mini|Yildiz Tüzün (rechts), Bildhauerklasse, Akademie der Schönen Künste, Istanbul, 1962 Yildiz Tüzün (; * 14. Juni 1932 in Silifke, Türkei; † 24. August 2021 in Kornwestheim) war eine deutsch-türkische Bildhauerin und Objektkünstlerin und die ältere Schwester des türkischen Bildhauers Ernur Tüzün (1938–1986).Siehe Ausstellungskatalog, hrsg. von Millî Eğitim Bakanlığı, XXVII. Devlet Resim ve Heykel Sergisi (Galatasaray Lisesi Salonlarında – İstanbul, 20 Temmuz–30 Temmuz 1966) (Ankara: Millî Eğitim Basımevi, 1966; nicht paginiert); Halenur Katipoğlu, MSÜ İstanbul Resim ve Heykel Müzesi Heykel Koleksiyonunun Değerlendirilmesi ve Öneriler (2 cilt; Müzecilik Yüzsek Lisans Tezi, Yıldız Teknik Üniversitesi, Sosyal Bilimler Enstitüsü, Müzecilik Ana Bilim Dalı, 1997), Bd. 1, S. 3 [„Ernur Tüzün“], S. 68 [„Ernur Tüzün: Ressam Zehra’nın başı“], und Bd. 2, S. 458–460 [Biographie: „Ernur Tüzün“].

Yildiz Tüzün, die sich zwischen 1961 und 1975 hauptsächlich Büsten und Skulpturen und nach 1975 Metallobjekten widmete, beschäftigte sich nach 1990 zunehmend kritisch mit der Wegwerfgesellschaft und arbeitete an Installationen und Objekten mit Recycling-Materialien. Hierbei verwendete sie in ihren Arbeiten neben Kunststoff-Verpackungen in erster Linie gebrauchte Kaffeefilter, in Wachs getaucht und übereinander gelegt oder zu Kegeln und Pyramiden geformt, die neue ästhetische Möglichkeiten entfalteten und zu ihrem „Erkennungsmerkmal“ wurdenMax Müller: Kameras, Kaffeefilter und Keramikkunst. Trotz Lockdown kann man rund um die Galerie Nord in Moabit drei spannende Installationen und Ausstellungen entdecken. In: Berliner Morgenpost. 3. März 2021, S. 11.A. S. Bruckstein Çoruh: Nagelscheren, Kaffeesatz – Shifting Patterns. Yıldız Tüzün & Co. (PDF: 579 kB) Essay by A. S. Bruckstein Çoruh, Taswir Essay, October, 2020 (Veröffentlicht am 18. November 2020). Occasioned by the Exhibition „Shifting Patterns“, Galerie Tiergarten Nord. In: taswir.org, abgerufen am 22. September 2021.lei.: In der Galerie „Im Heppächer“: Filterwunder. In: Stuttgarter Zeitung. 24. Juni 2002, Nr. 143, S. 16.Karin Stellwaag: Papier und Kaffeesatz. Jahresausstellung des Künstlerbundes Baden-Württemberg in Ulm. In: Stuttgarter Zeitung. 11. November 1996, Nr. 268.Burkhard Meier-Grolman: Die Schönheit eines Kaffeefilters. Der Künstlerbund Baden-Württemberg im Ulmer Museum. In: Südwest-Presse. 23. Oktober 1996.rv.: Patina und Filtertüten. In der Galerie unterm Turm: Yildiz Tüzün und Christiane Reinhardt. In: Stuttgarter Nachrichten. 13. April 1996, Nr. 86, S. 18.Peter Bausch: Sindelfingen: Verband bildender Künstler Württemberg feiert 70. Geburtstag in der Galerie der Stadt: Kühe, Kaffeefilter und Kanalrohre. In: Sindelfinger Zeitung. 29. November 1994, S. 15.sgr.: Tüzüns Tüten. Ausstellung im Tagblatt-Turm. In: Stuttgarter Zeitung. 1. Dezember 1992, Nr. 278, S. 26. und u. a. bei den (Gruppen-)Jahresausstellungen des Künstlerbundes Baden-Württemberg 1996 und 1997 ausgestellt wurden.

