August Heinrich Karl Gerlich (* 19. April 1882 in Alfeld (Leine); † 15. Juni 1960 in RemagenLaut Nachtrag Hochzeit-Wilmersdorf Nr. 719/1926) war ein Wirtschaftswissenschaftler (Volkswirt), Verbandsfunktionär und Politiker (DVP, CDU). Er war Landrat des Landkreises Ostprignitz sowie Mitglied des Volksrates und der Provisorischen Volkskammer.
Leben Heinrich Gerlich war ein Sohn des Bahnhofsvorstehers August Gerlich und seiner Ehefrau, geb. Bräske. 1893 bis 1902 besuchte er das Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasium in Linden. Zum Ablegen der Reifeprüfung wechselte er im September 1903 an das Königliche Gymnasium in Hann. Münden. Ostern 1904 nahm er ein Studium der Rechte und der Staatswissenschaften in Berlin, Würzburg und Kiel auf. 1908 wurde er an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bei Ludwig Bernhard zum Dr. phil. promoviert. Heinrich Gerlich hielt im Februar 1910 ein Referat auf der 38. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrats, die seine Anregungen in einem Beschluss aufnahm.Archiv des deutschen Landwirtschaftsrats 34 (1910), S. 229; Kommunales Jahrbuch 3 (1910), S. 53–56 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Am 24. Juli 1910 erfolgte an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eine weitere Promotion bei Georg von Schanz zum Dr. rer. pol. (Doktor der Staatswissenschaften).Hilmar Schmuck, Willi Gorzny (Hrsg.): Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700–1910, Bd. 45 Gel – Ger. Saur, München 1982, S. 347 (Google-Books).
Im ausgehenden Kaiserreich war Gerlich Schriftleiter der Verbandszeitschrift Der deutsche Delikatessenhändler des Vereins Deutscher Kaufleute der Delikatessenbranche e. V.Gegründet 1905; später: Reichsverband Deutscher Feinkostkaufleute e. V. Auf einer Versammlung des Vereins in Dresden 1911 sprach er sich gegen die Schaffung einer „begutachtenden Zentrale“ für Lebensmittel aus.Adolf Beythien: Neuregelung der Nahrungsmittelgesetzgebung. In: Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genussmittel 28 (1914), S. 575–584, bes. S. 583. Zum 8. Trefftag des Vereins vom 6.–11. Juli 1914 in KölnWeitere Trefftage des Vereins fanden vom 4.–7. Juli 1913 in Heidelberg, am 25. Oktober 1915 in Berlin und vom 18.–21. Juni 1916 in Danzig statt. gab Heinrich Gerlich eine Festschrift heraus.Er war auch Referent auf einer Monatstagung des Vereins am 24. September 1914 in Berlin; Molkerei-Zeitung 28 (1914), S. 1361. Während des Ersten Weltkriegs war er bei der am 18. Mai 1916 errichteten Reichsstelle für Gemüse und Obst beschäftigt,Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 14 (1917), S. 364. die unmittelbar an das Kriegsernährungsamt angeschlossen war und von dem Abteilungsleiter Alfred von Tilly (* 1866; † 1946) geleitet wurde. Die Reichsstelle legte Erzeugerpreise, Richt- und Höchstpreise für Gemüse, Obst und Südfrüchte fest.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Heinrich Gerlich Geschäftsführer des Zentralverbandes der chemisch-technischen Industrie e. V.Der 1917 gegründete Verband vertrat Mittel-, Kleinindustrie und Handel (Drogerien etc.), zu unterscheiden vom Verband der Chemisch-Pharmazeutischen Großindustrie e. V. in Leverkusen. in Berlin.Amtsblatt der Regierung zu Cassel 2 (1919), S. 34 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). „Dr. phil. et rer. pol. Gerlich, Geschäftsführer, Berlin-Schöneberg“ kandidierte am 26. Januar 1919 erfolglos auf den Listen der DVP in den Wahlkreisen 3 (Stadt Berlin) und 13 (Merseburg, Erfurt, Schmalkalden) zur Wahl der verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung.Zeitschrift des Preussischen Statistischen Landesamts 59 (1919; erschienen 1920), S. 308 und 314 (Google-Books). 