Die Chinesische Akademie für Flugkörpertechnologie (), aus historischen Gründen auch „Dritte Akademie“ (三院) genannt, ist die Führungsgesellschaft der China Aerospace Science and Industry Corporation (CASIC) für das Geschäftsfeld Seezielflugkörper. Der Hauptsitz der Akademie für Flugkörpertechnologie befindet sich im Straßenviertel Yungang des Pekinger Stadtbezirks Fengtai.
Geschichte 1. Zweiginstitut Die Chinesische Akademie für Flugkörpertechnologie geht – ebenso wie die Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie – auf das am 16. November 1957 im Zusammenhang mit dem Übereinkommen zwischen der Chinesischen Regierung und der Regierung der Sowjetunion über die Herstellung neuartiger Waffen und militärischer Ausrüstung sowie den Aufbau einer umfassenden Atomindustrie in China gegründete 1. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts des Verteidigungsministeriums zurück. In besagtem Übereinkommen war unter anderem festgelegt, dass die Sowjetunion die Volksrepublik China bei der Entwicklung ballistischer Raketen, Flugabwehrraketen und Seezielflugkörper unterstützen würde.
Der Hauptsitz des 1. Zweiginstituts befand sich auf dem Gelände einer Flugzeugfabrik aus der Qing-Dynastie im Straßenviertel Donggaodi, damals ein südlicher Vorstadtbereich von Peking. Gut 20 km weiter westlich, im heutigen Straßenviertel Yungang, wurde eine Kaserne gebaut, wo ab dem 24. Dezember 1957 die sowjetischen Experten untergebracht waren, die zunächst zwei Musterexemplare der Kurzstreckenrakete R-2 nach Peking gebracht hatten, später dann auch Flugabwehrraketen vom Typ S-75. In der Kaserne befanden sich auch das Labor für Aerodynamik (空气动力研究室) und das Labor für Staustrahltriebwerke (冲压发动机研究室) des 1. Zweiginstituts, außerdem fand dort die Ausbildung der chinesischen Soldaten statt, die die Waffensysteme bedienen sollten.
mini|Admiral Su Zhenhua (1955) Im September 1958 begann die sowjetische Führung zu realisieren, dass Mao Zedongs Befürwortung eines Atomkriegs am 17. Mai des Jahres absolut ernst gemeint war – die Volksrepublik China beabsichtigte, Raketen und Kernwaffen nicht nur zur Abschreckung zu verwenden, sondern tatsächlich einzusetzen, wobei laut Mao der Tod von zwei Dritteln der Weltbevölkerung in Kauf genommen wurde, um den Kapitalismus endgültig zu eliminieren. Daraufhin wurde die technologische Unterstützung schrittweise zurückgezogen.Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 118–120 und 124–127. Bei den weniger problematischen Seezielflugkörpern funktionierte die Zusammenarbeit jedoch für eine Weile noch recht gut. Am 4. Februar 1959 unterzeichneten Admiral Su Zhenhua, Politkommissar der chinesischen Marine, und Wassili Alexandrowitsch Archipow, der zuvor als leitender Militärberater in China tätig gewesen war, in Moskau das „Übereinkommen über die Gewährung von Unterstützung durch die Regierung der Sowjetunion an die chinesische Marine bei neuartigen Technologien für den Bau von Seefahrzeugen“ (关于苏联政府给予中国海军制造舰艇方面新技术援助的协定). Eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet war bereits in dem Übereinkommen vom 16. November 1957 festgelegt, nun wurde die konkrete Lieferung von Waffensystemen vereinbart. Neben U-Booten des Projekts 629 und des Projekts 633 ging es dabei auch um Flugkörperschnellboote des Projekts 205 und des Projekts 183 sowie die Lieferung von zwei Musterexemplaren des Seezielflugkörpers P-15.
Die für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen, nach dem Start mittels Feststoff-Booster von einem Flüssigkeitsraketentriebwerk angetriebenen Marschflugkörper wurden vertragsgemäß geliefert. Dann beschloss die sowjetische Regierung jedoch am 20. Juni 1959 offiziell, die technologische Unterstützung für China einzustellen. Die Dokumentation für die P-15 kam nie in China an. Daraufhin beschloss man, auf der Basis der Musterexemplare mittels Reverse Engineering einen eigenen, von der Küste aus gestarteten Seezielflugkörper zu entwickeln, der zunächst nur „544“ genannt wurde. Zu diesem Zweck wurde am 26. April 1960 innerhalb des 1. Zweiginstituts die Hauptentwicklungsabteilung für Seezielflugkörper (海防导弹总体设计部) gegründet, auch bekannt als „4. Entwicklungsabteilung“ (第四设计部), mit Räumlichkeiten unweit der Kaserne in Yungang.
