Jantar (, von , „Instrument“ oder „Apparat“) bezeichnet in spätmittelalterlichen indischen Texten eine Stabzither mit zwei zur Resonanzverstärkung dienenden Kalebassen ähnlich der nordindischen Rudra vina (auch bin), die vor allem an den Höfen der Mogulherrscher beliebt war. Die jantar besaß fünf Saiten, die bin drei.

Heute ist die jantar eine Bambusröhrenzither mit zwei Kalebassen als Resonatoren, die in der Volksmusik in Rajasthan vor allem zur Begleitung epischer Lieder bei der Vorführung von Bildrollen eingesetzt wird. Eine kürzere, mit dem Bogen gestrichene jantar verwendet die Pardhan-Adivasigruppe im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh als Begleitinstrument für Lieder.

Herkunft mini|hochkant|Narada, auch Vinapani genannt, der mythische Erfinder der vina im 1. Jahrtausend v. Chr. Die Miniatur vom Anfang des 19. Jahrhunderts zeigt eine Stabzither mit zwei Kalebassen vom Typ der ekatantri vina und jantar. Sanskrit dundubhi hieß im 1. Jahrtausend v. Chr. eine bei Ritualen und im Krieg verwendete Trommel (möglicherweise eine große Kesseltrommel) und mit dem Zusatz bhumi („Erde“), also bhumidundubhi eine Erdtrommel, eine über einer Grube als Resonanzkörper ausgespannte Tierhaut, die mit Stöcken geschlagen wurde. Mit derselben Spielweise wurden die ähnlichen frühesten Schallerzeuger Schlagbalken und einsaitige Erdzither verwendet. Eine Befreiung von einem festgelegten Ort und eine Verkleinerung gegenüber der Erdzither bedeutet die Einführung des tragbaren Musikbogens.Curt Sachs, 1928, S. 63 Der Musikbogen mit einem biegsamen Saitenträger, in altindischer Zeit mutmaßlich als pinaki vina (nach pinaka, dem Jagdbogen und Attribut Shivas) bekannt, war wahrscheinlich der Vorläufer für die in der indischen Musikgeschichte wesentlichen Stabzithern, bei denen eine oder mehrere Saiten über einen festen geraden Saitenträger führen. Nach der Form des Saitenträgers benannte Stabzithern, Röhrenzithern und Brettzithern werden in Indien erst ab dem frühen Mittelalter auf Darstellungen erkennbar und gehören damit unabhängig von ihrer mutmaßlichen Entstehungsgeschichte nicht mehr zu den altindischen Musikinstrumenten.

Bereits in altindischer Zeit sind die wahrscheinlich ebenso, aber in einer anderen Entwicklungsrichtung aus Musikbögen (Mundbögen) hervorgegangenen Bogenharfen abgebildet. Sie erscheinen zunächst auf Siegeln der Indus-KulturKaraikudi S. Subramanian: An Introduction to the Vina. In: Asian Music, Band 16, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1985, S. 7–82, hier S. 7 und vor allem in der Zeit vom 2. Jahrhundert v. Chr. auf Steinreliefs an buddhistischen Sakralbauten (Stupas) bis zu hinduistischen Tempeln im 7. Jahrhundert n. Chr., als sie aus Indien verschwanden. Indische Bogenharfen blieben praktisch nur in Gestalt der burmesischen saung gauk erhalten. Das Sanskritwort vina stand in altindischer Zeit als Oberbegriff für Saiteninstrumente und bezeichnete die nacheinander mit zeitlichen Überlappungen in Erscheinung getretenen Bogenharfen, ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. Langhalslauten und ab dem 5. Jahrhundert Stabzithern.

Die Rudra vina und die jantar gehören nach der Hornbostel-Sachs-Systematik zu den Stabzithern, Untergruppe Musikstäbe, weil ihr Saitenträger aus einem starren Stab besteht. Dieser Stab kann massiv oder innen hohl sein, falls der Hohlraum nicht wesentlich zur Schallverstärkung beiträgt und die Resonanzverstärkung von einem separaten Hohlkörper (Gefäß) übernommen wird. Mit dieser – allgemein betrachtet unscharfenUlrich Wegner: Musikbögen und Musikstäbe. I. Allgemeine Beschreibung. In: MGG Online, November 2016 – Unterscheidung von den Röhrenzithern, deren hohler Saitenträger selbst den Resonanzkörper bildet, setzt Curt Sachs für Indien die Entwicklung der kalebassenverstärkten Stabzithern von den heute nur in der nordostindischen Volksmusik vorkommenden Bambusröhrenzithern wie gintang und chigring ab. Diese einfachen idiochorden Röhrenzithern gehören demnach zu einem malaiischen Instrumententyp und sind keine direkten Vorläufer der indischen Stabzithern, mit denen sie auch in der Spielweise nichts gemein haben.Curt Sachs, 1928, S. 125, 218