1919 wurde er Syndikus des Zentralverbandes der Land-, Forst- und Weinbergsarbeiter in Berlin und gehörte als Arbeitnehmervertreter dem 14-köpfigen Wirtschaftsrat beim Reichswirtschaftsministerium an, ab 1920 dem Vorläufigen Reichswirtschaftsrat.Die Chemische Industrie 42 (1919), S. 308 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau); Joachim Lilla: Die Mitglieder des Vorläufigen Reichswirtschaftsrats 1921 bis 1933 nach Gruppen. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 93 (2006), S. 34–57. Gerlich war bis 1925 auch Hauptgeschäftsführer des 1919 gegründeten Reichsverbands deutscher Guts- und Forstbeamten (RDGF). Dieser Verband gab die Deutsche Gutsbeamten-Zeitung heraus und war dem Gesamtverband deutscher Angestelltengewerkschaften und damit dem christlich-nationalen Deutschen Gewerkschaftsbund angeschlossen. Sein Nachfolger im RDGF wurde 1925 Wilhelm Wallbaum (DNVP). 1926 war Heinrich Gerlich Geschäftsführer der Reichszentrale für die Entsendung von Kindern zum Erholungsaufenthalt.1917 auf staatliche Initiative hin gegründet; Peter Richter: Die organisierte katholische Kindererholungs- und Heilfürsorge in Deutschland. (diss. theol. Freiburg i. B. 1927). Rauch, Wiesbaden 1928; Thilo Rauch: Die Ferienkoloniebewegung. Zur Geschichte der privaten Fürsorge im Kaiserreich. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 1992, S. 285 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt. Zentralblatt für Vormundschaftswesen, Jugendgerichte und Fürsorgeerziehung 17 (1925/26), S. 123. Vermutlich erhielt er im Zusammenhang dieser Tätigkeit ein Ehrendoktorat.„Verbandsleiter Dr. h. c. Heinrich Gerlich“; Warmbrunner Nachrichten. Herischdorfer Tageblatt 50 (1934), Nr. 142. vom 22. Juni 1934, S. 6 (bibliotekacyfrowa.pl). Gerlich war auch geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Tochtervereins ErholungspflegeEugen Schlesinger: Erfolgsstatistik und Erfolge der Schulferien und der Erholungspflege der Kinder. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 57,19 (1931), S. 809–811 deutscher Kinder im Auslande e. V. (Edeuka) mit Sitz in Würzburg,NS-Hetzpamphlet Die Juden fordern: Ermordung Hitlers! Hochmuth, Berlin 1933, S. 21f, vgl. auch Allgemeine Korrespondenz des Kurt Daluege, Kommissar z. b. V. und M. d. L., 1933, hierin: Erholungspflege deutscher Kinder im Ausland e. V.; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (VI. HA, Nl Daluege, K., Nr. 39); Erholungspflege deutscher Kinder im Auslande e.V., Würzburg, Bd. I-IV; Bundesarchiv Berlin (R 8135 Deutsche Revisions- und Treuhand AG, Nr. 4065, 3008, 3346 und 3009). der im Inland, in ÖsterreichDeutsch-österreichischer Jugendaustausch.- Eingabe des Vereins Erholungspflege deutscher Kinder im Auslande e.V. (Edeuka), 1934; Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (R 2 Reichsfinanzministerium, Arbeit 49 Soziale Maßnahmen auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege.– Allgemeines, Reichsdarlehen und -zuschüsse für einzelne Einrichtungen, Stundung der Darlehen, Bd. 2 (1934–1936), Nr. 19197, Az. Ar 4950). und der Schweiz tätig war und folgende Jugendhilfeeinrichtungen betrieb: Jugendheim Friedensburg in Ahlbeck-Heringsdorf, Haus Nordmark in Westerland,Innsbrucker Nachrichten 80 (1933), Nr. 140, vom 20. Juni 1933, S. 4 (diglib.uibk.ac.at); später Caritas-Kinderkurheim Haus Nordmark, Bismarckstraße 17. Kindererholungsheim Burg RieneckBayerisches Landes-Adreßbuch für Industrie, Handel und Gewerbe 1934/35. Ruf, München 1934, S. 149. Jugenderholungsheim Schloss Waidburg in Natters bei Innsbruck,Erwin Stockhammer: Die Ansitze in Innsbruck und seiner nächsten Umgebung aus der Zeit der Spätgotik und Frührenaissance. Wagner, Innsbruck 1961, S. 122 (Google-Books). Jugendheim Cap Wörth in Velden am Wörther SeeHeute Jugend- und Familiengästehaus des Österreichischen Jugendherbergsverbands, Seecorso 39. und Jugenderholungsheim in Neumarkt in Steiermark.Innsbrucker Nachrichten 77 (1930), Nr. 140, vom 21. Juni 1930, S. 6f (diglib.uibk.ac.at).
