De musica bzw. De musica cum tonario ist eine weit verbreitete Abhandlung über die Musik des Mittelalters.
Die Schrift wurde um 1100 vermutlich von einem Johannes CottoAuch John Cotton, Johannes Afflighemensis und zahlreiche andere Schreibweisen. verfasst, über dessen Leben fast nichts bekannt ist. Die Abhandlung enthält u. a. ungewöhnlich präzise Anleitungen für die Komposition des einstimmigen gregorianischen Gesangs und des Organum. De musica cum tonario wurde erstmalig im Jahr 1784 von Gerbert als Kapitel VII des 2. Bandes von Scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum gedruckt.Martin Gerbert: Scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum, Bd. II, St. Blasien 1784, S. VIIIf zu Johannes Cotto, 230–265 mit dem Text. Zahlreiche Nachdrucke sind erschienen, zuletzt 1990. Die Abhandlung besteht aus zwei Teilen, Kapitel I bis XXIII über die Musiktheorie und Kapitel XXIV bis XXVII mit einem Tonar, einer Besprechung der Kirchentonarten (Modi). Demzufolge wird bei den Handschriften zwischen De musica und De musica cum tonario unterschieden.
Eine andere Theorie schreibt De musica cum tonario einem gewissen „Joannes Scolasticus“ zu, einem Mönch der Abtei St. Matthias in Trier. Alles, was wir von ihm wissen, ist, dass er um 1047 lebte und dass er viel Musik schrieb, aber es scheint keinen Grund zu geben, weshalb das Werk nicht von einem unbekannten Engländer namens John Cotton stammen sollte. Nach einer dritten Theorie sei De musica ein Werk von Papst Johannes XXII. (1360–34), aber dies mit der mageren Begründung, dass der Autor sich selbst als „Joannes servus servorum Dei“ bezeichnet. Gerbert hat darauf hingewiesen, dass dieser Titel nicht ausschließlich von Päpsten verwendet wurde, und es ist wenig wahrscheinlich, dass ein Papst einen Bischof mit Hochachtung ansprechen würde. Das Werk ist auch eindeutig früher entstanden, denn es erwähnt, dass Neumen im allgemeinen Gebrauch wären.
Herkunft De musica cum tonario ist eine der am häufigsten kopierten und am weitesten verbreiteten Abhandlungen über die Musik des Mittelalters. Sogar nach 1400 entstanden noch weitere Kopien. Es ist nicht bekannt, wann genau die Abhandlung geschrieben wurde. Wahrscheinlich wurde sie zu Ende des 11. oder zu Beginn des 12. Jahrhunderts verfasst, denn die enthaltenen Kommentare, Beispiele und Vorschläge entsprechen gut der Musik der zeitgleichen St.-Martial-Schule (9. bis frühes 13. Jahrhundert), der Lütticher Schule des 11. Jahrhunderts, dem Codex Calixtinus (12. Jahrhundert) und dem Material im Mailänder Traktat Ad organum faciendum (1050 bis ca. 1100).
Inhalt
Inhaltsverzeichnis Epistola Johannis ad FulgentiumBrief des Johannes an FulgentiusIQualiter quis ad musicae disciplinam se aptare debeatWie man sich für das Studium der Musik vorbereiten sollteIIQuae utilitas sit scire musicam et quid distet inter musicum et cantoremWelchen Sinn es hat, Musik zu verstehen, und was der Unterschied zwischen einem Musiker und einem Sänger istIIIUnde dicta sit musica et a quo et quomodo sit inventaWo der Begriff Musik herkommt und von wem und wie er erfunden wurdeIVQuot sint instrumenta musici soniWelche Musikinstrumente es gibtVDe numero litterarum et de discretione earumÜber die Anzahl der Buchstaben als Notenzeichen und deren UnterscheidungVIQualiter mensurandam sit monochordumWie das Monochord bemessen werden sollVIIUnde dicatur monochordum et ad quid sit utileWoher das Monochord seinen Namen hat und wozu es nütztVIIIQuot modi sint quibus melodia contexiturAus welchen Intervallen sich die Melodien zusammensetzenIXQuot sint vocum discrepantiae et de diapasonWas die unterschiedlichen Noten sind und über die OktaveXDe modis quos abusive tonos appellamusÜber die Modi, die wir ungerechtfertigterweise Töne nennenXIDe tonoribus modorum et finalibus eorumÜber die Rezitationstöne der Modi und ihre FinalesXIIDe regulari cursu modorum atque licentiaÜber den regulären Bereich der Modi und dessen AusweitungXIIISuper graeca notarum vocabula expositioErklärung der griechischen Namen der NotenXIVQuid faciendum sit de cantu qui in proprio cursu deficitWas zu tun ist mit einem Gesang, der einen unregelmäßigen Lauf nimmtXVQuod stultorum ignorantia saepe cantum depravatWie die Torheit