Die Kaiser-Wilhelm-Straße (bis 1906: Kaiser Wilhelmstraße) war eine Geschäftsstraße durch die Historische Mitte der Stadt Berlin, sie entstand ab 1877 und verschwand bis 1969 im Rahmen zweier großer Flächensanierungen. Geplant als Prachtstraße und gleichzeitig mit der Berliner Stadtbahn angelegt, wurde die nach Wilhelm I. benannte Straße vom Berliner Schloss nordostwärts quer durch den mittelalterlichen Stadtkern gebrochen und anschließend durch das Spandauer Viertel bis zum heutigen Rosa-Luxemburg-Platz verlängert. Für diesen „größten Straßendurchbruch der Kaiserzeit“Erich Konter u. a.: Das Zentrum von Berlin. In: Harald Bodenschatz: Renaissance der Mitte. Braun, Berlin 2005, S. 176. ließ die Stadt Berlin mehrere Armenviertel großflächig abreißen, darunter die Gasse An der Königsmauer und das damalige Scheunenviertel. Die Straße war im frühen 20. Jahrhundert Standort mehrerer Banken, großer Geschäftshäuser sowie der Berliner Zentralmarkthallen am Alexanderplatz.

Nach einem Teilabriss unter den Nationalsozialisten und größeren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde die Kaiser-Wilhelm-Straße 1947 in Liebknechtstraße umbenannt. Bis 1969 ließ die DDR die erhaltene Bebauung im südwestlichen Straßenabschnitt vollständig abreißen und eine neue Straße mit geändertem Verlauf anlegen, die heutige Karl-Liebknecht-Straße.

Lage

mini|hochkant=1.6|links|Dom, Kaiser Wilhelmstraße mit Marienkirche, Berliner Schloss, 1905

In östlicher Verlängerung der Straße Unter den Linden begann die Kaiser-Wilhelm-Straße an der Spree gegenüber dem Berliner Schloss und dem Berliner Dom an der damaligen Kaiser-Wilhelm-Brücke. Sie führte zunächst in Richtung Ostnordost durch das Heilige-Geist-Viertel direkt auf den Turm der Marienkirche zu, passierte im Marienviertel mit leichten Schwenk Richtung Norden Zentralmarkthalle und Stadtbahngleise und führte weiter Richtung Nordnordost durch das Spandauer Viertel im Verlauf der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße. Zu Zeiten ihrer größten Ausdehnung endete die Straße 1934 am Lichtspieltheater am Bülowplatz.Amtliches Fernsprechbuch für Berlin. Senatsverwaltung für Post- und Fernmeldewesen, Berlin 1934, S. 658. (Damalige Adresse des Kinos: Kaiser-Wilhelm-Straße 27a.) Das Haus der Volksbühne war als nördlicher point de vue ihr städtebaulicher Abschluss.

mini|links|hochkant=1.5|Luftbild: Straßenverlauf (rot), 1928 – Überbaute Straße, 2024

Gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1969 der geschwungene westliche Straßenverlauf geändert, die DDR-Staatsführung ließ mit Ausnahme der Marienkirche sämtliche erhaltenen Gebäude abreißen und in gerader Linie die etwa doppelt so breite, achtspurige Karl-Liebknecht-Straße anlegen.

Die Kaiser-Wilhelm-Straße verlief zwischen Spree und Spandauer Straße entlang der Südseite der heutigen Karl-Liebknecht-Straße, ab Höhe der Marienkirche zunehmend weiter nördlich, dort quert seit 1968 der zwölfgeschossige, sogenannte Liebknechtriegel Heinz Graffunder u. a.: Bebauung der Rathausstraße und der Liebknechtstraße. In: Deutsche Architektur, XVII. Jahrgang, Nr. 6, Berlin Juni 1968, S. 348–357. (Mit zahlreichen Abbildungen)„Liebknechtriegel“ in: Stadtmuseum Berlin, Heiko Noack, Ines Hahn: Berlin 1945 und heute (Abgerufen am 28. November 2025) den alten Straßenverlauf.Landesdenkmalamt Berlin: Digitalisierte (vektorisierte) Darstellung der inneren Stadt 1899–1913 des Archäologischen Informationssystems Berlin (AISBer). Datenstand 2010, Karte: Berlin um 1900, abrufbar im Geoportal Berlin. Die Führung der südlichen Rosa-Luxemburg-Straße hingegen entspricht der historischen Kaiser-Wilhelm-Straße.