Das Attribut des mythischen Weisen Narada ist eine vina, die in der indischen Kunst als Stabzither dargestellt wird. Die ältesten Abbildungen von Stabzithern in Indien befinden sich als Wandmalereien in den buddhistischen Höhlen von Ajanta und werden in das 5. Jahrhundert datiert. Zweimal ist dort eine Stabzither zusammen mit einer Bogenharfe und einer Laute zu sehen, auf einer der Wandbilder gehört die Stabzither zu einer Gruppe von fliegenden Gandharvas.Monika Zin, 2002, S. 333 In den nachfolgenden Jahrhunderten erscheinen Stabzithern auf Steinreliefs an mehreren Tempelorten, so auf dem großen Felsrelief „Herabkunft der Ganga“ von Mamallapuram aus dem 7. Jahrhundert. Die zahlreichen Musikinstrumente spielenden Figuren dieser mythischen Szene sind den Göttern dienende Himmelswesen: Gandharvas, Apsaras und Yakshas. Sie halten die Stabzither schräg vor ihrem Oberkörper zu ihrer Rechten nach unten und den am oberen Bereich des Stabes angebrachten Resonator gegen die Brust gepresst.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 178–181

mini|Eine Kinnari (zweite von links) spielt eine Stabzither vom Typus der alapini vina. Felsrelief „Herabkunft der Ganga“ in Mamallapuram, 7. Jahrhundert. Die Resonatoren der dargestellten Stabzithern sind kleinere oder größere Halbschalen und ihre Haltung und Spielweise entspricht derjenigen der tuila, einer seltenen bundlosen Stabzither. Das einfache Volksmusikinstrument wird heute noch in ländlichen Gegenden des ostindischen Bundesstaates Odisha eingesetzt. Dessen Saitenträger, der zugleich als Griffbrett (dandi) dient, besteht aus einem dünnen Bambusrohr und der Resonator aus einer halbierten Kalebasse.Vgl. Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 156–158 Der Musiker hält deren Öffnung beim Spiel etwas entfernter oder dichter an die Brust, um eine Klangmodulation zu bewirken, die bei dem einsaitigen Instrument eine derart variationsreiche melodische Spielweise ermöglicht, dass dieser Stabzithertyp im Mittelalter offenbar als ein Instrument der göttlichen Sphäre empfunden werden konnte und entsprechend häufig in den Händen von Göttern und ihren himmlischen Begleitern vorkommt.Monika Zin, 2002, S. 335 Dieser Zithertyp wird unter anderem im Sangita Ratnakara aus dem 13. Jahrhundert alapini vina genannt und dort wird auch erstmals seine bis zur thailändischen phin phia und zur kambodschanischen kse diev verbreitete Spielweise beschrieben.Richard Widdess, Philippe Bruguière: Vīṇā. 4. Medieval stick zithers. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019 Ähnliche Zithern werden im 16. Jahrhundert als dandi und dandige erwähnt.Bigamudre Chaitanya Deva, 1977, S. 15

