mini|Chemiewerk Pieve Vergonte Das Chemiewerk Pieve Vergonte, auch bekannt als Chemiewerk Rumianca, ist eine chemische Fabrik in der italienischen Gemeinde Pieve Vergonte im Piemont. In dem 1915 errichteten Werk wurden mit Unterbrechungen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem chemische Kampfstoffe hergestellt. Nach der Konversion auf zivile Produkte gelangte der Standort in den 1990er Jahren wegen erheblicher Umweltbelastungen in die Schlagzeilen, die zu einem Verbot des Fangens von mit DDT belasteten Fischen im Lago Maggiore führten, das für eine Fischart noch besteht (Stand Januar 2022).

Lage Die chemischen Werke Pieve Vergonte liegen im Ossolatal in der gleichnamigen piemontesischen Gemeinde in der Provinz Verbano-Cusio-Ossola. Am Werksgelände führt der Fluss Toce vorbei, der nach knapp 20 Kilometern bei Gravellona Toce in den Lago Maggiore mündet. Zwischen Werk und dem Toce liegt die Simplon-Staatsstraße SS 33. 1919 wurde mit einem unterirdisch angelegten Kanal der Rio Marmazza, ein Nebenfluss des Toce, durch das Werksgelände umgeleitet, um die bei der Produktion entstehenden Abwässer abzuleiten. Seit den 1920er Jahren besitzt das Werk einen eigenen Eisenbahnanschluss an der Bahnstrecke Domodossola–Novara.

Geschichte Unternehmensgeschichte 1915–1945 Am 15. November 1915 gründete Alfonso Vitale die nach ihm benannte Gesellschaft Società Anonima Ingegnere Alfonso Vitale. Vitale hatte bereits im August 1915 ein 80.000 m² großes Grundstück für den Bau eines Chemiewerkes von der Gemeinde Rumianca, seit 1928 eine Fraktion von Pieve Vergonte, für 24.000 Lire erworben. Mit dem Bau der Anlage wurde noch 1915 begonnen.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 7.

Zu Beginn der 1920er Jahre expandierte das Unternehmen stark, was sich auch in einer regen Bautätigkeit widerspiegelte. Es wurden Räumlichkeiten für Büros, Labors, Wohnungen, eine Mensa, ein Pförtnerhaus, Lagerhallen sowie ein Eisenbahnanschluss errichtet. Später entstand noch eine eigene Arbeitersiedlung (Villaggio Runianca) und es wurden Einfamilienhäuser für die Werksleitung erbaut. Bis in die 1940er Jahre wurden für die Belegschaft weitere Freizeiteinrichtungen geschaffen, eine Werksfußballmannschaft aufgestellt und ein werkseigenes Kino errichtet.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 26. Im Herbst des Jahres 1920 arbeiteten je nach Auftragslage zwischen 300 und 500 Arbeiter in der Fabrik.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 7–10. 1922 wurden die Werke an die Società Navigazione Italo Americana (SNIA) verkauft. Haupteigentümer der SNIA war der Unternehmer Riccardo Gualino. Mit dem neuen Eigentümer wurden die Werke in Società Anonima Stabilimenti di Rumianca, ab 1936 Anonima Stabilimenti di Rumianca, umbenannt. Zwei Jahre später ging die Rumianca als S.p.A. an die Börse.