Geologisch lag die Straße in voller Länge im Talsand des Berliner Urstromtals, angeschwemmt im unteren Pleistozän und anthropogen überformt durch Aufschüttungen in frühester Stadtgeschichte. In Höhe des heutigen Fernsehturms kreuzte die Straße einen trockenliegenden Altwasserlauf der Spree, in dessen Verlauf die mittelalterliche Berliner Stadtmauer gebaut worden war.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz: Geologische Karte von Berlin 1:10.000, 2. unveränderte Auflage, Berlin 1990.

Name

Der greise Wilhelm I. benannte die Straße per Kabinettsordre am 16. Juni 1887 nach sich selbst,Magistrat von Berlin (Hrsg.): Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 1882 bis 1888. Erster Theil, Sittenfeld, Berlin 1889, S. 126. sein Enkel Wilhelm II. legte im Mai 1893 der ersten Straßenverlängerung den gleichen Namen bei.Gemeindeblatt der Stadt Berlin. Ausgabe 1893, No. 27, Berlin 2. Juli 1893, Grunert, Berlin 1894, S. 281.National-Zeitung, 46. Jahrgang, Nr. 335, Beiblatt, Berlin 31. Mai 1893, S. 1. Die Schreibweise war anfangs Kaiser Wilhelmstraße, ab 1906 Kaiser-Wilhelm-Straße. Gebräuchlich waren auch die Varianten Kaiser Wilhelm-Straße, Kaiser-Wilhelmstraße und – seltener – Kaiserwilhelmstraße.vgl.: Kommentar von Konrad Duden: Über den Bindestrich. In: ders.: Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Siebente Auflage, Leipzig und Wien 1902, S. XI. (Mit dem Beispiel: Kaiser-Wilhelm-Straße) Der Name ging auf einen VorschlagAugust Orth: Kaiser Wilhelms Strasse / Strassen-Project / Vom Lustgarten nach der Alexanderstrasse. Handzeichnung: Tusche, Tinte farbig, aquarelliert auf Karton, Maßstab 1:2000, Berlin Frühjahr 1871. Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. 14226. des Architekten August Orth aus dem Jahre 1871 zurück.Benedikt Goebel: Die Kaiser-Wilhelm-Straße - ein Berliner Boulevard. In: Franziska Nentwig u. a. (Hrsg.): Berlins vergessene Mitte. Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin 2012. S. 149.

Straßenbau 1877 bis 1908

mini|hochkant=1.6|Alt-Berlin vor und nach dem Straßendurchbruch, um 1870 und 1888

Der Durchbruch der Straße zog sich über gut drei Jahrzehnte und verlief in mehreren Abschnitten. Er begann 1877 im Marienviertel am heutigen Fernsehturm, als die Stadt Berlin den Abriss des damaligen Bordell- und Armenviertels An der Königsmauer in Angriff nahm. 1884 bis 1887 folgte der große Straßendurchbruch quer durch Alt-Berlin vom Lustgarten nordostwärts bis zur Münzstraße. Für eine erste Verlängerung wurde 1891 das monumentale Victoria-Theater am Ort der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße abgerissen, für die zweite Verlängerung ließ die Stadt Berlin 1906–1908 ein ganzes weiteres Stadtviertel, das damalige Scheunenviertel niederlegen. In der heutigen Architektursoziologie gilt der Bau der Kaiser-Wilhelm-Straße als erstes Beispiel einer Kahlschlagsanierung in Berlin.Martin Gegner: Die politische Ästhetik der öffentlichen Architektur Berlins. Aisthesis, Bielefeld 2023, S. 409, 412. ISBN 978-3-8498-1908-8

Abbruch der Gasse An der Königsmauer / Kleiner Jüdenhof, 1877

Vorrangiges Ziel des Straßendurchbruchs war für den Magistrat die „Beseitigung“ mehrerer Straßenzüge entlang der ehemaligen, mittelalterlichen Berliner Stadtmauer, darunter die damals stadtweit verrufene Gasse An der Königsmauer, deren eine Häuserseite mit der Rückseite gegen die Stadtmauer gebaut war.Benedikt Goebel: Die Kaiser-Wilhelm-Straße - ein Berliner Boulevard. In: Franziska Nentwig u. a. (Hrsg.): Berlins vergessene Mitte. Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin 2012. S. 149. Die Gasse war kaum drei Meter breit, etwa vierhundert Meter lang und verlief in einem großen Bogen an der Innenseite der Stadtmauer zwischen Königstraße und nördlicher Klosterstraße – durch das heutige Gebiet zwischen Fernsehturm und der Evangelischen Schule an der Rochstraße.Brandenburgia. Monatsblatt der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg zu Berlin. XIII. Jahrgang 1904/05, Stanciewicz, Berlin 1905, S. 64–65. (Geschichte der Gasse An der Königsmauer)

mini|An der Königsmauer, um 1885, Blick nach Südost. Die Gasse querte genau das Grundstück des heutigen Fernsehturms.