Im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Gerlich 1933 als Geschäftsführer der Reichszentrale entlassen. 1934 wurde er von der NS-Justiz gemeinsam mit dem ehemaligen preußischen Minister für Volkswohlfahrt Heinrich Hirtsiefer (Zentrum), Staatssekretär a. D. Adolf Scheidt (parteilos), Ministerialdirigent (Staatssekretär) a. D. Hermann Peters (* 1869),Konrad Hermann Emil Peters aus der Umgebung von Osterode am Harz, Studium in Erlangen, Halle, 1892 in Göttingen, 1900–1906 Pastor in Damnatz; verfasste als Schüler von Heinrich Sohnrey dort unter anderem: Ländliche Wohlfahrtsarbeit und berufliche Heimatkunde, das Interessengebiet der ländlichen Fortbildungsschulen. Gerstenberg, Hildesheim 1905 und Berufliche Heimatkunde im Dienste der Wohlfahrtsarbeit. Ein Beitrag zum Glück auf dem Lande; im Anschluß an „Theorie und Praxis der ländlichen Fortbildungsschule“. Gerstenberg, Hildesheim 1906; 2. Auflage 1909, 1907 zum Königl. Preußischen Kreisschulinspektor in Harburg berufen, 1912 Gründer einer Harburger Zentrale für private Jugendfürsorge in Wilhelmsburg, 1913 Kreisschulinspektor in Hannover-Linden; in der Abteilung III des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt u. a. zuständig für Fürsorgeerziehung und Jugendwohlfahrtspflege. Ministerialdirektor a. D. Alexander Schneider und dem Verwaltungsdirektor Geheimer Regierungsrat Hermann Tillich vor der 7. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin in Moabit wegen „Untreue“ und „Betrug“ angeklagt.Heidelberger Volksblatt. Pfälzer Bote Jg. 69 (1934), Nr. 141 vom 21. Juni 1934, S. 8; Nr. 143 vom 23. Juni 1934, S. 2; Nr. 145 vom 26. Juni 1934, S. 7; Nr. 154 vom 7. Juli 1934, S. 4; Nr. 164 vom 19. Juli 1934, S. 2; Nr. 168 vom 24. Juli 1934, S. 4; Nr. 191 vom 21. August 1934, S. 2 (ub.uni-heidelberg.de). Der Prozess wurde am 23. Juli 1934 eingestellt. Bei Gerlich und Peters wurde das Verfahren ohne Feststellung einer Schuld auf Grund des Amnestiegesetzes vom 20. Dezember 1932 eingestellt.Hubert Schorn: Der Richter im Dritten Reich. Geschichte und Dokumente. Klostermann, Frankfurt am Main 1959, S. 638. Volkswirt Dr. Dr. Heinrich Gerlich lebte bis zum Zweiten Weltkrieg in Eichwalde bei Berlin.Berliner Telefonbuch 1938 und 1940.
Nach Kriegsende war Heinrich Gerlich 1945 Sektionsleiter beim Amt für Ernährung des Magistrats von Berlin, das zunächst von dem ehemaligen Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Andreas Hermes (Zentrum, CDU) geleitet wurde. Hermes und Gerlich beteiligten sich am 1. September 1945 in Berlin am erfolglosen Versuch der Gründung eines Allgemeinen deutschen Bauernverbands in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ).Manfred Wilde: Die SBZ-CDU 1945–1947. (diss. phil. München 1996). Herbert Utz, München 1998, bes. S. 271 Anm. 1 und S. 274. Heinrich Gerlich trat der im Juni 1945 gegründeten CDU in der SBZ bei und wurde Bürgermeister von Kyritz.Edmund Jan Osmańczyk: Niemcy 1945-1950: Liczby, fakty, daty, komentarze. Książka i Wiedza, Warschau 1951, S. 113. Ab 1947 war er Landrat des Landkreises Ostprignitz im Land Mark Brandenburg.Verwaltungsgeschichte Brandenburg. o. J. (PDF des Landkreises Prignitz).
Seit dem 2. Juli 1948 gehörte Heinrich Gerlich als Nachrücker des Abgeordneten Karl Lukits für die CDU dem 1. Deutschen Volksrat in der SBZ an. Danach war er bis 1950 Mitglied des 2. Deutschen Volksrates, der sich am 7. Oktober 1949 als „Provisorische Volkskammer“ der DDR konstituierte. Am 22. Februar 1950 wurde er anstelle von Carl Günther Ruland (CDU) Mitglied ihres Rechtsausschusses.Provisorische Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik. Sitzung 12 (1950), S. 259.