mini|hochkant=1.2|Der Kuss (Ölgemälde von Francesco Hayez, 1859), Pinacoteca di Brera, Mailand mini|hochkant=1.2|Ein Paar küsst sich am Strand.
Der Kuss oder das Küssen ist ein meist mit dem Mund, selten auch der Nase, ausgeführter ritueller Körperkontakt mit einem Lebewesen oder einem Objekt. Seine Bedeutung ist kulturell und kontextuell sehr unterschiedlich und kann als Ausdruck von Liebe, Freundschaft, Ehrerbietung oder Unterwerfung verstanden werden.
Die wissenschaftliche Erforschung des Kusses nennt man Philematologie (von griechisch φίλημα phílēma „Kuss“).
Ethologie bzw. Philematologie Küssen beschränkt sich nicht nur auf Primaten. Forscher dokumentierten entsprechendes Verhalten bspw. auch bei Wölfen, Präriehunden, Eisbären und Galapagosalbatrossen. Küssen tritt häufiger bei Arten auf, die mehrere Partnerschaften führen.
Bei Menschen ist Küssen eine Kulturpraxis, die nicht überall verbreitet ist. Eine weltweit durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass von 168 menschlichen Kulturen nur bei 46 % das Küssen verbreitet ist und bei einigen sogar als „eklig“ empfunden wird.
Geschichte Laut einer Ende 2025 publizierten Studie der Universität Oxford ist Küssen als Teil der soziokulturellen Evolution des Menschen vor 21,5 bis 16,9 Millionen Jahren bei den gemeinsamen Vorfahren der Großaffen (Hominidae) entstanden.Matilda Brindle, Catherine F. Talbot und Stuart West: A comparative approach to the evolution of kissing. In: Evolution and Human Behavior. Online-Vorabveröffentlichung vom 19. November 2025, 106788, doi:10.1016/j.evolhumbehav.2025.106788.Ape ancestors and Neanderthals likely kissed, new analysis finds. Pressemitteilung der Universität Oxford vom 19. November 2025.
Die älteste künstlerische Darstellung eines Kusses ist rund 11.000 Jahre alt und stammt aus der Levante. Es handelt sich um eine Kalzit-Skulptur, auf der ein menschliches Paar mit sich berührenden Lippen beim Geschlechtsverkehr dargestellt wurde. Verwahrort ist das British Museum in London.
Entstehungstheorien Viele Tiere nehmen Kontakt im Kopfbereich auf, um durch die im Bereich des Mundes vorhandenen Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinne möglicherweise Informationen aufzunehmen, die für Partnerwahl oder andere soziale Interaktion wesentlich sein könnten. Bei vielen Tieren, aber auch einigen noch ursprünglich lebenden Völkern wird von Müttern zudem vorgekaute Nahrung von Mund zu Mund an ihre Kinder weitergegeben. Manche Forscher sehen dies als den biologischen Ursprung des Küssens an.Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Seehamer Verlag, Weyarn 1997, S. 195 ff., ISBN 3-932131-34-7.Adriano R. Lameira: The evolutionary origin of human kissing. In: Evolutionary Anthropology. Online-Vorabveröffentlichung vom 17. Oktober 2024, e22050, doi:10.1002/evan.22050.
Gegen die Annahme, der romantisch-sexuelle Kuss sei eine angeborene, universelle menschliche Eigenheit, wurde jedoch eingewandt, dass keineswegs in allen Kulturen und von allen Ethnien geküsst wird.William R. Jankowiak, Shelly L. Volsche und Justin R. Garcia: Is the Romantic–Sexual Kiss a Near Human Universal? In: American Anthropologist. Band 117, Nr. 3, 2015, S. 535–539, doi:10.1111/aman.12286.Marvin K. Opler: Cross-Cultural Aspects of Kissing. In: Medical Aspects of Human Sexuality. Band 3, Nr. 2, 1969, S. 20–21, Volltext (PDF).
Einige Forscher gehen davon aus, dass sich das Küssen zuerst in einigen höheren Gesellschaftsschichten etablierte und sich von dort als Statusverhalten nach unten verbreitet hat.National Geographic, Februar 2016, S. 29.
Der Kuss in der Antike Der griechische Begriff φίλημα ist abgeleitet vom Verb phileīn (). Es hat im Griechischen also ursprünglich kein eigenes Wort für den Kuss gegeben.
In der Literatur der Antike ist bei Homer der Kuss als Zeichen starker Empfindung beim Abschied, bei der Begrüßung und der Bitte belegt, aber noch nicht auf den Mund. Der Liebeskuss ist erst später bezeugt, beispielsweise bei Aristophanes.
