Hermeneumata ( „Übersetzungen“) ist eine Bezeichnung für antike griechisch-lateinische Unterrichtswerke. Sie dienten dazu, elementare Kenntnisse der jeweils anderen Sprache zu vermitteln. Aufgrund eines Missverständnisses aus dem 17. Jahrhundert werden sie auch als Hermeneumata Pseudo-Dositheana bezeichnet. In einigen mittelalterlichen Handschriften folgen sie nämlich auf die ebenfalls zweisprachige ars grammatica des Dositheos.Johannes Tolkiehn (Hrsg.): Dosithei ars grammatica. Dieterich, Leipzig 1913 (Digitalisat). Die erhaltenen Werke haben folgenden typischen Aufbau: Auf eine alphabetische Vokabelliste, meist Verben, folgen nach Sachgebieten geordnete Vokabellisten (Capitula), meist Substantive, und lebendige Dialoge (Colloquia). Manche Manuskripte enthalten auch Beispieltexte mit Übersetzung: unter anderem Fabeln Äsops, Kaiser Hadrian zugeschriebene Aussprüche, mythologische Informationen (Hyginus, Genealogiae) oder philosophische Aufgaben nebst treffender Antworten (Responsa sapientium). Vorausgesetzt sind die Verhältnisse der römischen Kaiserzeit, nicht vor dem 1. Jahrhundert n. Chr. und nicht später als das 3. Jahrhundert. Das Christentum spielt keine Rolle, die Hauptgottheit ist Iuppiter Capitolinus.

Die Dialoge der Hermeneumata irritieren dadurch, dass sie teilweise den Alltag eines Schulkinds darstellen, teilweise aber Gesprächssituationen aus der Erwachsenenwelt. Das Schulbuch stammte wahrscheinlich aus dem Westen und vermittelte Jungen aus der Oberschicht Grundkenntnisse des Griechischen. Es wurde mit Sprachführer-Dialogen zusammengearbeitet, die aus dem Osten des Reichs stammten und erwachsenen griechischen Muttersprachlern Latein und römische Lebensart vermitteln sollten. Mit diesen Texterweiterungen kehrte das Schulbuch in den lateinischen Westen zurück. Während es hier über die Spätantike hinaus weiter zum Griechischunterricht diente, bestand im Byzantinischen Reich offenbar kein Bedarf an derartigen Materialien für den Lateinunterricht.

Die Hermeneumata sind in rund 50 mittelalterlichen Handschriften und frühen Drucken überliefert; alle stammen aus Lateineuropa. Da die Kopisten das Griechische nur schlecht beherrschten, wurde der griechische Text fehlerhaft überliefert, in einer Version sogar lateinisch transkribiert.Kalle Korhonen: On the composition of the Hermeneumata language manuals, 1996, S. 102.

Inhalte Capitula – Wörter nach Sachgruppen geordnet Die Hermeneumata wurden nur im lateinischen Westen tradiert, nicht im byzantinischen Reich. Sie dienten bis ins Mittelalter dazu, Sprechern des Lateinischen elementare Griechischkenntnisse zu vermitteln. Ursprünglich scheint der Großteil des Materials aber für den Lateinerwerb griechischer Muttersprachler verfasst worden zu sein.Dafür plädiert insbesondere Johannes Kramer: Glossaria bilinguia altera. Saur, München/Leipzig 2001, besonders S. 19 f. Man kann vorsichtig vermuten, in welchen Situationen griechischsprachige Personen Lateinkenntnisse benötigten. Denn das müsste sich ja in dem Wortschatz der Capitula spiegeln. Hier fällt zum Beispiel auf, dass Bezeichnungen für nicht zubereitete Lebensmittel breiten Raum einnehmen. Denkbar ist, dass man im Osten des Reichs Lebensmittel auf Anforderung lateinisch sprechender Personen liefern musste – etwa für die römische Armee.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 1, Cambridge 2012, S. 11. Der Spezialwortschatz der Armee ist in den Capitula ebenfalls gut vertreten. Johannes Kramer verweist darauf, dass die aus der römischen Militärverwaltung in Ägypten erhaltenen Papyri in der Regel lateinisch sind, während die privaten Papyri aus diesem Bereich dokumentieren, dass Griechisch unter den einfachen Soldaten weiter verbreitet war.Johannes Kramer: Glossaria bilinguia altera. Saur, München/Leipzig 2001, S. 10. Lateinkenntnisse waren für griechischsprachige Soldaten folglich vorteilhaft, wenn sie eine Karriere im Militär anstrebten.

