Ausfallsicheres Rad ist die Bezeichnung für ein Rad als Baugruppe aus Felge und Reifen, die entweder nach einer Beschädigung durch Notlaufeigenschaften oder durch konstruktive Stabilität gegen Beschädigung den Betrieb des Radfahrzeugs ermöglicht. Die erste Lösung bedeutet, dass die Fahrt nach einer Beschädigung im Notlauf noch für eine begrenzte Zeit mit Leistungseinschränkungen fortgesetzt werden kann, im zweiten Fall ist das Rad gegen Beschädigungen resistent und das Fahrzeug zeitlich unbegrenzt in vollem Leistungsumfang zu nutzen.
Begriffseingrenzung, Verwendungszweck und Einsatzspektrum Je nach Fahrzeugart, Einsatzzweck der Fahrzeuge und Umweltbedingungen wurden unterschiedliche Konzepte der ausfallsicheren Räder als Rad-Reifen-Kombinationen entwickelt wie u. a. Sicherheitsreifen, Runflat-Tire, pannensichere Reifen, schusssichere Reifen oder Gefechtsräder. Noträder, Ersatzräder und Reserveräder werden diesem Begriff nicht zugeordnet, da sie nicht von vornherein, sondern anstelle eines beschädigten Rades eingesetzt werden.
Besondere Einsatzbereiche für ausfallsichere Räder Militär, Polizei- und Sicherheitsdienste, wie auch Personenschützer, nutzen ausfallsichere Räder, um die Fahrt auch nach Beschädigung der Reifen fortzusetzen und Fahrzeuge mindestens aus Gefahrenbereichen herauszubewegen. Bei der Konstruktion von Pkw geht es darum, auch bei höheren Geschwindigkeiten zunächst eine Fahrstabilität des Fahrzeugs zu gewährleisten und z. B. ein Ausbrechen zu verhindern. Ferner sollte mit einer hinnehmbaren Geschwindigkeit eine Werkstatt erreicht werden können. Die Räder von Fahrzeugen zum Einsatz in besonderen Geländeprofilen oder unter besonderen Umweltbedingungen müssen ausfallsicher sein: zum Beispiel Radlader auf Müllkippen mit gegebenenfalls scharfkantigen Teilen im Untergrund oder der Moon Rover zum Einsatz bei pulvrigem Untergrund und unter extremen Temperaturbedingungen. Auch wo konstruktive Nachteile von ausfallsicheren Rädern, wie Gewicht und fehlender Federungskomfort gerade als Massivradkonstruktionen keine Rolle spielen, finden derartige Konzepte Anwendung, wie bei Sackkarren oder Kinderwagen.
Technik Grundsätzliche konstruktive Anforderungen
Räder übertragen die Radlast auf den Boden und gewährleisten den Vortrieb des Radfahrzeugs durch Umsetzung der Drehbewegung des Motors über Getriebe und Achsen als Traktion.
Das Tragen der Radlast erfordert eine ausreichende konstruktive Stabilität. Um je nach Bodenverhältnissen Schlupf zu vermeiden, ist eine Profilierung der Lauffläche erforderlich.
Als Teil der ungefederten Masse eines Radfahrzeugs muss das Gewicht der Räder möglichst gering sein, um bei unebenem Untergrund Stoßeinwirkungen zu reduzieren bzw. eine Destabilisierung des Fahrzeugs zu verhindern. Eine Luftbereifung bzw. eine Federstruktur des Reifens begünstigt durch ein mögliches Einfedern des Rades das Fahrverhalten und ermöglicht höhere Fahrgeschwindigkeiten. Massivräder bzw. Vollgummiräder bieten diese Möglichkeit nicht und lassen daher nur geringe Geschwindigkeiten zu.
Diese Grundsätze müssen bei der Konstruktion ausfallsicherer Räder beachtet werden. Alle technischen Konzepte zu ausfallsicheren Rädern beeinflussen die Ausgestaltung des Reifens (z. B. Auslegung als Vollmaterial oder Luftkammersystem, Stabilität der Lauffläche, Auslegung der Gummimischung, Konstruktion als Federsystem u. a.) und der Felge (z. B. durch Einbringung von Keilstrukturen zur Reduzierung von Walkbewegungen eines Reifens, oder Federsysteme) und der Schnittstelle zwischen Reifen und Rad (z. B. Führung des luftlosen Reifens auf der Felge)
Technische Konzepte Die technischen Konzepte zur Entwicklung von ausfallsicheren Rädern lassen sich aus der historischen Entwicklung grob in drei Gruppen einteilen: Räder als Massivkonstruktion, z. B. Vollmetallräder und Räder mit Vollgummibereifungen, Räder mit Luftbereifung als schlauchlose- und Schlauchreifen mit Konzepten wie Mehrkammersystemen, felgenstrukturbasierte Notlauf-, Schnittstelle-Reifen-Rad-basierte Notlaufsysteme, selbstabdichtende, druckgeregelte und schließlich Runflat-Tyre-Systeme als Kombination der vorgenannten Lösungen, Räder mit einfederungsfähiger, nicht auf Luftdruck basierender Bereifung, z. B. Metall- oder Kunststoffstrukturen.