3. Zweiginstitut Am 1. September 1961 wurde auf Anordnung des Staatsrats der Volksrepublik China und des Zentralkomitees der KPCh das Arbeitsgebiet Seezielflugkörper aus dem 1. Zweiginstitut ausgegliedert und zu einer eigenen Dienststelle, dem 3. Zweiginstitut (三分院), innerhalb des 5. Forschungsinstituts des Verteidigungsministeriums hochgestuft, während sich das 1. Zweiginstitut auf Boden-Boden-Raketen konzentrieren sollte (das 2. Zweiginstitut war damals für Elektronik zuständig). Dies gilt als Gründungstag der Chinesischen Akademie für Flugkörpertechnologie.
mini|Shangyou 1 (ohne Booster) Der Entwicklungsprozess für den Seezielflugkörper 544 zog sich noch länger hin. Im August 1964 fanden die ersten Tests auf dem Prüfstand statt, im November und Dezember 1964 folgten die ersten Flugversuche auf dem Kosmodrom Jiuquan. Man hatte das Aneroidbarometer der sowjetischen Originalversion durch ein genaueres Radar-Altimeter ersetzt, den Treibstoff hatte man von Ethanol, das in China aus kostbarem Getreide destilliert wurde, auf Raketenkerosin umgestellt, was den zusätzlichen Vorteil hatte, dass sich die effektive Reichweite von 35 km auf 40 km erhöhte. Auf dem Kosmodrom Jiuquan hatte man bereits Startversuche von einem Schiffsmodell aus durchgeführt, wo man auf Deck und in der Kommandobrücke Schafe angebunden hatte, um zu erproben, ob die Druckwelle oder die Flammentemperatur von 2000 °C negative Auswirkungen auf die Besatzung haben würden. Beim Start hatte der Flugkörper nur eine Geschwindigkeit von 30 m/s, nichtsdestotrotz überlebten viele der Schafe in der Nähe der Abschussvorrichtung die Versuche nicht. Die Tiere in der Kommandobrücke trugen jedoch keine Schäden davon. Daraufhin erfolgten im August und November 1965 zwei Testserien auf See, dann von April bis Juli 1966 weitere Tests von der Küste und von See aus. Am 9. Dezember 1966 wurde Chinas erstem Seezielflugkörper der Name „Shangyou 1“ (上游一号), also „Vorwärtsstreben 1“ verliehen, nach einer Parole, die Mao am 8. Mai 1958 auf eben jenem Parteitag geprägt hatte, der seinerzeit zum Bruch mit der Sowjetunion geführt hatte.
3. Akademie Bereits am 4. Januar 1965 war das 5. Forschungsinstitut auf Beschluss des Nationalen Volkskongresses aus dem Verteidigungsministerium herausgelöst und als „Siebtes Ministerium für Maschinenbauindustrie“ selbstständig geworden. Die ehemaligen Zweiginstitute wurden nun in „Akademien“ umbenannt, das 3. Zweiginstitut wurde zur 3. Akademie (第三研究院). Parallel dazu wurde damals die Bezeichnung „Akademie für Marschflugkörper“ (飞航导弹研究院) verwendet, die für Seezielflugkörper zuständige 4. Entwicklungsabteilung wurde in „3. Entwicklungsabteilung“ (第三设计部) umbenannt.
mini|Haiying 1 Am 30. September 1963 hatten die chinesischen Zerstörer Anshan und Fushun die USS Blue (DD-744) in der Nähe der Changshan-Inseln auf chinesischem Gebiet abgefangen und lieferten sich mit ihr bis zum 6. Oktober ein siebentägiges Artillerieduell. Nach dem Eintritt der USA in den Vietnamkrieg am 7. August 1964 wurde eine amerikanische Landung an der chinesischen Küste befürchtet. Daraufhin hatte man im September 1964 auf einer Besprechung im damaligen 5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums beschlossen, auf der Basis des in Entwicklung befindlichen Flugkörpers 544 von der Küste aus zu startende Seezielflugkörper mit einer größeren Reichweite zu konstruieren, für die intern der Serienname „Haiying“ (海鹰), also „Seeadler“ festgelegt wurde. Die Haiying 1 und die Haiying 2 sollten mit einem konventionellen Flüssigkeitsraketentriebwerk eine Geschwindigkeit von Mach 0,8 erreichen, die Haiying 3 mit zu entwickelnden Staustrahltriebwerken Überschallgeschwindigkeit. Die Akademie für Marschflugkörper beantragte gemeinsam mit der Fabrik 320 (die heutige Hongdu Aviation Industry Group in Nanchang), wo die Shangyou 1 gebaut wurde, die Genehmigung zur Entwicklung der Haiying 1 und Haiying 2. Diese wurde vom Büro für Sicherheits- und Verteidigungsindustrie beim Staatsrat (国务院国防工业办公室) am 23. April 1965 erteilt. Im September 1965 kehrte Liu Xingzhou, der seit 1957 am Labor für Staustrahltriebwerke des 1. Zweiginstituts gearbeitet hatte, von einem vierjährigen Aufbaustudium in Moskau zurück und übernahm die Leitung des Labors. Er war für die Entwicklung der Staustrahltriebwerke und, als Stellvertretender Chefkonstrukteur, auch für die gesamte Haiying 3 zuständig.
