Die Altalena-Affäre entwickelte sich, als die revisionistische jüdische Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi (Etzel) im Jahre 1948 während des Palästinakrieges Kämpfer und Waffen unter Umgehung eines UN-Embargos auf dem Schiff Altalena nach Israel brachte. Um die Waffenverteilung entbrannte ein Konflikt, der zur Versenkung des Schiffs durch die Hagana und die Untergrundorganisation Palmach führte. Bei dem Vorfall starben neunzehn Juden und Israel wurde an den Rand eines Bürgerkrieges (Bruderkrieg in Anlehnung an Kain und Abel) gebracht. Dabei schossen Juden auf Holocaustüberlebende und es kam zu zahlreichen Gehorsamsverweigerungen. Der Vorfall verschärfte die Feindschaft zwischen Ben Gurion von der MAPAI, der die Versenkung veranlasst hatte, und Menachim Begin, dem Führer der Etzel-Bewegung. Die Affäre hinterließ einen kaum aufgearbeiteten tiefen Graben in der israelischen Politik und Gesellschaft. Mit Ben Gurion, Menachim Begin und Jitzchak Rabin, der die örtliche Palmach-Einheit führte, waren ein regierender und zwei künftige Ministerpräsidenten sowie zahlreiche spätere politische Schwergewichte Israels in den Vorgang verwickelt. Ben Gurion, der von einem Putschversuch sprach, konnte in der Gründungsphase Israels die Staatsmacht und damit seine Position festigen; wenig später löste er die linke Palmach und die rechte Lechi auf.
Altalena-Affäre Politischer Hintergrund Als die britischen Streitkräfte das Mandatsgebiet Palästina verließen, erklärte Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit Israels und der Palästinakrieg verschärfte sich. Am 15. Mai erklärte Begin als Führer der militanten Irgun, dass diese sich dem Staat unterordnen, aber außerhalb der Staatsgrenzen weiterhin für eine Befreiung der jüdischen Heimat (insbesondere Jerusalems) kämpfen würde. Nach der Gründung der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) und dem Verbot von Milizen wurde Jisrael Galili als ehemaliger Stabschef der Untergrundorganisation Hagana Stabschef der neu entstehenden Armee und handelte mit Begin die Integration der Irgun aus.Jerold S. Auerbach: Brothers at War – Israel and the Tragedy of the Altalena. Quid Pro Books, New Orleans, 2011, ISBN 1-61027-060-6. Obwohl zwischen Hagana und der kleineren Irgun Konsens über die Priorität des Kampfes gegen die arabischen Gegner bestand, blieb ein tiefes Misstrauen zwischen den beiden Organisationen bestehen. Ursachen waren insbesondere der Mordfall Chaim Arlosoroff 1933, die Beihilfe der Hagana bei der Verfolgung der Irgun durch die Briten (Jagdsaison) nach dem Mord an Lord Moyne 1944 und persönliche Animositäten zwischen Ben Gurion und Begin.
Ausrüstung und Fahrt nach Israel mini|Auf Deck, 1948 mini|Besatzungsmitglieder Nach ihrer Aktion im März 1947 mit dem Migrantenschiff Ben Hecht erwarb die Bergsongruppe ein Landungsboot der US-Streitkräfte, um sich weiterhin für die Irgun in der illegalen Migration nach Palästina zu engagieren.Judith Tydor Baumel: The “Bergson Boys” and the origins of contemporary Zionist militancy. Syracuse University Press 2005, ISBN 0-8156-3063-8, S. 226. Das Schiff wurde in Altalena, das Schriftstellerpseudonym des revisionistischen Zionistenführers Zeev Jabotinsky, umgetauft. Der Name sollte ein Hinweis für Zionisten sein und für andere Menschen bedeutungslos klingen. Das Schiff sollte bereitstehen, wenn Waffenlieferungen und die Ankunft der Passagiere organisiert wären. Zunächst wurde es fast ein Jahr als Trampfrachter eingesetzt und ab Februar 1948 pendelte es nur noch zwischen Marseille und Casablanca. Dann wurde ein Transport mit geplanter Ankunft in Israel am 15. Mai 1948, dem offiziellen Tag des Abzugs der britischen Mandatsmacht, angestrebt. Der Waffenkauf und die Organisation der Aktion benötigten jedoch mehr Zeit als erwartet.