Zu Tüzüns spektakulärsten Arbeiten zählt eine Hochhaus-Skyline aus übereinander gestapelten (Überraschungs-)Eierkartons, hergestellt aus bläulich schimmerndem, transparentem Kunststoff. Sie wird von reinem Weiß bis zu bedrohlichem Rot beleuchtet und erinnert an die Katastrophe des 11. September 2001. Das Hegel-Zitat „Das Wahre ist das Ganze“ an den Glitzertürmen fordert zum verantwortungsvollen und ganzheitlichen Umgang der Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt auf. Diese Installation wurde in der Ausstellung in der Fruchthalle, Rastatt, 19. März–5. Mai 2002: Sandra Eades, Vera von Reitzenstein, Yildiz Tüzün, Marisa Vola, ausgestellt.Martin Mezger: Die ganze Wahrheit der Überraschungseier. Kritisch gefiltert: Arbeiten von Gudrun Partyka und Yildiz Tüzün in der Esslinger Galerie im Heppächer. In: Esslinger Zeitung. 29. Juni 2002.

In den Jahren 1992 und 1995 war Yildiz Tüzün gemeinsam mit ihrem Sohn Avsar Kayi maßgeblich an der Konzeption und Umsetzung zweier internationaler Bildhauersymposien in der Türkei (Istanbul 1992 und Bursa 1995) beteiligt, deren geistige Initiatorin sie war und an denen sie auch teilnahm.

Leben Yildiz Tüzün wuchs in eine osmanische/türkische Bürokratenfamilie hinein, ihr Vater Ahmet Cemal Tüzün (1908–1977) war in den 1930ern ein Verwaltungsinspektor in Silifke, einem wichtigen Verwaltungszentrum in der Südtürkei.İzzet Aslan, Silifke Tarihi [= Die Geschichte von Silifke] (Silifke, 1988), S. 304. „In der Familie herrschte eine weite Atmosphäre, ihren Vater beschreibt Tüzün als einen „sehr wachen Mann“. In seiner freien Zeit schrieb er Artikel für Zeitungen, und oft waren im Hause Journalisten zu Gast, deren großangelegte Diskussionen zu Fragen des Tages wie des Lebens Yildiz fasziniert verfolgte.“Sibylle Maus: Die eine Form: Yildiz Tüzün. In: Reinhardt, Christiane/Tüzün, Yildiz, Yıldız Tüzün – Christiane Reinhardt (Mit einem Vorwort von Sibylle Maus) (Stuttgart: Selbstverlag, 1996), S. 3–4. Ihre Mutter Emine Tüzün (1906–1990), geb. Gölgelioğlu, gehörte der osmanischen Dynastie (Türkisch: hanedan) der Gölgelioğulları in Silifke anEnsar Köse: Silifke’de güçlü bir âyan hânedanı: Gölgeli-Oğulları [Engl.: A powerful Ayan dynasty in Silifke: Gölgeli-Oğulları]. In: Çukurova Araştırmaları Dergisi (Çukurova, 2016), Bd. 2, Nr. 1, S. 8–30. mini|Yildiz Tüzün als Vierjährige mit ihrer Mutter Emine (sitzend) und ihrem Vater Cemal Tüzün (stehend), 1936, in Silifke, Türkei.