Colloquia – Alltagsdialoge Die Colloquia tragen Details zur Kenntnis des Alltags in der römischen Kaiserzeit bei. Sie stehen der Umgangssprache nahe und verzichten auf grammatische Korrektheit. Syntax und Wortschatz im griechischen Teil zeigen Beeinflussung durch das Lateinische; in geringerem Maße ist das auch umgekehrt der Fall.Kalle Korhonen: On the composition of the Hermeneumata language manuals, 1996, S. 104. Trotzdem handelt es sich nicht einfach um die Alltagssprache der späten Kaiserzeit, denn es finden sich archaische Züge (Optativ und Attizismen im Griechischen, sis mit Imperativ im Lateinischen). Das wirkt, als sollte das Schulbuch die Umgangssprache einer früheren Zeit vermitteln.

In ihrer vorliegenden Form sind die Colloquia Ergebnis komplizierter Wachstumsprozesse. Denn sowohl das Sprachniveau als auch die vorgestellte Situation (Alltag eines Kindes oder eines Erwachsenen) können im gleichen Manuskript abrupt wechseln.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 1, Cambridge 2012, S. 20. Kalle Korhonen zufolge lässt sich dies damit erklären, dass zwei antike Werke mit unterschiedlichem Profil zu einem einzigen zusammengearbeitet worden seien. Er unterscheidet als Vorlagen des überlieferten Textes einerseits ein antikes Schulbuch, das eine deutlich erkennbare Storyline besaß und morgendliche Verrichtungen des Oberschicht-Kindes sowie den Schulbesuch beinhaltete, und andererseits einen für Erwachsene konzipierten Sprachführer. Diese Dialoge aus der Erwachsenenwelt wurden nach der Integration in die Hermeneumata Schulkindern vorgesetzt. Sie eigneten sich dadurch ihre künftige soziale Rolle an und erfuhren, welche Verhaltensweisen von Erwachsenen gelobt oder getadelt wurden und wie dies zum Ausdruck gebracht wurde.Jan R. Steiger: Education in Late Antiquity: Challenges, Dynamism, & Reinterpretation, 300–550 CE. Oxford University Press, New York 2022, S. 100.

Schulbuch hochkant|mini|Halsband mit goldener linsenförmiger Bulla, aus Ostia Antica (Museo Gregoriano Etrusco, Vatikan) In dem für Kinder bestimmten Schulbuch mit seinen Morgen- und Unterrichtsszenen fehlt das deutlich römische Kolorit. Dionisotti und Dickey nehmen an, dass das Schulbuch ursprünglich aus dem lateinischen Westen, vielleicht aus Gallien,Raffaela Cribiore: Gymnastics of the Mind: Greek Education in Hellenistic and Roman Egypt. Princeton University Press 2001, S. 15. stammte (wofür schon das Schulbuch als eher römisches Genre spricht). Es gelangte offenbar aber auch in den Osten, da es ein ägyptisches Papyrusfragment gibt, das diesen Text enthält.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 1, Cambridge 2012, S. 47. Hier eine morgendliche Szene:

Merkwürdig ist, dass der Junge dem Text zufolge die Palla, einen von Frauen getragenen Mantel, um den Hals legt. Da die Palla ein voluminöses Gewand ist, würde er davon eher eingehüllt. Gemeint ist möglicherweise die Bulla, eine Kapsel, die freigeborene römische Kinder um den Hals trugen.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 1, Cambridge 2012, S. 141.

Sprachführer Die Erwachsenen – sie heißen Gaius, Iulius oder Lucius – sind mit privaten und öffentlichen Aufgaben befasst. Sie haben beispielsweise einen Auftritt vor Gericht, leihen Geld oder besuchen einen kranken Freund.Kalle Korhonen: On the composition of the Hermeneumata language manuals, 1996, S. 104–107. Zu juristischen Themen in den Colloquia vgl. Eleanor Dickey: New legal texts from the Hermeneumata Pseudodositheana. In: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 82 (2014), S. 30–44 (online). Durchgängig sind im Sprachführer römische oder sogar stadtrömische Verhältnisse vorausgesetzt. Die Lebensweise der Protagonisten ist ganz römisch. Der kranke Freund wohnt beispielsweise in einer Insula; der Pförtner (ostiarius) erklärt den Besuchern: zwei Treppen hoch und dann rechts klopfen! Beim Mahl werden nach römischer Art unterschiedlich temperierte Getränke gemischt, stets wird mit Garum gewürzt. Solche Details sprechen dafür, dass Menschen aus dem Osten des Reichs in diesem Sprachführer zusammen mit dem Lateinunterricht auch einen kulturellen „Knigge“, also ein Benimmbuch zum richtigen Verhalten unter Römern fanden.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 1, Cambridge 2012, S. 45.