Unter dem abgekürzten Namen Rumianca wurde das weiter expandierende Unternehmen bekannt. Bevor sich die Weltwirtschaftskrise bemerkbar machte, konnte die Produktion zwischen 1923 und 1927 um das Zwölffache gesteigert werden. Mit der vom faschistischen Regime verfolgten Politik der Autarkie, die mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf Abessinien 1935 und der damit verbundenen Isolation Italiens noch verstärkt wurde, setzte sich die schwierige wirtschaftliche Phase weiter fort. Letztere machte sich in Rumianca durch steigende Energiekosten und abnehmende Absatzmärkte bemerkbar.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 18. Während die Werksleitung zu den faschistischen Autoritäten gute Beziehungen unterhielt und die autarke Wirtschaftspolitik des Regimes unterstützte, litten die Arbeiter unter den wirtschaftlichen Einschränkungen. Letztere äußerten sich unter anderem in einem Schwund der Kaufkraft und in Lebensmittelrationierungen. 1936 zeigten sich die Behörden aufgrund der zunehmenden Alkoholismusprobleme unter der Belegschaft besorgt.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 28.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion wie bereits im Ersten Weltkrieg vom Militär vereinnahmt. Der Standort in Pieve Vergonte war Bestandteil des von Mussolini geförderten C-Waffenprogramms. In der Folge stieg der Absatz, was sich in den Beschäftigtenzahlen widerspiegelte. 1942 wurde mit 1000 Beschäftigten ein Höchststand erreicht, der danach bis Anfang der 1950er Jahre auf etwas mehr als die Hälfte zurückging. Der nachfolgende Anstieg war mit der Neuausrichtung der Produktion auf die Landwirtschaft verbunden. Bis 1959 konnte das Werksgelände auf 456.000 m² erweitert werden, 1939 waren es noch 200.000 m² gewesen.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 24.

Ab 1945 mini|Das Werksgelände von der Simplonstaatsstraße aus gesehen Zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre kam es zu ersten Streiks unter der Belegschaft, nachdem die Unternehmensleitung die landesweit zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband ausgehandelte Prämienregelung abgelehnt hatte. Lohnforderungen der Belegschaft wurden später mit weiteren Arbeitsniederlegungen Nachdruck verliehen. Infolge der Krise in der chemischen Industrie Ende der 1960er Jahre kam es zu weiteren Arbeitskämpfen. Nach der Besetzung der Fabrik wurde den Beschäftigen 1969 die Einrichtung einer aus der Belegschaft zusammengesetzten Kommission zugesagt, die die Sicherheitsvorkehrungen und den Gesundheitszustand der Beschäftigen überwachen sollte. Die Kommission sollte die Versäumnisse der Werksleitung ausgleichen, die in Anbetracht der Krise in diesen Bereichen nicht mehr investiert hatte.

Zu diesem Zeitpunkt unterstand die Rumianca bereits seit 1967 dem neuen Mehrheitseigentümer SIR (Società Italiana Resine) von Angelo Rovelli. 1981 übernahm die Anic Spa. Azienda Nazionale Idrogenazione Combustibili die Romianca einschließlich der Produktionsstätte in Pieve Vergonte. Zwei Jahre später wurde das Werk an die Enichimica Secondaria Spa., eine Tochtergesellschaft der EniChem, die zum Eni-Konzern gehörte, abgegeben. In den 1980er Jahren begann auch die zunehmende Automatisierung der Produktionsabläufe, die die Unfallrisiken der Beschäftigten wesentlich reduzierte. Mit der Übernahme durch die Eni wurden nach Aussagen der Beschäftigten auch die Sicherheitsbestimmungen erstmals wirklich ernst genommen. Moderne Schutzkleidung, Sicherheitskurse, regelmäßige Gesundheitschecks hielten mit dem Eigentümerwechsel durch die Enitochter Einzug. Dennoch kam es auch unter der neuen Führung zu Unfällen und Verstößen. So wurde 1997 der Werksleiter zu einer Haft- und Geldstrafe wegen der gesetzeswidrigen Lagerung größerer Mengen gesundheitsschädlicher Stoffe verurteilt.

Bis 1997 unterstand das Chemiewerk Pieve Vergonte verschiedenen Tochtergesellschaften des Eni-Konzerns, zuletzt der Syndial Spa. 1997 wurde Pieve Vergonte an die multinationale aus Belgien stammende Tessenderlo Group abgegeben. 2013 übernahm die Hydrochem Italia srl. die chemischen Werke Pieve Vergonte. Mit der Übernahme der Hydrochem gehört die Anlage seit 2019 der italienischen Esseco Group.

