Der Vergleich der Stilgeschichte der Gotik in Frankreich und Deutschland ist durch sprachliche Ungenauigkeit bei der Benennung der Stilphasen belastet.
Phasen der Gotik in Frankreich
Gothique primitif mini|hochkant|links|Noyon, Kathedrale, Chor: Umgangsarkade, Empore, Blendtriforium, Obergaden mini|hochkant|Chor der Kathedrale von Noyon, 1157–1221: runder Chorschluss, rundes Emporengeschoss, runde Kapellen Die erste Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique primitif bezeichnet.Dominique Vermand: Portal Eglises de l'oise, Artikel Noyon, cathédrale Notre-Dame, Chronologie eingezeichnet in die in fast allen Artikeln verwendete Zeitleiste Georg Dehio übersetzte das mit „erste Gotik“, und auch in französischen Fachartikeln findet sich zuweilen die Bezeichnung «premier Gothique». Da das Adjektiv primitif neben „primitiv“ im deutschen Sinne mindestens gleichgewichtig die Bedeutung „ursprünglich“ hat, wäre auch eine Übersetzung mit „Frühgotik“ oder „Ursprungsgotik“ treffend. Typisch für den Gothique primitif sind: Emporenbasiliken Runde Arkadensäulen mit korinthischen Kapitellen. Die Dienste beginnen erst auf deren Deckplatten. Anmerkung: In der vorangegangenen romanischen Architektur gibt es in den Arkaden beiderseits des Mittelschiffs und um den Binnenchor sowohl Pfeiler mit Vorlagen (Diensten), als auch einfach runde Säulen. spitzbogige Kreuzrippengewölbe, über den Seitenschiffen vierfeldrig, über den Mittelschiffen oft als sechsfeldrige Doppeljoche, gleichsam als Reminiszenz des gebundenen Systems. Überkommenes: Hinsichtlich der Bögen von Fenstern und Portalen weisen mehrere Bauten des Gothique primitif noch einen Übergangsstil auf, das heißt, längst nicht alle Wandöffnungen sind spitzbogig. Kurz vor und gleichzeitig mit den ersten gotischen Bauten wurden in romanischem Kontext erste gegliederte Rundfenster (Rosen- bzw. Radfenster und Vielpässe) geschaffen, diese Formen in der Frühgotik und sogar im Maßwerk der Hochgotik weiterverwendet. Entwicklung: Die Hochchor- und Hochschiffswände der Kathedrale von Sens sind dreizonig: Arkade, fensterloses Triforium, Obergaden. Danach sind die Wandaufrisse der Mittelschiffe von Basiliken vierzonig: Arkade, Empore, (Blend-)Triforium, Obergaden. Bei mehreren Kirchen werden nachträglich die Triforien zugunsten einer Vergrößerung der Obergaden entfernt.
Gothique classique mini|hochkant|links|Kathedrale von Chartres, Umgangschor: maßwerklos-frühgotische Fenster mini|hochkant|Kathedrale von Reims, ab 1211: Triforium ohne Fenster mini|links|Schiff der Kathedrale von Chartres: Obergaden mit Plattenmaßwerk mini|Reims, Kathedrale, Chorkapellen: das erste echte Maßwerk, vor 1220 mini|links|Abteikirche Orbays: runder Chorschluss, Fensterpaare unter Rosen Die zweite Phase der Gotik in Frankreich wird Gothique classique genannt, klassische Gotik. Der französische Kunsthistoriker und ranghohe Denkmalpfleger Alain Erlande-Brandenburg charakterisierte sie als «gothique maîtrisée» – „gemeisterte Gotik“.(*) Man könnte das auch mit – „gereifte Gotik“ oder – „reife Gotik“ übersetzen. Als ihr Ausgangsbau gilt die Kathedrale von Chartres, abgesehen von der (älteren) Westfassade ab 1195 errichtet. Ausdruck dieser Stilphase sind: Über den Seitenschiffen von Basiliken werden keine Emporen mehr angelegt. Zur Regel werden Basiliken mit Triforium in Form zum Mittelschiff geöffneter Zwerggalerien gebaut. Binnenchor, Chorumgang und Kapellen schließen in Chartres außer am Boden polygonal, in der Abteikirche Orbais allerdings bis in Triforium und Obergaden rund. Die Vorlagen (Dienste) für Gurt- und Arkadenbögen beginnen an den Basen der Arkadenpfeiler, so dass die Mittelschiffe von durchgehenden Senkrechten geprägt sind. Die Kreuzrippengewölbe sind auch über Mittelschiffen und Binnenchören vierfeldrig. Entwicklung: Zwischen 1215 und 1220 beginnt mit den Chorkapellen der Kathedrale von Reims die Verwendung ausgereiften Maßwerks, vollständig aus profilierten Streben und mit verglasten Zwickeln. Nach französischer Definition beginnt damit keine neue Stilphase. Daher werden die ersten Bauten mit ausgereiftem Maßwerk auch noch dem Gothique classique zugerechnet: die Kathedrale von Reims die westlichen Teile der Kathedrale von Amiens (dort vor dem Chor errichtet) Inzwischen wurde auch in der Normandie gotisch gebaut, aktuelle Formen aus der Île-de-France verbanden sich mit regionalen Besonderheiten. Interessant für den Vergleich mit Deutschland, insbesondere dem Magdeburger Dom, ist der 1220–1228 errichtete Chorumgang der Kathedrale von Bayeux, in dem die Strebepfeiler in die Wand integriert wurden. Während sie hinsichtlich der Fenster noch der Frühgotik angehört, hat der ab 1220 errichtete Chor der Kathedrale von Rouen als Obergaden schon hochgotische Maßwerkfenster.
