hochkant|mini|alt=buntes Glasfenster in einer Kirche, auf dem Napoleon als Heiliger dargestellt ist|St. Napoleon, Glasfenster der Kirche von Vichy Napoleon oder Napoleo von Alexandria ist ein fiktiver christlicher Märtyrer, der in Alexandria zur Zeit der Kaiser Diokletian und Maximian (also nach 303) gestorben sein soll. Er wurde in der römisch-katholischen Kirche zeitweilig als Heiliger verehrt. Beim Kult des Napoleo(n) handelt es sich um eine erfundene Tradition.Vgl. Vincent Petit: Saint Napoléon, un saint pour la nation. Contribution à l’imaginaire politique français, 2015, S. 78: […] l’inscription de cette fête dans le calendrier religieux et la création ex nihilo de l’office liturgique idoine est un élément du dispositif concordataire, mais aussi une marque du caractère sacral du nouveau régime fondé le 2 décembre 1804. Vgl. Sudhir Hazareesingh: Saint-Napoleon - Celebrations of Sovereignty in Nineteenth-Century France. Harvard University Press, Cambridge/London 2004, S. 4: […] this «patron saint of warriors», as Saint-Napoleon became known, was almost certainly invented for this cause.
Entstehung und Entwicklung des Napoleonfestes Napoleon Bonaparte erhielt seinen Vornamen nach einem verstorbenen Verwandten. Dieser Vorname, dessen Herkunft und Bedeutung unbekannt sind, kam in verschiedenen Schreibweisen vor.Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 368. Zur Verbreitung dieses Vornamens in verschiedenen Regionen Italiens während des Mittelalters vgl. Paul Aebischer: Les origines du nom de „Napoléon“. In: Annali della R. Scuola Normale Superiore di Pisa. Lettere, Storia e Filosofia Serie II, Band 3, Nr. 2 (1934), S. 259–270.
In deutlicher Distanzierung von der antikirchlichen Politik der Französischen Revolution inszenierte sich Napoleon ab 1804 als christlicher Herrscher. Er ließ sich als „Retter“ bezeichnen und mit positiven Attributen versehen. So „bot er sich der post-revolutionären französischen Gesellschaft als Integrationsfigur in einem zutiefst paternalistischen Sinn an.“Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 366. Im Zusammenhang mit der Wiedereinführung des gregorianischen Kalenders (22. Fructidor XIII / 9. September 1805) begannen erste Bestrebungen im französischen Klerus, einen heiligen Napoleon zu verehren. So beantragten die Kanoniker von Sainte-Croix in Nizza im Oktober 1805, einen Altar zu Ehren Napoleons zu weihen.Vincent Petit: Saint Napoléon, un saint pour la nation. Contribution à l’imaginaire politique français, 2015, S. 68.
Der Festtag Mariä Himmelfahrt (15. August) war Napoleons Geburtstag und wurde (unzutreffend) als Tag des Konkordats von 1801 bezeichnet. Am 19. Februar 1806 erließ Napoleon ein Dekret, dass künftig am 15. August ein Fest des heiligen Napoleon zu feiern sei, bei dem auch der Wiederherstellung der katholischen Religion gedacht werden solle. In katholischen Kirchengemeinden war dies mit Prozession und Te Deum zu begehen, in evangelisch-reformierten Kirchengemeinden mit einem Te Deum. Die Feier des Kaisergeburtstags war ein Element des napoleonischen Staatskults, mit dem sich der Herrscher sowohl von der Zeit der Republik mit ihren Festen als auch der Festkultur des Ancien Régime distanzierte und neue, integrierende Rituale schuf. Teilnahme und angemessene Festfreude waren für die ganze Bevölkerung verpflichtend. Die Verquickung eines staatlichen Feiertags mit einem hohen kirchlichen Fest ergab sich durch das Datum 15. August und „sicherte dem Kaiser die Präsenz und die Ansprechbarkeit auch derjenigen, die ihm eher mit Distanz gegenüberstanden.“Volker Sellin: Der napoleonische Staatskult. In: Guido Braun, Gabriele B. Clemens, Lutz Klinkhammer und Alexander Koller (Hrsg.): Napoleonische Expansionspolitik: Okkupation oder Integration? De Gruyter, Berlin/Boston 2013, S. 138–159, hier S. 149. Michael Broers meint sogar, dass Napoleons Geburtstag an diesem Datum bei den Überlegungen zur Schaffung des Napoleontags von nachrangiger Bedeutung gewesen sei und man einfach einen hohen kirchlichen Feiertag im Sommer gebraucht habe. Festivitäten im öffentlichen Raum galten als unverzichtbar, um die Bevölkerung im Sinne der Regierung zu beeinflussen, und der Fronleichnamstag war stark mit dem Ancien Régime verbunden gewesen. Der Zugriff auf Ostern schien zu riskant.Michael Broers: The Politics of Religion in Napoleonic Italy: The War Against God, 1801–1814. Routledge, London 2002, S. 82.
