Stadtlengsfeld ist eine ehemalige Stadt und heutiger Ortsteil der Gemeinde Dermbach im Wartburgkreis in Thüringen.
Geografie Stadtlengsfeld liegt im Tal der Felda, eines Nebenflusses der Werra in der Rhön. Der 714 Meter hohe Vulkankegel Baier liegt etwa vier Kilometer südöstlich.
Geschichte Urkundlich belegte Nennungen des Ortes gibt es in Form von Adelsnamen oder Ministerialen (1137 Ludewic de Leingefelt, Erkenbert de Lengeffelt).Thüringer Staatsarchiv Meiningen, GHA-Urkunden, Nr. 4.
Namensursprung Vermutlich entstand der Name durch die Verbindung des mittelhochdeutschen Wortes „langes, lenges“ (der Länge nach) und dem althochdeutschen „fèld“ (Gefilde: offen, eben, flach, fast baumfrei). Eine Deutung des Namens nach „entlang der Felda, längs der Felda“ erscheint angesichts der Lage von Kaltenlengsfeld oder Schenklengsfeld fraglich, da beide Orte nicht an dem Fluss Felda liegen.
Mittelalter mini|Burg/Schloss Lengsfeld von Nordwesten (2004) Um 1125 veranlasste das Kloster Hersfeld die Errichtung einer Burg in Lengsfeld, um ihre Besitzungen zu sichern. Die Herren von Lengsfeld übten in der Burg ihre ministerialen Dienste im Auftrage des Klosters Hersfeld aus. Einige stiegen zum Dienstadel der Frankensteiner auf, die in dieser Zeit Schutzvögte des Klosters Hersfeld in der Rhön waren. Nach dem Niedergang der Frankensteiner erweiterten die Fuldaer Äbte die Lengsfelder Burg um weitere drei Burgbezirke. Sie wurden von einer gemeinsamen Mauer und einem Wassergraben geschützt. Die Burganlage wurde in eine Ganerbenschaft überführt.
Unter den Fürstäbten von Fulda wurde Lengsfeld um 1260 mit einer Stadtmauer befestigt. 1326 mussten die Frankensteiner Lengsfeld an die Abtei Fulda verkaufen. Bereits hier wurde der Ort eine Stadt genannt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1338 werden die Einwohner als ehrbarne Bürger angesprochen. Der Urkunde ist das Siegel der Stadt angefügt.Thüringer Staatsarchiv Meiningen, GHA-Urkunden, Nr. 284 Stadtlengsfeld mini|Burg Lengsfeld 1359 verlieh Karl IV. dem Ort Marktrechte. Lengsfeld war bis 1450 Pfand und Lehen von Fulda für die Adligen derer von Pferdsdorf, von Leupolds, von Reckerod, von Mansbach, von Butteler, von Herbilstat, von Tafta, von Ellen, von Rosenberg, von Buchenau, von Weyhers und von Herda. Philipp von Herda erwarb 1444 ein Burggut in Lengsfeld und stieg durch Zukauf zum größten Grundbesitzer in Lengsfeld auf.Rolf Leimbach, Rolf Schlegel: Die Schule brennt. Lengsfelder Geschichten II, Books on Demand, ISBN 978-3-7386-0388-0, S. 22. Durch Heirat mit Mechthilde von Herda, eine Enkeltochter Philipps, kam Ludwig I. von Boyneburg in den Besitz von Lengsfeld, Gehaus und Weilar. Sein Sohn Georg von Boyneburg-Lengsfeld erreichte 1548 durch Kaiser Karl V. das Recht auf Abhaltung von drei Jahrmärkten. 1734 wurden große Teile des Boineburgschen Besitzes an den Herzoglich Sächsisch-Meiningschen Geheimen Rath und Freiherrn Johann Heinrich von Müller (* 1665) aus Nürnberg verkauft. Durch Heirat kam dieser Besitz 1744 wieder an das Haus Boineburg zurück, das die Burg Lengsfeld bis 1945 besaß.
In der Stadt Lengsfeld lassen sich nach dem Dreißigjährigen Krieg folgende Zünfte nachweisen: Bäcker-, Schmiede-, Schlosser-, Wagner-, Lein-, Barchentweber-, Zeugmacher-, Bierbrauerzunft.Kommunales Archiv Stadtlengsfeld Dominierend in der Stadt war die Hausweberei und die Blaufärberei des Leinens.