Der Kuss im Christentum mini|hochkant|„Mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn“, Skulptur Jesu und des Judas in der Scala Santa von Ignazio Jacometti (1852)
Die alte christliche Kirche kannte den Friedenskuss als Zeichen einer vollständigen Versöhnung.Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892 Ivan Illich beschreibt die frühchristliche Praxis: „Diese Menschen kamen zu einer Feier zusammen, die zwei Höhepunkte hatte: einer war die conspiratio (…) mit der Bedeutung von spiritus, Geist, der höchsten Form der Innerlichkeit. Diese conspiratio kam im Mund-zu-Mund-Kuss, dem osculum zum Ausdruck. (…) Das osculum benutzte man [im Römischen Reich] nur als Rechtsmittel. (…) Die Christen übernahmen die Symbolik als Zeichen, dass jeder der Anwesenden um den Esstisch von seinem eigenen Geist, vom Heiligen Geist, der allen gemeinsam war, einen Beitrag dazu leistete, eine spirituelle Gemeinschaft zu schaffen, eine Gemeinschaft aus einem Geist. Dann setzten sie sich hin und teilten miteinander das Mahl. Dieser einfache Esstisch war die zentrale liturgische Zeremonie, bei der die ecclesia, das Zusammenrufen – das bedeutet das Wort – Leib und Seele bekam. (…) Im 4. Jahrhundert (…) war eine körperliche Berührung dieser seltsamen Art bereits suspekt, und man änderte ihren Namen in osculum pacis und schließlich in pax allein.“Ivan Illich: In den Flüssen nördlich der Zukunft; letzte Gespräche über Religion und Gesellschafft. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54214-X, S. 242.
In den orthodoxen Ostkirchen ist noch heute der Osterkuss üblich.Osterkuss
Judaskuss oder Todeskuss Nach verriet der von Jesus von Nazaret berufene Apostel Judas Iskariot diesen an die von den Hohenpriestern ausgesandte Truppe mit einem Kuss, der als Erkennungszeichen vorher verabredet worden war. Daher bezeichnet man heute einen geheuchelten Kuss oder eine andere derartige Geste, hinter der sich statt Freundschaft Feindschaft und böse Absicht verbergen, als „Judaskuss“ oder „Todeskuss“.
Dies spiegelt sich wider in Kriminalfilmen und Erzählungen mit Mafia-Hintergrund, in denen ein Kuss als Todesdrohung verwendet wird, siehe Der Todeskuß, Kiss of Death und Der Pate.
Mittelalter Im Mittelalter hatte der Kuss große Bedeutung: Er besiegelte die Abhängigkeit zwischen Lehnsherren und Untergebenem. Auch der Verlobungskuss hatte damals rechtlich bindende Wirkung.Augsburger Allgemeine vom 6. Juli 2010, anlässlich des Weltkusstages (Internationaler Tag des Kusses).
Auch der Zungenkuss war im Mittelalter bekannt, allerdings handelte es sich „im Mittelalter nur [um] eine seltene Form des Liebesspiels“Vgl. Peter Dinzelbacher: Das sexuelle Verhalten im Mittelalter I: Der Zungenkuß. In: Mediaevistik. Band 31, 2018, S. 61–68, hier: S. 66.. Der Zungenkuss war zudem „für die meisten Christen negativ konnotiert, einerseits durch die kirchliche Einstellung zur sexuellen Lust an sich tabuisiert, andererseits mit dem Verhalten von Ehebrecherinnen und Dirnen assoziiert und schließlich sogar als ketzerisch gebrandmarkt“.
Kussarten Küsschen Als Küsschen oder Busserl (Bussi) bezeichnet man einen Kuss mit fast geschlossenen Lippen auf die Wangen oder auch Lippen des Gegenübers. Wird er auf die Wange oder auch nur mit dem seitlichen Mundrand an die Wange gegeben, kann er auch Wangenkuss, Wangenküsschen oder – besonders wenn er nur angedeutet ist – Akkolade heißen.Martin Bewerunge: Lippenbekenntnisse, in: RP Online, 6. Juli 2019, (online, abgerufen am 7. Januar 2021). Bei Küsschen auf den Mund werden die Lippen etwas nach außen gewölbt, um eine größere Lippenfläche für den Kusspartner bereitzustellen. Oft werden solche Küsse auch unter engen Freunden und Verwandten praktiziert, auch als „Gutenachtkuss“.
