rahmenlos|rechts Die Erholungs-Gesellschaft ist eine von Aachener Kaufleuten, Juristen und Fabrikanten im Jahr 1837 gegründete Gesellschaft in Form einer königlichen Stiftung preußischen Rechts. Engagierte Bürger des Vormärz nahmen mit dieser Gesellschaft Einfluss auf die Entwicklung der Stadt Aachen und der Region.

Bis heute residiert die Gesellschaft im ehemaligen Stadtpalais der Familie Cockerill, das seit 1844 Eigentum der Gesellschaft ist. Auch nach der Zerstörung des großen Saales und weiterer Teile im Jahre 1943 und dem anschließenden Wiederaufbau gibt die Rückfassade an der Reihstraße ein Zeugnis von dem bedeutenden Profanbaugebäude in der Aachener Innenstadt. Der damalige Gebäudekomplex erstreckte sich vom Friedrich-Wilhelm-Platz am Elisenbrunnen bis zur Reihstraße und ist bis heute Mittelpunkt der Brauchtumspflege und des Clublebens mit festlichen Veranstaltungen, Vorträgen und geselligen Zusammenkünften. Die Mitglieder der Gesellschaft gehören einem breiten beruflichem Spektrum an.

Gründungsgeschichte mini|Straßenansicht des Hauses der Erholungsgesellschaft. Historische Aufnahme von Erwin Quedenfeldt um 1915 „Am 30. September 1837 wurde seitens eines provisorischen Ausschusses, für welchen Friedrich Hermann WeiseSchwager von David Hansemann, vgl. van den Heuvel, S. XXIV. zeichnete“, ein Gründungsgesuch an die Polizei-Direktion zu Aachen gerichtet, mit der Bitte eine „unter dem Namen „Erholung“ neu zu errichtende Gesellschaft“ zu genehmigen.Max Erich: Die Erholungsgesellschaft zu Aachen. 1837–1912, Aachen 1912, S. 7. 1837 war ein ereignisreiches Jahr, das mit den Kölner Wirren, die sicherlich auch auf das katholische Aachen zurückwirkten und den Göttinger Sieben, nur andeutungsweise umschrieben ist. Bereits vor der Gründung der Erholungsgesellschaft gab es „bürgerliche“ Aktivitäten in Aachen. Neben dem Club Aachener Casino hatten einige der Gründer der Erholungsgesellschaft „zuvor einem Kreis angehört, der sich „Gemütlichkeit“ nannte und in einer Gaststätte in der Pontstraße tagte“.Festrede Dr. Heinrich Müller zum 150 Jubiläum der Erholung, in der Druckschrift: 150 Jahre Erholungsgesellschaft Aachen. Protokoll einer Feier

