mini|hochkant|Moderne Rekonstruktion einer yazh. Der Yali-Kopf am Halsende soll die Verbindung zur alttamilischen Tradition betonen. Yazh (, yāḻ), auch yaazh, yal, yarl, ist eine historische Bogenharfe, die von besonderer Bedeutung für die alttamilische Musik Südindiens war und in der Sangam-Literatur beschrieben wird. Demnach besaß die yazh ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. einen Resonanzkörper aus Holz mit einer Decke aus Tierhaut und je nach Ausführung zwischen 7 und 21 Saiten. Mit vina, der allgemeinen Sanskrit-Bezeichnung für Saiteninstrumente, waren in Nordindien zur selben Zeit bis zu ihrem Verschwinden in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends ebenfalls Bogenharfen gemeint. Im Unterschied zu den in Nordindien vergessenen Bogenharfen wird die obsolete yazh im Süden bis heute als Teil der tamilischen Kulturtradition gewürdigt.
Herkunft Bei einer Harfe stehen die Saiten in einer Ebene senkrecht auf der Decke und verlaufen bis zu ihren Befestigungspunkten am oberen Bereich des Saitenträgers. Die von der Winkelharfe abgegrenzte Bogenharfe ist nach ihrer äußeren Form definiert, die vom Resonanzkörper bis zum Ende des Halsstabes eine gleichmäßige Krümmung bildet. Dass sich an der Innenseite am Übergang von der Decke zum Hals ein stumpfer oder rechter Winkel ergibt, ist für die Zuordnung nicht maßgeblich. Wegen dieser äußeren Bogenform ist die entwicklungsgeschichtliche Herleitung der Bogenharfe vom Musikbogen naheliegend, der in seiner einfachsten Gestalt als Mundbogen nur aus einer über einen gebogenen Stab gespannten Saite besteht.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. (Berlin 1928) Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 144 Ein solcher Mundbogen hieß in altindischer Zeit vermutlich pinaki vina, benannt nach pinaka, dem Jagdbogen und Attribut Shivas. Für den Bau einer Bogenharfe musste der beim Musikbogen angehängte Resonanzkörper in den Stab integriert und die Saitenzahl erhöht werden. Ein Übergangsstadium auf dem Weg zur Bogenharfe verkörpert die seltene ostafghanische waji.
Die älteste Abbildung einer Bogenharfe ist eine mesopotamische Tontafel vom Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. Ein Rollsiegelabdruck auf ungebranntem Ton aus Tschoga Misch, datiert 3400 v. Chr., enthält die älteste Abbildung einer Bogenharfe in Iran. Weitere Abbildungen im 3. Jahrtausend in Iran zeigen Bogenharfen mit anderen Musikinstrumenten bei komplexen Ritualen.Bo Lawergren: Music History. i. Pre-Islamic Iran. In: Encyclopædia Iranica, 20. Februar 2009 Seit dem 3. Jahrtausend gab es nachweislich Bogenharfen auch im Alten Ägypten. In beiden Regionen wurden Bogenharfen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. durch Winkelharfen abgelöst, die nachfolgend bis zum Mittelalter im arabisch-persischen Raum tschang genannt wurden. In Indien wurden Winkelharfen nie heimisch, dafür überlebten die Bogenharfen dort bis ins 1. Jahrtausend n. Chr.
