Großraumwirtschaft (auch: Großwirtschaftsraum) ist ein Schlagwort und Sammelbegriff für verschiedene Konzepte von unterschiedlichen Interessengruppen in den beiden Weltkriegen und in der Zwischenkriegszeit, um eine relative wirtschaftliche Autarkie Deutschlands in einem übernationalen Wirtschaftsverbund zu erreichen.

Konzepte Allen Konzepten gemein war nach Hans-Erich Volkmann die Schaffung eines Raumes zur Wettbewerbsverstärkung auf dem Weltmarkt gegenüber den anderen Großräumen, die sich bildeten: dem mit den Beschlüssen von Ottawa (1932) konstituierten geschlossenen Wirtschaftsraum Großbritanniens mit seinen Kolonien, dem bereits im agrarischen Bereich selbstversorgenden Frankreich und seinem Kolonialreich, der Sowjetunion, die nur moderne Investitionsgüter importierte, den USA und Japan.Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 51.

Teichert unterscheidet zwischen einer atlantischen Fraktion, die mehr Überseehandel wollte, bestehend aus der Maschinenbau-, Elektro-, Chemieindustrie, Hjalmar Schacht, Georg Thomas, und einer Fraktion, die mehr für die kontinentale Komponente eintrat: Hitler, Werner von Blomberg, Hans Posse, Schwerindustrie, zum Teil Chemie-Industrie.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 265.

Mitteleuropaplan Naumanns Friedrich Naumann legte 1915 seinen Mitteleuropaplan vor. Naumann hat in der Industrie den Trend zum Großbetrieb ausgemacht, der die Formierung von wirtschaftlichen Großräumen verlangte. Dies machte überstaatliche Integration notwendig, die Naumann auf freiwilliger Basis aus Überzeugung, unter Rücksicht von nationalen Interessen auf Minderheiten, herstellen wollte. Um den Kernbereich Deutschland und Österreich-Ungarn sollten sich Dänemark, Bulgarien, Serbien, Griechenland, die Schweiz, Holland und die Niederlande und eventuell Italien gruppieren und einen einheitlich, nach deutschen Ordnungsprinzipien geregelten Wirtschaftsraum bilden. Dieser Block sollte sich militärisch und wirtschaftlich gegenüber anderen Blöcken behaupten können.Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 21.

Reformer Eine Gruppe – sie nannte sich selbst „Reformer“ – um Wilhelm Grotkopp, Wilhelm Gürge und Walter Grävell kam in der „Studiengesellschaft für Mittel- und Südosteuropa“ zusammen und trat mit dem Anspruch auf, mit dem Terminus Großraumwirtschaft das Mitteleuropa-Vokabular bereichert zu haben.Carl Freytag: Deutschlands „Drang nach Südosten“. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und der „Ergänzungsraum Südosteuropa“ 1931-1945. Göttingen 2012, S. 30. U. a. in der Monatszeitschrift „Europa-Wirtschaft“ propagierten sie die Großraumwirtschaft als Zwischenstufe, um zu einem freien Welthandel zurückzukehren. Ein größerer Markt, eine rationellere Produktion infolge größerer Serien, komplementäre Ergänzung von Industrie und Landwirtschaft und Konjunktur sollten Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht bringen. Nach 1933 stellte sich die Reformer in den Dienst jener NS-Kreise, die an Exportförderung interessiert waren.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 88 f.

Tat-Kreis Vertreter des Tat-Kreises wie Ferdinand Fried und Giselher Wirsing setzten sich für einen eigenständigen Weg Deutschlands zwischen West und Ost in einem Zwischeneuropa ein, für das ein großdeutscher Wirtschaftsblock aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei gebildet werden sollte, zu dem ein föderativer Wirtschaftsraum aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien treten sollte. Zur Erreichung des Zieles wurde ein Krieg nicht ausgeschlossen.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 85 ff. Wirsing formulierte 1931 die Alternative: .Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 50.