Stirnkuss Beim Stirnkuss wird sanft und manchmal – in Eile bei einer Verabschiedung – flüchtig auf die Stirn geküsst, beides aber nur bei Menschen, die der küssenden Person nahestehen, also denen sie sich besonders zugeneigt fühlt. Er gilt normalerweise als Zeichen der Zuneigung, des Respekts und der Verbundenheit. Er soll oftmals und kann daher besonders Geborgenheit für die geküsste Person vermitteln.Die schönste Sprache im Sommer, in: B.Z. Berlin, 11. Juni 2004, (online, abgerufen am 7. Januar 2021).Was die Kussart verrät. 19 verschiedene Arten zu schmusen, in: Blick, 3. November 2020, (online, abgerufen am 7. Januar 2021).Elisabeth Brandlmaier: Was bedeutet ein Kuss auf die Stirn?, in: woman, 17. April 2017, (, abgerufen am 7. Januar 2021).
Luftkuss mini|120px|Luftkuss
Symbolisch angedeutet überbrückt der Luftkuss von den Lippen über die Handfläche gehaucht größere Distanzen. Hierbei wird zuerst in die Handinnenfläche geküsst. Danach wird diese nach oben gehalten und der „Kuss“ in Richtung des zu Küssenden gepustet. Diese Geste wird oft zwischen Freunden und Verwandten verwendet.
Nippen Beim Nippen werden die Lippen beim Beenden des Kusses nicht vollständig geschlossen. Stattdessen wird der Mund etwas offen gelassen, um beim Trennen der Lippen die Oberlippe oder Unterlippe des Partners mit den eigenen Lippen – eventuell auch mit sanftem Einsatz der Zähne – zu fangen und kurz zu halten. Hierbei handelt es sich um einen spielerischen Abschluss des Kusses.
Zungenkuss mini|Zungenkuss
Ein Zungenkuss (auch französischer Kuss, florentinischer Kuss oder Seelenkuss) ist ein Kuss, bei dem die Zunge des Partners mit der eigenen Zunge berührt wird.Zungenkuss. In: Die Zeit. Ausgabe 17, 2000, abgerufen am 28. Februar 2009. Presseportal vom 1. Oktober 2004. Neben dem Berühren der Zungen kann auch das Saugen an Ober- oder Unterlippe des Partners,Margit Tetz: „Bei den meisten Partnern sind Zungenküsse der Ausgangspunkt für sexuelle Handlungen“ (Vorspiel). Daher in der Sexuallahre der röm. kath. Kirche als Todsünde eingestuft; siehe Heribert Jone. wie das Aufeinanderpressen der beiden geöffneten Münder, dazugehören. Häufig sind Zungenküsse Ausgangspunkt weiterer nachfolgender sexueller Handlungen. Neben dem Menschen sind Bonobos und Orang-Utans die einzigen Primaten, bei denen Zungenküsse beobachtet wurden.vgl. Frans de Waal, Frans Lanting: Bonobo. The forgotten ape. 1998, ISBN 0-520-21651-2, S. 103.
Halskuss Beim Halskuss wird der Hals geküsst. Halsküsse gelten ebenfalls – wie Zungenküsse – als ziemlich intime Küsse, da sie i. d. R. an erogenen Zonen des Halses gegeben werden, die 90 % der Frauen und auch die meisten Männer am Hals aufweisen.
Schmerzkuss Einige Menschen beziehen aus Schmerzen sexuelle Erregung (vgl. BDSM). Bei diesem Kusstyp handelt es sich jedoch nicht um einen Kuss im eigentlichen Sinne, sondern um einen leichten Biss, welcher etwa in die Lippen, den Hals, die Nase oder auf den Nacken erfolgt und unterschiedlich intensive Schmerzreize hervorruft.
Dabei können aber Zwischenformen zum Kuss im eigentlichen Sinne praktiziert werden, sodass also zum Lippen- und evtl. Zungeneinsatz noch die Zähne zum schwächeren oder stärkeren Kneifen oder Knabbern eingesetzt werden.
Intimkuss Als Intimkuss werden Küsse auf primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale und -organe wie Brustwarze, Penis, Vulva und Anus verstanden. Küsse im Bereich der erogenen Zonen werden meist intensiver wahrgenommen, da diese sexuell erregen können. Intimküsse können als erotisches Vorspiel oder auch als alleinige Form des Oralverkehrs eingesetzt werden.
Handkuss
Ein Handkuss ist ein vollendeter oder bewusst unvollendeter Kuss auf den Rücken einer vom Adressaten meist eigens dafür hingehaltenen Hand. Er kann unter anderem aus Respekt, Unterwürfigkeit oder Liebe gegeben werden. Entweder verneigt sich der Küssende dabei, wenn er seine Untergebenheit betont, oder nur ein wenig und führt dabei vielmehr die Hand zum Mund, um z. B. zum Flirt den Blickkontakt zu halten.
Fußkuss