Mit dem Zeitalter der Aufklärung sind solche Entwicklungen innerhalb des Bürgertums in ganz Deutschland nachweisbar. Diese Entwicklung begann vor der „Franzosenzeit“ und dauerte in der „Preußenzeit“ an: Bereits „im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand durch Veränderung in der Struktur der städtischen Manufaktur- und Handelssektoren eine neue, hauptsächlich aus Händlern, Unternehmern und Produzenten bestehende Elite“, die „auf freiwilliger oder ehrenamtlicher Basis in der lokalen Stadtverwaltung“ mitwirkte.C. Clark: Preußen, S. 187. „Diese Tendenz war besonders ausgeprägt in kleineren und mittelgroßen Städten, da dort die Verwaltung auf ehrenamtliches Engagement lokaler Honoratioren angewiesen war“, ebd. S. 188 Ein Engagement, das „nicht nur den Geist der Aufklärung atmete, sondern auch von bürgerlichem Gesellschaftsstolz durchdrungen war“.C. Clark: Preußen, S. 189 Gern wird auf die im Rheinland bis heute gepflegte, antipreußische Gesinnung der Gesellschaft hingewiesen, die sich einer preußischen Institution bedient hätte, um gegen Preußen zu arbeiten.Bereits Bernhard Poll hat den Rheinländern bescheinigt, dass sie den Preußen, trotz der „großen Leistungen der preußischen Verwaltung“, wenig Sympathie entgegenbrachte, vgl. ders.: Das Hineinwachsen der Rheinländer in den preussischen Staatsverband, in: 150 Jahre Regierung Aachen, Aachen 1967, S. 16. Dazu wäre genug Gelegenheit gewesen, denn es war keineswegs einfach aus den über fünf Millionen Neupreußen, die nach 1815 zu Preußen kamen, Preußen zu machen. Vor allem in den Städten der neuen Gebiete gab es sogar eine größere Autonomie als unter Napoleon.Poll: 150 Jahre Regierung Aachen, Aachen 1967, S. 490–492 In Eupen-Malmedy blieb Französisch bis 1876 die offizielle Sprache.Vgl. Klaus Pabst: Die preußischen Wallonen – eine staatstreue Minderheit im Westen, in: Hahn, Kunze, Hrsg.: Nationale Minderheiten im 19. Jh. Berlin 1999, S. 71–79 Viele Mitglieder der Gesellschaft, nicht zuletzt der Spiritus Rector David Hansemann, stammten weder aus dem Rheinland noch aus Frankreich. Die Ideen der Aufklärung und das Institut der Lesegesellschaften hatten, zumindest in Aachen, zwei Wurzeln: die Französische Revolution, deren Einflüsse sich bei den Clubisten der Mainzer Republik und in Aachen rund um Peter Josef Franz Dautzenberg, der die Gründung der Erholung nicht mehr erlebte, finden lassen, sowie das aufgeklärte Preußen, wo Mitglieder des Bürgertums und assimilierte Juden, wie Moses Mendelsohn, aufklärerische und antifeudale Traditionen in Bürgergesellschaften pflegten.„Die radikalisierten Intellektuellen der städtischen Eliten fanden in den politischen Vereinigungen, die in den großen preußischen Städten aus dem Boden schossen, ein Forum“, Clark, ebd., S. 508 Es waren nicht nur Friedrich II. und Voltaire, sondern die Gedanken Immanuel Kants, die in der westlichen Provinz nach und nach von selbstbewussten Bürgern rezipiert wurden. Der verbliebene Einfluss der ehemaligen Habsburger Niederlande und der Katholizismus in der ehemaligen Reichsstadt Aachen, die durch die Ereignisse von 1815 zur westlichsten Bastion Preußens geworden war, gestalteten die Rollensuche der ehemaligen Krönungsstätte, die zum boomenden Industrie- und Hochschulstandort wurde, ebenfalls in starkem Maße.

Die Genehmigung der Statuten erfolgte am 25. Oktober 1837. Das erste Lokal der Gesellschaft befand sich unmittelbar rechts neben dem späteren Gebäude Wilhelmstraße Nr. 7. Unzufriedenheit führte bereits 1838 zur Gründung einer eigenen Weinhandlung, die den Wein für das erste größere Fest kaufte. Ein Jahr später beschloss die Gesellschaft das benachbarte Gebäude der Erben von James Cockerill zu mieten.

Die Erholungsgesellschaft im Vormärz und 1848 Als Gründung des Vormärz war die Gesellschaft durchaus politisch. Das überwiegend katholische Aachen tat sich schwer mit der preußischen Regierung, die u. a. durch Eisenbahnbau und die Gründung der Technischen Hochschule die Stadt modernisieren konnte. Ein wichtiges Bindeglied nach Berlin war David Hansemann, der seit 1838 Mitglied der Erholungsgesellschaft war.Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012, Aachen 2012, S. 1407 Ihm gelang es, die Aachener Oberschicht, die zu großen Teilen der Erholungsgesellschaft angehörte, zu gewinnen, um diese Modernisierung zu unterstützen und finanziell zu fördern. Insofern war deren Engagement weniger antimonarchisch, sondern auf religiöse Unabhängigkeit, Wahlen und wirtschaftliche Vorteile gerichtet. Ein vereintes Deutschland, Liberale, unternehmerische, republikanische und vereinzelt auch demokratische Ideen wie Wahlen, Grundrechte und ein Parlament gehörten daher zu den Gesprächsthemen in der Erholungsgesellschaft, die im Lesezimmer rezipiert und diskutiert wurden.

Durch den Sturz der französischen Julimonarchie setzte im Februar 1848 eine revolutionäre Bewegung ein, die auch in Aachen zu „Hochspannung“Bernhard Poll: Geschichte Aachens in Daten, Neudruck 2003, S. 152. führte. Am 3. März wurde eine Bürgerwehr mobilisiert.Alois Nießner: Aachen während der Sturmjahre 1848/49, Aachen 1906, S. 34. Eine Petition des Gemeinderates forderte König Friedrich Wilhelm IV. auf, die bereits 1815 in Aussicht gestellte Volksvertretung, Pressefreiheit, Beibehaltung der Geschworenengerichte und gerechte Steuerverteilung endlich zu gewähren.Vgl. Alois Nießner: Aachen während der Sturmjahre 1848/49, Aachen 1906, S. 36ff. Unter dem Vorsitz von Hansemann beschloss die Handelskammer am 17. März eine Eingabe an den König, die eine politische Neuorientierung und v. a. eine Bundesverfassung forderte, die über die Grenzen des deutschen Zollvereins, für den Hansemann ebenfalls aktiv eintrat,Vgl. Albert Huyskens: Heimatgeschichte, S. 308. hinausgehen sollte.Vgl. Bernhard Poll: Geschichte Aachens in Daten, Neudruck 2003, S. 152.