Ihre künstlerische Ausbildung erhielt Yildiz Tüzün von 1958 bis 1964 an der Staatlichen „Akademie der Schönen Künste Istanbul“ (İstanbul Devlet Güzel Sanatlar Akademisi, heute Mimar Sinan Üniversitesi) u. a. bei Hüseyin Gezer (1920–2013),Sibylle Maus, „Um eine Zeitlosigkeit zu entwickeln. Zu den Arbeiten von Yildiz Tüzün“ (Unveröffentlichtes Manuskript, 1998), S. 2; zu Gezer, siehe Nurullah Berk und Hüseyin Gezer, 50 Yılın Türk Resim ve Heykeli [= 50 Jahre türkische Malerei und Bildhauerei] (İstanbul, 1973 [= İş Bankası Kültür Yayınları: No. 123]), S. 156–164. einem Schüler des in die Türkei emigrierten Rudolf Belling (1886–1972), welcher mit Unterbrechungen bis 1965 in der Türkei lehrte.Zu Rudolf Belling und seinen jahrelangen Tätigkeit in der Türkei, siehe Berk/Gezer 1973, S. 114–128 „Yildiz Tüzün wird unvergesslich bleiben, wie der große Mann [Belling] über den Entwürfen der Studentin am Boden hockte. Ihre erste Arbeit damals war ein sehr aufrecht stehendes Mädchen, eine fast anderthalb Meter hohe Figuration, in der die archaische Formensprache des Orients und eine okzidentale Aufwärtshaltung von fast Lehmbruckscher Sehnsucht zusammenkamen.“Maus 1996, S. 4; vgl. Maus 1998, S. 2.

Im Jahre 1964 heiratete Yildiz Tüzün den Architekten Sevin Kayi (* 1936) und nahm den Nachnamen Kayi an, den sie nach ihrer Scheidung im Jahre 1986 wieder ablegte (in einigen Quellen wird ihr Name als „Yıldız Kayı Tüzün“ und zeitweise auch als „Yıldız Kayı“ angegeben). Ihre spätere Wahlheimat Stuttgart sollte eigentlich nur ein Aufenthalt auf einer ausgiebigen Europareise 1965 sein, die sie mit ihrem Mann unternehmen wollte. Es wurde eine Lebensstation daraus – mit dem Studium bei Rudolf Daudert (1903–1988) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, mit der Geburt ihrer Söhne Kerem Kayi (* 1966) und Avsar Kayi (* 1967) und mit Trennung von ihrem Mann und Neubeginn. Nach einer fünfjährigen Zäsur in ihrer künstlerischen Ausbildung und Tätigkeit, nahm sie von 1970 bis 1973 ihr Studium der Bildenden Künste bei Herbert Baumann (1927–1990) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wieder auf.Maus 1998, S. 7. Neben ihren Lehraufträgen als Kunsterzieherin und Zeichenlehrerin am Privaten Mädchengymnasium St. Agnes Stuttgart (von 1974 bis 1980) und an der Stuttgarter Volkshochschule (von 1990 bis 2015), wo sie abends bis ins hohe Alter Aktzeichnenkurse erteilte, lag ihr Lebensschwerpunkt in Stuttgart.

Yildiz Tüzün verstarb im August 2021 im Alter von 89 Jahren in Kornwestheim. Zu ihren Geschwistern zählen neben dem bereits 1986 verstorbenen jüngeren Bruder und Bildhauer Ernur Tüzün (1938–1986), die zwei jüngeren Schwestern Piraye Aparı (* 1934) und Yurdanur Başarı (* 1936), die in Istanbul leben.

Yildiz Tüzüns politisches Credo lautete ungebrochen: „Mein Ziel ist die Internationalität. Ich bin als Türkin ein internationaler Mensch“.Maus 1998, S. 9.

Yildiz Tüzün war Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg, von 2002 bis 2021.Yildiz Tüzün. In: kuenstlerbund-bawue.de, abgerufen am 30. Dezember 2021.

Auszeichnungen und Preise

1961: 1. Akademiepreis der Staatlichen Akademie der Schönen Künste, Istanbul, für die in Mersin aufgestellte Atatürk-BüsteBrief vom Gouverneur von İçel/Mersin, Aziz Avman an Yıldız Tüzün (Datiert 23. August 1961, T.C. İçel İli, Özel Kalem, Sayı 86); Gültekin Elibal, Atatürk ve Resim Heykel (Kıral Matbaası, 1973), S. 300.