Außen an die alte Stadtmauer hatte die preußische Armee bereits unter Friedrich Wilhelm I. die ersten Soldatenquartiere der Stadt gebaut,Aus der Garnison Berlin. In: Der Bär. Berlinische Blätter für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde. 3. Jahrgang, Nr. 8, Berlin April 1877, S. 73.Der bevorstehende Oktober-Umzug. In: Berliner Volksblatt, 11. Jahrgang, Nr. 225, Berlin 26. September 1885, S. 3. 1748 hieß die Straße dort Hinter den Paraquen oder Casernen.Samuel von Schmettau: Plan de la Ville de Berlin. Kartograph: Hildner, aprouvé par l'Academie Royale de Science a Berlin, Erste Edition, 1748. Innen an der Mauer wurde die Gasse An der Königsmauer um 1840 zum Zentrum der „polizeilich geordneten Bordellprostitution“ Berlins.Hans Ostwald: Das Berliner Dirnentum. Band 1, Fiedler, Leipzig 1907, S. 64. Die Stadtverwaltung konzentrierte dort gut vierzig Bordelle – fast ausschließlich von Frauen betrieben – in denen mehrere hundert Prostituierte arbeiteten.Hans Ostwald: Das Berliner Dirnentum. Band 1, Fiedler, Leipzig 1907, S. 14. In den folgenden Jahrzehnten erwuchs ein „bürgerlicher Widerwille gegen die Gasse“, das Armenviertel um die Königsmauer wurde zur „vielgenannten Unzierde der Stadt“.Karl Schäfer: Die Bebauung der Kaiser Wilhelm-Straße in Berlin. In: Ministerium der öffentlichen Arbeiten (Hrsg.): Centralblatt der Bauverwaltung, Jahrgang V., Nummer 6, Berlin 1885, S. 83

Nachdem Wilhelm I. ein neues Gesetz zur Enteignung von Grundeigentum erlassen hatte,Gesetz über die Enteignung von Grundeigenthum. Vom 11. Juni 1874. Nr. 8207. In: Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten, Gesetzsammlungsamt, Berlin 1874, S. 221ff. nutzte dies der Magistrat für den Straßenbau und erwarb bis 1876 etwa dreißig Grundstücke für knapp zwei Millionen Mark. Im Oktober 1877Berliner Börsen Zeitung, Morgen-Ausgabe 9. Oktober 1877. S. 7. begannen die Abbrucharbeiten nördlich der Marienkirche, inmitten der Altstadt wurde in Verlängerung der Papenstraße eine siebzig Meter lange Schneise zwischen Klosterstraße und Neuer Friedrichstraße gebrochen,Verwaltungs-Bericht des Magistrats zu Berlin pro 1877: No. II. Bericht der städtischen Grundeigenthums-Deputation. Berlin 1878. S. 1–2. querliegend zur Gasse An der Königsmauer.

Zugleich mit der Zuschüttung des angrenzenden Königgrabens wurde dieser erste Abschnitt der Kaiser Wilhelmstraße bis 1879 kanalisiert, gepflastert und mit Gaslaternen beleuchtet. Sämtliche freigeräumten Grundstücke beiderseits der geplanten „Prachtstraße“ lagen zunächst fast ein Jahrzehnt brach, die Fachpresse monierte „eine Reihe von Ruinenfeldern“, die „das Auge beleidigen“.Karl Emil Otto Fritsch: Die Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin. In: Deutsche Bauzeitung, Nr. 54, 5. Juli 1884, S. 320. Die umliegende Bebauung umfasste auch den mittelalterlichen, seit 1354 bestehenden Kleinen Jüdenhof,Hermann Vogt: Die Strassen-Namen Berlins. Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins, Berlin 1885, S. 41. Zeitzeuge Julius Rodenberg beschrieb ihn als verlassenen Ort:

Großer Durchbruch zur Spree, 1884–87

mini|hochkant=1.5|Baufluchtlinien zwischen Lustgarten und Marienkirchhof, 1883