Produktionsgeschichte 1915 bis 1945 Während des Ersten Weltkrieges wurden in Rumianca Chlor und Chlorverbindungen für die Herstellung von chemischen Kampfstoffen für das italienische Heer produziert. Das Werk gehörte zu den modernsten Produktionsstätten für Chlorgas in Italien, das mittels Chloralkali-Elektrolyse im Castner-Kellner-Verfahren hergestellt wurde. Bis zum Kriegsende wurde die Herstellung unter der Leitung der Militärs ausgereift. 1916 wurde zudem die Produktion von Phosgen aufgenommen. Rumianca war damit die zweite Produktionsstätte in Italien, in der Phosgen als chemischer Kampfstoff hergestellt wurde. Täglich konnten bis zu 6 t Phosgen produziert werden. Gegen Kriegsende wurde versuchsweise auch die Produktion von Senfgas in Betrieb genommen.Giuliano dall’Olio: I gas di guerra nel primo conflitto mondiale. In: La chimica e l’industria. Anno XCVII N. 6 November/Dezember 2015, S. 11. (Digitalisat) Daneben wurden kaustische Soda, Kohlenstoffdisulfid, Tetrachlormethan und Calciumchlorid hergestellt. Bis 1919 war die Produktion in Rumianca hauptsächlich für Kriegszwecke ausgerichtet. Neben den oben erwähnten Kampfstoffen wurden auch Füllstoffe für Nebel- und Rauchgranaten sowie Gummi für Gasmasken produziert.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 8.

1919 errichtete der Chemiker Luigi Casale im Werk Rumianca seine erste Versuchsanlage für die nach ihm benannte Herstellung von synthetischem Ammoniak im Casale-Verfahren. Mit der Versuchsanlage konnten täglich bis zu 100 kg synthetisches Ammoniak hergestellt werden. Da die Werksleitung nicht bereit war, in den Ausbau der Anlage zu investieren, beendete Casale seine Zusammenarbeit noch im gleichen Jahr.Gianni Bovini: Terni tra siderurgia e chimica. In: Arpa Umbria (Hrsg.): L’industria chimica italiana a cinquant’anni dal Nobel di Giulio Natta: Atti del convegno. Arpa Umbria, Perugia 2014, S. 30. (PDF) Nach dem Krieg wurde eine generelle Neuausrichtung der Absatzmärkte eingeleitet. Produziert wurden nun Stoffe für die Textil-, Pharma-, Farb- und Papierindustrie sowie für die Landwirtschaft. Die Jahresproduktion an kaustischer Soda betrug dabei 4000 t, an Calciumchlorid wurden 1800 t im Jahr produziert.Samanta Grassi: La condizione dei lavoratori dello stabilimento chimico di Pieve Vergonte nella storia (1915–2012). S. 9–10. Nach dem Verkauf an den Textilunternehmer Riccardo Gualino 1922 konzentrierte man die Produktion in Rumianca insbesondere auf die Herstellung von Stoffen für die Viskosefaserherstellung.

Mit der zunehmend politischen Isolierung des faschistischen Italiens in den 1930er Jahren kam es erneut zu Produktionsumstellungen. Vorangetrieben wurden die Veränderungen auch durch die Fusion der Betreibergesellschaft mit zwei weiteren Unternehmen, darunter die Minengesellschaften aus den benachbarten Tälern Antrona, Anzasca und Toppa. Aus Nebenprodukten der Goldminen wurde in Rumianca ab 1937 Arsen gewonnen. Bereits ein Jahr zuvor war eine Anlage zur Herstellung von Kupfersulfat in Betrieb genommen worden. Mitte der 1930er Jahre rückte die Fabrik wieder in das Interesse des Militärs. Im Rahmen des von der faschistischen Regierung vorangetriebenen C-Waffenprogramms wurde in Rumianca eine Abteilung der italienischen C-Truppen () abgestellt. Für Heer und Luftstreitkräfte wurden Chlor- und Arsenverbindungen produziert, aber auch Tetrachlormethan für die Herstellung von Rauch- und Nebelgasen. Um die Nachfrage der Militärs befriedigen zu können, errichtete man eine leistungsstärkere Anlage für die Elektrolyse. Zudem wurde eine Anlage für die Produktion des Chlor-Arsen-Kampfstoffes CLARK 1 und des Cyanid-Arsen-Kampfstoffes CLARK 2 in Betrieb genommen. mini|Werksschild von 2007, das auf die Umweltsanierung des Werksgeländes hinweist. Angegebene Gesamtkosten: 53,7 Milliarden Euro