Hier ist man bei der Vorbereitung des Abendessens (Cena) dabei:

Man könnte erwarten, dass der Koch schon mit der Arbeit anfängt, bevor das Triclinium aufgeräumt wird. Denn das Kochen dauerte lange. Aber hier ist wohl vorausgesetzt, dass die Zutaten erst eingekauft werden müssen. Im Text des Colloquium Montepessulanum folgt eine der (verglichen mit modernen Sprachführern) seltenen Einkaufsszenen: Der Protagonist beim Kleiderhändler. Er wird dabei von mehreren Sklaven begleitet, die für ihn mit dem Händler um den Preis feilschen und schließlich bezahlen.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 2, Cambridge 2015, S. 125.

mini|Bodenmosaik aus dem öffentlichen Bad von Sabrata (Libyen), mit dem lateinischen Schriftzug SALVOM LAVISSE

Bevor die Gäste kommen, geht es erst noch in die Thermen des Tigellinus.Erbaut von einem Zeitgenossen Neros, kann die Badeanlage noch jahrhundertelang in Betrieb gewesen sein. Sie wird auch von Martial erwähnt, ihre Lage ist aber nicht bekannt. Es ist die achte Stunde, also 14 Uhr nachmittags, die richtige Zeit für ein Bad. Der Protagonist weist seine Begleiter an, die Kleider zu bewachen (in den Thermen trieben Kleiderdiebe ihr Unwesen) und Salböl und Weihrauch der besten Qualität für ihn zu kaufen. Entkleidet und geölt, begibt er sich ins Schwitzbad (Sudatorium). Er lässt sich Seife reichen und lobt, dass das Wasser gut temperiert sei. Dann geht er zum Abkühlen nach draußen. Er erfrischt sich im Schwimmbecken.Hier begegnet im griechischen Text das Adjektiv νεράν kalt, frisch. Die Bedeutungsentwicklung zu neugriechisch νερό Wasser deutet sich an. Vgl. Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 2, Cambridge 2015, S. 130. Nun lässt er sich eine Strigilis und Handtücher reichen. Man bringt seine Schuhe und kleidet ihn an.Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 2, Cambridge 2015, S. 102 f. Die Badeszene im Colloquium Montepessulanum schließt, ähnlich wie in anderen Colloquia, mit Komplimenten, die man dem Badegast macht. Sprüche wie salvum lotum oder salvum lavisse, „wohl gebadet!“, sind auch von Bodenmosaiken antiker Badeanlagen bekannt (Foto).Eleanor Dickey: The Colloquia of the Hermeneumata Pseudodositheana. Band 2, Cambridge 2015, S. 130–132.

Alphabetische Glossare Aus der Antike sind sehr umfangreiche Glossare überliefert, die von der älteren Forschung als etwas ganz anderes als die rund zehnseitigen alphabetischen Listen in den Hermeneumata beurteilt wurden. Doch durch die Publikation der Hermeneumata Celtis wurde diese Unterscheidung fraglich. Denn dieser von Conrad Celtis im ausgehenden 15. Jahrhundert kopierte und heute verschollene Kodex aus dem Kloster Sponheim umfasste ursprünglich rund 280 Seiten eines alphabetischen Glossars beziehungsweise 11309 Einträge. Daraus ergibt sich, dass ein alphabetisches Wörterbuch fest zu einem Unterrichtswerk vom Typ der Hermeneumata gehörte und wohl meist am Anfang stand. Je nach Interessenlage konnte es von den Kompilatoren stark zusammengestrichen oder ausgebaut werden und sich dann auch zu einem zweisprachigen Lexikon verselbständigen.Johannes Kramer: Glossaria bilinguia altera. Saur, München/Leipzig 2001, S. 24 f.

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