Die schweizerischen Kolonialbeziehungen bestanden einerseits durch Schweizer Kaufleute, welche vom transatlantischen Kolonialismus profitierten, sich am Sklaven- und Rohstoffhandel beteiligten oder Plantagen unter dem Schutz der Kolonialmächte betrieben. Schweizer Söldner waren andererseits an der Eroberung und an der Herrschaftssicherung in verschiedenen Kolonien beteiligt, während Schweizer Forscher und Wissenschaftler an kolonialen Expeditionen teilgenommen hatten. Eine Publikation von 2012 sprach von einem «Kolonialismus ohne Kolonien».
Wirtschaft Sklavenhandel mini|Mohr an der Kramgasse in Bern; zwischen 1726 und 1732 investierte die Zunft zum Mohren grosse Summen in den atlantischen Dreieckshandel der South Sea Company, kürzer als es die Stadt und Republik Bern getan hatte.
Die Schweizer Beteiligung am Sklavenhandel begann relativ spät und dauerte etwa 50 Jahre.David, Etemad, Schaufelbüehl 2005, 48 Es wird geschätzt, dass etwa 172'000 Sklaven «mit direkter und indirekter Schweizer Beteiligung» verschifft wurden, von insgesamt mehr als 12 Millionen.Gerald Hosp: Was der transatlantische Sklavenhandel mit der Schweiz und dem Aufstieg Westeuropas zu tun hat. In: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juni 2020.
Verschiedene Schweizer Handelsleute oder eingewanderte Hugenotten waren direkt oder indirekt am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt, indem sie eigene Schiffe ausstatteten oder sich finanziell an Sklavenschiffen beteiligten. Die Schweizer Baumwollindustrie produzierte wie auch diejenige in den Niederlanden oder in Grossbritannien die bedruckten Stoffe («Indiennes»), welche Tauschgut im Sklavenhandel waren.Wirtschaftswachstum dank Sklavenhandel? Die Rolle Schweizer Akteure im transatlantischen Dreieckshandel im 17. - 19. Jahrhundert Von: Cooperaxion Einige Kaufleute und Stoffproduzenten gründeten Filialen in Nantes, dem damals grössten Sklavenschiffhafen Frankreichs, oder liessen sich dort nieder, um ihre Geschäfte besser betreiben zu können. Zwischen 1773 und 1830 beteiligten sich Schweizer Kaufleute an rund hundert Expeditionen ausgehend von französischen Häfen, mit denen ca. 18 000 bis 25 000 Afrikaner und Afrikanerinnen nach den Amerikas deportiert wurden. Bezieht man auch europäische Schiffe von Gesellschaften mit finanzieller Schweizer Beteiligung ein, dann sind es geschätzt 172 000 verschiffte Sklaven.David, Etemad, Schaufelbüehl 2005, 47 f. Nicht alle Händler und Kaufleute, die sich im transatlantischen Handel betätigten, waren erfolgreich, doch gehören einige der Familien, die grosse Gewinne erwirtschafteten, laut Fässler 2005 bis heute zur bürgerlichen Oberschicht in Genf, Neuenburg oder Basel.Fässler 2005 Wichtige Akteure im transatlantischen Sklaven- und Warenhandel waren u. a. in Basel Isaak Faesch und die Familie Burckhardt, in Neuenburg David de Pury, Auguste-Frédéric de Meuron und Jacques-Louis de Pourtalès. Die Republik Bern spekulierte zwischen 1719 und 1734 mit Aktien der South Sea Company, deren Geschäftsmodell der Sklavenhandel war.
Sklavenbesitz mini|Jacques-Louis de Pourtalès und seine Familie um etwa 1784
Einige Kaufleute besassen Plantagen, beispielsweise in der englischen Kolonie Grenada oder im holländischen Surinam (siehe schweizerisch-surinamische Beziehungen), die sie selbst vor Ort oder aus der Ferne durch angestellte Verwalter betreiben liessen. Der Anbau von Kaffee, Zucker, Baumwolle, Kakao, Reis u. a. geschah durch Sklaven, deren Widerstand gegebenenfalls mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurde.David, Etemad, Schaufelbüehl 2005, 53 ff. 1748 reisten auf Anfrage der Holländer zehn Basler Familien nach Surinam, um dort gemeinsam mit deutschen Auswanderern die Kolonie Oranjepad zu gründen. Ausser der bezahlten Reise wurden ihnen Land, Werkzeuge, Tiere und jeder Familie zehn Sklaven versprochen. Die Bedingungen vor Ort waren offenbar widriger als erwartet, schon 1751 existierte die Siedlung nicht mehr, nur 11 der 93 Eingewanderten waren noch am Leben.David, Etemad, Schaufelbehl 2005, 71 ff.