Reformation und Bauernkrieg 1536 war die Reformation in der Stadt Lengsfeld fest etabliert. In diesem Jahr wurde der letzte katholische Pfarrer genannt.Aufzeichnungen im Turmknauf der evangelischen Kirche von Stadtlengsfeld Ludwig von Boineburg gestattete jedoch schon früher als Kirchenpatron die Ausübung des Gottesdienstes sowohl in der althergebrachten Art, wie auch im Sinne Luthers. Seinen Sohn Georg schickte er 1518 zum Studium an die Universität nach Wittenberg. Dort wirkten Luther und Philipp Melanchthon. Ludwig von Boineburg war an der Gründung des Schmalkaldischen Bundes beteiligt.
Der Bauernkrieg berührte die Stadt Lengsfeld nur mittelbar. Der Werrahaufen zog am 23. April 1525 vor die Stadt Lengsfeld. Ludwig von Boineburg unterschrieb die Forderungen der Bauern. Er musste den Bauern 500 Gulden zahlen und den Werrahaufen als Pfand auf seinem Zug nach Meiningen begleiten. Nach der Niederlage der Bauern verhängte der hessische Landgraf eine Strafe von 200 Gulden über die Stadt. Alle Versprechungen gegenüber den Bauern wurden rückgängig gemacht. Der gescheiterte Bauernaufstand schwelte in der Wiedertäuferbewegung weiter. In der Stadt Lengsfeld hatte sie viele Anhänger. Ihr Anführer, Valentin Gutwasser, wurde in Gotha hingerichtet.
Hexenprozesse In der Stadt Lengsfeld wurden von 1663 bis 1720 18 überlieferte Hexenprozesse geführt. Der Schöppenstuhl in Jena verhängte neun Todesurteile, die auch vollstreckt wurden. Zwei Angeklagte verstarben in der Folterkammer, eine Angeklagte konnte fliehen. Vier Prozesse endeten mit einem Freispruch. Von zwei Prozessen ist der Ausgang nicht überliefert.Ronald Füssel: die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum, DOBU Verlag, Hamburg, 2003.
Geschichte der jüdischen Gemeinde In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte ein starker Zuzug von Juden in die Stadt Lengsfeld ein. Sie kamen vor allem aus der Grafschaft Henneberg. Dort wurde 1555 der Judenschutz aufgekündigt und 1566 mussten alle Juden die Grafschaft verlassen. In diese Zeit fällt auch die Anlage eines jüdischen Begräbnisplatzes südlich der Stadt und außerhalb ihrer Mauern. Nach der Reichs-Polizeiordnung des Kaisers Karl V. 1548 hatten die Boineburgs als Mitglieder der Reichsritterschaft das Recht, Juden den Aufenthalt in ihrem Herrschaftsbereich zu gestatten und von ihnen Schutz- und Schirmgeld zu erheben. Nach einer Aufstellung des Boineburgschen Amtsmannes Johann Christoph Schell bestand die jüdische Einwohnerschaft im Jahre 1731 aus 24 Familien und fünf Witwen. Die meisten Juden siedelten sich am heutigen Frauenberg und in der Hintergasse an. Wann die Synagoge Stadtlengsfeld gebaut wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln. Erste Nachrichten über die Erweiterung einer jüdischen Schule stammen aus dem Jahre 1799. Um 1750 war Mendel Rothschild Oberrabbiner in der Stadt Lengsfeld. Ihm folgte 1780 Isaak Kugelmann Hess. Um 1800 gehörten der israelitischen Gemeinde in Lengsfeld etwa 800 Mitglieder an. 1825 wurde Lengsfeld Sitz eines Landrabbinates. Landrabbiner war Isaak Kugelmann Hess. Weitere Landrabbiner waren: 1827 bis 1871 Mendel Hess, 1872 bis 1881 Theodor Kroner, 1881 bis 1898 Moses Salzer, 1898 bis 1919 Josef Wiesen. Die Mitgliederzahl der israelitischen Gemeinde verringerte sich infolge Abwanderungen und Auswanderungen. Sie betrug im Jahr 1825 noch 566 Personen, 1893 noch 114 Personen, 1901 noch 64 Personen, 1925 noch 38 Personen und 1938 noch 36 Personen. Ende 1938 verließen die letzten jüdischen Einwohner Stadtlengsfeld. Am 9. November 1938 wurde die Synagoge weitgehend verwüstet und später zu einem Wohnhaus umgebaut, der jüdische Friedhof geschändet. Nach Angaben von Yad Vashem und des Gedenkbuches sind nachweislich 50 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort wohnhaft gewesene, jüdische Bürger Stadtlengsfelds Opfer des Holocaust geworden,Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 3: Ochtrup – Zwittau. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08079-6 (Online-Version) anderen Angaben nach waren es 69 Personen.Stadtlengsfeld In: Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen. Kooperationsprojekt „MENORA | Jüdisches Leben in Thüringen“ (Friedrich-Schiller-Universität Jena und Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e. V.), abgerufen am 13. November 2023.
