Der Gast aus der anderen Welt ist ein Stummfilmmanuskript der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig aus dem Jahr 1913, das 1914 von einem dänischen Filminstitut verfilmt wurde.Diese Datierung ist basierend auf Unterlagen geschätzt; die Veröffentlichung des Textes erfolgt erst 1920; vgl. Viebig, Clara: Der Gast aus der anderen Welt, in: Elster, Hanns Martin (Hrsg.): Deutsche Dichterhandschriften – Clara Viebig, Dresden: Lehmann & Schulze 1920, o. Paginierung [33 S.]. Der Film ist nicht erhalten, jedoch geben zahlreiche Szenenfotos eine Vorstellung davon, dass Viebigs Text authentisch umgesetzt worden ist.

Die sozialkritische Handlung zeigt die Probleme eines langjährigen Strafgefangenen auf, der sich nach seiner Entlassung in der gewandelten Welt nicht mehr zurechtfindet und in sozialer Hinsicht ebenfalls nicht ins Leben zurückzufinden vermag, sodass er letztendlich den Tod sucht. Handlung Friedrich Blaske sitzt in einem Berliner Zuchthaus. Er ist in seiner Jugend seiner Arbeitsstelle ferngeblieben, wurde entlassen und geriet in schlechte Gesellschaft, wo er zum Verbrechen angestiftet worden ist. Er wurde zu lebenslänglicher Strafe verurteilt, weil er einen Raubmord an der Verkäuferin eines Goldschmiedes begangen hat.

Das Leben im Zuchthaus hat Blaske krank gemacht. Er hat Atemnot, ist schwerhörig geworden und leidet unter Albträumen, in denen ihn seine Tat verfolgt. Wegen guter Führung wird Blaske nach 35 Jahren Haft begnadigt und vorzeitig entlassen. Durch Tütenkleben hat er sich einiges an finanziellen Mitteln erarbeitet.

Der erste Weg in Freiheit führt Blaske zum Grab der verstorbenen Mutter. Über den ungepflegten Zustand des Grabes ist er erschüttert. Er will seine Schwester Minna aufsuchen, deren Anschrift er von der Friedhofsverwaltung erfährt. In dem mittlerweile sich zur pulsierenden Metropole gewandelten Berlin nach 1900 findet sich Blaske kaum mehr zurecht. Er fürchtet die vielen Menschen, das hohe Verkehrsaufkommen und die Straßenbahn, und gar ein Zeppelin erschreckt ihn heftig.

Die Menschen behandeln Blaske als Sonderling; die Schwester und insbesondere der Schwager wollen mit ihm nichts zu tun haben. Blaske kehrt zum Gefängnis zurück und will dort erneut aufgenommen werden, aber man weist ihn ab. Er sucht einen einsamen Fleck im Wald, wo er sich in der Natur geschützt fühlt. Jedoch findet er, wegen seiner ermatteten Kräfte, in der Nacht den Tod.

Das Motiv des Strafgefangenen in der Literatur

Pionierarbeiten und spätere Umsetzungen Mit der frühen Aufnahme des Motivs des Strafgefangenen in 1913 nimmt Viebig, zusammen mit ihrem Schriftstellerkollegen Hermann Sudermann, eine Vorreiterrolle ein. Sudermann hat bereits 1905 in seinem Schauspiel Stein unter SteinenVgl. Sudermann, Hermann: Stein unter Steinen, Stuttgart: Cotta 1905. Die Romanvorlage wurde 1917 ebenfalls als Stummfilm verfilmt. einen entlassenen Strafgefangenen dargestellt, der sich erfolgreich einen Platz im Leben sichert. Im Gegensatz hierzu gelingt dies Viebigs Protagonisten nicht.

Nach einiger Zeit wird das Motiv des Strafgefangenen in der Literatur erneut aufgenommen. Franz Biberkopf in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz,Vgl. Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz, Berlin: S. Fischer 1929. 1929, der entlassene Wilhelm Voigt in Carl Zuckmayers Schauspiel Der Hauptmann von Köpenick,Vgl. Zuckmayer, Carl: Der Hauptmann von Köpenick, Berlin: Fischer 1930. 1930, und Hans Falladas Willi Kufalt in dessen Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst,Vgl. Fallada, Hans: Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, Berlin: Rowohlt 1934. 1934, sind ebenfalls Straffällige, die mehr oder weniger gut mit ihrem Leben zurechtkommen.