Der französische Außenminister Georges Bidault veranlasste aus Gründen der französisch-britischen Konkurrenz im Nahen Osten und um die arabische Seite zum Schutz der französischen Position in Nordafrika zu schwächen eine Waffenlieferung im Wert von 150 Millionen Franc. Darüber schloss das französische Verteidigungsministerium einen Geheimvertrag mit der Irgun ab. Am 29. Mai lief die Altalena in Port-de-Bouc ein, um auf Ladung und Passagiere zu warten. Ein Hagana-Vertreter in Paris verständigte Ben Gurion telegrafisch über die geplante Waffenlieferung. Die Hagana lehnte ein Angebot ab, auch ihre Anhänger mitfahren zu lassen. Am 11. Juni trafen 940 von der Irgun ausgewählte Passagiere aus fünfzehn verschiedenen Ursprungsländern von einem Trainingslager bei Marseille ein, die nach Israel wollten.Meir Zamir: ‘Bid‘ for Altalena: France’s Covert Action in the 1948 War in Palestine. Middle Eastern Studies, Ausgabe 46, Nr. 1, 2010, S. 19. Am selben Tag legte das Schiff mit Eliyahu Lankin als Befehlshaber des Unternehmens und Monroe Fein, einem amerikanischen Veteranen des Pazifikkrieges, als Kapitän ab. Da befürchtet wurde, die Nachricht über das Schiff könne abgefangen werden, informierte das Irgun-Hauptquartier in Paris seine Führer in Israel nicht. Die BBC berichtete noch am gleichen Tag vom Auslaufen des Schiffes mit Waffen und Kämpfern an Bord. Am selben Tag schlossen Israel und die arabischen Staaten einen Waffenstillstand, der die Einfuhr von Waffen und die Einwanderung von Männern im wehrfähigen Alter für einen Monat verbot. Während die Irgunführung aus Israel vergeblich versuchte, Funkkontakt mit dem Schiff aufzunehmen, um es zu stoppen, fuhr Kapitän Fein mit einer defekten Funkanlage auf einem Zickzackkurs hauptsächlich nachts weiter Richtung Israel. Aus Angst vor einem britischen Abfangmanöver wurden Maschinengewehre an Deck montiert, und Soldaten mit Kriegserfahrung bildeten täglich eine kleine Einheit für eine Notfalllandung an einem feindlichen Küstenabschnitt aus.
Am 15. Juni trafen sich Menachem Begin und weitere Führer der Irgun mit Repräsentanten der provisorischen Regierung, um über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Man einigte sich darauf, das Schiff landen zu lassen. Die Irgun zog den Strand von Tel Aviv vor, die staatlichen Vertreter legten den Strand von Kfar Vitkin nördlich der Stadt Netanja, einer Hochburg der israelischen Arbeiterpartei Mapai, fest. Dadurch sollte die Anlandung vor UN-Beobachtern verborgen bleiben. Meinungsverschiedenheiten gab es über die Verteilung der Waffen. Verteidigungsminister Galili als Abgesandter von Ben Gurion gestand der Irgun zu, 20 Prozent der Waffen an das Jerusalem-Bataillon zu geben. Begin forderte, mit den restlichen 80 Prozent die in die israelischen Verteidigungsstreitkräfte eingegliederten Bataillone der Irgun auszurüsten. Dem widersprach Ben Gurion, da er befürchtete, Begin und die Irgun wollten eine „Armee in der Armee“ aufbauen.Yehuda Lapidot: The Irgun: The Altalena Affair. Jewish Virtual Library, abgerufen am 17. Dezember 2021.Joanna M. Saidel: Fire in the hole: Blasting the Altalena. Times of Israel, 20. Juni 2013, abgerufen am 1. Februar 2022.
Anlandung in Kfar Vitkin Am Abend des 19. Juni erreichte das Schiff Israel, nicht am vorgesehenen Landungsort Kfar Vitkin, sondern irrtümlich nahe einem Kraftwerk bei Tel Aviv. Die Insassen eines ausgesandten Landungsbootes wurden irrtümlich beschossen, weil sie von wachhabenden israelischen Soldaten in der Nacht zunächst für arabische Angreifer gehalten worden waren. Am Spätnachmittag des 20. Juni erreichte die Altalena dann Kfar Vitkin. Begin und andere Führer der Irgun warteten am Strand, als die Irgunkämpfer das Schiff entluden. Die Altalena wurde von zwei Korvetten der israelischen Marine beobachtet, wobei deren Kommandeur Paul Shulman registrierte, dass die Altalena und die Irgunmitglieder nicht feindselig oder kampfbereit seien.