Industrie Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte der Mitteleuropäische Wirtschaftstag (MWT) die Schaffung einer von Deutschland dominierten Großraumwirtschaft in Mittel- und Südosteuropa. Er propagierte bereits eine Annexion Österreichs als Brückenschlag nach Südosteuropa,Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 23. Der Geschäftsführer des MWT Max Hahn stufte Südosteuropa 1932 als ein.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 173.

Der Reichsverband der Deutschen Industrie ging 1934 davon aus, dass der Welthandel künftig in Raumeinheiten zerfalle, die aus industriellen Kernen und einen Kranz ihn umgebender Agrar- und Rohstoffländer besteht, die Handel auf komplementärer Basis betreiben.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 160.

In seiner berühmt gewordenen Rede mit dem Titel „Gegenwarts- und Zukunftsprobleme der deutschen Industrie“ auf der Tagung „Wirtschaft in Not“ des Bayerischen Industriellen-Verbandes am 24. März 1931 führte der Vorstandsvorsitzende der I.G. Farben Carl Duisberg aus:

Damit entsprach Duisberg auch den Auffassungen von Eduard Hamm, dem geschäftsführenden Präsidiumsmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstages, der am 10. Juli 1930 an Paul Reusch schrieb:

In der der deutschen Industrie ging die Debatte in den 1930er Jahren nicht mehr darum, ob eine Grossraumwirtschaft über ein Mitteleuropäisches Imperium errichtet werden solle, sondern nur noch darum wie formell, also wie direkt, die deutsche politische und militärische Macht in diesem Raum projiziert werden sollte und darum wie offen oder geschlossen dieser Raum gegenüber den Rest der Welt sein solle.Volker Berghahn: German Big Business and the Quest for a European Economic Empire in the Twentieth Century. In: Ders.: Quest for Economic Empire. European Strategies of German Big Business in the Twentieth Century. Providence/Oxford 1996, S. 17.

Reichswirtschaftsministerium und Auswärtiges Amt Der Staatssekretär Hans Posse hatte schon 1924 in einer Denkschrift für das Reichswirtschaftsministerium gefordert, das Prinzip der gleichberechtigten Wirtschafts- und Finanzbeziehungen in den Handelsbeziehungen aufzugeben und sie für eine Außenpolitik mit zu instrumentalisieren um das deutsche Kartellsystem in jene europäischen Länder zu verlängern, die noch nicht davon erfasst seien. Er strebte die Vermachtung von Binnenmärkten zur Absatzsicherung in Südosteuropa, in Nordeuropa den baltischen Staaten und den Beneluxländern an. Zudem hielt er militarisierte Arbeitsabläufe und volksgemeinschaftähnliche Gesellschaftsformationen für notwendig.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 108 f.

Das Auswärtiges Amt vertrat 1932 die Auffassung, die handelspolitische Aktivität auf die Schaffung eines großen europäischen Wirtschaftsraumes mit Schwerpunkt auf Südosteuropa und einer friedlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zu konzentrieren.Teichert: Großraumwirtschaft. S. 132.

Nationalökonomie Teichert konstatiert, dass es in der Wirtschaftswissenschaft eine Nationalisierung und Militarisierung außenwirtschaftlichen Denkens lange vor 1933 gab.Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft. S. 99. Hiernach auch das folgende, S. 92 ff. In den renommierten Zeitschriften Weltwirtschaftliches Archiv und der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft um Hermann Bente, Andreas Predöhl, Erich Egner, Theodor Pütz, Günter Schmölders und Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld wurde eine völkische Außenwirtschaftslehre entwickelt. Insbesondere Predöhl systematisierte diese Lehre, die an die Spitze der Werthierarchie den Staat setzte dessen autarkische Potenzen durch sein Sonderbewusstsein, Geltungswillen, Machtbehauptung und Machtausdehnung bestimmt werden und das zwischen Autarkie und Außenhandel finden müsse. Nach deren einhelliger Auffassung konnte dies nur in einem Zit. n.: Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft. S. 97., ein Zit. n.: Teichert: Autarkie und Großraumwirtschaft. S. 97. leisten.