Gothique rayonnant mini|hochkant|links|Saint-Denis: Obergaden und Triforium des Gothique rayonnant über dem Chorumgang des Gothique primitif mini|hochkant|Kathedrale von Amiens: Chor (1236–1247, links) und Querhaus Gothique rayonnant, Schiff (1220–1236, rechts) noch Gothique classic Als Initialbau der dritten Phase der Gotik in Frankreich, des Gothique rayonnant, der strahlenden Gotik, gilt gemeinhin der Chor der Kathedrale von Amiens, errichtet ab 1236, die entscheidenden befensterten Triforien aber wohl erst ab 1258. Vorher erschien diese Neuerung schon beim hochgotischen Umbau der Abteikirche von Saint-Denis ab 1231, davon der Chor bis 1245. Der Gothique rayonnant zeichnet sich durch Vergrößerung der Fensterflächen aus. Die Triforien bekommen Außenfenster oder werden den Obergaden zugeschlagen. Internationale Bedeutung: Nach dem Muster der Kathedrale von Amiens wurde ab 1248 der Kölner Dom errichtet.
Gothique flamboyant mini|hochkant|links|Kathedrale von Senlis (Chor ab 1151): Südrose flamboyant, ab 1520 mini|hochkant|Sainte-Chapelle in Riom,1395/96–1403 Die vierte Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique flamboyant – „flammende Gotik“ bezeichnet. Als Initialbau wird die 1388 als Schlosskapelle errichtete Sainte-Chapelle in Riom genannt. Kennzeichen ist die kreative Ausweitung des Formenspektrums. Weniger im allgemeinen Bewusstsein, aber auch typisch, sind um eigentlich rechteckige Fenster und Tore geschlungene Kielbögen Hallenkirchen gibt es auch in Frankreich in großer Zahl, aber die meisten sind Dorf- und andere Pfarrkirchen niederen Ranges. Viele sind über die Jahrhunderte zusammengestückelt, nur wenige so einheitlich und in so kurzer Zeit errichtet wie die Kirche St-GeorgesDominique Vermand: Églises de l'Oise – Chevrières, église Saint-Georges Gallica: Emile Coët, Notice historique et statistique sur les communes de l’arrondissement de Compiègne, Compiègne, 1883. Google Books: Louis Graves, Précis statistique sur le canton d'Estrées-Saint-Denis, arrondissement de Clermont (Oise), Beauvais, Achille Desjardins, 1832 in Chevrières, Département Oise, 1530–1545
Phasen der Gotik in Deutschland und im übrigen Mitteleuropa In Deutschland wird die Gotik in Frühgotik, Hochgotik und Spätgotik unterteilt.
Gemessen an den Stilmerkmalen, gibt es starke zeitliche Überlappungen: Der Limburger Dom wurde seit den 1180er Jahren gotisch umgebaut (s. u.). Während mancherorts schon um 1240 hochgotische Maßwerke geschaffen wurden, baute man an den Münsteraner und Osnabrücker Domen noch Mitte des 13. Jahrhunderts im Wesentlichen in romanischen Formen. In manchen Gegenden setzte sich die Verwendung von Maßwerk erst im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts zögerlich durch, sodass die Hochgotik dort erst gegen 1300 anfing.
