Der historische Roman ›Das Eisen im Feuer‹Vgl. Viebig Clara: Das Eisen im Feuer, 1.-15. Auflage, Berlin: Fleischel 1913 [383 S.]. der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig aus 1912 spielt in Berlin. Viebig veranschaulicht anhand der Figur des Schlossers Hermann Henze die Zeit von der Kartoffelrevolution 1847 bis zum Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 in der späteren Metropole, die sich seinerzeit noch als eine beschauliche Kleinstadt zeigt. Zudem nimmt Viebig mit diesem Roman Bezug auf die Geschehnisse ihrer eigenen Epoche vor dem Ersten Weltkrieg. Inhalt In der Zeit vor der 1848er Revolution strahlt Berlin noch eine biedermeierliche Gemütlichkeit aus, doch Versorgungsprobleme verursachen Teuerung und eine dumpfe Not. Die Verhältnisse sind so drückend, dass Frauen auf dem Markt einen Kartoffelstand plündern.

Der junge Schlosser Hermann Henze erlebt diese Zeit zusammen mit Studenten, Handwerkern, Gastwirten und Arbeitern in Alt-Berlin. Von dem Studenten Richard John lässt er sich zum Kampf für politische Änderungen hinreißen. Doch Henze ist nicht recht bei der Sache, da er die liebliche Minne Schulze, Tochter eines Gastwirtes, kennengelernt hat. Die Romanze wird zum einen vereitelt durch die Eltern, denen Henzes politische Ambitionen nicht gefallen. Zudem will Minnes Freundin, die ärmliche Hebammentochter Luise Witte, Henze für sich gewinnen. Sie schwärzt ihn bei Minne an, indem sie ihr erzählt, Henze würde zu den Prostituierten laufen.

Die politische Situation eskaliert, als Soldaten auf das Volk schießen. Tragischerweise wird Luise durch Kugeln getötet, als sie Henze während der Barrikadenkämpfe sucht. Ihre Mutter, die Hebamme Witte, die ebenfalls aktiv an der Revolution teilgenommen hat, ist über den Tod der Tochter untröstlich. Ihre Söhne wandern enttäuscht nach Amerika aus.

Henze erhält die Gelegenheit, in die Hofschmiede Schehle am Berliner Belle-Alliance-Platz einzusteigen. Der ältliche, kränkelnde Meister ist froh über seinen kräftigen Gesellen, obwohl er mit ansehen muss, wie Henze die junge Meisterin Johanna erobert. Nach dem Tod des Meisters heiratet Henze Johanna und gelangt in den Besitz des Betriebes. Diese Ehe wird aber unglücklich sein, da Henze nach anderen Frauen schaut und Trinkgelagen nicht abgeneigt ist. Hieran ändert auch sein im Grunde gutes Wesen nichts, der sich beim Tod seiner Mutter oder beim Beistand für seine Stieftochter Helene im Kampf gegen deren Ehemann zeigt. Erst die Ankündigung des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866 reißt Henze wieder aus seiner Lethargie, auch deshalb, da die alte Kämpferin Witte just in dem Moment zu Grabe getragen wird, in welchem der Krieg ausbricht, und Henze an die alten Zeiten erinnert wird.

Andere originelle Nebenfiguren bereichern den Roman, von denen insbesondere der Hausdiener Gottlieb Torweg hervorzuheben ist, der nichteheliche Sohn von Schehles Schwester, der als Säugling in einem Stück Packpapier eingewickelt aufgefunden, und im Hause großgezogen worden ist. Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte Zur literarischen Tradition des Berlin-Romans ›Das Eisen im Feuer‹ zählt zur Gattung des Berlin-Romans. Diese Stadt ist nicht mehr bloß Schauplatz eines Geschehens, sondern Ort der neuen aufstrebenden Großstadtkultur im Zeitalter der Industrialisierung, dessen Merkmale Hektik und der rastlose Wandel sind.

Die literarische Tradition des Großstadtromans erhält 1781 aus Frankreich mit dem ›Tableau de Paris‹ des Louis-Sébastian Mercier (1740–1814) wichtige Impulse. In Deutschland steht das rasant anwachsende Berlin im Fokus der Schriftsteller, wobei die Gattung ihren Anfang bereits vor den boomenden Gründerjahren nimmt. Zu nennen sind E.T.A. Hoffmann (1776–1822) mit seiner Erzählung ›Des Vetters Eckfenster‹, 1822, der vom Fenster her das Treiben der Stadt miterlebt, oder die Romane ›Ruhe ist die erste Bürgerpflicht‹, 1852, von Willibald Alexis (1798–1871), des Berlins zur Zeit von Friedrich Wilhelm III., und ›Die Chronik der Sperlingsgasse‹ von Wilhelm Raabe (1831–1910). In diesen Werken wird ein Bild von der Atmosphäre und den Menschen in Alt-Berlin gezeichnet, bevor die Stadt sich zur Hauptstadt des Kaiserreiches wandeln wird.Vgl. Durand, Michel: Clara Viebig als Autorin von ›Berliner Romanen‹, in: Neuhaus, Volker und Michel Durand (Hrsg.): PDW, Bern: Lang 2004 (3-37), S. 8–10.