Dreißigjähriger Krieg Während des Dreißigjährigen Krieges kam es in den Jahren 1623, 1624 und 1625 zu Durchzügen verschiedener Heere. Diese waren mit Plünderungen verbunden. Am 19. Juni 1634 überfielen kaiserlich-kroatische Reiter des Grafen Isolani die Stadt und legten große Teile in Schutt und Asche. Auch Burg und Schloss waren betroffen. Ein Jahr später wurde die Stadt noch einmal gebrandschatzt und geplündert. 1635 grassierte zudem die Pest im Feldatal und entvölkerte ganze Ortschaften. 1650 lebten in der Stadt nur noch 18 Familien.Aufzeichnung im Turmknauf der evangelischen Kirche Stadtlengsfeld
Patrimonialamt Lengsfeld 1685 wurde Lengsfeld ein reichsfreies Gericht. Mit der Eingliederung in das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach 1816 war es Sitz des Patrimonialamtes Lengsfeld, das denen von Boineburg und von Müller gemeinsam gehörte. 1850 erfolgte die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit und die Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung. Die Verwaltungsfunktion des Patrimonialamtes ging in dem Verwaltungsbezirk IV auf, die Rechtsprechung in das Justizamt Lengsfeld, das 1879 in das Amtsgericht Stadtlengsfeld umgewandelt wurde.
Schulwesen und Schulgeschichte
Erste Belege für eine Schule in Lengsfeld stammen aus dem Jahr 1659. Die israelitische Gemeinde errichtete 1799 das jüdische Schulhaus neben der Synagoge. Der Landrabbiner Mendel Heß gründete 1841 eine „höhere Schule“ mit Internat für jüdische Kinder. Die Herren von Boineburg und von Müller ließen ihre Kinder durch Hauslehrer unterrichten. 1850 vereinigten sich die christliche und jüdische Schule. Ein neues Schulhaus entstand 1881. Etwa ab 1874 ist die Stadt Lengsfeld Standort einer „Gewerblichen Berufsschule“. Sie bestand als „Allgemeine Berufsschule“ bis 1958. In den Räumen der Burg wurde 1917 eine Privatschule gegründet, um Mädchen zum Abschluss eines Lyzeumsnur so ergibt der Satz einen Sinn, da Lyzeum allein lediglich eine Mädchenschule bezeichnet zu führen. 1984 erfolgte der Bau eines neuen Schulhauses. Das Schulgebäude wurde zuletzt als Staatliche Regelschule "Feldatalschule" genutzt und im Jahr 2016 mit einem Anbau der Grundschule erweitert. Im Jahr 2023 wurde die Schule als Thüringer Gemeinschaftsschule (TGS) zusammengefasst und ist somit die erste TGS im Wartburgkreis.
Napoleonische Kriege Lengsfeld gehörte in rascher Folge ab 1805 zum Kurfürstentum Hessen-Kassel, 1807 wurde es dem Königreich Westphalen zugeschlagen und wurde Hauptort des Kantons Lengsfeld. Ein Jahr später fand es sich im Großherzogtum Frankfurt und 1812 erneut im Kurfürstentum Hessen-Kassel wieder. 1813 gehörte es mit der Enklave Fulda zum Königreich Preußen und 1815 erhielt es der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Revolutionäre Ereignisse 1848/1849 Am 14. März 1848 verlangten Einwohner von Lengsfeld, Weilar und Gehaus von den Herren von Boineburg und von Müller die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit, die Aufhebung der Dienstgelder, die Herabsetzung des Lohngeldes auf fünf Prozent, die Abtretung der Erlen am Ufer der Felda an die betreffenden Wiesenbesitzer, die Abtretung der Jagd und Fischerei auf und an den bäuerlichen Grundstücken, ein gemeinschaftliches Hut- und Triftrecht in allen Fluren mit den Gemeinden, die Abgabe der zu den Rittergütern gehörenden Schenkgerechtigkeiten, die Herabsetzung der Holzpreise auf die Taxe, wie sie 20 Jahre zuvor bestanden hatten, den Erlass aller Rückstände an lehnsherrlichen Gefällen.
Diese Forderungen wurden angesichts der Massenaufläufe von den Grundherren derer von Boineburg in Lengsfeld, Gehaus und Weilar und derer von Müller in Lengsfeld bewilligt.Aus den Acten sobro: Regierungs-Commissions-Acten betrifft die Untersuchung wegen der im Amtsbezirk Lengsfeld vorgekommenen Ruhestörungen. 1848. Lit. L. Nr. 162 Erstmals beteiligten sich an den Protesten auch Arbeiter der dortigen Kammfabrik. In der Stadt wurde eine Bürgerwehr gebildet, um gegen Gewalttaten und Plünderungen einzuschreiten.