Als am 20. März aus Berlin die Nachricht über die Barrikadenkämpfe eintraf, kam es auch in Aachen zu Unruhen, das Haus des Bürgermeisters Emundts, Vater des Erholungsmitgliedes Edmund Emundts,Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012 Aachen 2012, S. 952–953. wurde beschädigt, Möbel auf die Straße geworfen und verbrannt.Aus den „Aufzeichnungen Krämers“, vgl. Bernhard Poll: Geschichte Aachens, in Daten Neudruck 2003, S. 153. Fensterscheiben wurden auch beim Direktor des Gefangenenhauses, Gustav von Maltitz, der seit 1845 Mitglied der Gesellschaft war,Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012, Aachen 2012, S. 2537. eingeworfen.Aus den „Aufzeichnungen Krämers“, vgl. Bernhard Poll: Geschichte Aachens, in Daten Neudruck 2003, S. 153. Hansemann forderte zur Ruhe auf. Schwarz-rot-goldene Fahnen wurden an der Aachener Dom und an der Kirche St. Johann in Burtscheid unter großem Jubel entrollt.Bernhard Poll, ebd., bezieht sich dabei auf Nießner, Haagen und zeitgenössische Berichte. Am 24. März wurde im Hotel des Mitgliedes Matthias Laurenz Nuellens,Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012, Aachen 2012, S. 2953. das sich in direkter Nachbarschaft des ehemaligen Cockerillschen Hauses, dem späteren Haus der Erholungsgesellschaft befand,Friedrich-Wilhelm-Platz 6, das Haus der Erholung trug bis zum Verkauf des Vorderhauses, die Nummer 7. eine Adresse an den König sowie die Bürger von Berlin und Wien von über 1000 Aachener Bürgern unterzeichnet.Vgl. Bernhard Poll: Geschichte Aachens, in Daten, Neudruck 2003, S. 153. Als der polnische Fürst Adam Czartoryski am 26. März., anlässlich seiner Reise von Paris nach Warschau am Aachener Bahnhof begrüßt wurde, verlas Nuellens vor dem Fürsten die genannte Adresse an die Freiheitskämpfer, in der auch ein freies Polen gefordert wurde.Vgl. Nießner, Nießner, Alois: Aachen während der Sturmjahre 1848/49, Aachen 1906, S. 87ff. Der spätere Abgeordnete der Paulskirche und Erholungsmitglied seit 1847,Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012, Aachen 2012, S. 3611–3613. Kanonikus Wilhelm Smets, predigte in einem Requiem für die Märzgefallenen, das in der Münsterkirche am 27. März 1848 abgehalten wurde.Vgl. Bernhard Poll: Geschichte Aachens, in Daten, Neudruck 2003, S. 153, beruft sich auf die „Aufzeichnungen Kraemers“ und Nießner.

Am Palmsonntag, den 16. April, eskalierte die Situation, sieben Aachener Bürger starben bei Demonstrationen und Unruhen. Als einen Tag später der Vizepräsident des Paulskirchenparlamentes, Robert Blum und der Vertreter der Stadt Köln, Franz Raveaux in der Gemeinderatsversammlung im Aachener Rathaus erschienen und Hilfe anboten, lehnte der Oberbürgermeister und Erholungsmitglied Arnold Edmund PelzerSeit 3. April 848 Bürgermeister, Bernhard Poll, S. 154. Marga van den Heuvel: 175 Jahre Aachener „Erholung“ von 1837 bis 2012, Aachen 2012, S. 3129. diese jedoch „als nicht notwendig“ ab. Noch am Vortag hatten die Erholungsmitglieder van Gülpen und Strom dem Gemeinderat einen Bericht über ihre Berlinreise, die sie u. a. zu Hansemann geführt hatte, erstattet.Bernhard Poll: Geschichte Aachens, in Daten, Neudruck 2003, S. 154