Strafgefangene in Viebigs Werk Viebig, die in naturalistischer Manier häufig Randexistenzen der Gesellschaft darstellt, widmet sich auch solchen, die mit den Gesetzen in Konflikt geraten sind. In der Novelle Der Wolf, 1901,Vgl. Viebig, Clara: Der Wolf, in: Die Nation, 19. Jg. Nr. 28, 1901/02, S. 446–448, Buchveröff. in: Naturgewalten, Berlin: Fleischel 1905, S. 199–216. zeichnet sie die Nöte der Strafgefangenen nach, die ihrem Aufseher seine Frau neiden, was einen Gefangenen dazu animiert, sich an einem weiblichen Wesen zu vergreifen. In der Novelle Die letzte Nummer 1905,Vgl. Viebig, Clara: Die letzte Nummer, in: Naturgewalten, Berlin: Fleischel 1905, S. 217–246. thematisch dem Gast aus der anderen Welt ähnlich, wird ein Gefangener absichtlich straffällig, weil er sich draußen in der Welt nicht mehr zurechtfindet. Diese Figuren finden sich im Roman Das Kreuz im VennVgl. Viebig, Clara: Das Kreuz im Venn, Abdruck in Fortsetzungen, in: Die Gartenlaube 1908, ab Nr. 10 S. 197 – Nr. 31, S. 661, Buchveröff. Berlin: EFL 1908. in leicht veränderter Form wieder.

Auch im 1929 veröffentlichten historischen Roman Charlotte von WeißVgl. Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Roman in Fortsetzungen, in: Berliner Illustrierte Zeitung, 38. Jg. Nr. 46 v. 17. November 1929-06.04.1930, Buchveröff. Berlin: Ullstein 1929. übt Viebig indirekt Kritik an der Härte des Strafmaßes in Preußen, für einen Soldaten, der wegen Insubordination zu 20 Jahren Kerkerhaft verurteilt wird und für eine Frau, die das Neugeborene ihrer schwachsinnigen Tochter getötet hat und dafür öffentlich enthauptet wird.

Zum Autorenfilm Im Jahr 1912 gerät die Kinematographie in eine Krise, da der Vorwurf erhoben wird, auf der Leinwand würden lediglich triviale Stoffe gezeigt. Im „Kampf gegen Schmutz und Schund“ werden Zensurmaßnahmen ergriffen und um das Image des Films aufzuwerten, begegnen Filmproduzenten diesem Vorwurf mit der Etablierung des „Drehbuch-“ bzw. des „Autorenfilms“. Man wirbt damit, dem deutschen Kinopublikum Gelegenheit zu bieten, „Werke unserer Schriftsteller kennen zu lernen“.Vgl. o. V.: Der Autorenfilm und seine Bewertung, in: Der Kinematograph, o. Jg. Nr. 326 v. 26. März 1913, S. 1, vgl. auch Diederichs, Helmut H.: Frühgeschichte deutscher Filmtheorie. Ihre Entstehung und Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main 1996, S. 60. Bekannte Autoren, wie Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal – und Clara Viebig – schreiben für den Film, wobei epische Werke verfilmt werden oder die Schriftsteller Drehbücher verfassen.Vgl. Schwarz, Alexander: Der geschriebene Film: Drehbücher des deutschen und russischen Stummfilms, München: Diskurs-Film 1994 (Diskurs Film Bibl., Bd. 6), S. 53–55.

In jener Zeit wandelt sich die dänische FilmindustrieVgl. Faulstich, Werner: Filmgeschichte, Paderborn: Fink (UTB) 2005, S. 47. zu einem der größten Filmproduzenten Europas. Die „Nordisk Films Kompagni“ in Kopenhagen produziert Textvorlagen deutscher Schriftsteller in deutschen Studios. Hierbei geht es nicht um die Abfassung von Dialogen, da die Aussage des Stummfilms über eine Bildpartitur transportiert wird, welche die Beseelung des stummen Geschehens leisten muss. Die Handlung wird in Szenen zerlegt, die nach den Gesetzen von Spannung und Kontrast gruppiert werden,Vgl. Kyser, Hans: Wie entsteht und wie schreibt man ein Filmmanuskript?, in: Die Literatur, 31. Jg., H. 12, 1929, S. 691. und metasprachliche Textelemente müssen Angaben zur Kameraeinstellung und -perspektive, zu Einstellungsdauer, Beleuchtung, Sondereffekten und Zwischentiteln bis zu Ort und Kostümen enthalten.