Räder als Massivkonstruktion mini|Massivradkonstruktionen für Artilleriegeschütze mit Vollgummibereifung
Das Massivrad ist die älteste Konstruktion, zunächst aus Vollmetall, später mit Vollgummibereifung. Der Vorteil des sehr stabilen Radkörpers wird mit fast vollständig fehlender Einfederwirkung und fehlendem Fahrkomfort erkauft. Bei höherer Belastung treten auch unerwünschte Erhitzungseffekte auf, die durch unterschiedliche Ansätze wie Einbringen von Lüftungsschlitzen und Flüssigkeitskühlung zu verhindern gesucht wurden. Im Ergebnis lassen sich derartige Konstruktionen nur mit geringen Geschwindigkeiten bewegen. Heute noch genutzte Vollgummibereifungen finden sich bei Flurförderfahrzeugen wie Gabelstaplern, die nur mit geringer Geschwindigkeit betrieben werden. Sie sind insbesondere auf glatten Böden z. B. in Lagerhallen gut nutzbar und können auch hohe Lasten tragen.
Räder mit Luftbereifung mini|Mehrkammersysteme
Bei den meisten ausfallsicheren Rädern bleibt das Prinzip der Luftbereifung erhalten. Der schematisierte Aufbau eines Rades mit Luftbereifung zeigt die Ansatzpunkte auf, an denen mit einer oder verschiedenen Lösungen gleichzeitig die Ausfallsicherheit gesteigert werden kann. Eine recht einfache Lösung in Anlehnung an Schlauchreifen sind Mehrkammerluftsysteme. Ist eine Kammer verletzt, stabilisiert mindestens eine zweite Kammer den Radlauf.
Die Stabilität des Reifens kann im Wesentlichen durch einfache Dimensionierung verbessert werden. Eine geringe Höhe der Seitenwände und eine hohe Breite der Lauffläche tragen zur Stabilisierung des luftlosen Reifens bei. Ebenso trägt die Härtung der Seitenwände, aber auch der Schultern und Laufflächen zur Ausfallsicherheit bei. Neben einer Optimierung der Gummimischungen, die vor allem eine Resistenz gegen die Erhitzung des luftlosen Reifenkörpers bewirken sollen, spielen Einlagen wie Stahlgürtel oder Kunststoffgewebe eine wesentliche Rolle.
mini|Schnittstelle zwischen Felgen und Reifen Die Schnittstelle zwischen Reifen und Felge ist eine der wesentlichsten Einflussgrößen der Ausfallsicherheit. Die Stabilität wird dadurch bestimmt, dass der Reifen auch nach Luftverlust weiter sicher auf der Felge geführt wird. Hierzu werden vor allem Ausformungen des Felgenhorns so gestaltet, dass der Reifen nicht oder nur schwer herunterrutschen kann. Auch gibt es Lösungen, die ein Rutschen des luftlosen Reifens auf der Felge so beeinflussen, dass eine weitere Beschädigung verhindert wird. So zeigt ein Patent von Daimler-Benz, wie ein Schmiermittel die Erhitzung des Reifens in einem solchen Fall verhindern kann.
mini|Erhabene Strukturen auf der Felge Erhabene Strukturen auf der Felge, die sogar als Keile oder Scheiben ausgeprägt sein können, geben dem luftlosen Reifen die Möglichkeit, sich abzustützen. Damit werden die Walkbewegungen des luftlosen Reifens reduziert. Die thermische Belastung des Reifens wird vermindert, weitere Beschädigungen so vermieden.
mini|Reifendruckregelungs und -abdichtsysteme Komplexer und technologisch jünger sind Reifendruckregelungs und -abdichtsysteme. Sie müssen insgesamt an das „System Fahrzeug“ angebunden werden. Reifendruckregelungsanlagen gewährleisten über einen Kompressor den Reifendruck. Kleinere Beschädigungen können so ausgeglichen werden. Elektronische Sensoren informieren den Fahrer über den Status. Reifenabdichtsysteme versprühen eine Flüssigkeit, die Risse oder kleinere Löcher abdichtet. Im Zusammenhang mit einer Reifendruckregelungsanlage bleibt der Reifen betriebsbereit.