In Südasien erscheint die Bogenharfe zunächst auf einem einzigen Siegel der Indus-Kultur.Karaikudi S. Subramanian: An Introduction to the Vina. In: Asian Music, Band 16, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1985, S. 7–82, hier S. 7 Das in Mohenjodaro gefundene quadratische Siegel enthält jedoch nur ein Piktogramm, das als Bogenharfe mit drei Saiten gedeutet wird, während aus jener Zeit (2600–1900 v. Chr.) von Mesopotamien zahlreiche Abbildungen mit Bogenharfen überliefert sind. Andere Musikinstrumente der Indus-Kultur waren den Fundobjekten zufolge Fasstrommeln, kleine Sanduhrtrommeln und im Spielzeugformat kleine Gefäßflöten aus Ton.T. S. Subramaniam: Asiaville, 3. Dezember 2020 Die Indusschrift, zu der dieses Piktogramm gehört, wurde bisher noch nicht entziffert, weshalb das Wort für „Harfe“ nicht bekannt ist. Nur während der genannten Zeitspanne der städtischen Indus-Kultur gab es die Indusschrift, ebenso wie Musikinstrumente, die nach dem Zerfall der Induskultur ab 1900 v. Chr. nicht mehr vorkommen.Bo Lawergren: Sounds of the Ancient World: Harps Across Time and Space. In: Annie Caubet (Hrsg.): Idols. The Power of Images. Palazzo Loredan / Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venedig 2018, S. 53–57, hier S. 57, Abb. 9h auf S. 55
Erst mit dem Beginn der vedischen Zeit werden sprachliche Verbindungen zwischen Mesopotamien und Indien erkennbar. Sumerisch bana und Mittelvedisch vana bedeuten „Bogenharfe“, ferner etwa Sumerisch dimmaršu (Musikinstrument) und Sanskrit damaru (kleine Ritualtrommel) oder Sumerisch saĝara und Sanskrit svara (Tonstufe). Insgesamt stehen von 60 sumerischen Wörtern zum Thema Musik rund 30 in einer phonetischen und semantischen Beziehung zu Sanskrit-Wörtern.Shail Vyas: Indus Musicians in Mesopotamia. Bull Lyre of Indus Valley and 90 words that Harappans May Have Spoken. In: SocArXiv, 11. März 2020, S. 12f Zwischen einem sumerischen Siegel um 2800 v. Chr. mit dem Schriftzeichen einer Bogenharfe und den altvedischen Überlieferungen im Rigveda ab 1500 v. Chr. liegen aber über 1000 Jahre. Inwiefern über die räumliche und zeitliche Distanz Beziehungen zwischen den mesopotamischen und vedischen Bogenharfen bestanden, bedarf noch der genaueren Klärung.
Im Rigveda werden vier Namen von Musikinstrumenten erwähnt: aghati (Zimbeln zur Tanzbegleitung), bakura (Blasinstrument, wahrscheinlich Schneckenhorn, ab der mittelvedischen Zeit shankha), gargara und vana. Curt Sachs (1940) hält gargara für ein Saiteninstrument, vielleicht eine Bogenharfe, und vana für eine Flöte (wie venu, eine andere Bezeichnung für die südindische Flöte kuzhal).Curt Sachs, 1940, S. 152 Den Ausdruck gargara, der nur einmal im Rigveda zum Lobpreis des Kriegsgottes Indra vorkommt, übersetzt Rinki Deka (2021) jedoch als ein im Krieg verwendetes Geräuschinstrument, vielleicht eine Trommel.Rinki Deka: Military Music Used in Vedic Warfare. In: International Journal of Research, Band 8, Nr. 5, Mai 2021, S. 359–366, hier S. 361 Andere Forscher hingegen folgen Alastair Dick und halten gargara, das in Sanskrit allgemein „Wirbel, Strudel“ oder „Wassertopf“ bedeutet, ebenfalls für ein Saiteninstrument, möglicherweise für einen Musikbogen mit einer Kalebasse oder einem Tontopf als Resonanzverstärker (damit dem südindischen villadi vadyam vergleichbar) und dem vedischen Begriff karkari entsprechend.Alastair Dick: Vīṇā. 1. Early history. (1984) In: Grove Music Online, 2001; Alastair Dick: Gárgara. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 Karkari wird als eine Art Zwischending aus Musikbogen, Erdbogen und Bogenharfe interpretiert.Alastair Dick: Karkarí. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016