der Unwissenden häufig den Gesang verdirbtXVIQuod diversis delectantur modisWie verschiedene Personen von unterschiedlichen Modi erfreut werdenXVIIDe potentia musicae et qui primitus ea in Romana Ecclecia usi sintÜber die Stärken der Musik und wie sie zuerst in der Römischen Kirche verwendet wurdeXVIIIPraecepta de cantu componendoAnweisungen zum Komponieren von GesangXIXQuae sit optima modulandi formaWas die beste Weise zum Komponieren istXXQualiter per vocales cantus possit componiInwiefern es möglich ist, Gesänge über deren Vokale zu komponierenXXIQuid utilitatis conferat neumae a Guidone inventaeWelchen Nutzen die von Guido erfundenen Notenzeichen habenXXIIDe pravo uso abiciendo et superfluis quorundum modorum differentiisÜber die Ablehnung schlechten Gebrauchs und überflüssige Finalklauseln mancher ModiXXIIIDe diaphonia id est organoÜber die Diaphonie, d. h. das OrganumXXIVDe primo modo et eius discipulo cum differentiisÜber den ersten Modus und seinen Schüler mit deren UnterschiedenXXVDe tertio tono et quarto et eorum differentiisÜber den dritten und vierten Modus und deren UnterschiedeXXVIDe quinto et sexto et eorum differentiisÜber den fünften und sechsten und deren UnterschiedeXXVIIDe septimo et octave et eorum differentiisÜber den siebten und achten und deren Unterschiede
Beschreibung De musica cum tonario behandelt eine große Zahl musikalischer Themen. Im Gegensatz zu vielen anderen mittelalterlichen Abhandlungen verzichtet De musica weitgehend auf metaphysische Spekulationen, dient stattdessen als praktische Anleitung für Musiker. Der Autor scheint sich vor allem an die Knaben einer Choralschola zu richten: „... wir sprechen nämlich Jungen an und solche, die noch nicht erwachsen sind“.... pueris enim et nondum perfectis loquimur ... (Kapitel VIII). Er passt in das Bild des musicus, das er in Kapitel II beschreibt: „Ein Beurteiler bereits komponierter Musik, ein Verbesserer fehlerhafter Musik und ein Komponist neuer Musik.“iudicare sciat et falsum corrigere et novum componere.
Das meiste des Quellenmaterials stammt von Guido von Arezzo, aber auch von Boethius, Odo von Cluny, Isidor von Sevilla und Hermannus Contractus. Offenbar kannte Johannes auch De musicaBischof Ellenhard von Freising († 1078) gewidmet und vermutlich zwischen 1068 und 1078 geschrieben. des Aribo Scholasticus.
rechts|600x600px|Intervalle Nach Kapiteln VI und VII über das Monochord und Kapitel VIII über neun konsonante Intervalle (unisonus, Halbton, Ganzton usw.) beschreibt der Autor in Kapitel X bis XII die Kirchentonarten (Modi) und in Kapitel XVI schreibt er ihnen ethische und moralische Werte zu. In Kapitel XI erwähnt Johannes die Tonbuchstaben a, e, i, o, u, H, y und ω für die acht Modi anstelle von römischen Zahlen oder den Bezeichnungen protus, deuterus usw. In Kapitel XVII und XX wird beschrieben, wie Melodien komponiert werden können, indem man die Vokale a, e, i, o, u in den Texten berücksichtigt (a = D, e = E, i = F, o = G, u = a). Kapitel XVIII bis XX behandeln die Komposition des Gregorianischen Chorals, wobei Kapitel XX eine umfangreiche Darstellung von Guidos Theorie ist.
Kapitel XXIII fand besonders großes Interesse bei Musikwissenschaftlern: Eine detaillierte Beschreibung, wie man der Melodiestimme eine Begleitstimme hinzufügen kann. Die meisten seiner Beispiele für dieses sogenannte Organum ergänzen zu jeder Note der Melodie genau eine Note des Organum. Er zeigt, wie man durch gute Melodieführung nicht nur im unisono, sondern auch auf einer Oktave oder Quinte enden kann. Damit führt er die Quinte wieder ein, die von Guido ausgeschlossen wurde, und ebenfalls die Septime. Er empfiehlt auch gegenläufige Verläufe und erlaubt, dass sich die Stimmen überkreuzen – im Gegensatz zum parallelen Organum der vorausgegangenen Jahrhunderte. Im vorletzten Satz erwähnt er auch kurz die Möglichkeit, einem Ton der Melodie mehrere Töne im Organum zu unterlegen. Er schafft damit neue Möglichkeiten für den Komponisten oder Improvisateur. Das Komponieren wurde damit zu einem kreativen Vorgang und Polyphonie eine neue Form der musikalischen Kunst.Richard H. Hoppin: Medieval Music (Serie: The Norton Introduction to Music History), New York 1978, ISBN 978-0-393-09090-1, S. 196.