Zum Drehbuchschreibens werden zu jener Zeit mehrere Leitfäden verfasst,Das ›Kinobuch‹ von Kurt Pinthus erscheint 1913, die Broschüre ›Material für Filmschriftsteller‹ wird im gleichen Jahr herausgegeben, 1914 folgt ›Das Filmbuch‹. Vgl. Pinthus, Kurt (Hrsg.): Das Kinobuch, Leipzig: Wolff 1914; Zitate stammen aus: Pinthus, Kurt (Hrsg.): Das Kinobuch. Dokumentarische Neu-Ausgabe des ›Kinobuchs‹ von 1913/14, Zürich: Arche 1963; Redaktion des Verbandsblattes des Allgemeinen Schriftstellervereins ›Die Feder‹ (Hrsg.): Material für Filmschriftsteller (Schriftstellerbibliothek Nr. 10), Berlin: Federverlag (Hirschfeld) 1913 und Paul, Peter: Das Filmbuch. Wie schreibe ich einen Film und wie mache ich ihn zu Geld?, Berlin: Borngräber o. J. . in denen eine stringente Gliederung und ein straffer Aufbau, die Markierung der Titelzeilen durch Nummerierung und graphisch abgesetzte Textteile verlangt werden, neben Detailgenauigkeit bei der Beschreibung von Raum, Bewegungen und psychologischer Motivation.Alexander Schwarz: Der geschriebene Film: Drehbücher des deutschen und russischen Stummfilms, München: Diskurs-Film 1994 (Diskurs Film Bibl., Bd. 6), S. 55–57. Viebigs Filmtext ist, diesen Vorgaben folgend, stringent in drei Akte mit 33, 72 und 20 Bildern gegliedert und enthält Angaben zu den Handlungsorten.

Verfilmung und Aufführung 1913 geht Viebig einen Vertrag mit der Nordisk Film Kompagni über die Abfassung eines Autorenfilms ein, wobei die deutsche Tochterfirma „Nordische Films Co Berlin“ mit der Herstellung betraut wird.Vgl. Brief Clara Viebigs an Karl Ludwig Schröder v. 31. Oktober 1912 und Vertragsbestätigung der Nordisk Films Co. v. 19. April 1913, Original bei Det Danske Filminstitut, Kopenhagen, Mappe No. 39 VIII, 16:39. August Blom, der sich als ein führender Regisseur einen Namen gemacht hat, übernimmt die Regie des Gastes aus der anderen Welt. Aage Hertel erhält die Hauptrolle des Blaske, weitere Rollen werden von Agnes Andersen, Philip Bach, Oluf Billesborg und Vita Blichfeldt besetzt. Mit einer Länge von 950 Metern läuft der Dreiakter eine knappe Stunde. Klassifiziert wird er als „Melodram“, ein Filmgenre, das sich mit innerseelischen Konflikten beschäftigt, gleichzeitig ist er als „Verfasser- oder Autorenfilm“ ausgewiesen.Vgl. Engberg, Marguerite: Dansk Stumfilm – de Store År, Bd. 2, Kopenhagen: Internationalt Forlag vor Videnskab, Kunst og Debat 1977, S. 479.

Der Film wird am 16. April 1914 zur Aufführung freigegebenVgl. o. V.: Tugthusfange No. 97 (1914), in: http://www.imdb.com/title/tt2314016/. und in einigen europäischen Ländern aufgeführt, so in Deutschland, Norwegen, in Dänemark, in der Schweiz und in den Niederlanden. In Berlin und in Hamburg wird der Film später mit Jugendverbot belegt.Der Gast aus der anderen Welt (1914) in: The German Early Cinema Database, Berlin: Nr. 14.30 und 14.44, zum Verbot durch Hamburger Lehrer: Nr. 4862.

Kritiken Kritik des Manuskripts Viebigs Filmtext erweist sich als zweigeteilt: Der erste Akt ist als „Rohdrehbuch“ konkret ausgestaltet und enthält Anweisungen zur Ausstattung von Ort und Schauspielern, deren Mimik und Gestik sowie für Kamera- und Lichtführung. Dies schwindet im zweiten und im dritten Akt, die Treatment-Charakter aufweisen.Dies ist bei frühen Filmtexten meist der Fall, wobei geraten wird, »einen Film nicht gänzlich auszuarbeiten sondern nur eine sogenannte Filmskizze aus der Idee anzufertigen«. Paul, Peter: Das Filmbuch – Wie schreibe ich einen Film und wie mache ich ihn zu Geld?, Berlin: Borngräber 1914, S. 175.