Seitens der römisch-katholischen Kirche wurde das Napoleonfest durch das Dekret des Kardinallegaten Giovanni Battista Caprara Eximium catholicae religionis am 1. März 1806 eingeführt.Que le 15 août de chaque année, jour consacré à la solennité de l’Assomption de la Très Sainte Vierge et époque du Concordat, soit aussi à perpétuité, dans l’Empire français, la fête de saint Napoléon dont Sa Majesté porte le nom, et l’anniversaire du rétablissement du culte catholique en France, hier zitiert nach: Vincent Petit: Saint Napoléon, un saint pour la nation. Contribution à l’imaginaire politique français, 2015, S. 71. Nun galt es, den passenden kirchlichen Heiligen zu finden, dessen Namen der Kaiser ja angeblich trug. Das erwies sich zunächst als schwierig. Am 21. April schrieb Kardinal Caprara an den Kultusminister Jean-Étienne-Marie Portalis, viele Bischöfe hätten ihn gebeten, Informationen über den heiligen Napoleon zu erhalten. Darum werde er sich nun kümmern. Der Bischof von Nancy berichtete am 26. April, dass sich in seiner Diözese trotz aller Bemühungen nichts zu einem Heiligen Napoleon finden ließ; die Bollandisten schwiegen. Der Bischof von Tournai regte an, es habe vielleicht einen heiligen Bischof Napoleon gegeben. Im Martyrologium fand sich schließlich unter dem 2. Mai eine Gruppe heiliger Märtyrer: Saturninus, Neopolus, Germanus und Coelestinus. Kardinal Caprara war überzeugt, dass Neopolus der gesuchte Heilige sei, und ließ in der Biblioteca Ambrosiana zu Mailand, wo er selbst Erzbischof war, entsprechende Recherchen durchführen.Vincent Petit: Saint Napoléon, un saint pour la nation. Contribution à l’imaginaire politique français, 2015, S. 75 f.
Im gleichen Jahr erschien der Tag des Heiligen Napoleon im offiziellen Staatskalender (Almanach Impérial). Napoleon meinte mit diesem Heiligen kaum verhüllt sich selbst; die Kurie entwickelte aber die Legende eines spätantiken Märtyrers, nach dem der Kaiser benannt worden sei.Vgl. Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 368 f: Napoleon selbst strebte diese Historisierung nicht ernsthaft an, sondern propagierte statt der Heiligkeit irgendeines Märtyrers seine eigene … Die Kurie dagegen strickte an der Legende eines spätantiken Heiligen, dabei wohl wissend, dass dieser erfunden war und dass der eigentliche Kult nicht einem „Napoleo“, sondern eben dem Kaiser der Franzosen … zu gelten hatte. Kardinallegat Caprara machte einige Angaben zur Vita dieses Heiligen. Ein antiker Märtyrer Neopolis, Neopolus (oder ähnlich) sei im Mittelalter in Italien als Napoleo verehrt worden, später sei dann die Schreibweise Napoleon allgemein üblich geworden.Vgl. das Beistück zur Instructio Capraras im Erzbischöflichen Diözesanarchiv Köln (HAEK, Bistum Aachen, 4): Ex his, quibus carcer pro statio fuit, Martyrologia, et veteres Scriptores commendant Neopolim, seu Neopolum, qui, ex more profendi nomina, medio ævo, in Italiâ invalescente, et ex recepto loquendi usu, NAPOLEO dictus fuit, atque italicè NAPOLEONE communiter nuncupatur. Hier zitiert nach: Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 368 f., Anm. 93. Capraras auf den 21. Mai 1806 datierte Instruktion sah vor, an die Messe anlässlich Mariä Himmelfahrt eine Oration auf den heiligen Napoleon anzuschließen.PRÆSTA, quæsumus, omnipotens Deus, ut, intercedente S. Napoleone Martyre tuo, et à cuncti adversitatibus liberemur in corpore, et à pravis cogitationibus mundemur in mente. Per Dominum, etc. Vgl. Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 369, Anm. 94.
Welches Echo das Napoleonfest in der Bevölkerung fand, geht aus den Quellen nicht hervor. Stephan Laux vermutet, dass dieses Fest nur von Gruppen und Einzelpersonen besonders geschätzt wurde, darunter Geistlichen, die sich als besonders kaisertreu darstellen wollten.Stephan Laux: Das Patrozinium «Saint Napoléon» in Neersen. Ein Beitrag zur Rezeption der napoleonischen Propaganda im Rheinland, Bielefeld 2004, S. 370. Der Aufwand, der für dieses Fest getrieben wurde, blieb zu Napoleons Lebzeiten bescheiden. Von ihm selbst ist bekannt, dass das Fest Saint-Napoléon ihm wichtig war und er 1809 inkognito in Vienne daran teilnahm. Besonders im napoleonischen Italien wurde der Kaiser in Reden lokaler Honoratioren als Engel in Menschengestalt, den der Himmel gesandt habe, gefeiert.Sudhir Hazareesingh: Saint-Napoleon - Celebrations of Sovereignty in Nineteenth-Century France. Harvard University Press, Cambridge/London 2004, S. 4, mit Verweis auf Michael Broers: The Politics of Religion in Napoleonic Italy: The War Against God, 1801–1814. Routledge, London 2002. In der italienischen Stadt Marino wurde andererseits 1812 am 15. August das Fest Mariä Himmelfahrt prächtig begangen und der Napoleontag ignoriert. Stadtrat und Klerus zahlten dafür einen hohen Preis: alle wurden verhaftet, und sämtliche Kirchen blieben wochenlang geschlossen.Michael Broers: The Politics of Religion in Napoleonic Italy: The War Against God, 1801–1814. Routledge, London 2002, S. 83. mini|Der 15. August 1867 auf dem Place du Trocadéro (Paris)