Während die Irgun am Strand von Kfar Vitkin die Altalena entlud, trafen sich in Tel Aviv die Mitglieder der provisorischen Regierung. Ben-Gurion war zu der Überzeugung gelangt, dass die Irgun eine Bedrohung des Staates darstelle. Er forderte die bedingungslose Kapitulation der Irgun und die Übergabe aller ihrer Waffen. Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte wurden aufgefordert, alles Nötige zu veranlassen, um die Irgun in Kfar Vitkin zur Aufgabe zu bewegen, und das Schiff und die Waffen zu konfiszieren. Der Befehlshaber der „Alexandroni-Brigade“, Dan Even, wurde mit der Ausführung des Befehls beauftragt. Auf einem nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt sollten sich mehrere Flugzeuge für eine mögliche Bombardierung der Altalena bereitmachen. Als sich mehrere Piloten weigerten, dem Befehl zum Angriff auf „ihre Brüder“ nachzukommen, wurde das Vorhaben abgebrochen.
Am nächsten Tag wurde das Gebiet um Kfar Vitkin weiträumig umstellt. Dann stellte Dan Even ein Ultimatum an die Irgun, die Waffen zu übergeben. Dabei räumte er nur zehn Minuten Bedenkzeit ein, um keine Zeit für Gegenmaßnahmen zu lassen. Begin wollte dieses Ultimatum nicht erfüllen und sandte seinen Vertrauten Meridor zu Verhandlungen. Die Alexandroni-Brigade griff daraufhin an. Einige Soldaten verweigerten den Gehorsam; später wurden acht von ihnen vor ein Kriegsgericht gestellt. Sechs Irgunmitglieder und zwei Soldaten starben bei dem entstandenen Gefecht. Die Irgun-Kommandeure Begin, Stavsky, Lankin und Merlin entschieden, mit einigen Dutzend Unterstützern auf der Altalena nach Tel Aviv auszuweichen. Sie erhofften sich, mit stärkerer öffentlicher Unterstützung dort zu einer Einigung zu gelangen.
Am Strand von Kfar Vitkin wurde auf Vermittlung der dortigen Siedler eine Feuerpause vereinbart und die Übergabe der am Strand befindlichen Waffen an die Armee begann. In einer Mitteilung des Militärs wurde verlautbart, dass die Dissidenten der Irgun den Strand von Kfar Vitkin besetzt und das Feuer mit Maschinengewehren, Antipanzerwaffen und einem Mörser auf herannahende Armeeeinheiten eröffnet hätten. Dass der Strand als Landungsort von der Regierung zugewiesen worden war, wurde verschwiegen.
Beschuss in Tel Aviv mini|Die brennende Altalena vor Tel Aviv, Aufnahme von Hans Pinn Inzwischen war die Altalena mit Begin an Bord auf dem Weg nach Tel Aviv. Er hoffte, dort die restlichen Waffen an Land bringen und gleichzeitig neue Verhandlungen mit der provisorischen Regierung führen zu können. Verfolgt von zwei israelischen Kriegsschiffen, mit gelegentlichem Schusswechsel, strandete die Altalena am Morgen des 22. Juni 1948 etwa 150 Meter vor dem Strand gegenüber dem Hauptquartier der Palmach im Hotel Riz. Mehrere Bürgermeister aus umliegenden Gemeinden verlangten von Ben Gurion eine Waffenruhe. Innenminister Jitzchak Gruenbaum traf sich zum Ärger des Kabinetts auf eigene Faust mit Stavsky, um über die Verteilung der Waffen zu verhandeln. Um 4 Uhr morgens bot die Marine Ben Gurion an, man könne das Schiff mit Rauchgranaten beschießen und es dann von See her entern, so dass Waffen und Munition erhalten bleiben würden. Doch Ben Gurion befahl Jigael Jadin vom Generalstab, sofort Truppen um Tel Aviv zu konzentrieren und das Schiff mit Gewalt einzunehmen. Da der Hagana-Befehlshaber vor Ort befürchtete, dass sich seine Soldaten einem Angriffsbefehl widersetzen könnten, wurde die Palmach unter Yigal Allon vom Generalstab mit der Operation Purge beauftragt. Die Palmach war mit der Irgun verfeindet und schon an der Verfolgung von Irgunmitgliedern während der sogenannten „Jagdsaison“ nach der Ermordung von Lord Moyne beteiligt gewesen.
Währenddessen kursierten unterschiedlichste Gerüchte in der Stadt, die Zufahrtsstraßen waren abgesperrt und Irgunmitglieder verließen ihre Armeeeinheiten, um zum Strand zu gelangen. In dieser aufgeheizten Atmosphäre war Jitzchak Rabin als junger Palmachkommandeur zufällig im Hauptquartier der Palmach, um seine Freundin zu besuchen. Er wurde von Allon informiert, dass die Irgun den Strand einnehmen und Waffen anlanden wolle, und zum Befehlshaber der örtlichen Palmachkräfte ernannt.Itamar Rabinovich: Yitzahak Rabin ― Soldier, Leader, Statesman. Yale University Press 2017, ISBN 978-0-300-21229-7, S. 22.