Ort Haslau an der Leitha in Niederösterreich. Es ist aber auch möglich, dass Konrad von Haslau im Dienst der adeligen Familie von Haslau gestanden hat. Konrads von Haslau Sprache, die reich an volkstümlichen Redensarten und österreichischen Dialektwörtern ist, zeigt jedenfalls deutlich, dass er Österreicher war.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 195.

Es kann davon ausgegangen werden, dass Konrad von Haslau ein fahrender Literat war, der sich in adeligen Häusern als Erzieher sein Brot verdiente.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 195. Aus seinem Werk kann man außerdem schließen, dass Konrad von Haslau die Erziehung und Vermittlung der neuen, späthöfischen Werte ein persönliches Anliegen war. In seiner Dichtung präsentiert er sich als zeitkritischer Geist, der seine Anstands- und Lebenslehre sehr engagiert verbreitet und weitergegeben hat.Vgl. Wernfried Hofmeister: "Der Jüngling" Konrads von Haslau. 1984, S. 13.

Überlieferung mini|237x237px|Universitätsbibliothek Heidelberg, cpg 341, fol. 123r

Der Text ist anonym in drei Handschriften überliefert, aber nur in zwei Handschriften ist er vollständig erhalten.

Vollständig erhalten ist er in H: Heidelberg cpg 341, 123ra-131ra und K: Genf-Cologny, Bibl. Bodmeriana, cod. Bodmer 72 (Kaloczaer Codex) 126rb-134ra. In der dritten Handschrift L: Leipzig, UB, Ms. 946, 64v-65v ist ein Auszug von den Versen 295–448 enthalten.

Während H den Jüngling als drei selbstständige Gedichte unter drei verschiedenen Titeln überliefert, fügt K ihn richtig zu einem Stück zusammen.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 194.

Bei der Handschrift H: Cod. Pal. germ. (cpg) 341 handelt es sich um eine Sammelhandschrift mit Reimpaardichtungen aus dem Raum Nordwestböhmen / Oberfranken / südliches Vogtland, die im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts entstanden ist.

Auf der Seite 123r der Handschrift der Universitätsbibliothek Heidelberg ist der Beginn der Dichtung zu sehen. Die Dichtung beginnt mit einer versifizierten Überschrift, die mit roter Tinte geschrieben ist.Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 341 Sammelhandschrift mit Reimpaardichtungen —, S. 123r, auf digi.ub.uni-heidelberg.de Diese Überschrift stellt eine Besonderheit dar, da sie der Dichtung einen Titel gibt, was für mittelalterliche Werke selten bezeugt ist. Sie beginnt mit den Worten: „Dieses Büchlein heißt der Jüngling“. Auf der Abbildung kann man auch erkennen, dass die Pergament-Seite ein kleines Loch hat, um das herumgeschrieben wurde; es muss also schon vor der Beschreibung der Seiten da gewesen sein. Insgesamt handelt es sich bei dieser Handschrift um eine sehr schöne und repräsentative Überlieferung.