In der Reihe ihrer Berlin-Romane ist ›Das Eisen im Feuer‹ die früheste Epoche, die sie behandelt. Zu ihren Berlin-Romanen äußert Viebig:

Vor dem Erscheinen von Alfred Döblins modernem Berlin-Roman ›Berlin Alexanderplatz‹ 1929 zählt Viebig zu den prominentesten Vertreterinnen der Gattung des Berlin-Romans.Vgl. Abret, Helga: Die Frauen und die Stadt: Clara Viebigs Berlin-Romane, in: Wiedemann, Kerstin & Elisa Müller-Adams: Wege aus der Marginalisierung. Geschlecht und Schreibweisen in deutschsprachigen Romanen von Frauen 1780-1914, Nancy: Presses Universitaires, 2013 (217-238), S. 218. In ihrer umfangreichen Bibliothek befinden sich die ›Deutsche Geschichte in Bildern‹ von Karl Pagel und Werke von Willibald Alexis, die sie zur Darstellung verwendet haben mag.Vgl. Angaben über Viebigs Bibliothek in Durand, Michel: Entre roman historique et biographie ›Der Vielgeliebte und die Vielgehasste‹ de Clara Viebig, in: Béhar, Pierre (u. a.) (Hrsg.): Mediation et conviciton Melanges offerts à Michel Grunewald, Paris, l’Harmattan 2007 (419-436), S. 423. Zudem mag sich Viebig auf Erzählungen des Vaters stützen, der in jener Zeit als Abgeordneter der in der Frankfurter Paulskirche tagenden Nationalversammlung war. Vgl. Viebig, Clara: Wie ich Schriftstellerin wurde, in. Almanach von Velhagens & Klasings Monatsheften, Berlin 1908 (24-39), S. 33. Viebig gestaltet einen Stoff aus der jüngeren Vergangenheit, von 1847 bis 1866, der noch immer die Gegenwart bestimmt. Auf diese Ereignisse schaut sie aus der Perspektive der kleinen Leute.Vgl. Aust, Hugo: Clara Viebig und der historische Roman im 20. Jahrhundert, in: Neuhaus, Volker und Michel Durand (Hrsg.): Die Provinz des Weiblichen. Zum erzählerischen Werk von Clara Viebig, Bern: Lang 2004 (77-96), S. 81. Viebig verfährt nach der folgenden Maxime: »Der historische Roman gewinnt seine Konturen dadurch, dass er neue Wirklichkeitsbereiche erschließt, verschiedene Weisen der Welterfahrung ins Licht rückt und unterschiedliche Darstellungstechniken erprobt.« Ebenda, S. 80.

Veröffentlichungen Nach dem Vorabdruck 1912 in der ›Berliner Illustrirten Zeitung‹ erscheinen im Folgejahr im Verlag Fleischel direkt 15 Auflagen. An diesen Erfolg kann nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr angeknüpft werden. Von 1919 bis 1925 ist die 17. bis 22. Auflage zu verzeichnen. 1921 erfolgt eine Übersetzung ins Niederländische mit 17.000 Exemplaren. Die Revolutionsszene wird 1932 in die französische Sprache übertragen. 1950 veröffentlicht der Verlag Schaffer den Roman erneut. Zudem werden bis 1974 in historischen Werken auszugsweise die Szenen der Berliner Barrikadenkämpfe abgedruckt.Vgl. hierzu Braun, Ina: Das Eisen im Feuer – historischer Roman mit zeitgenössischer Relevanz, in: Braun, Ina (Hrsg.): Clara Viebig im Kontext (Schriften zur Clara-Viebig-Forschung, Bd. III), Nordhausen: Bautz 2021, S. 53–71.

Rezeption Nach dem Erscheinen wird durchweg der erste Teil bis zur Beendigung der 1848er Revolution gelobt und hervorgehoben, Viebig stelle gekonnt das Flair Alt-Berlins als der Hauptstadt der Provinz Brandenburg dar. Zur Vergegenwärtigung der Mentalität trägt der Dialekt bei, den Viebig ihren Originalen in den Mund legt, so der mittellosen Frau: „Jotte doch, wie soll det noch werden!“ (S. 5) oder einer anderen, die den Polizisten verspottet: „Blauer, hab dir man nich!“ (S. 9) Als beste Szenen gelten die Stürmung der Marktstände 1847 in der Exposition und die Gestaltung der 1848er Revolution. Diese wird aus der Sicht von Luise Witte gezeichnet, die einerseits mit der Masse verschmilzt, aber gleichzeitig als Einzelfigur präsent ist:

Auch im zweiten Teil, der teilweise satirisch gestaltet ist, finden sich treffende Darstellungen. Hier ist das Gespür zu nennen, mit der Viebig „dem kleinlichen Geist nachspürte überall dort, wo er zu finden war, im Kleinbürgertum, bei der reaktionären Geistlichkeit und dem apolitischen Bürgertum“.Michalska, Urszula: Clara Viebig. Versuch einer Monographie, Diss. Univ. Posen 1968, S. 101. Als Beispiel spießbürgerliche Haltung der städtischen Bürger soll die Furcht der ‚Piefkes‘ oder ‚Krauses‘ zitiert werden:

Nach der Niederschlagung der Revolution wird dieses Bild erneut aufgenommen. Das ›Krähwinkel‹ eines Jean Paul, Heinrich von Kotzebue und Heinrich Heine, dieser fiktive Ort kleinbürgerlicher und spießbürgerlicher Beschränktheit, feiert fröhliche Urstände:

Der zweite Romanteil regt jedoch eher zu Kritik an. In den „Jahre[n] der Reaktion“ scheine „die Feder der Viebig zu erlahmen“Wendel, Hermann: Bücherschau, in: Feuilleton der Neuen Zeit (keine weiteren Angaben), 1913 (108-109), S. 108., auch sei der Schluss der Geschichte „allzu schnell herbeigeführt“ und lasse „manche wichtige Frage offen“.Dohse, Richard: Moderne Frauenromane und Frauenerzählungen, in: Die schöne Literatur Nr. 9 v. 26.04.1913 (148), Sp. 148. Zudem wird die Figurengestaltung als unmotiviert kritisiert. Henze ist ein fertiger Charakter, der sich kaum entwickelt, selbst in Szenen, die sein Herz anrühren. Der Besuch in seinem Heimatdorf verweist auf die Primitivität seiner Herkunft und birgt eine naturalistische Komponente. Dennoch könne die Enttäuschung über den Verlust seiner ersten Liebe die Brutalisierung seiner Kraft nicht motivieren, wenngleich er als Draufgänger, ähnlich wie ein Siegfried gezeichnet wäre. Der herkulesartig dargestellte Henze wird auch als Pendant zum ›eisernen Kanzler‹ Bismarck gesehen, wobei Viebig als Protagonisten eine starke männliche Gestalt gewählt hat, was in ihrem Werk selten vorkomme.Vgl. Durand, Michel: Les romans berlinois de Clara Viebig (1860-1952). Contribution à l’étude du naturalisme tardif en Allemagne, Bern: Lang 1993, S. 203. Diese Feststellung relativiert sich jedoch, wenn an anderer Stelle die Mutter Witte als eigentliche Revolutionärin angesehen wird.Vgl. Durand, Michel: Les romans berlinois de Clara Viebig (1860-1952). Contribution à l’étude du naturalisme tardif en Allemagne, Bern: Lang 1993. S. 267: « …cette sage-femme, qui aide continuellement à faire naître de nouvelles vies, incarne les idées libertaires du peuple » bzw. „Diese Hebamme, die ständig dazu beiträgt, neues Leben zu gebären, verkörpert die freiheitlichen Ideen des Volkes.“ Auch sind die Frauen zu Beginn des Romans, welche die ›Kartoffelrevolte‹ ohne Scheu vor der Obrigkeit initiieren, eher als starke Gestalten zu klassifizieren.

Unmotiviert erscheine auch „die sklavenhafte Hingabe und Unterordnung der stolzen Witwe Schehle, die ihm allzuleichten Herzens sich selbst und ihren ganzen Erbbesitz darbringt“; auch die Hebamme Witte wäre »zu breit und wuchtig behandelt.«Puttkammer, Alberta von: Ein neuer Roman von Clara Viebig, in: Neue Freie Presse Wien, o. Jg. Nr. 17697 v. 30.11.1913 (31-32), S. 31. Dem gegenüber sei „die Führer der Bewegung, die Dichter, die sie schüren, die Intellektuellen, die sie unterstützen“Busse, Carl: Neues vom Büchertisch, in: Velhagen & Klasings Monatshefte, 27. Jg., 3. Bd. 1912/13 (309-313), S. 312. ausgespart und Einzelschicksale hervorgehoben, während die Politik undeutlich bliebe: „Sichtbare Fäden zwischen dem einzelnen Wirklichen und dem allgemeinen Sinnbild – dem Werden einer modernen Nation – sind nur stellenweise gewoben.“Rath, Willy: Clara Viebigs Altberliner Roman, in: Das Literarische Echo, 15. Jg. H. 16 v. 15.05.1013 (1105-1108), Sp. 1105. Zudem wird angemerkt: „Diese säbelrasselnde Kriegsfreudigkeit schmeckt […] ein bißchen sehr nach Patriotismus.“V.I.: Neue Erzählungen, in: Unterhaltungsblatt des Vorwärts (Beilage zu Nr. 138, 1913), 30. Jg. Nr. 107 v. 05.06.1913 (427-428), S. 427.