Im Herbst 1932 prallten auf der Dresdner Tagung des Vereins für Sozialpolitik Vertreter dieser Richtung mit Vertretern von liberalen außenwirtschaftlichen Ideen aufeinander. Nach 1933 wurde die kritische Gegenposition gewaltsam, durch Entlassung, Zwangspensionierung oder Flucht ins Exil, eliminiert. Dies betraf Männer wie Fritz Neumark, Christian Eckert, Franz Eulenburg, Wilhelm Gerloff, Wilhelm Röpke, Emil Lederer, Eduard Heimann, Paul Hermberg.

Nationalsozialismus

Im September 1939 wurde die Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft von Werner Daitz gegründet. Dieser schrieb am 31. Mai 1940 in einer Denkschrift zur Errichtung eines Reichskommissariats für Großraumwirtschaft:

Marxistische Historiker der DDR wie Dietrich Eichholtz haben als erste die Strategie einer Autarkie im Großraum als Kalkül nationalsozialistischer Expansionspolitik erkannt.Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 35. DDR-Historiker und -Historikerinnen wie Roswitha Berndt sahen keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Außenhandelspolitik der Weimarer Republik und der Außenhandelspolitik des Naziregimes.Alan Milward: The Reichsmark Bloc and the International Economy. In: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker: Der „Führerstaat“: Mythos und Realität. Stuttgart 1981, S. 379. Laut Eichholtz erschien 1941 jener von dem Duisberg 10 Jahre zuvor gesprochen hatte auf der politischen Karte.Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Berlin 1969, Band 1, S. 221.

In der westlichen Geschichtsschreibung wurden diese Schlagworte zunächst als rein ideengeschichtliche Konstrukte gewertet und nicht zu Vorstellungen und Motiven Hitlers gezählt.Volkmann: Ökonomie und Expansion. S. 27.

Hermann Graml meint, dass Faschisten, Nationalsozialisten und alle verwandten rechtsextremistischen Geister den damaligen weltweiten Abfall in den durch Schutzzölle wie den Smoot-Hawley Tariff Act und den durch die Konferenz in Ottawa geschaffene handelspolitisch geschlossenen Wirtschaftsraum, welche die Weltwirtschaftskrise verschärften, argumentativ für die Richtigkeit der Schaffung riesiger und autarker Wirtschaftsräume nutzen konnten.Hermann Graml: Europas Weg in den Krieg. München 1990, S. 51 f.

Für Volkmann waren vor allem wegen der nationalsozialistischen Autarkiepolitik ein der deutschen Finanz- und Wirtschaftsrepräsentanz nach anfänglichen Zögern mit den Nationalsozialisten zu machen. Die expansive territoriale Ausrichtung der Autarkiepolitik bot den Unternehmern, bei Verbleib der Produktionsmittel in ihren Eigentum und der Gewinnmaximierung, die Lösung ihrer ökonomischen Probleme. Sie ersehnten sich eine Abkehr vom Weltmarkt und einen autarken Großwirtschaftsraum herbei, der einen einzigen großen Markt und einen vergrößerten Produktions-, Organisations- und Verkehrsraum mit den Möglichkeiten einer rationelleren und darum billigeren Gütererzeugung bot.Hans-Erich Volkmann: Die NS-Wirtschaft in Vorbereitung des Krieges. In: Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann, Wolfram Wette: Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkriegs. Frankfurt am Main 1989, S. 242 f.

Auch Paul Windolf und Christian Marx meinen, dass die vom NS-Regime propagierte Idee einer Großraumwirtschaft unter deutscher Hegemonie von vielen Managern unterstützt wurde, da sie überzeugt waren nur in einem europäischen zollfreien Markt die Massenproduktion rentabel organisieren zu können.Paul Windolf, Christian Marx: Die braune Wirtschaftselite. Unternehmer und Manager in der NSDAP. Frankfurt am Main 2022, S. 365. So hatte der Bosch-Manager Hans Walz in seiner „Feuerbacher Rede“ im Juli 1943 ausgeführt:

Laut Windolf und Marx hat Hitler in seiner Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf 1932 unmissverständlich klargemacht, dass der europäische Binnenmarkt nur mit militärischen Mitteln geschaffen werden könne.Windolf, Marx: Wirtschaftselite. S. 364.