Text „Der Jüngling“ ist ein Lehrgedicht und war für die adelige Jugend bestimmt. Der Text umfasst 1.264 Reimpaarverse und ist in strophenähnliche Abschnitte unterteilt, die jeweils erzieherische Lehren für junge Adelige enthalten. Dabei handelt es sich stets um Belehrungen, Mahnungen oder Aufforderungen mit einem Hinweis auf den vom Autor gewünschten Soll-Zustand.Vgl. Wernfried Hofmeister: "Der Jüngling" Konrads von Haslau. 1984, S. 3 f. Jeder dieser Abschnitte schließt mit einer manchmal leicht abgewandelten Formel, in der für einen Verstoß gegen die dargelegten Verhaltensregeln von dem Jüngling ein Pfennig verlangt wird. Diese Strafe wird aber je nach Schwere des Vergehens variiert, neben dem Pfennig gibt es noch einen Schilling, eine Mark, ein Pfund, und bei besonders schwerem Vergehen wird die Bußannahme sogar verweigert. Einmal wird von der Strafe abgesehen und dem Lehrmeister als dem eigentlichen Schuldigen eine Buße von 24 Pfennig abverlangt. Am Inhalt der Lehren erkennt man den kulturellen Wandel der Epoche: Die sittlichen Normen der höfischen Zeit sind verblasst, Minnedienst, ritterliche Waffenübung und der erzieherische Wert höfischer Literatur spielen keine Rolle mehr.Vgl. Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Konrad von Haslau‘. 1985, Sp. 197. Es sind neue Werte der späthöfischen Zeit, die verhandelt werden. Konrad von Haslau thematisiert unter anderem Verhaltensregeln, gutes Benehmen bei Tisch und beim Reiten, Sorgfalt in Kleidung und Pflege der äußeren Erscheinung und Warnung vor Trunk und Würfelspiel. Des Weiteren stellt er moralische Forderungen nach Wahrheit und Aufrichtigkeit, Maßhalten und Einsicht auch beim rechten Gebrauch des Reichtums. Außerdem formuliert er Ratschläge für Erzieher, die die Kinder weder zu hart noch zu nachsichtig behandeln sollen.

Inhaltliche Zusammenfassung V. 1–34Einleitung mit allgemeinen Gedanken zur „zuht“ und deren Aufgaben einst und jetztV. 35–54Allgemeiner Tadel wegen UnbelehrbarkeitV. 55–100Über schlechte Haltung, Pflege des Äußeren, schlampige BekleidungV. 101–110Über Zuchtmangel, Mahnung an Möglichkeit durch Nachahmung guter Vorbilder zu lernenV. 111–124Rückenzuwenden, Klobigkeit getadeltV. 125–138Verurteilung des Vordrängens irgendeines UntergebenenV. 139–162schelmisch-übermütiges Benehmen an der Tafel oder am Herrenhof angeprangertV. 163–176Aufforderung, nicht den Herren den Weg zu verstellen und Widerrede zu führenV. 177–202Gegen SchmeichlerV. 203–226Ideales Herrenverhalten durch beispielhafte Rollenannahme des Autors vorgeführtV. 227–268Vergleich der Erziehung mit Falkenzucht. Vogelgleichnis zwischen „mûsar“ und „pilgrîmvalken“ auf verderbte bzw. vorbildliche Jugendliche übertragenV. 269–294Allgemein über Schaden wegen übler Kinderstube, die zu Untugenden wie häufigem Wirtshausbesuch und Würfelspiel führeV. 295–514Vehemente Stellungnahme gegen Spielleidenschaft, schlimme Folgen vor Augen gehaltenV. 515–676Tischunsitten lebensnah beschriebenV. 677–740Über närrische Bekleidung, unschickliches Auftreten vor DamenV. 741–808Erzählung von einem „wîsen manne“ und seinem Sohn, Klage über die LügeV. 809–830Über das Alter der BestrafbarenV. 831–928Rätsel von den schädlichen Kindern Keyes mit der Lösung, dass es sich dabei um hinterhältige Hofdiener handleV. 929–966Rechtes Verhalten in der Kirche gepredigtV. 967–1002Über Unbelehrbarkeit und ausgelassen-bäurisches Benehmen der JünglingeV. 1003–1042Positives Beispiel der Tugendhaftigkeit geschildert, kontrastiert mit missratenen MenschenV. 1043–1068„wîse“ als Ratgeber der Herrschenden, Verknüpfung von Besitz und Ehre verlangtV. 1069–1082Persönliche Bitte an Gott um rechtes Maß an Besitz, damit Seelenheil nicht gefährdet werdeV. 1083–1096Tadel an schlechter Vermögensverwaltung der Herren und Beschenkung UnwürdigerV. 1097–1228Drei Arten der Kindererziehung beschrieben, Zurechtweisung des ungeschickten ZuchtmeistersV. 1229–1264Über den richtigen, schicklichen Umgang mit PferdenVgl. Wernfried Hofmeister: "Der Jüngling" Konrads von Haslau. 1984, S. 2 f.