mini|hochkant|Shunga-zeitliche Terrakottatafel mit einer Tänzerin und einem Bogenharfe spielenden Musiker. Nordindien, 1. Jahrhundert v. Chr. mini|hochkant|Göttin Sarasvati mit einer Bogenharfe. Steinrelief aus der Gegend von Mandsaur, Madhya Pradesh, 3. Jahrhundert n. Chr. Mit dem Resonanzkörper an ihrer linken Seite zupuft Sarasvati die Saiten mit beiden Händen. Die Identifikation von vana mit Flöte im Rigveda basiert auf einer Stelle, in der vana geblasen wird, und der Verbindung mit Sturmgöttern, also mit Wind.Alastair Dick: Vāṇá. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 Vana wird in den späteren Srautasutras mit vina gleichgesetzt, bezeichnete also die Bogenharfe. Die Srautasutras bilden eine Gruppe von vedischen Lehrtexten (Sutras), die von den geoffenbarten Schriften (Shrutis) abgeleitet sind. Laut der Liste vedischer Begriffe von Arthur Anthony Macdonell und Arthur Berriedale Keith (1912) bedeutet der im Rigveda und Atharvaveda vorkommende Ausdruck vana anfangs im weitesten Sinn „Instrumentalmusik“ und erst in den späteren der darin enthaltenen Textgruppen Samhita und Brahmanas „Bogenharfe“. Dem Rigveda zufolge produzierte dieses Instrument sieben Töne. Außerdem wird erklärt, dass es 100 Saiten (sata-tantu) habe.Arthur Anthony Macdonell, Arthur Berriedale Keith: Vedic Index of Names and Subjects. Band 2. John Murray, London 1912, S. 283 Den Beschreibungen nach besteht die Harfe aus einem gebogenen Stab und einer hölzernen Schale mit einer Decke aus Haut. Die Bezeichnung satatantu vana oder satatantri vina erscheint unrealistisch, mit „100 Saiten“ waren vermutlich auch nicht bloß „sehr viele Saiten“ gemeint, denn es heißt, jeweils zehn Saiten sollten an einer Stelle befestigt sein und aus einer bestimmten Grassorte bestehen. Da gebündelte Gräser als Saite für ein Musikinstrument ungeeignet sind, vermutet Monika Zin (2002), satatantri könnte sich auf ein Ritualobjekt bezogen haben. Eine siebensaitige Bogenharfe (mit sieben Tönen, wie es in den Veden heißt) entspricht hingegen eher den frühen Abbildungen.Monika Zin, 2002, S. 326
Nach der im Rigveda erzählten Überlieferung soll Narada, ein Rishi (mythischer Weiser) und Sohn Brahmas, die vina erfunden, das heißt vom Himmel auf die Erde gebracht haben. Narada gilt als Götterbote und Herr der himmlischen Musikanten (Gandharvas). Mit seiner vina wandelte er an den Ufern des Ganges und ließ die Musik der sieben himmlischen Sphären erklingen. In seinen Fußstapfen folgen die wahren indischen Musiker, so schwärmt die irische Kennerin der indischen Musik, Maud MacCarthy (1911).Maud MacCarthy: Some Indian Conceptions of Music. In: Proceedings of the Musical Association, 38th Session. 1911–1912, S. 41–65, hier S. 47 (zu Maud Mac Carthy, 1882–1967: Michael Dervan: Ireland’s forgotten violinist who was buried at Glastonbury. The Irish Times, 1. Januar 2019) Im Ramayana wird Narada erwähnt, wie er Preislieder auf Vishnu singt und sich auf einer mahati vina begleitet. Im anderen großen altindischen Epos, dem Mahabharata, wird Draupadi (hier mit dem Namen Panchali) genannt, die ihren Gemahl Bhima anspricht, mit einer Stimme so süß wie der Klang der vina.Karaikudi S. Subramanian, 1985, S. 9
Im Jaiminiya-Brahmana (Teil des Samaveda) aus der mittelvedischen Zeit vor dem 6. Jahrhundert v. Chr., also früher als die ersten genaueren Abbildungen von Bogenharfen, werden deren Bauteile beschrieben. Demnach besaß die Bogenharfe (satatantri vina) sieben Saiten (tantri), einen Halsstab (danda), einen Resonanzkörper mit einer Decke (suna) aus Tierhaut, Schalllöcher (carma), einen Gurt (upavana), um das Instrument zu tragen, und ein Plektrum (vadana, bestehend aus vetasa, Rattan, Calamus rotang), wie es in der Śankhayana Śrauta Satra heißt. Darin wird näher ausgeführt, dass der Resonanzkörper aus palasa-Holz (Malabar-Lackbaum, Butea frondosa) und der Hals aus udumbara-Holz (Ficus glomerata) oder andersherum besteht. Udumbara ist in den Veden ein für Rituale verwendetes Holz und kommt in seiner religiösen Bedeutung dem Bodhibaum (Pappel-Feige, Ficus religiosa) im Buddhismus gleich. Emmie te Nijenhuis (1970) liest „100 Saiten aus Schafshaut“, die zu kleinen Streifen gedreht und am unteren Ende des danda befestigt sind (vielleicht weil der Stab im Resonanzkörper steckt oder dieser seitlich am Stab fixiert ist, ähnlich wie bei der waji). Am oberen Ende des danda sind die Saiten festgebunden. Nijenhuis erwähnt auch die andere Stelle, an der von einem Instrument satatantu bana mit Saiten aus Gras berichtet wird.Emmie te Nijenhuis, 1970, S. 78