Ab Ende des 9. Jahrhunderts wurde eine weitere Stabzither abgebildet, deren Saitenträger dicker ist und der deshalb wohl selbst als Resonanzkörper fungiert. Der entscheidende Unterschied ist jedoch die Spielposition des Instruments, das höher gehalten wird, sodass sich die Kalebasse nicht mehr vor der Brust, sondern über der linken Schulter befindet. Nach wie vor ist der Resonator nur eine halbe Kalebasse und die Position der Hände ist unverändert. Die linke Hand verkürzt oben die Saite, während die rechte unten zupft. Neu ist ein rechteckiger Kasten am unteren Ende mit einem kleinen Steg, über den die Saite führt. Eine solche Darstellung ist das Relief des Shiva als Vinadhara-Nataraja („Träger der vina“ – „König des Tanzes“) aus der Pratihara-Dynastie in Nordwestindien, 9. Jahrhundert.C. Sivaramurti: Nataraja in Art, Thought and Literature. National Museum, New Delhi 1974, Abb. 205 auf S. 324 Deutlicher ist der am unteren Ende angebrachte rechteckige Resonanzkasten auf zwei sehr ähnlichen Reliefs der Pala-Dynastie aus dem 10. Jahrhundert zu sehen, die Shiva als Nataraja auf seinem Bullen Nandi tanzend zeigen. Ein Relief stammt aus Natghar (Distrikt Kumilla, vormals Tippera, in Bangladesch), das andere aus Ranihati (Distrikt Dhaka in Bangladesch).C. Sivaramurti, 1974, Abb. 173 auf S. 299, Abb. 174 auf S. 300 Das Attribut vina kommt hauptsächlich bei der Göttin Sarasvati vor. Denselben Zithertyp zeigt ein Sarasvati-Relief des 10./11. Jahrhunderts aus Kolkata. Ein nur auf dem Natghar-Relief erkennbares Detail ist ein Stäbchen, das Shiva in der linken Hand hält, um damit die Saite zu verkürzen. Wie diese Zither genannt wurde, ist nicht sicher, möglicherweise weil im 10. Jahrhundert die Bogenharfe längst verschwunden war und es keiner unterscheidenden Bezeichnung mehr bedurfte. Für den eine vina tragenden Shiva ist seit dem um die Zeitenwende entstandenen Epos Mahabharata der Ausdruck tumbavinin überliefert, also ein Shiva, der eine tumbavina („Kürbis“-vina) spielt. Eine andere seltene Bezeichnung dieser Zeit, die sich auf einen Flaschenkürbis bezieht, ist alabuvina. Im auf Sanskrit verfassten Versepos Haravijaya des kaschmirischen Dichters Ratnakara aus dem 9. Jahrhundert sind zahlreiche Ausführungen zur Musik enthalten, die den Autor als Kenner von Bharata Munis um die Zeitenwende entstandener Musiktheorie Natyashastra ausweisen. Ratnakara beschreibt darin auch die mythische vina der Göttin Chandi, deren Stab dem Weltenberg Meru, deren Kürbisresonator (alabupatra) dem Mond und deren Saite der Weltenschlange Shesha entspricht. Dieses Instrument hat den Namen kandavina. Welche Form das kandavina genannte Instrument hatte, ist unklar. Monika Zin (2002) hält neben einer Stabzither auch ein brettförmiges Schrapinstrument oder eine Bambusröhrenzither wie die gintang, also ein Instrument der Volksmusik, für möglich.Monika Zin, 2002, S. 335–337

In späteren Jahrhunderten bezeichneten kandavina und alabuvina gleichermaßen eine Stabzither mit einem Kalebassenresonator. Der Name kinnari vina wird erstmals in der Legendensammlung Kathasaritsagara erwähnt, die Somadeva im 11. Jahrhundert auf Sanskrit verfasste, wobei der Instrumententyp aus dieser Textstelle nicht hervorgeht. Die himmlischen Kinnaris wurden im Lauf der Zeit mit allen drei Instrumentengattungen dargestellt: auf einem Relief in Gandhara (2. bis 3. Jahrhundert) mit Bogenharfe, auf einer Wandmalerei in Ajanta (5. Jahrhundert) mit Schalenhalslaute und in Mamallapuram (7. Jahrhundert) mit der frühen Form der Stabzither.Monika Zin, 2002, S. 338

mini|In der südindischen Volksmusik gespielte einfache Form einer kinnari vina mit zwei Saiten und elf Bünden. Abbildung von 1891 Im Sangita Ratnakara, das Anfang des 13. Jahrhunderts der Musiktheoretiker Sarngadeva verfasste, werden drei Arten von Saiteninstrumenten unterschieden: bundlose Stabzithern (wie die eka tantri vina, „ein-saitige vina“), Bogenharfen und Stabzithern mit Bünden (wie die kinnari vina). Die Erfindung der mittelalterlichen kinnari vina mit 14 Bünden wird dem Autor des Brihaddeshi, Matanga Muni, im 8. Jahrhundert zugeschrieben. Nach der alapini vina mit einem becherförmigen Resonator vor der Brust, der ekatantri vina mit einem becherförmigen Resonator über der Schulter, beide ohne Bünde, war die kinnari vina mit einem ebensolchen Resonator und mit Bünden eine weiterentwickelte Form, die eine andere Spielweise erlaubte. Sie wird auch von späteren Musikern und Autoren wie Nanydeva (1000 n. Chr.) und Someswara (1100 n. Chr.) erwähnt.Karaikudi S. Subramanian: An Introduction to the Vina. In: Asian Music, Band 16, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1985, S. 7–82, hier S. 17 Ende des 19. Jahrhunderts war die in der Volksmusik überlebende kinnari vina zu einer Stabzither mit einem dünnen Stab mit hoch aufgestellten Stegen und drei an der Unterseite befestigten ganzen Kalebassen geworden.