Textprobe Konrad von Haslau beschreibt gegen Ende seiner Dichtung, dass er drei Arten der Kindererziehung kennt, die das Kind verderben. Als erstes warnt er davor, das Kind zu sehr zu verzärteln, dann beschreibt er die Erziehung eines Kindes, das in bitterer Armut aufwächst, und als letztes widmet er sich dem Kind, das zu viel geschlagen wird. Konrad von Haslau wendet sich dann direkt an die Erzieher und mahnt sie, dem Kind nicht unnötige, brutale Gewalt anzutun. Die nachfolgende Textstelle beinhaltet die Zurechtweisung des Zuchtmeisters. Von dem dritten tun ich kunt,

daz man vil sleht ze aller stunt,

so ez sin niht verdinet hat,

und so ez ein unzuht begat,

des let man ez gar genozzen.

welch maitzoge ist so bedrozzen,

daz er sin selbes zorn richet

und sich mit scheltworten versprichet,

der hat sin zuht da mit verlorn

und wer vil bezzer verborn.

daz kint gehoret zu dem rise

und zuhtiger rede, di doch wise.

daz furcht ez sere und lemt ez niht.

unmezige zuht ist gar einwiht

(V. 1183–1196)

[…]

wer sunet, so ez were zornes wert,

und sleht, so man genaden gert,

der hat niht guter tugende kunde,

wan er ubet schande und sunde.

dem kinde wil ich den pfennink borgen;

sin zuhtmeister sol mir besorgen

vier und zweinzik pfenninge

oder zwen schillinge.Zitiert nach Walter Tauber (Hrsg.): Konrad von Haslau: Der Jüngling. 2016, S. 50.

(V. 1221–1228)Von dem Dritten tue ich kund,

dass man es viel schlägt zu jeder Stunde,

wenn es das nicht verdient hat,

und wenn es etwas falsch macht,

lässt man es gänzlich ungestraft.

Welcher Erzieher sich so danebenbenimmt,

dass er sich von seinem eigenen Zorn lenken lässt

und mit Scheltworten schlecht spricht,

der hat seinen Anstand (seine Zucht) damit verloren

und wäre viel besser verborgen.

Das Kind braucht die Zuchtrute,

und züchtigende Sprache, die aber auch weise (sein muss.)

Die fürchtet es sehr, aber sie lähmt es nicht.

Maßlose Zucht ist ganz unangebracht

Wer nachsichtig ist, wo es des Zornes würdig wäre,

und schlägt, wo man um Gnade bittet,

der kennt gute Tugend nicht,

denn er begeht Schande und Sühne.

Dem Kind will ich den Pfennig erlassen;

sein Zuchtmeister soll mir

vierundzwanzig Pfennige

oder zwei Schilling besorgen.

Interpretation Die ausgewählte Textstelle zeigt beispielhaft, dass Konrad von Haslau nicht nur stur seine Lehren weitergeben wollte, sondern durchaus Verständnis und Mitgefühl für die Kinder besaß. Unnötige, brutale Gewalt an Kindern sah er als Fehltritt des Zuchtmeisters, den er dafür auch tadelte. Statt dem Kind musste in diesem Fall der Zuchtmeister die Buße zahlen. Man kann also davon ausgehen, dass Konrad von Haslau mit Herz und Verstand seine Lehren weitergeben wollte und dass ihm viel daran lag mit seinen Lehren die Erziehung zu verbessern. Darauf aufbauend hat Simone Buhr in ihrer Diplomarbeit gezeigt, dass Konrad von Haslau nicht nur dem Kind gegenüber kritisch war, sondern auch die Erziehungsfehler der Eltern und Erzieher erkannte und tadelte.Vgl. Simone Buhr: „Dichtung macht Schule“. Darstellungen des Schulalltags in ausgewählten deutschsprachigen Texten des Mittelalters. 2010, S. 53.

Konrad von Haslau hat also nicht nur ein Lehrgedicht für die kleinadelige Jugend verfasst, er hat darin auch einen meta-didaktischen Abschnitt eingebaut, in dem er die Lehrmeister belehrt und dazu Stellung nimmt, wie richtige Pädagogik auszusehen hat.