Neben einer potentiellen Invasion der USA war ein weiteres Problem, dass die zum Transport von Kernwaffen dienenden Langstreckenbomber vom Typ Xian H-6 gegnerischen Flugabwehrraketen hilflos ausgeliefert waren. Die Luftwaffe reichte 1965 einen entsprechenden Bericht ein und bat darum, eine Luft-Boden-Rakete mit einem Startgewicht von maximal 3 t und einer Reichweite von mindestens 150 km entwickeln zu lassen, mit der sie Flugabwehrsysteme auf dem Boden sowie auf Schiffen angreifen könnte. Nach längeren Erörterungen wurde beschlossen, eine derartige Rakete auf der Basis der Haiying 2 in Auftrag zu geben. 1966 richtete die Akademie für Marschflugkörper ein Labor für Luft-Schiff-Lenkflugkörper (空舰导弹研究室) ein. Die Akademie reichte bei der Kommission für Wehrtechnik der Volksbefreiungsarmee und dem Büro für Sicherheits- und Verteidigungsindustrie beim Staatsrat einen „Generalplan zur Umrüstung des Lenkflugkörpers Haiying 2 in einen Luft-Schiff-Typ“ (改装海鹰二号导弹为空舰型号的总体方案) ein. Dieser wurde gebilligt. Das Vorhaben erhielt die interne Bezeichnung „Projekt 371“ (371工程), der Flugkörper selbst den Namen „Fenglei 1“ (风雷一号), also „Sturmgewitter 1“. Der Zahlencode des Projekts stand hier nicht, wie sonst häufig, für ein Datum, sondern für „Erstes gemeinsames Projekt des Dritten und des Siebten Ministeriums für Maschinenbauindustrie“ (das Dritte Ministerium war seit 1963 für Flugzeugbau zuständig).
Zu diesem Zeitpunkt hatte man jedoch noch nicht einmal die Technologie für die Shangyou 1 vollständig gemeistert, bei von Flugzeugen zu startenden Marschflugkörpern fehlte jede Erfahrung. Dazu kam noch, dass im Frühsommer 1966 die Kulturrevolution ausbrach, was selbst in der unter dem Schutz der Volksbefreiungsarmee stehenden Rüstungsindustrie die Arbeit stark erschwerte. 1969 beantragte die Akademie für Marschflugkörper die Einstellung des Projekts 371, was genehmigt wurde. Stattdessen beschloss die Zentrale Militärkommission im August 1969, für das in Entwicklung befindliche Seepatrouillenflugboot Harbin SH-5 einen niedrig fliegenden Überschall-Seezielflugkörper mit Staustrahlantrieb zu entwickeln. Betraut wurde hiermit das 31. Forschungsinstitut der 3. Akademie, in dem bei der Umstrukturierung 1961 die Einrichtungen der alten Kaserne (das Labor für Aerodynamik und das Labor für Staustrahltriebwerke) zusammengefasst worden waren. Da ein Einsatz aus der Luft vorgesehen war, erhielt der Flugkörper die Bezeichnung „Yingji-1“ (鹰击一号), also „Adlerschlag-1“. Da die SH-5 zu diesem Zeitpunkt noch nicht einsatzbereit war, entwickelte man ab 1970 zuerst eine landgestützte Version des Flugkörpers, ab 1971 dann auch eine von Schiffen startbare Variante.
mini|Haiying 2 (ohne Booster) Wie auch bei der Haiying 3 gestaltete sich die Konstruktion des staustrahlgetriebenen Flugkörpers außerordentlich schwierig. Im September 1975 kam die Zentrale Militärkommission auf das Konzept der von einem konventionellen Flüssigkeitsraketentriebwerk angetriebenen Fenglei 1 zurück und genehmigte die Wiederaufnahme der Arbeiten an einem unter den Tragflächen der H-6 montierten Lenkflugkörper, nun unter der Bezeichnung „Yingji-6“. Auch hier dauerte die Entwicklung relativ lang. Erst im Dezember 1985 wurde der Flugkörper in der verbesserten Variante Yingji-61 bei den H-6D der Marineflieger in Dienst gestellt.