Für Johannes ist die Ästhetik wichtig, denn eine Melodie muss dem Sinn des Textes entsprechen. Er analysiert die Phraseologie eines Gesangs (Kapitel X) und empfiehlt, dass die Melodie zur Finales führen sollte, wenn der Sinn der Worte eine Pause erfordert (Kapitel XIX). Musikalische Wiederholung kann vorteilhaft sein, um einen Gesang abzuschließen (Kapitel XVIII).
Die Abhandlung bietet Einblicke in den Arbeitsalltag eines Musikers des 11. Jahrhunderts und ist wohl die am besten lesbare und leicht verstehbare mittelalterliche Einführung in das Gesangsrepertoire.
Manuskripte Das Manuskript, von dem Gerbert seine Ausgabe druckte, wurde 1768 bei einem Feuer im Kloster St. Blasien (Schwarzwald) vernichtet. Da De musica aber immer wieder kopiert wurde, finden sich auch heutzutage noch mehrere mittelalterliche Handschriften mit diesem Text in Sammlungen und Bibliotheken. Die neue Textausgabe, die 1951 von Joseph Smits van Waesberghe herausgegeben wurde, berücksichtigt 14 Handschriften, von denen sechs den Tonarius nicht enthalten, selbst wenn sie im Inhaltsverzeichnis die Kapitel XXIV bis XXVII nennen, in denen das Tonar zu finden ist.Basel, Universitätsbibliothek F. IX. 36, 12./14. Jh., fol. 2v–64v; Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. Diez B Sant. 151, 13. Jh., eventuell aus den Niederlanden; London, British Museum, Cotton MS Vespasian A II, Mitte 12. Jh., aus England, f. 131r-138v (unvollständig); Rom, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Reg.lat.1196, 12. Jh., aus Frankreich oder Italien, f. 11r–40v; Regensburg, Bischöfliche Zentralbibliothek, Proskesche Musikabteilung, D-Rp Th 98, datiert 1471, enthält auf S. 258–261 die Kapitel XVI–XIX und XXIII; Stift Rein, Hs 21, 12. Jh., f. 19r–47r, beschriftet als Johannes Fulgentio …; Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2502, 12. Jh., aus Süddeutschland, f. 28v–37r. In allen diesen Fällen handelt es sich um Sammelhandschriften, in denen Texte verschiedener Autoren enthalten sind. Da Tonare weit verbreitet waren, konnte darauf verzichtet werden, auch ein Tonar in die Handschrift aufzunehmen. Sieben der Handschriften mit De musica des Johannes enthalten ein Tonar, bisweilen aber das Tonar eines anderen Autors. Bei fünf von diesenErfurt, Bibliotheca Amploniana, CA oct. 93, 14. Jh., f. 9r–35v; Erfurt, Bibliotheca Amploniana, CA oct. 94, 14. Jh., f. 2r–22r; Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Ashb.1051, aus Flandern, f. 75v-88v; Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Karlsruhe 505, 12./13. Jh., aus dem Kloster Michelsberg nahe Bamberg, f. 2r–40v; Leipzig, Universitätsbibliothek, Ms 79, frühes 12. Jh., Zisterzienserabtei Pforte, bereits im 12. Jh. an Kloster Altzella weitergegeben, f. 97r–120r. handelt es sich dabei tatsächlich um den Tonar von Johannes Cotto. Eine zweite Handschrift in WienÖsterreichische Nationalbibliothek, Cod. 51, Ende 12. Jh., f. 62r–72v, aus Süddeutschland. enthält Teile von Bernos Tonar und wird einem Iohannes Cotto Trevirensis zugeschrieben. Der Autor des Tonars, das der Handschrift in der Bayerischen Staatsbibliothek München angefügt ist, ist nicht bekannt.Bayerische Staatsbibliothek, Clm 2599, ab fol. 77v. Diese Handschrift ist aus dem 13. Jahrhundert und stammt aus dem Kloster Aldersbach. In der Universitätsbibliothek der LMU München findet sich eine weitere Handschrift.Universitätsbibliothek, oct. 375, f. 8v–32v De musica, f. 35r–39v Tonarius.