mini|Gravur von Sutter’s Fort (Neu-Helvetien) im Jahr 1849
Kollektive Auswanderungen gab es auch nach Nordamerika und Brasilien, wo Sklavenhaltung ebenfalls noch gang und gäbe war. Zu den nordamerikanischen Auswanderern gehörte auch Johann August Sutter (1803–1880), Gründer der Kolonie Neu-Helvetien in Kalifornien und teils idealisiert. Tatsächlich war er ein erfolgloser und skrupelloser Geschäftsmann, welcher die indigenen Männer und Frauen in Kalifornien in ein System von Zwangsarbeit einband und mit indigenen Kindern handelte, um seine Schulden zu tilgen.Huber 2019, 430
Geografische Gesellschaften Auch in der Schweiz entstanden ab 1858 mit der Genfer Geografischen Gesellschaft, der vierzehnten geografischen Gesellschaft weltweit, Vereinigungen, welche mehr oder weniger stark Handelsgeografie betrieben. Weitere solche private Vereine entstanden 1873 in Bern, 1878 in St. Gallen, 1881 in Herisau, 1884 in Aarau, 1885 in Neuenburg und 1897 in Zürich. Teils führten sie den Handel im Namen wie die Mittelschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft in Aarau oder die Geographisch-Commercielle Gesellschaft von St. Gallen. Dementsprechend lagen ihre wirtschaftlichen Schwerpunkte unterschiedlich; während die ältesten Vereine in Genf und Bern mehr der theoretisch-geographischen Wissensvermehrung zugeneigt waren, wurde dem Verein in St. Gallen «weitausgreifende und für den schweizerischen Export hochbedeutsame Thätigkeit» zugeschrieben. Die Gesellschaft habe «auch den nicht zu ihrem Rayon gehörenden Handelsfirmen der übrigen Schweiz bereitwillige Auskunft über die Verhältnisse ferner Länder ertheilt».Peter Jud: Die geographischen Gesellschaften der Schweiz, Geographica Helvetica 1995 - Nr. 2 Mitglieder in diesen Vereinen waren Industrielle, Handelsleute und Bankiers. 1881 hatten sie eine gesamtschweizerische Dachorganisation, die Association des sociétés suisses de géographie, gegründet.
Die Rolle der Basler Mission Die Basler Historikerin Andrea Franc untersuchte in ihrer Dissertation 2008, ob schweizerische Privatunternehmen vom Kolonialismus anderer Staaten, zum Beispiel Grossbritanniens an der Goldküste, profitiert hätten. Zwar sei die Beziehung zwischen dem britischen Gouverneur und den schweizerischen Händlern nicht immer harmonisch gewesen, aber Franc kam zu dem Ergebnis, dass grundsätzlich ein Vorteil auf Seiten der Händler gegeben gewesen sei.Andrea Franc: Wie die Schweiz zur Schokolade kam. Der Kakaohandel der Basler Handelsgesellschaft mit der Kolonie Goldküste (1893–1960) Basel 2008, vor allem S. 142 ff. Zitiert nach: Georg Fischer: Georg Kreis: Blicke auf die koloniale Schweiz. Ein Forschungsbericht. Chronos Verlag, Zürich 2023, S. 129 So forderten viele von ihnen von der Kolonialregierung, gegen renitente Einheimische härter vorzugehen. Francs Fazit war: «Eine expansionistische Ideologie, wie sie hinter dem britischen Weltreich stand, lässt sich zwar nicht für den Schweizer Staat, sicher aber für die Basler Mission und auch für ihre Handelsgesellschaft ausmachen.» Zwar sei es vor 1914 nicht so sehr Imperialismus, sondern eher «wenig profilierter ökonomischer Expansionismus» oder «wirtschaftlicher Opportunismus» gewesen. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs aber hätten Banken und Industrie auf eine Weise Expansionspolitik betrieben, die als Imperialismus im engeren Sinne zu sehen sei.Andrea Franc: Wie die Schweiz zur Schokolade kam. Der Kakaohandel der Basler Handelsgesellschaft mit der Kolonie Goldküste (1893–1960) Basel 2008, S. 21 ff; 227. Zitiert nach: Georg Fischer: Georg Kreis: Blicke auf die koloniale Schweiz. Ein Forschungsbericht. Chronos Verlag, Zürich 2023, S. 129
Die Basler Mission war auch in Kamerun vertreten. Bei der Beurteilung des Verhältnisses von Missionaren und deutscher Kolonialregierung ergibt sich kein einheitliches Bild. Die Historikerin Christine Christ-von Wedel erkannte zwar an, dass die Basler Mission 1901 gegen die «empörende Ausbeutung» der Bakwiri und die «unmenschlichen Landenteignungen» protestiert und damit für die Einheimischen im Konflikt mit den Plantageneigentümern etwas günstigere Bedingungen erreicht hatte. Aber die Missionare hätten das Recht der deutschen Kolonialmacht auf Enteignung nicht grundsätzlich in Frage gestellt, da sie von einer Zusammenarbeit mit dem korrupten Gouverneur abhängig waren.Christine Christ-von Wedel, Thomas K. Kuhn (Hrsg.): Basler Mission. Menschen, Geschichte, Perspektiven 1815–2015. Basel 2015. Zitiert nach: Georg Fischer: Georg Kreis: Blicke auf die koloniale Schweiz. Ein Forschungsbericht. Chronos Verlag, Zürich 2023, S. 159.