Frühgotik Frühgotik ist nach international belastbaren Kriterien Gotik ohne Maßwerk,Günther Binding: Maßwerk. 1989, ISBN 3-534-01582-7, S. 43. nach manchen Publikationen allerdings Gotik vor dem Kölner Dom.Wilfried Koch, Baustilkunde, und Günther Binding, Architektonische Formenlehre, ordnen sämtliche Bauten in Deutschland, die sich (teilweise eng) an Gothique primitif und Anfängen des Gothique classic orientieren unter „staufisch“ (Koch: 114–1250) bzw. „spätstaufisch“ (Binding: 1220–1250) und lassen die Frühgotik in Deutschland 1235 beginnen, also mit der Marburger Elisabethkirche. Die Zahl der frühgotischen Bauten in Deutschland hängt davon ab, ob man Georg Dehios Vorliebe für die „deutsche Spätromanik“ folgt, oder alle ab 1140 bzw. in Deutschland ab 1180 überwiegend mit Spitzbögen ausgestatteten Bauten als gotisch versteht. Von den als romano-gotisch bezeichneten Bauten in den Niederlanden und dem westlichen Niedersachsen sind bei näherer Betrachtung einige tatsächlich in dem Sinne romano-gotisch, dass an ihnen in derselben Bauphase romanische und gotische Formen verwendet wurden, andere weisen eine romanische und eine gotische Bauphase auf. Ausgehend von Westfalen, verwendete man in Norddeutschland lange Zeit statt der Gewölbe der „Pariser“ Gotik gerne die Mitte des 12. Jahrhunderts aufgekommenen gebusten Rippengewölbe der angevinischen Gotik Westfrankreichs. Sie erzeugen weniger Seitenschub und ermöglichten oft den Verzicht auf äußeres Strebewerk.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. Lukas Verlag, 2014, ISBN 978-3-86732-131-0, S. 71–127. Während andernorts schon hochgotisches Maßwerk aufkam bevorzugte man wenigstens in Norddeutschland im ländlichen und kleinstädtischen Bereich stattdessen Gruppen schmaler Lanzettfenster.
Charakterisierung einiger Bauten: mini|hochkant|St. Gereon (Köln), Dekagon 1219–1227, Chorhaupt der französischen Frühgotik zum Oval geschlossen. Der Limburger Dom, ab kurz nach 1180, ist eine Emporenbasilika mit rundem Chorschluss, entsprechend dem Gothique primitif, aber die Vorlagen/Dienste der Pfeiler reichen herab bis zu den Sockeln. Im Magdeburger Dom ist der 1207 oder 1209 begonnene Chor eine Emporenbasilika, Chorumgang, Kapellen und Chorempore ähneln denen der Kathedrale von Noyon, aber oberhalb der Sohlbänke der Kapellen wurde das aufragende Mauerwerk mit polygonalen Grundrissen hochgezogen,Birthe Rogacki-Thiemann: Der Magdeburger Dom – Baugeschichte von 1207 bis 1567. (= Berliner Beiträge zur Bauforschung und Denkmalpflege. Nr. 6). 2007, ISBN 978-3-86568-263-5. entsprechend dem Gothique classique. Auch reichen alle Gewölbedienste bis zu den Pfeilersockeln. Mehrere der von der Bauforschung anhand nicht fortgesetzter Bauansätze erschlossenen Planänderungen schließen an aktuelle Entwicklungen der französischen Gotik an. Schon die Chorobergaden des Magdeburger Doms sind hochgotisch. (s. u.) Am Dekagon von St. Gereon Köln, 1219–1227, passen die Rundbogenfenster des Emporengeschosses zu den romanischen Reminiszenzen in einigen Bauten des französischen Gothique primitiv, ebenso die Fächerfenster der unteren Obergaden zu den ursprünglichen Rundfenstern der Chorempore von Notre-Dame de Paris. Andererseits ist die Polygonalität ein Zeichen des Gothique classique. Die Abteikirche Marienstatt, begonnen zwischen 1222 und 1245, entspricht einerseits mit runden Kapellenschlüssen und einfach runden Arkadensäulen dem Gothique primitiv, andererseits mit polygonalem Binnenchor und angedeuteten unbelichteten Triforien dem Gothique classique. Der gotische Umbau des Bremer Doms begann um 1224. Die Fenster der südlichen Obergaden (ohne Maßwerk) und des Chors (Vormaßwerk) charakterisieren ihn als frühgotisch. Alle Pfeiler haben Dienste bis zu den Sockeln hinab, hier jedoch nachträglich an quadratische Kerne der romanischen Arkade angefügt. Da er keinerlei Triforium hat und der Chor rechteckig schließt, fehlen wichtige Kriterien einer Zuordnung zu Gothique primitiv gegenüber classique. In der Klosterkirche Sonnenkamp in Neukloster (Mecklenburg) ist Sockelzone 1219 bis etwa 1235 romanisch, die Fensterzone der Ostteille, bis 1243 (d), und die Obergaden des Langhauses, bis 1250 (d), sind gotisch. Das sind mit die frühesten exakten Datierungen gotischer Backsteinbauten. Gleich früh sind Chor (1242) und Hallenschiff (ca. 1250) der Johanneskirche in Rerik datiert.