Räder mit einfederungsfähiger, nicht auf Luftdruck basierender Bereifung In kritischen Umgebungen, beispielsweise beim Einsatz von militärischen Radfahrzeugen im Gefecht, kann auch der kombinierte Einsatz aller aufgezeigter Technologien nicht zielführend sein. In einem solchen Fall gibt es Entwicklungen, die den Luftreifen durch stabiles, einfederfähiges Material aus Metall oder Kunststoff ersetzen, sodass die Räder sogar bei Beschuss oder Splittereinwirkung nicht ausfallen.
Bewertungsmaßstäbe einzelner Lösungsansätze Alle wirkungsvollen technischen Konzepte müssen folgende Anforderungen erfüllen: möglichst geringe ungefederte Massen durch das Gewicht von Reifen und Rad ausreichender Komfort durch hinreichende Federeigenschaften ausreichende Stabilität der Konstruktion ausreichende zeitliche Nutzbarkeit der Notlaufeigenschaft Notlaufeigenschaften mit genügendem Leistungsvermögen
Entwicklungsgeschichte und Konstruktionsbeispiele Die Entwicklungsgeschichte ausfallsicherer Räder ist mit der allgemeinen Entwicklungsgeschichte des Rades verbunden. Zu allen Zeiten wurde versucht, möglichst widerstandsfähige Räder zu verwenden. Im ingenieurwissenschaftlichen Bereich wird dazu die Resilienz von Rädern betrachtet.
Wie von etlichen Entwicklungen im kraftfahrtechnischen Bereich bekannt, wurden Innovationen oft in militärischen Bereichen genutzt und für spezielle Anforderungen weiterentwickelt.
19. Jahrhundert mini|Heckbereifung Dampflokomobil Martin Luther 1890er Jahre
Zur Bereifungsentwicklung sind Artilleriezugmaschinen zu nennen, die ab den 1870er Jahren im deutschen Militär erprobt wurden. Bis in das späte 19. Jahrhundert waren Stahlbereifungen für Zugmaschinen die Standardausrüstung, die nach Bedarf mit Verbreiterungen und Profilaufsätzen für Geländeeinsatz ergänzt wurde. Um die Ausfallsicherheit zu steigern, wurden die auftretenden Schäden möglichst genau untersucht, was bei Stahlgussrädern zu besonderen Fertigungsverfahren führte. Gleichzeitig wurden auch Räder mit vernieteten Maschinenbaustahlelementen genutzt, die einerseits in der Fertigung aufwendiger, andererseits materialsparender, flexibler und meist leichter als die Stahlgussräder waren. Ansätze zur Weiterentwicklung waren Wechselräder, die als Artillerierad bekannt waren.
1900 bis 1930 mini|Artillerietraktor Daimler-Foster 1915 mini|Daimler Motorlastwagen um 1914 mini|Vollgummireifen von Militärlastern um 1918
1916 beschaffte die kaiserliche deutsche Armee leichte Personen- und Sanitätskraftfahrzeuge mit „federnden Rädern“. Das waren Räder ohne Luftbereifung mit Stahlbandagen. Ihre Laufflächen war gegenüber dem Radkörper mit einem Ring aus vielen Schraubenfedern abgefedert. Auch Artilleriezugmaschinen im Ersten Weltkrieg wie in Deutschland der „Trekker“ von Deutz und der Artilleriezugwagen Krupp-Daimler KW 19 oder in Groß-Britannien der Daimler-Foster Traktor hatten Vollstahlräder. Diese Militärfahrzeuge waren Vorläufer der späteren Agrartraktoren in den 1920er Jahren.
Relativ bald entwickelten sich die Lösungen zu Vollgummireifen, die in der Praxis lange Zeit alternativlos blieben. Schon aus der Zeit um 1900 sind Erfindungen bekannt, die innenliegende Kammern bei diesen Reifen zur Steigerung des Fahrkomforts vorschlugen.
1930 bis 1949 mini|Sd. Kfz. 231 mit Luftkammer-Reifen 1934
In den 1930er Jahren entwickelte Continental einen Luftkammer-Reifen mit Notlaufeigenschaften, insbesondere für den Einsatz in Panzerspähwagen und Halbkettenfahrzeugen, die vor allem Einwirkungen durch Beschuss und Splitterwirkung standhielten.
1950 bis 1990 mini|Rad des Lunar Rovers auf dem Mond 1972 mini|Gefechtsrad CTS um 1985