Schweizer Söldner und Zivilbeamte in kolonialen Diensten
Schweizer Söldner verdingten sich in verschiedenen Kolonialarmeen und halfen bei der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der kolonialen Ordnung und der Niederschlagung von Aufständen: mini|Regiment de Meuron in Indien im Jahr 1800. Fünf Kompanien mit über fünfhundert Söldnern wurden in den 1750er Jahren vom Basler Lukas Schaub in der Schweiz und Deutschland für die British East India Company angeworben, um gegen die lokale indische Bevölkerung zu kämpfen. Louis-Henri Fourgeoud aus dem Kanton Waadt führte 1763 und 1773 militärische Strafaktionen gegen entlaufene Sklaven in den niederländischen Kolonien Berbice (heute Guyana) und Surinam an. Schweizer Truppen, sogenannte Halbbrigaden, dienten Napoleon 1802 im Feldzug nach Saint-Domingue im heutigen Haiti gegen die Ablösung der Kolonie von Frankreich und für die Wiedereinführung der Sklaverei. Zwischen 1848 und 1914 dienten rund 7680 Schweizer Söldner in der Niederländischen Ostindien-Kompanie und halfen bei der Aufrechterhaltung der kolonialen Ordnung, namentlich in Java und im Aceh-Krieg im Norden Sumatras, ein bekannter Name ist Louis Wyrsch.
1859 waren für Schweizer Söldnereinsätze verboten worden. Das galt jedoch bis 1927 nicht für die Fremdenlegion, da diese nicht als Söldnerheer galt, sondern als nationale Truppe.
Schweizer im Kongo Um das "grosse philanthropische und humanitäre Werk" Königs (Leopolds II.) («grande œuvre philanthropique et humanitaire [du] roi des Belges») zu unterstützen, formierte sich 1877 das Comité national suisse pour l’exploration et la civilisation de l’Afrique centrale. Hehres Ziel war die Errichtung von Krankenhäusern sowie wissenschaftlicher und friedensfördernder Stationen.Fabio Rossinelli: La philanthropie coloniale des sociétés suisses de géographie au Congo (1876–1908), Schwabe Verlag 2017 (PDF; Archiv). Friedrich Müllhaupt und andere Mitglieder Geographischer Gesellschaften wollten diskutieren, ob die Schweiz selbst zentralafrikanische Stützpunkte erstellen sollte, entschieden sich aber für das Mitgehen mit Leopold. Von 1879 bis 1894 erschien in Genf die Zeitschrift L’Afrique explorée et civilisée. Schweizer Banken finanzierten die Expansion des Königs mit einem Kredit von 150 Millionen Franken. 1889 schloss die Schweiz einen Freundschafts-, Niederlassungs- und Handelsvertrag mit dem Unabhängigen Kongostaat État indépendant du Congo (deutsch Kongo-Freistaat).Kongo (Demokratische Republik), HLS Er regelte auch die Bedingungen, unter denen es Schweizer Bürgern erlaubt war, im Kongo an Bürgerwehren teilzunehmen. Insgesamt fünfzehn Schweizer dienten zu verschiedenen Zeiten zwischen 1896 und 1908 als Söldner im Kongo in der privaten Kolonialarmee Leopolds. Daneben gab es Zivilbeamte; aus La Chaux-de-Fonds sind 19 Zivilbeamte in der späteren Demokratischen Republik Kongo bekannt. Beispiele sind Marc-Edmond Dailledouce (1875–?) und Robert-André Steiger (1885–1971), ein späterer Angestellter von Maggi. Der Genfer Gustave Moynier hatte durch seine Schriften in Europa zur Anerkennung des Kongo durch die europäischen Kolonialmächte an der Kongokonferenz beigetragen.
Französische Fremdenlegion