1962: 1. Preis im Wettbewerb der Staatlichen Akademie der Schönen Künste Istanbul für die Büste von Turhan Emeksiz, aufgestellt im Turhan-Emeksiz-Park (Turhan Emeksiz Parkı) in Adana 1962Milliyet Gazetesi (12 Nisan [= April] 1962); Cumhuriyet (12 Nisan [= April] 1962); Oğuz Topoğlu, “Turan Emeksiz heykeli ve Heykeltıraş Yıldız Tüzün [= Die Turan Emeksiz Skulptur und die Bildhauerin Yildiz Tüzün]”, Hayat. Haftalık Mecmua (19 Nisan [= April] 1962), 7. Jg., Bd. 1, Nr. 17.

1963: 1. Preis im Wettbewerb der Staatlichen Akademie der Schönen Künste Istanbul für die Büste von Ali Ihsan Kalmaz (in Malatya aufgestellt?)„Ali İhsan Kalmaz büstü yarışması dün sonuçlandı [= Der Sieger des Ali Ihsan Kalmaz Büstenwettbewerbs steht seit gestern fest]“, Cumhuriyet (5 Haziran [= Juni] 1963).

1964: 2. Staatlicher Kunstpreis im Wettbewerb der vom Ministerium für Nationale Bildung („Millî Eğitim Bakanlığı“), Ankara, ausgerichteten „25. Staatlichen Ausstellung für Malerei und Bildhauerei“, für die Skulptur „Sitzende Frau“ („Oturan Kadın“)Siehe Ausstellungskatalog des Millî Eğitim Bakanlığı, XXV. Devlet Resim ve Heykel Sergisi (22 Mayıs–22 Haziran 1964) (Ankara: Millî Eğitim Basımevi, 1964), S. 33. 1996: Publikumspreis Ulmer Museum, UlmFrank Knabe, „Publikumspreis für Yildiz Tüzün“, Südwest-Presse (7. Dezember 1996), S. 20; Meier-Grolman, Burkhard, „Die Schönheit eines Kaffeefilters. Der Künstlerbund Baden-Württemberg im Ulmer Museum“, Südwest-Presse (23. Oktober 1996); Stellwaag, Karin, „Papier und Kaffeesatz. Jahresausstellung des Künstlerbundes Baden-Württemberg in Ulm“, in: Stuttgarter Zeitung (11. November 1996), Nr. 268.

Symposien Deutsch-Türkisches Bildhauersymposium, Museum für Bildende Kunst, Istanbul (Türkei), 1992 mini|Platzskulptur „Kimsenin Olmayanlar“ von Yildiz Tüzün vor dem Museum für Bildende Kunst in Dolmabahçe, Istanbul, 1992 mini|Yildiz Tüzün und ihre Platzskulptur „Kimsenin Olmayanlar“, Juli 1992 Der türkische Titel des Deutsch-Türkischen Bildhauersymposiums lautete "Resim Heykel Müzesi/İstanbul Belediyesi: İstanbul Heykeltraşlar Sempozyumu (İstanbul)", 1–30 Juni, 1992, und erstreckte sich über vier Wochen. Im Anschluss an die vier Wochen wurden die Werke der teilnehmenden Künstler im Garten und dem Vorplatz des Museums für Bildende Kunst (İstanbul Resim ve Heykel Müzesi), Istanbul, aufgestellt. Istanbuler Kunstinteressierte und internationale Gäste, die sich im Rahmen des Eurodialoque in Istanbul aufhielten, wurden zur Ausstellungseröffnung am 6. Juli 1992 im Vorgarten des Museums eingeladen, und die Kunstwerke der Symposiumsteilnehmer der Öffentlichkeit feierlich präsentiert. Am Symposium nahmen teil: Erim Bayrı (Türkei), Klaus Duschat (Deutschland), Klaus H. Hartmann (Deutschland), Armin Lambert (Deutschland) und Yildiz Tüzün (Deutschland/Türkei).